Schweiz
Interview

Kerzers FR: «Selbstverbrennung ist selten an niemanden gerichtet»

Chiètres: «L’immolation par le feu impose un message impossible à ignorer»
Welche Gründe treiben einen Menschen dazu, sich durch Selbstverbrennung das Leben zu nehmen? Für die Anthropologin Fanny Parise wird der Körper zum Medium einer Handlung, die selten an niemanden gerichtet ist. bild: keystone / dr / watson
Interview

Anthropologin: «Selbstverbrennung ist selten an niemanden gerichtet»

Suizid durch Verbrennung vermittelt eine Botschaft, die selten an niemanden gerichtet ist – auch wenn keine expliziten Forderungen gestellt werden. Der Verantwortliche für die Tragödie in Kerzers FR habe eine Gemeinschaft gezwungen, «Zeuge davon zu werden», erklärt Fanny Parise, Anthropologin und Forscherin an der Universität Lausanne.
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14.03.2026, 18:3114.03.2026, 18:31
Fred Valet
Fred Valet

Welche Bedeutung hat das Feuer aus menschlicher Sicht?
Fanny Parise: Aus anthropologischer Sicht lässt sich die Selbstverbrennung nicht allein als individueller oder psychologischer Akt verstehen.

Wieso?
In vielen Kulturen trägt das Feuer eine extrem starke symbolische Bedeutung: Es ist gleichzeitig Instrument der Zerstörung, der Reinigung und der Transformation. Anthropologen wie Mary Douglas haben gezeigt, dass Gesellschaften solchen Substanzen und Praktiken hochgradig strukturierende moralische und symbolische Bedeutungen zuschreiben.

«In diesem Kontext wird Feuer oft mit Vorstellungen von Übergang, Reinigung oder Opfergabe in Verbindung gebracht.»
Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Welche Gründe können einen Menschen dazu bewegen, sich durch Feuer das Leben zu nehmen, und warum geschehen diese Taten so oft im öffentlichen Raum?
Wenn ein Mensch diese Methode wählt, um seinem Leben ein Ende zu setzen, wird der Körper zum Medium einer radikal bedeutsamen Handlung, selbst wenn keine explizite Begründung vorliegt.

«In der zeitgenössischen Geschichte deutet die Tatsache, dass diese Handlungen sehr oft im öffentlichen Raum stattfinden, auf eine tiefgreifende soziale Dimension der Handlung hin.»

Wie Erving Goffman in seiner Arbeit zur Inszenierung des sozialen Lebens gezeigt hat, ist der öffentliche Raum der Ort, an dem Sichtbarkeit und Anerkennung erzeugt werden.

Besteht immer der Wunsch, etwas auszudrücken?
Ja. Die Selbstverbrennung in der Öffentlichkeit verwandelt individuelles Leid in ein kollektives Ereignis. Die Handlung verlässt die Privatsphäre und zwingt eine Gemeinschaft, Zeuge davon zu werden.

«Selbstverbrennung kann als extreme Ausdrucksform verstanden werden, wenn gewöhnliche Ausdruckswege – politischer, institutioneller oder sozialer Art – wirkungslos erscheinen.»
Lass dir helfen!
Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen.
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.

Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

Es ist ein besonders langsamer und qualvoller Tod. Warum tut man sich ein solches Ende an?
Die Frage nach dem Schmerz und der Langsamkeit des Todes berührt auch symbolische Logiken, die über die rein biologische Dimension hinausgehen. In vielen religiösen und kulturellen Traditionen beinhaltet die Opferung gerade das Aufgeben des Körpers und das Aussetzen an die Leiderfahrung. Die Arbeiten von Marcel Mauss zum Thema Opfer oder jene von René Girard über Gewalt und das Heilige zeigen, dass bestimmte Formen der körperlichen Zerstörung einen sehr starken symbolischen Wert erlangen können, wenn sie als Akt des Opfers, des Protests oder der Anklage verstanden werden.

Es steckt also immer eine Botschaft dahinter.
Ohne zu behaupten, dass diejenigen, die sich selbst verbrennen, es explizit so sehen, lässt sich diese Handlung dennoch schwer von einer uralten kulturellen Vorstellung trennen, in der der verbrannte Körper zu einem transformierten Körper wird, der eine Botschaft in sich trägt.

Der öffentliche Raum impliziert in gewisser Weise auch Zuschauer. Was geht in den Köpfen derer vor, die gezwungen sind, Zeugen einer solch grausamen Tat zu werden?
Aus der Perspektive der Zeugen stellt die Beobachtung einer Selbstverbrennung das dar, was Soziologen einen «Rahmenbruch» nennen. Eine Szene der Selbstverbrennung wie die in Kerzers bricht abrupt mit den gewohnten Mustern des sozialen Lebens und erzeugt einen tiefen Schock, weil sie zwei Dimensionen vereint, die sich nur äusserst schwer integrieren lassen: physische Gewalt und den Willen des Täters.

Es ist eine Handlung und damit eine Botschaft, die von den Zeugen unmöglich ignoriert werden kann.
Anthropologen, die das kollektive Gedächtnis erforschen, zeigen, dass diese Ereignisse Orte und Gemeinschaften nachhaltig prägen, eben gerade weil sie eine Szene schaffen, die in der gesellschaftlichen Normalität jenseits des Möglichen zu liegen scheint.

«Letztendlich kommt es selten vor, dass eine solche Handlung, selbst wenn keine explizite Forderung damit verbunden ist, an niemanden gerichtet ist.»

An wen richtet sich diese Botschaft, wenn keine klaren Forderungen gestellt werden?
Die Anthropologie der Emotionen und sozialen Beziehungen zeigt, dass extreme Handlungen oft in Beziehungsdynamiken wurzeln: Sie stellen eine Gemeinschaft, eine Institution, Angehörige oder eine Gesellschaft infrage, welche die Augen vor einem Leid zu verschliessen scheint. In diesem Sinne kann Selbstverbrennung als eine Form des ultimativen sozialen Ausdrucks verstanden werden, in der der Körper zum Vehikel einer Botschaft wird, die – wie Sie sagten – nicht ignoriert werden kann.

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