Breezy Johnson gesellt sich zu 5 Olympiasiegern, die nie im Weltcup gewonnen haben
So mancher Ski-Legende war es nie vergönnt, den wohl grössten Traum vieler Einzelsportlerinnen und -sportler zu verwirklichen: Olympia-Gold. Didier Cuche und Maria Walliser sind zwei Beispiele aus der Schweiz. Beide gewannen an Weltmeisterschaften und zahlreiche Kristallkugeln, aber bei den Olympischen Spielen brachten sie es nie perfekt auf den Punkt. Gleiches gilt für Marc Girardelli und Renate Götschl, die zwar je 46 Weltcuprennen und mehrere WM-Goldmedaillen gewannen, sich aber nicht Olympiasieger nennen dürfen.
Breezy Johnson ist der umgekehrte Fall. Sie ist eine Frau für die besonderen Stunden. 2025 wurde sie in Saalbach Abfahrts-Weltmeisterin, 2026 schlug sie an den Olympischen Spielen in Cortina ebenfalls in der Königsdisziplin zu. Im Weltcup wurde sie schon drei Mal Zweite und sechs Mal Dritte – stand aber bisher noch nie zuoberst.
Um Menschen, denen am richtigen Tag das Rennen ihres Lebens gelang, soll es hier gehen: die anderen fünf Olympiasiegerinnen und Olympiasieger seit der Einführung des Weltcups im Jahr 1967, die wie Breezy Johnson nie im Weltcup gewannen.
Josef Polig
Kombination, 1992 in Albertville
«Niemand rechnete mit mir, nicht einmal ich selbst», sagte Josef Polig später über seinen Triumph bei den Olympischen Spielen in Albertville. Der Italiener sicherte sich in der Kombination, als diese neben der Abfahrt noch mit zwei Slalomläufen und an zwei Tagen ausgetragen wurde, die Goldmedaille vor seinem ebenfalls überraschenden Landsmann Gianfranco Martin und dem Schweizer Steve Locher.
Schon bei der Abfahrt gab es Probleme. Die Strecke wurde zu spät präpariert, weshalb das Rennen erst um 14.40 Uhr statt wie geplant um 10 Uhr gestartet werden konnte. Am nächsten Tag bei den Slaloms schneite es heftig. Paul Accola sagte später gemäss Tages-Anzeiger: «Es war die schlechteste Piste, die ich in meinem Leben gesehen habe. Bei jedem Skilager-Rennen waren die Verhältnisse besser.» Seinen Unmut zeigte der damals 24-jährige Schweizer, der im ersten Lauf gepatzt hatte, im zweiten Lauf deutlich: Er streckte beim Fahren die Zunge raus, überquerte die Ziellinie nach einer Pirouette rückwärts und zeigte der Jury den Mittelfinger. Seine Startnummer vergrub er dann im Tiefschnee.
Polig fuhr in der Abfahrt auf Platz 6, im Slalom war er insgesamt der fünftbeste. In Kombination reichte das «Speck-Joe» – Polig war ein Liebhaber von Fleischwaren, der den Konkurrenten jeweils Speck aus der Heimat verteilte – im Skandalrennen zu Olympia-Gold. Weder er noch die weiteren Medaillengewinner schafften es im Weltcup je auf ein Podest.
Kerrin Lee-Gartner
Abfahrt, 1992 Albertville
Ebenfalls in den französischen Alpen krönte sich Kerrin Lee-Gartner zur Olympiasiegerin. Die Kanadierin wurde an dem kalten Tag aufgrund vieler Verletzungen von Schmerzen geplagt, doch sie wusste, dass sie sich perfekt vorbereitet hatte. Sie hatte die Piste Stück für Stück analysiert, ging anders an die Trainingsfahrten heran als ihre Konkurrentinnen und war überzeugt: «Ich mag die Piste und heute könnte mein Tag sein.»
Und das wurde er tatsächlich. In einem knappen Rennen setzte sich die damals 25-Jährige mit sechs bzw. neun Hundertstelsekunden Vorsprung auf Hilary Lindh und Veronika Wallinger durch. Eine Enttäuschung erlebte die zu dem Zeitpunkt beste Abfahrerin der Welt: Katja Seizinger verpasste eine Medaille um drei Hundertstelsekunden – die Deutsche gewann später aber noch dreimal Olympia-Gold.
Lee-Gartners Triumph wurde in Kanada 2021 zum grössten Moment der Skigeschichte des Landes gekürt. Zwei Jahre nach ihrem grössten Erfolg trat sie 27-jährig zurück, nachdem ihre gute Freundin Ulrike Maier infolge eines schweren Sturzes verstorben war.
Daniela Ceccarelli
Super-G, 2002 in Salt Lake City
Einen Weltcupsieg fuhr Daniela Ceccarelli nie ein, aber weil sie kurz vor den Olympischen Spielen in Salt Lake City einen zweiten Platz im Super-G und einen dritten Platz in der Abfahrt erreichte, durfte sie immerhin zum erweiterten Kreis der Medaillenkandidatinnen gezählt werden. Mit der Startnummer 9 ging die damals 26-jährige Italienerin mit einem damals noch üblichen Spezialhelm in den Super-G. Ihrer zu dem Zeitpunkt führenden Landsfrau Karen Putzer nahm sie 27 Hundertstelsekunden ab. In der Folge kam lediglich noch Janica Kostelic an Ceccarelli heran – wegen fünf Hundertstelsekunden blieb Letztere aber vorn.
Ein weiteres Mal fuhr Ceccarelli im Weltcup noch aufs Podest. Bei Olympischen Spielen war in drei weiteren Rennen ein 15. Platz ihr Bestergebnis. Auch in Cortina dürfte die heute 50-Jährige dabei sein. Schliesslich ist sie mittlerweile Trainerin beim albanischen Skiverband, wo sie unter anderem ihre Tochter Lara Colturi betreut. Die 19-Jährige ist ebenfalls noch ohne Weltcupsieg …
Jean-Luc Crétier
Abfahrt, 1998 in Nagano
Die Abfahrt in Nagano ist noch heute vielen in Erinnerung: wegen des heftigen Sturzes von Weltcup-Dominator Hermann Maier, der wenige Tage später Doppel-Olympiasieger wurde. Den Sieger kennen hingegen wohl nur noch die wenigsten: Jean-Luc Crétier. Der Franzose startete unmittelbar vor Maier und machte das Rennen seines Lebens. Um vier Zehntelsekunden und mehr distanzierte der damals 31-Jährige die Konkurrenz.
Ein Weltcuprennen gewann Crétier vorher und nachher nicht. Im Dezember 1998 stürzte er bei der Abfahrt in Gröden schwer und erklärte danach seinen Rücktritt. Kürzlich teilte er mit, dass ihm seine Olympiamedaille im letzten Sommer gestohlen wurde. «Während einer Woche konnte ich nicht mehr schlafen. Es ist, als ob einem das Herz herausgerissen wurde», erklärte der untröstliche Crétier.
Debbie Armstrong
Riesenslalom, 1984 in Sarajevo
Ihr gelang ein Podestplatz im Super-G, im Gesamtweltcup war sie nie besser als 20. und in der Disziplinenwertung im Riesenslalom nie besser als Zwölfte. Und trotzdem ist Debbie Armstrong Olympiasiegerin. Weil die damals 20-jährige US-Amerikanerin im Februar 1984 im Riesenslalom den besten Tag erwischte. Ihre Landsfrau Christin Cooper holte Silber, die französische Slalomspezialistin Perrine Pelen Bronze.
Nur auf Platz 7 fuhr die Schweizerin Erika Hess, die den Weltcup in jener Saison dominiert hatte, bei Olympia aber nie triumphierte. Später erzählte sie im Blick: «Ich habe den Druck gespürt, vielleicht auch, weil ich an der Eröffnungsfeier Fahnenträgerin war. An Olympia erwartet das ganze Land Medaillen von einem.» Von Armstrong erwartete hingegen niemand eine Medaille – ein Erfolgsrezept, das vielleicht auch bei Mailand-Cortina 2026 zu einem Überraschungserfolg führen könnte.
