Alles andere als ein Sieg wäre für Deutschland auf dem erhofften Weg zum Sommermärchen 2.0 ein herber Dämpfer gewesen. Die Erwartungen an die Nationalelf im Gastgeberland der diesjährigen Europameisterschaft sind riesig – beim souveränen Sieg gegen ein schwaches Schottland gab Deutschland dem Publikum eine erste Kostprobe seiner Klasse, die nach einer durchwachsenen Vorbereitung immer wieder infrage gestellt wurde.
Der Sieg im Eröffnungsspiel dürfte nicht nur dem Selbstvertrauen der Truppe um Julian Nagelsmann gutgetan haben, sondern befeuert auch die positive Stimmung bei den Fans im Gastgeberland. Für erste Emotionen sorgte noch vor dem Anpfiff der Auftritt von Bernard Dietz, Jürgen Klinsmann und Heidi Beckenbauer, die ihren verstorbenen Ehemann Franz Beckenbauer vertrat. Die ehemaligen DFB-Kapitäne, die mit der Nationalelf wichtige Titel gewonnen hatten, brachten den EM-Pokal – das Objekt der Begierde – ins Stadion.
Gänsehaut bereits vor Anpfiff! Heidi Beckenbauer, die Witwe des Kaisers, trägt den EM-Pokal auf den Rasen und wird begleitet von den zwei erfolgreichen deutschen EM-Kapitänen Jürgen Klinsmann (1996) und Bernhard Dietz (1980).#skysport #dfbteam pic.twitter.com/8n7c3WAu7r
— Sky Sport (@SkySportDE) June 14, 2024
Den Grundstein für den deutschen Erfolg legte der erst 21-jährige Florian Wirtz, der jüngst an der Seite von Nati-Captain Granit Xhaka mit Leverkusen das deutsche Double gewonnen hatte und seine erste Endrunde mit der deutschen Nationalmannschaft bestreitet. Bereits kurz nach dem Anpfiff entwischte er der schottischen Abwehr – jedoch etwas zu voreilig, der Linienrichter erkannte ein Offside.
Wenige Minuten später musste sich Angus Gunn aber dann doch schon ein erstes Mal geschlagen geben. Wieder war es Wirtz, der die Übersicht behielt und auf Pass von Joshua Kimmich das erste Tor des Turniers erzielte. Am letzten Heimturnier – an der WM 2006 – traf die deutsche Nationalelf gar noch früher. In der 6. Minute eröffnete der damalige deutsche Captain Philipp Lahm das Turnier gegen Costa Rica mit einem Traumtor. Wirtz löste mit seinem Treffer Kai Havertz als jüngsten EM-Torschützen der deutschen Nationalmannschaft ab.
Nach Wirtz' Eröffnungstor dauerte es nur neun Minuten, bis die deutschen Fans schon wieder jubeln konnten. Gündogan überwand die schottische Abwehr, fand Havertz, der verzögerte, spielte auf Musiala: Tor. Angesichts der deutschen Spielfreude hatten es die Schotten wirklich nicht einfach im Eröffnungsspiel. Und so wussten sich die Nordeuropäer in der 26. Minute nur noch mit einem Foul zu helfen – jedoch knapp ausserhalb des Strafraums und deshalb nicht penalty-, sondern nur freistosswürdig.
Kurz vor der Pause mussten die Schotten aber schon wieder zu unfairen Mitteln greifen, um die Deutschen zu stoppen. Ryan Porteous trat Gündogan auf den Fuss, was nicht nur einen Penalty, sondern auch eine rote Karte zur Folge hatte. Mit dem erfolgreichen Penaltyschützen Kai Havertz traf also nach Wirtz und Musiala auch der drittjüngste Deutsche auf dem Platz und sorgte dafür, dass die erste Halbzeit der Partie zwischen den beiden ältesten EM-Teams ganz im Zeichen der Jungen stand.
Die Schotten, eigentlich für ihr Defensivbollwerk bekannt, hatten der deutschen Spielfreude wenig entgegenzusetzen. Immer wieder kombinierten sich die Gastgeber durch die Abwehr, sodass den zehn Schotten nichts anderes mehr übrig blieb, als sich mit dem ganzen Körper in die Schüsse zu werfen, um Schlimmeres zu verhindern.
«Schlimmeres» aus Sicht der Schotten folgte aber bereits in der 68. Minute. Nachdem die beiden Torschützen Wirtz und Havertz Platz für Leroy Sané und Niclas Füllkrug gemacht hatten, reihte sich zweiterer in die Liste der Torschützen ein. Genau wie für Wirtz war der Treffer auch für Füllkrug, der zum ersten Mal an einer EM-Endrunde zum Einsatz kam, eine Premiere – der 31-Jährige musste jedoch zehn Jahre länger auf den ersten EM-Treffer warten wie sein 21-jähriger Mitspieler.
Bezeichnend für die drückende deutsche Überlegenheit: Schottland, bis tief in die Schlussphase mit nur einem Torschuss und 0,0(!) «Expected Goals», gelang zwar in der 88. Minute noch der Ehrentreffer, doch auch dieses Tor wurde von einem Deutschen erzielt. Der Verteidiger Antonio Rüdiger lenkte per Kopf unglücklich ins eigene Tor ab.
Dass Emre Can in der Nachspielzeit noch auf 5:1 erhöhte, verkam in der Eröffnungs-Gala fast zur Randnotiz. Angesichts des selbstsicheren Auftritts seiner Teamkollegen bot sich dem deutschen Torhüter Manuel Neuer im Eröffnungsspiel nicht die Chance, seine Kritiker eines besseren zu belehren.
Eine rauschende Ballnacht in München – einen besseren Start ins Heimturnier hätte sich Deutschland nicht wünschen können. Auch dank der schottischen Fans, die trotz der Niederlage nicht an Feierfreudigkeit einbüssten, wurde gleich der erste Spieltag der EM zu einem Fussballfest.
Ob Deutschland die Spielfreude, die gegen Schottland auf dem Platz zu sehen war, auch gegen Ungarn (19. Juni, 18:00) und die Schweiz (23. Juni, 21:00) aufrechterhalten kann, wird sich zeigen. Klar ist aber: Tritt Deutschland gegen die Schweiz mit demselben Selbstvertrauen wie gegen Schottland auf, muss sich die Nati warm anziehen.
Deutschland - Schottland 5:1 (3:0)
München. 66'000 Zuschauer. SR Turpin (FRA).
Tore: 10. Wirtz 1:0. 19. Musiala 2:0. 45. Havertz (Penalty) 3:0. 68. Füllkrug 4:0. 87. Rüdiger (Eigentor) 4:1. 93. Can 5:1.
Deutschland: Neuer; Kimmich, Rüdiger, Tah, Mittelstädt; Andrich (46. Gross), Kroos (80. Can); Musiala (74. Müller), Gündogan, Wirtz (63. Sané); Havertz (63. Füllkrug).
Schottland: Gunn; Hendry, Porteous, Tierney (78. McKenna); Ralston, McTominay, McGregor (67. Gilmour), Robertson; McGinn (67. McLean), Adams (46. Hanley), Christie (82. Shankland).
Bemerkungen: Beide Teams komplett. 44. Rote Karte gegen Porteous. Verwarnungen: 48. Ralston, 62. Tah. (sda)