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Switzerland rider Dominique Aegerter steers his KTM during the qualifying session for the Sunday's Italian Moto2 grand prix at the Mugello circuit, in Scarperia, Italy, saturday, June 2, 2018. (AP Photo/Antonio Calanni)

Dominique Aegerter im Qualifying zum GP von Mugello. Bild: AP/AP

Dominique Aegerter und der ganz normale Wahnsinn der «Töff-Wunderheilungen»

Fünf Wochen nach einem Beckenbruch übt Dominique Aegerter schon wieder einen der gefährlichsten Berufe der Welt aus. Wir sind beim GP von Italien in Mugello wieder einmal Zeugen einer «Töff-Wunderheilung.»

klaus zaugg, mugello



Die Verletzung würde einem «normalen» Arbeitnehmer mindestens drei Monate Zwangspause bescheren. Dominique Aegerter (27) fährt fünf Wochen nach einem Beckenbruch bereits wieder Töff-Rennen. Wie ist das möglich? Der Bruch, den er sich beim Sturz mit dem Geländetöff zugezogen hat, ist operiert und fixiert worden.

Der Samstag hier in Mugello war ein strenger Tag. Ein freies Training am Vormittag, das Abschlusstraining am Nachmittag. Fast zwei Stunden ist Dominique Aegerter mit seiner Höllenmaschine am Limit gefahren. Für gewöhnliche Biker wäre es fahren in der Todeszone. Höchste Konzentration, höchste Anspannung.

Aegerter darf fahren!

Kein Wunder, ist er müde und sieht, wie er da am Samstagabend auf der Treppe des Teamtrucks sitzt, aus wie ein Spatz, der aus dem Nest gefallen ist.

Er sagt, er könne sich nicht erinnern, je einen Renntöff in einem solchen Zustand gefahren zuhaben. Er müsse Schmerztabletten nehmen und erklärt, die Schmerzen seien nicht das Problem. «Es ist eher die Müdigkeit. Ich bin fünf Wochenlang nicht mehr gefahren und fühle mich wie nach den ersten Tests nach der Winterpause. Die Muskeln tun alle weh, wohl auch weil ich nicht ganz so locker auf dem Töff sitze.» Die Aggressivität beim schnellen Umlegen fehle, aber ansonsten werde er Vollgas geben. Das Ziel sind WM-Punkte, also mindestens Platz 15. Er muss als 26. des Abschlusstrainings aus der 9. Reihe starten.

Auf den ersten Blick ist das alles ein Wahnsinn. Ein Spiel mit dem Leben und der Gesundheit eines jungen Mannes. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass es ein kontrollierter, ganz normaler Wahnsinn ist.

Nichts ist für einen Rennfahrer schlimmer als eine unfallbedingte Zwangspause. Das Adrenalin fliesst nicht mehr, Langeweile kommt auf und, noch schlimmer, die Gedanken beginnen sich im Kopf zu drehen. Am Ende könnte gar die Einsicht stehen, mit diesem Wahnsinn aufzuhören.

Also strebt jeder so schnell wie möglich zurück in den Sattel. Das Risiko ist heute erstaunlich gering. Denn die medizinische Betreuung und die Überwachung sind auf dem höchstmöglichen Stand der Medizin.

Autsch, das tut schon bei Anschauen weh

In Europa wird der GP-Zirkus von einer fahrenden Klinik begleitet, die im Fahrerlager abgestellt und durch Sponsoren finanziert wird. Die Einrichtungen sind auf dem neusten Stand und das Personal ist hoch motiviert. Die besten Spezialisten arbeiten hier, die Jobs sind bei Medizinern begehrt. Sie machen hier ein Praktikum unter Extremverhältnissen. In dieser fahrbaren Klinik können sogar Operationen gemacht werden. Jeder im Fahrerlager kann sich hier behandeln lassen. Der Einrichtung dieser Klinik sind komplizierte Verhandlungen vorausgegangen. Es ist ja Ärzten nicht erlaubt, einfach in jedem Land zu praktizieren.

In der fahrenden Klinik geht es nicht nur um die Erstversorgung von Verletzungen – fast so wichtig ist heute die Nachbehandlung. Die Piloten haben ihre Vertrauensärzte zu Hause – und in der Klinik im Fahrerlager.

So sind «Wunderheilungen» gang und gäbe. Sofern man die verkürzte Heilungszeit überhaupt als Wunder bezeichnen will. Grundsätzlich gilt, dass Brüche operiert und fixiert werden – so wird die Heilungszeit verkürzt.

Ein Schlusselbeinbruch am Freitag und ein Rennstart am Sonntag ist möglich. Auch Beinbrüche werden fixiert und führen, wenn sie nicht kompliziert (verschoben) sind, höchstens noch zu zwei Wochen Pause. Längere Zwangspausen drohen meist nur noch bei gebrochenen Gelenken (Knie, Ellenbogen), Rückenverletzungen, schweren Gehirnerschütterungen oder inneren Verletzungen. Gebrochene Finger oder Zehen am Samstag sind kein Grund mehr, am Sonntag nicht zu fahren.

Die Sturzräume sind heute so gross, dass ein Fahrer bei einem Sturz nicht verletzt wird, weil ernicht auf ein stehendes Hindernis prallt. Gefährlich ist es, wenn ein gestürzter Pilot überfahren oder von der eigenen Maschine getroffen wird. Bei einem sog. «Highsider» – wenn die Maschine rutscht, das Rad wieder Grip fasst und den Piloten aus dem Sattel wirft wie einscheuendes Pferd – setzt es bei der Landung auf dem Asphalt oft Hand-, Fuss- oder Schlüsselbeinbrüche ab.

Aegerters Hüfte im Röntgenbild

Wenn ein Fahrer nach Sturzverletzungen wiederan den Start gehen will, braucht er das Okay der Mediziner vor Ort. Die Checks sind gründlich. Keiner bekommt grünes Licht, wenn er für andere oder für sich selbst eine Gefahr wäre.

Dominique Aegerter geht im Moto2-Rennen also kein zusätzliches Risiko ein.

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