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Francine Niyonsaba (l.), Caster Semenya (Mitte) und Margaret Wambui (r.) bei den Olympischen Spielen 2016.
Francine Niyonsaba (l.), Caster Semenya (Mitte) und Margaret Wambui (r.) bei den Olympischen Spielen 2016.Bild: YOAN VALAT/EPA/KEYSTONE

Intersexuelle bald in eigener Kategorie? Selina Büchel sagt: «Sie fühlen sich als Frauen»

In bemerkenswerter Offenheit spricht Selina Büchel im Vorfeld der Athletissima von Lausanne über die Problematik im 800-m-Lauf der Frauen. In der Disziplin der Ostschweizerin dominieren drei intersexuelle Läuferinnen das Geschehen nach Belieben.
06.07.2017, 06:5306.07.2017, 07:27

«Die Erkenntnisse der Studie überraschen mich nicht. Die Frage, wie es nun weiter gehen solle, ist aber nach wie vor offen. Deshalb gilt für mich immer noch der gleiche Stand», begann Selina Büchel ihre Ausführungen zur Frage, wie sie auf die Studie des internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) reagiert habe. «Ich bin froh, muss ich in dieser Angelegenheit nicht entscheiden», fügte sie hinzu.

Selina Büchel (r.) im Duell mit Margaret Wambui.
Selina Büchel (r.) im Duell mit Margaret Wambui.Bild: David J. Phillip/AP/KEYSTONE

Der Weltverband hatte am Dienstag die Resultate seiner Untersuchung zum sogenannten Hyperandrogenismus veröffentlicht und festgehalten, dass unter anderem auch die 800-m-Läuferinnen mit hohem Testosteronspiegel einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen weiblichen Konkurrentinnen mit normalem Androgenspiegel haben.

Die IAAF sah sich zu dieser Studie gezwungen, nachdem der internationale Sportgerichtshof CAS im Juli 2015 eine IAAF-Regel bis auf Weiteres aufgehoben hatte. In den Jahren zuvor galt: Athletinnen mit einer männlichen Hormon-Überproduktion, die aber unter dem Androgen-Level eines Mannes liegt, durften in Frauen-Wettkämpfen starten, sofern sie den von der IAAF festgelegten Testosteron-Grenzwert nicht überschritten.

Die drei Intersexuellen rennen der weiblichen Konkurrenz davon.
Die drei Intersexuellen rennen der weiblichen Konkurrenz davon.Bild: David J. Phillip/AP/KEYSTONE

Als Folge des CAS-Entscheides dominierten die intersexuellen Caster Semenya aus Südafrika, Francine Niyonsaba aus Burundi und Margaret Wambui aus Kenia den 800-m-Lauf der Frauen nach Belieben. Weil sie nicht mehr zu leistungshemmenden Hormonkuren gezwungen waren, liefen sie 2016 an den Olympischen Spielen in Rio in dieser Reihenfolge aufs Podest. Dem Rest bleiben nur die Brosamen.

Ethisch schwierige Frage

«Ich will diese Problematik neutral betrachten und nicht aus Sicht einer Konkurrentin», betonte Büchel. Die Schweizer Rekordhalterin sieht auch die menschliche Tragödie, die sich hinter dieser Thematik verbirgt. «Sie sind so auf die Welt gekommen. Sie fühlen sich als Frauen», sagte die zweifache Hallen-Europameisterin. Die gängige Meinung, wonach mit der momentanen Ausgangslage im 800-m-Lauf der Frauen dem Sport letztlich grosser Schaden zugefügt werde, teilt sie nicht in allen Belangen. «Die Aussage, der Sport wird kaputt gemacht, finde ich zu krass», bemerkte sie.

Selina Büchel hätte es lieber, wenn aus anderen Gründen über ihre Disziplin gesprochen würde.
Selina Büchel hätte es lieber, wenn aus anderen Gründen über ihre Disziplin gesprochen würde.Bild: SRDJAN SUKI/EPA/KEYSTONE

Auf die Frage, wie es nun weitergehen soll, weiss die 25-Jährige keine klare Antwort – es ist auch nicht ihre Aufgabe. Wieder Hormon-Kuren zur Reduzierung des Testosteronspiegels einführen? Eigene Kategorien für Intersexuelle bilden? Alles belassen wie es ist? «Ich bin froh, muss ich nicht entscheiden. Es gibt immer zwei Seiten. Es ist eine ethisch schwierige Frage», meinte sie und betonte nochmals wie wichtig es sei, diese Frage neutral und objektiv zu beurteilen.

Ausgrenzung vom Leistungssport?

Büchel verfolgte auch mit einem gewissen Verständnis die Geschichte der indischen Sprinterin Dutee Chand. Diese war bei den Commonwealth-Spielen Ende 2014 wegen zu hoher Testosteronwerte disqualifiziert worden, klagte vor dem CAS und erkämpfte einen Teilerfolg, der nun zur heutigen Situation führte.

Die Schweizerin gewichtet in dieser Frage den menschlichen Aspekt – sollen Frauen mit männlichen Testosteronwerten, die es in der Gesellschaft ohnehin schon schwer genug haben, auch vom Leistungssport ausgegrenzt werden? – ebenso stark wie den sportlichen Aspekt der Chancengleichheit. Erschwert diese Sichtweise nicht ihre Arbeit als Spitzensportlerin? «Manchmal nervt es mich, dass nur dieses eine Thema in meiner Disziplin zu reden gibt», gestand sie. «Grundsätzlich konzentriere ich mich auf meine Arbeit. Ich will mich verbessern. Das zählt für mich.» (sda)

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