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Interview

Ein Schweizer erzählt, wie es im olympischen Dorf in Rio aussieht: «Überall Bauschutt, wahnsinnig schmutzig»

Marco Brunner vom Schweizer Segelteam ist als einer der ersten Offiziellen in Rio de Janeiro angekommen. Was der Optimist über die Verhältnisse im und ausserhalb des Wassers berichtet, wirft kein gutes Licht auf die Organisatoren der Olympischen Spiele. Ein Gespräch über Ölfilme, Bauschutt und Spitzensport im Gestank. 
26.07.2016, 09:5027.07.2016, 13:26

Herr Brunner, Sie sind bereits in Rio de Janeiro. Warum?
Marco Brunner: Bei uns Seglern ist alles ein bisschen anders. Wir müssen uns mit den Verhältnissen vor Ort intensiv auseinandersetzen und das so früh wie möglich. Wir waren bereits vor zwei Jahren in Rio, dann vor einem noch einmal, und seit Mai dieses Jahres sind wir fast permanent hier. 

Betreffend Wasserqualität und jetzt auch Athletendorf hört man aus der Ferne nicht viel Positives. Wie ist es wirklich?
Zuerst zum Wasser: Vor zwei Jahren war es tatsächlich schlimm. Die Marina da Gloria, von wo aus die Segelwettkämpfe starten, war eine regelrechte Kloake. Braunes Wasser voller Abfall – Plastik, ganze Paletten, Dreck aller Art. Zudem schien es die Kläranlage der Region zu sein. Der Geruch der Fäkalien war schwer zu ertragen. Dieser beissende Gestank führte dazu, dass einigen Athleten von uns beim Training schlecht wurde. Die Verhältnisse waren unterirdisch. 

Swiss Olympic: «Es ist noch nicht alles bereit »
Die ersten Leute von Swiss Olympic weilen seit Freitag in Rio de Janeiro. Sie konnten die Zimmer für die Schweizer Athleten besichtigen. «Es ist noch nicht alles bereit», sagt Alexander Wäfler, Leiter Medien und Information. Insbesondere bei den sanitären Anlagen bestehe noch Handlungsbedarf. Da die Schweizer Delegation in einem Haus wohne, das vor längerer Zeit fertiggestellt wurde, seien die Zustände besser als etwa bei den Australiern. «Andere Häuser wurden erst gerade fertig, entsprechend sind auch die Mängel grösser.» Die Veranstalter hätten aber reagiert und seien momentan rund um die Uhr daran, grössere Mängel zu beheben. Laut Wäfler herrscht trotz Stress eine fröhliche Stimmung im olympischen Dorf. (feb)
Noch im April dieses Jahres sah es vor dem Hangar der Segler so aus.
Noch im April dieses Jahres sah es vor dem Hangar der Segler so aus.
Bild: EPA/EFE
Mit Netzen fischten Helfer der Olympischen Spiele Abfall aus dem Wasser.
Mit Netzen fischten Helfer der Olympischen Spiele Abfall aus dem Wasser.
Bild: EPA/EFE

Und heute? Ist die Situation besser?
Es ist etwas passiert, ja. Das Wasser ist jetzt nicht mehr braun, sondern beinahe blau. Vor allem aber ist dieser unangenehme Geruch weg. Wenn es regnet, werden allerdings immer noch alle möglichen Abfälle der umliegenden Favelas in die Bucht geschwemmt. Ich denke aber, dass die Organisatoren das mit Netzen während den Spielen herausfischen und der Zuschauer keine TV-Bilder voller Abfall sehen wird. Für die Surfer, die mit den Füssen ständig im Wasser sind, wünschten wir uns dennoch bessere Bedingungen. 

bild: «Jesus Renedo - Sailing Energy»
Marco Brunner – die gute Seele des Teams 
Marco Brunners offizielle Bezeichnung heisst «Office Manager, Team- & Athletensupport». Er kümmert sich beim Swiss Sailing Team seit 2009 um die Organisation, die Logistik, das Material, die Technik und alle anfallenden Büroarbeiten. Zusammen mit Tom Reulein bildet er die Geschäftsleitung der Mannschaft. Aushilfsweise konnte sich Brunner auch schon als Coach, Chefkoch, Bootsbauer, Fotograf oder Teammechaniker beweisen. Für viele Athleten und Coaches ist er laut Swiss Sailing Team eine Vertrauensperson, die jederzeit ein offenes Ohr hat. Der gebürtige Winterthurer ist 34 Jahre alt und wohnt in Zug. (feb)

Muss Ihr Team spezielle Vorkehrungen treffen?
Es hat Viren und Bakterien im Wasser. Nicht nur deshalb sind wir vorsichtig. Wir reinigen sofort nach jeder Trainingseinheit auf dem Meer gründlich unsere Ohren, Nasen und Augen mit sauberem Wasser. Normal machen wir das einmal am Tag am Abend. Zudem befreien wir die Seile, die wir teils auch mal im Mund haben, ebenfalls nach jedem Training vom Schmutz (während den Extremsituationen im Sportsegeln kommt es vor, dass die Athleten die Seile mit dem Mund kurz festhalten, Anm. d. R. ). Ausserdem haben wir Antibiotika parat. Entzündungen oder Wunden, die wegen des schmutzigen Wassers nicht heilten, das haben wir jedoch nicht. Wir haben gegen 100 Tage auf dem Wasser von Rio trainiert und gelernt, mit den Bedingungen umzugehen. Die Verhältnisse sind für alle dieselben, wir sind bereit. Es ist nur zu hoffen, dass die Massnahmen zum Schutz der wunderschönen Guanabara Bay nach den Olympischen Spielen vorangetrieben werden. 

Die Putzequipen haben offenbar gute Arbeit geleistet ...
Die Putzequipen haben offenbar gute Arbeit geleistet ...
Bild: Felipe Dana/AP/KEYSTONE
... kurz vor Eröffnung der Spiele sieht die Marina da Gloria ganz passabel aus. 
... kurz vor Eröffnung der Spiele sieht die Marina da Gloria ganz passabel aus. 
Bild: RICARDO MORAES/REUTERS

Stimmt es, dass das schmutzige Wasser die Boote angreift?
Nein. Es schwimmen zwar permanent Schmutzpartikel an der Oberfläche, und es legt sich ein dünner Ölfilm auf die Boote. Da wir diese aber sowieso jeden Tag an Land nehmen und reinigen, machen wir uns keine Sorgen um das Material.

Die Qualität des Wassers ist das eine, das Athletendorf das andere. Wegen angeblichen Lecks an den Leitungen und tropfendem Wasser von der Decke haben sich die Australier geweigert, ins Dorf einzuziehen. Wie sieht es tatsächlich aus?
Da die Marina da Gloria 90 Minuten ausserhalb von Rio liegt, wohnen wir nicht im Athletendorf, sondern oberhalb der Marina. Ich war aber vor zwei Tagen im Dorf. Was ich dort sah, hat mich schon etwas verwundert.

Können Sie das beschreiben?
Ich glaube, was die Australier gesagt haben, stimmt schon. Es tropft bei denen angeblich wirklich von den Decken und es gibt Wasserlachen neben den Stromkabeln. Was ich selber gesehen habe: Die Wände sind verspritzt, überall liegt Bauschutt, es ist wahnsinnig schmutzig. Im Schweizer Wohnblock war es jedoch weniger dramatisch. Aber auch da gibt es noch einiges zu tun. 

Die Australier weigerten sich, in diese Hochhäuser zu ziehen.&nbsp;<br data-editable="remove">
Die Australier weigerten sich, in diese Hochhäuser zu ziehen. 
Bild: PILAR OLIVARES/REUTERS
Offizielle Fotos zeigen, wie die Zimmer aussehen sollten. Die Realität ist eine andere.&nbsp;
Offizielle Fotos zeigen, wie die Zimmer aussehen sollten. Die Realität ist eine andere. 
Bild: RICARDO MORAES/REUTERS

In wenigen Tagen beziehen grössere Delegationen das Dorf. Schaffen es die Brasilianer bis dann, einigermassen wohnliche Schlafstätten für die Athleten anzubieten?
Momentan sind hunderte Helfer daran, das Dorf zu säubern. Ich war schon an den Olympischen Spielen in London. So perfekt wie dort wird es wohl nie sein. Aber irgendwie schaffen sie es bestimmt. 

Reden wir über den Sport. Was rechnet sich das Swiss Sailing Team aus?
Das offizielle Ziel heisst mindestens ein Diplom. Wir sind ambitioniert und möchten mehr. Vor vier Jahren in London erreichten wir als bestes Resultat einen zehnten Platz. Damit geben wir uns in Rio nicht zufrieden. 

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Die Wettkampfstätten der Olympischen Spiele 2016 in Rio

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