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Tom Brady feierte im letzten Jahr den letzten seiner sieben Super-Bowl-Triumphe.
Tom Brady feierte im letzten Jahr den letzten seiner sieben Super-Bowl-Triumphe. Bild: keystone

Bradys Rücktritt – wie aus einem einst Verschmähten der unbestrittene «GOAT» wurde

Tom Brady geht nach 22 NFL-Saisons mit 44 Jahren in Pension. Der erfolgreichste Quarterback der Geschichte hat unzählige Rekorde gebrochen und die Geschichtsbücher neu geschrieben, doch auch seine Karriere verlief alles andere als geradlinig.
03.02.2022, 10:45

Es hatte sich am Wochenende bereits herumgesprochen, nach kurzem Zögern machte er es am Montag dann offiziell: Thomas Edward Patrick Brady jr., kurz Tom Brady, erklärte, dass er seine NFL-Karriere nach 22 Saisons beenden wird. «Ich habe meine NFL-Karriere geliebt, jetzt werde ich meine Zeit und meine Energie für andere Dinge nutzen, die meine Aufmerksamkeit verlangen», erklärte der 44-jährige Superstar.

Natürlich dominierte Bradys Rücktritt gestern in den USA, aber auch hierzulande die Schlagzeilen. Noch einmal wurde dem «GOAT», dem «Greatest Of All Time», gehuldigt. Auch NFL-Commissioner Roger Goodell würdigte den scheidenden Quarterback und erklärte: «Tom Brady wird als einer der grössten Spieler aller Zeiten in der NFL in Erinnerung bleiben. Er war ein unglaublicher Wettkämpfer und Anführer.» Dass Brady den Sport so prägen würde, war zu Beginn seiner Karriere allerdings alles andere als absehbar.

Der Draft

Obwohl Brady zwei starke College-Jahre als Starter hinlegte, zwei Bowls gewann und gute Statistiken vorweisen konnte, rechnete vor dem NFL-Draft 2000 niemand damit, dass aus dem wenig sportlichen, aber durchaus sympathischen jungen Mann dereinst der erfolgreichste Quarterback der Geschichte werden könnte. Die Scouts hielten damals wenig vom «schlecht gebauten» und «knochigen» Spielmacher. Es fehle ihm an Statur, Kraft, Mobilität und Agilität, so der Tenor. Ausserdem habe er keinen wirklich starken Arm und gehe leicht zu Boden.

Alles andere als ein Modellathlet: Brady vor dem Draft.
Alles andere als ein Modellathlet: Brady vor dem Draft.bild: twitter

Prompt wurde «TB12» erst als siebter Quarterback in der 6. Runde an 199. Stelle von den New England Patriots ausgewählt. Er selbst hatte damit gerechnet, spätestens in der 3. Runde gezogen zu werden und weinte nach eigenen Angaben vor dem TV damals bittere Tränen. Brady nahm jeden einzelnen Pick vor sich persönlich und nahm das als Motivation, noch härter zu arbeiten.

Und bereits an einem seiner ersten Arbeitstage zeigte sich, mit welchem Selbstverständnis der Rookie ausgestattet war. Als er vor dem alten Foxboro Stadion Patriots-Besitzer Robert Kraft über den Weg lief und dieser ihn als «unseren Sechstrundendraft» bezeichnete, entgegnete Brady: «Ich bin die beste Entscheidung, die diese Franchise je gemacht hat.»

The Brady 6: Sehenswerte Doku über Brady und die sechs Quarterbacks, die im Draft vor ihm gezogen wurden.Video: YouTube/NFL Films

Die genutzte Chance

Bei den Patriots sass der etwas vorlaute Neuling zunächst aber trotzdem nur auf der Bank. Erst als sich der etatmässige Quarterback Drew Bledsoe zu Beginn der Saison 2001 eine innere Blutung zuzog, schlug Bradys Stunde. Zwar zeigte er in den ersten beiden Spielen nur mässige Leistungen, steigerte sich dann aber von Spiel zu Spiel. Am Ende führte die neue Nummer 1 die Patriots mit einer 11:5-Bilanz in die Playoffs und mit Siegen gegen die Oakland Raiders, die Pittsburgh Steelers und die St.Louis Rams zum sensationellen Gewinn des Super Bowls.

Brady bei den Super-Bowl-Feierlichkeiten im Januar 2002.
Brady bei den Super-Bowl-Feierlichkeiten im Januar 2002. bild: imago-images.de

Doch die Playoffs verliefen nicht ohne Nebengeräusche: Denn gegen die Raiders profitierten Brady und seine Patriots von einer äusserst umstrittenen Schiedsrichterentscheidung. Noch waren 1:50 Minuten zu spielen und die Raiders führten im Schneegestöber von Foxborough mit 13:10 als Brady nach einem Hit den Ball verlor.

Die Schiedsrichter entschieden zunächst auf Fumble und somit auf Ballverlust, änderten nach Videostudium aufgrund der sogenannten «Tuck Rule» aber ihren Entscheid auf «Incomplete Pass», womit die Patriots im Ballbesitz blieben. Dank zwei Field Goals schafften Brady und Co. noch die nicht mehr für möglich gehaltene Wende. Es war der Beginn der Vorwürfe, dass Brady und seine Patriots über Jahre von den Unparteiischen bevorteilt würden.

Die «Tuck Rule»-Szene mit Brady. (ab 1:06 Minuten).Video: YouTube/NFL

Die nur fast perfekte Saison

Der erste Super-Bowl-Gewinn war zugleich der Beginn einer neuen Ära. In den nächsten drei Jahren holten die Patroits zwei weitere Titel. Für das System von Trainer Bill Belichick war Perfektionist Brady das Pünktchen auf dem i. Doch es gab auch Rückschläge in der Karriere des Ausnahme-Quarterbacks. 2007 war Brady mit New England auf dem Weg zur ersten perfekten Saison seit den Miami Dolphins 1972, verlor im Super Bowl allerdings das letzte Saisonspiel gegen die New York Giants von Eli Manning.

Eli Manning und seine New York Giants vermiesten Tom Brady zwei weitere Super-Bowl-Partys.
Eli Manning und seine New York Giants vermiesten Tom Brady zwei weitere Super-Bowl-Partys.bild: imago-images.de

Ein Jahr später riss sich Brady das Kreuzband, kämpfte sich aber zurück. Zwar verloren die Patriots 2012 einen weiteren Super Bowl gegen Mannings Giants, doch 2015 reckte Brady nach einem Sieg gegen die damals dominierenden Seattle Seahawks zum vierten Mal die Vince-Lombardi-Trophäe in die Höhe.

Deflategate

Doch auch dieser Titelgewinn hatte einen faden Beigeschmack. Im Conference Final gegen die Indianapolis Colts hatten elf der zwölf Bälle der gastgebenden Patriots in der ersten Hälfte offenbar weniger Luft als zugelassen – obwohl sie im Vorfeld von den Unparteiischen überprüft und für gut befunden worden waren.

Die Patriots, denen zuvor schon oft Betriebsspionage vorgeworfen wurde, bestritten sofort jegliche Manipulation, NFL-Commissioner Roger Goodell sprach sich trotzdem für eine Strafe aus – und zwar auch für den mutmasslichen Mitwisser Brady. Dem Star-Quarterback sei «grundsätzlich bewusst» gewesen, dass sein Team die Regeln brechen wollte, hiess es im Urteil von Mai 2015. Nach einer langen Berufung wurde Bradys Sperre im Juli 2016 für die ersten vier Spiele der kommenden Saison schliesslich für gültig erklärt.

Das Deflategate in der ausführlichen Zusammenfassung (englisch).Video: YouTube/Mikerophone

«The Comeback»

Brady revanchierte sich für die Demütigung auf seine Weise: Nach seiner Rückkehr führte er die Patriots mit nur einer Niederlage erneut in den Super Bowl, wo es im Februar 2017 gegen die Atlanta Falcons aber zunächst düster aussah. 3:28 lagen die «Pats» im dritten Viertel zurück, als Brady zur grossen Aufholjagd blies und sein Team in der Verlängerung doch noch zum Sieg führte. Es war das grösste Comeback der Super-Bowl-Geschichte. Zuvor betrug der grösste je im letzten Spiel der NFL-Saison wettgemachte Rückstand zehn Punkte.

Das Patriots-Comeback gegen die Falcons im Super Bowl LI.Video: YouTube/NFL Films

Spätestens nach dem Gewinn des fünften Super-Bowl-Rings mussten auch seine zahlreichen und lautstarken Kritiker anerkennen, dass Brady wohl zu Recht als «GOAT» in die Geschichtsbücher eingehen wird. Und wer immer noch daran zweifelte, wurde zwei Jahre später endgültig eines Besseren belehrt, als Brady gegen die Los Angeles Angeles Rams seinen sechsten Titel mit den Patriots feierte.

Der Privatmann

Brady ist ein Mann ohne Kompromisse – dem sportlichen Erfolg ordnete er alles unter. Bei der Ernährung beispielsweise hielt er sich strikt an seine «TB12-Diät»: Der Footballer ass ausschliesslich saisonale Lebensmittel aus biologischen Anbau. Zu 80 Prozent ernährte er sich pflanzlich, die restlichen 20 Prozent bestanden aus Proteinen (Poulet, rohes Fleisch). Auf verarbeitete Nahrungsmittel wie Zucker, Weissmehl und Fertiggerichte verzichtete er während der Saison komplett, genauso wie auf Alkohol, Koffein und Milchprodukte.

Privat versuchte er sich so gut wie möglich abzuschotten. Vielleicht wurde ihm auch deshalb eine gewisse Unnahbarkeit und Arroganz nachgesagt. 2009 heiratete er Giselle Bündchen, doch auch mit dem brasilianischen Supermodel an seiner Seite zeigte der NFL-Superstar nie wirkliche Starallüren. Negativ-Schlagzeilen ausserhalb des Sports gab es nur 2015, als ihm wegen einer in seinem Spind gefundenen «Make America Great-Again»-Kappe eine gewisse Nähe zu Ex-Präsident Donald Trump nachgesagt wurde.

Die Familie Brady 2013 bei einem Patriots-Training.
Die Familie Brady 2013 bei einem Patriots-Training.bild: imago-images.de

Ansonsten gilt Brady vor allem als grosser Familienmensch. In der Football-freien Zeit verbrachte er am liebsten Zeit mit seinen beiden Söhnen Jack und Benjamin und Tochter Vivian. Sie sind auch der Grund für sein Karriereende, denn im Laufe der Zeit hat sich auch Bradys Fokus Schritt für Schritt verlagert, wie er in einer Rücktrittserklärung eingestand.

Das Wechsel-Märchen

Seine ganze Karriere musste sich Brady immer wieder anhören, dass er nur der «System-Quarterback» von Trainer Bill Belichick, dem wahren Macher des Patriots-Erfolgs, sei. Doch auch diesen Fleck beseitige er, wie es wohl nur ein «GOAT» tun kann. 2020 verwarf sich der mittlerweile 42-jährige Brady mit seinem grossen Mentor und wechselte zu den Tampa Bay Buccaneers.

Ein gemütlicher Herbst der Karriere im sonnigen Florida? Wer an das glaubte, kannte Brady schlecht: Mit seiner ganz eigenen Akribie hängte er sich in das neue Projekt und führte die «Bucs» nach einem holprigen Start am Ende zum ersten Super-Bowl-Triumph seit 18 Jahren. Für Brady war es der siebte Titel und gleichzeitig der eindrückliche Beweis, dass vielleicht doch er der Macher des Patriots-Erfolgs war.

Wie Brady mit den «Bucs» den Super Bowl holte.Video: YouTube/NFL

Der Rücktritt

Eine Wiederholung des Märchens wollte in der aktuellen Saison nicht gelingen. In den Divisional Playoffs folgte gegen die Los Angeles Rams bereits das Aus für Brady und seine Buccaneers. Sofort kamen Spekulationen um seinen möglichen Rücktritt auf. Doch auch hier machte Brady sein Ding: Als zwei ESPN-Journalisten seinen bevorstehenden Abschied vorzeitig ausplauderten, liess er sie ins Leere laufen und dementierte über seinen Vater und seinen Agenten die Meldung zunächst. Erst zwei Tage später bestätigte Brady via Instagram, dass er seine Football-Schuhe nach 22 Profi-Jahren ein für allemal an den Nagel hängen wird.

Der einst verschmähte Quarterback tritt mit einem riesigen Vermächtnis ab: Brady hat in Amerikas populärster Sportart neue Massstäbe gesetzt und vor allem die Rekordbücher umgeschrieben. Kaum eine Bestmarke, die Brady nicht pulverisiert hat. Kein Rekord hält für die Ewigkeit, heisst es so schön im Sport. Bei Bradys Errungenschaften ist man sich da aber nicht so sicher ...

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