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ESAF Pratteln: Reichmuth nun Favorit? Klaus Zauggs Bilanz nach Tag 1

Pirmin Reichmuth, rechts, jubelt nach seinem gegen Christian Stucki, links, dem im vierten Gang des Eidgenoessischen Schwing- und Aelplerfestes ESAF in Pratteln, am Samstag, 27. August 2022. (KEYSTONE ...
Pirmin Reichmuth hat Christian Stucki ins Sägemehl gelegt.Bild: keystone

Stucki, Reichmuth und das Himmelszeichen, das die Berner zutiefst beunruhigen muss

Wie die Sagengestalt Rübezahl ist der König zurückgekehrt. Aber nach der Niederlage gegen Pirmin Reichmuth lautet die bange Frage der Berner: Hat der alte gegen den neuen König verloren? Es gibt ein beunruhigendes Himmelszeichen.
27.08.2022, 18:2328.08.2022, 12:57
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Im Januar ist er 37 Jahre alt geworden. Bevor er 2019 den Thron besteigt, gelten zwei ungeschriebene Gesetze. Erstens: Wer einmal einen Schlussgang verloren hat, wird nie mehr König. Zweitens: Wer älter als 30 ist, auch nicht.

Christian Stucki, Schlussgangverlierer von 2013 (gegen Matthias Sempach), wird 2019 König. Im Alter von 34 Jahren.

Der Mythos Stucki ist geboren. Der König, der alle Gesetze bricht. Ein Titan. Eine Steigerung scheint nicht mehr möglich.

Und nun ist am Samstag aus dem Titanen so etwas wie eine Sagengestalt geworden.

Christian Stucki, oben, und Armon Orlik, unten, im 3. Gang am Eidgenoessischen Schwing- und Aelplerfest (ESAF) in Pratteln, am Samstag, 27. August 2022. (KEYSTONE/Urs Flueeler).
Christian Stucki startete in Pratteln stark ins Eidgenössische.Bild: keystone

Christian Stucki hat vor Pratteln eigentlich niemand mehr auf der Rechnung. Natürlich wird ihm allergrössten Respekt entgegengebracht. Er ist König. Aber nach seiner Thronbesteigung ist er zum Phantom geworden: Die Saison 2020 fällt wegen der Pandemie aus. In der Jahreswertung der Saison 2021 wird er nur noch als Nummer 16 geführt und 2022 gar nicht mehr. Weil er diese Saison kein einziges Fest bestreiten kann.

Wie gut ist der König noch? Eigentlich spricht alles gegen ihn. Das Alter, die zahlreichen Blessuren, die fehlende Wettkampfpraxis. Erst als er am Samstagmorgen mit den Bernern in die Arena einmarschiert, steht fest: Er wird antreten.

Und dann bettet er nacheinander Damian Ott (22), Dario Gwerder (25) und Armon Orlik (27) ins Sägemehl. Erst Pirmin Reichmuth vermag ihn zu stoppen.

Der Innerschweizer ist einer der wenigen, der Christian Stucki an Postur und Kraft ebenbürtig ist. Er hat zuvor bereits drei Berner gebodigt: Die Siege gegen Remo Käser und Ruedi Roschi müssen für einen, der König werden will, eine Selbstverständlichkeit sein. Aber im dritten Gang beschert er mit Matthias Aeschbacher einer der ganz grossen Berner Hoffnungen die erste Niederlage.

Und wir dürfen die Frage stellen: Hat mit Pirmin Reichmuth womöglich der neue den alten König besiegt?

Es wäre eine Zäsur. Die bernische Erbmonarchie mit vier Königen hintereinander seit 2010 wäre beendet. Und für die Innerschweizer wäre es erst der zweite König nach Harry Knüsel.

Noch ist Christian Stucki König. Noch können wir sein Comeback feiern. Unter dem Arbeitstitel: Wie aus einem Titanen erst ein Phantom, nun eine Sagengestalt geworden ist. Huldigen wir noch einmal dem alten König mit einem letzten Hurra. Womöglich gehören die Schlagzeilen am Sonntag dem neuen König.

Wer so wie Christian Stucki aus dem Nichts wieder auftaucht und nach dem ersten Tag noch immer im Rennen ist, ohne ein einziges Fest als Vorbereitung, ohne einen einzigen Kampf an einem Kranzfest, ist mehr Sagengestalt als einfach ein Titan. Wie der Riese Rübezahl, von der es 1783 unter anderem heisst:

Rübezahl, sollt ihr wissen, ist geartet wie ein Kraftgenie: ungestüm, roh, unbescheiden, aber zu Zeiten auch gutmütig, schalkhaft, edel und empfindsam, oft weich und hart wie ein Ei, das in siedend Wasser fällt.

Das ist die romantisch-poetische Seite. Es gibt auch eine schwingtechnische Erklärung für ein Comeback, das fast einer Halbfinalqualifikation von Roger Federer bei den Swiss Indoors 2022 gleichkommt.

Video: watson/Ralf Meile, Emily Engkent

Christian Stucki bringt auch mit 37 eine nahezu perfekte Mischung aus Postur (198 cm/145 kg), Kraft und Beweglichkeit in den Sägemehlring. Aber wenn der Wettkampf zwei Tage dauert, wenn die Arena fünfmal so gross ist wie bei jedem anderen Fest, wenn wochenlang alle von diesem Fest reden, wenn die TV-Kameras jeden Winkel ausleuchten – dann werden, dann entscheiden «weiche Faktoren» die harte Wirklichkeit: Erfahrung, Selbstvertrauen, Nervenkraft, Körpersprache. Die nervliche Belastung dieses Festes, das nur alle drei Jahre stattfindet, hat durchaus etwas von der Nervosität vor Olympischen Spielen.

Das ist es, was an diesem ersten Tag die Differenz zwischen dem König und einigen seiner Kronprinzen gemacht hat.

Am zweiten Tag zählen diese Faktoren noch mehr. Und dazu ist die Frage: Hat der König noch genug Energie für die explosive Kraftentfaltung? Ist da womöglich der zehn Jahre jüngere Pirmin Reichmuth im Vorteil?

Starke Regenschauer ueberraschen die Festbesucher am Eidgenoessischen Schwing- und Aelplerfest (ESAF) in Pratteln, am Samstag, 27. August 2022. (KEYSTONE/Urs Flueeler).
Regen in Pratteln – ein gutes Zeichen für die Innerschweizer?Bild: keystone

Beim Eidgenössischen wird die Wahrheit des Samstags oft zum Irrtum des Sonntags. Verrückte Umstürze in der Rangliste sind eher die Regel als die Ausnahme.

Und noch etwas: Am frühen Samstagnachmittag nässt kurz nach 17.00 Uhr ein Regenschauer den Festplatz. Es ist lange, lange her, seit es zum letzten Mal beim Eidgenössischen am Samstag geregnet hat. Es war im letzten Jahrhundert. 1986 in Sitten.

Am Sonntag ist Harry Knüsel dann in Sitten König geworden. Bis heute der einzige König der Innerschweizer.

Königlicher Regen einst 1986 in Sitten. Königlicher Regen in Pratteln? Ein Himmelszeichen für die Innerschweizer?

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Die besten Bilder des Eidgenössischen 2022
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Joel Wicki hat es geschafft! Drei Jahre nach seiner Schlussgang-Niederlage gegen Christian Stucki krönt er sich in Pratteln zum neuer Schwingerkönig. Gegen Matthias Aeschbacher sah er lange wie der sichere Verlierer aus, doch der Innerschweizer konnte drei Minuten vor Schluss entscheidend zurückschlagen.
quelle: keystone / urs flueeler
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Video: watson
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17 Kommentare
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sweeneytodd
27.08.2022 19:11registriert September 2018
Für die Innerschweizer ist eigentlich alles angerichtet. Wicki und Reichmuth haben sich in eine top Ausgansglage geschaffen. Da Giger es leider vergeigt hat und die Berner schon etwas abgeschieden sind, wäre es endlich zeit für einen zweiten Innerschweizer König.
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Sharkdiver
27.08.2022 22:13registriert März 2017
Ich bin zum ersten Mal an einem Schwingfest. Es ist einfach krass was da hochgezogen wurde. Es ist spannend und toll hier. Das einzige was negativ krass ist, die Masse an sturzbetrunkene bereits um 5. während. Nicht mal an der Basler Fasnacht hat es so viele derbe schnapsdrosseln wie hier. Sehr schade.
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