Stürze, Umwege und Akrobatik-Einlagen – die verrücktesten Rennen von Kitzbühel
Die grosse Frage vor der Abfahrt in Kitzbühel wiederholt sich seit Jahren: Gewinnt Marco Odermatt und schliesst damit die letzte Lücke in seinem Palmarès? Die Antwort erhalten die Skifans am Samstag. Für Schlagzeilen sorgen auf der Streif aber nicht nur die Sieger. Der etwas andere Rückblick.
Zurbriggen gewinnt zweimal an einem Tag (1987)
Als Pirmin Zurbriggen am Abend des 25. Januar 1987 im Privatjet von Innsbruck nach Sion sitzt, spricht er vom anstrengendsten Tag seines Lebens. «So etwas darf es kein zweites Mal geben», sagt er dem «Blick».
Schuld ist der Nebel. Weil schlechtes Wetter kein Rennen am Samstag zulässt, findet die Abfahrt für einmal am Sonntag statt. Und Zurbriggen gewinnt. 73 Hundertstelsekunden ist er schneller als der Österreicher Erwin Resch. Rang drei belegt Zurbriggens grosser Rivale Peter Müller.
Zeit zum Jubeln bleibt Zurbriggen allerdings keine. Später am selben Tag findet in Kitzbühel auch noch der Slalom statt. Und Zurbriggen liebäugelt mit dem Sieg in der Kombination. Also eilt er ins Hotel und schnappt sich seine Slalomausrüstung. Der erste Lauf gelingt dem Schweizer noch einigermassen gut, im zweiten Durchgang geht ihm dann aber die Kraft aus. Unter den Slalom-Spezialisten klassiert sich Zurbriggen im 18. Rang.
Zum Sieger wird er trotzdem. Zurbriggen gewinnt die Kombination und damit sein zweites Weltcuprennen innerhalb von fünf Stunden. Wobei die Konkurrenz in der Kombination deutlich kleiner ist als in der Abfahrt. Nur der Liechtensteiner Andreas Wenzel bestreitet ebenfalls beide Rennen.
Eine Grätsche beim Zielsprung (2004)
Beim ORF können sie es am 24. Januar 2004 kaum fassen: «Schau dir den Hund an. Das ist ein Irrer. Das geht um die Welt!» Grund für die Aufregung ist Kristian Ghedina. Oder besser gesagt: dessen Kabinettstückchen beim Zielsprung. Mit fast 140 km/h öffnet der Italiener im Flug beide Beine zur Grätsche und übernimmt die Führung. Am Ende reicht es zu Rang sechs.
Nach seiner Karriere erinnerte sich Ghedina in einem Interview: «Alle reden nur von dem Sprung. Viele wissen gar nicht, dass ich 1998 auch einmal in Kitzbühel gewonnen habe.» Am Ursprung der Akrobatik-Einlage stand übrigens eine Wette mit seinem Cousin. Der Einsatz: Pizza und Bier.
Ghedina ist aber nicht der Einzige, der beim Zielsprung ein Kunststück vollführt. 2016 greift Beat Feuz im Training mit einer Hand an seinen Ski und zeigt einen sogenannten «Grab». Danach sagt der Berner: «Bei der Ausfahrt der Traverse ist mir die Idee zu diesem Spässchen gekommen.»
Umleitung über den Slalomhang (2014)
Weil die Temperaturen im Januar 2014 viel zu hoch sind und der Schnee knapp, entscheidet sich die Jury für eine unpopuläre Massnahme. Statt über die Hausbergkante und die Traverse zu fahren, wird die Abfahrt über den Slalomhang umgeleitet. In deutschen Medien ist die Rede von einer «Tussi-Route», da wie schon 1972 und 1998 die Schlüsselpassagen fehlen.
Den Österreichern ist's egal. Erstmals seit acht Jahren (2006 gewann Michael Walchhofer) gibt es in der Abfahrt einen Heimsieg. Dank Hannes Reichelt. Dabei kann dieser noch kurz vor dem Start kaum laufen. Starke Rückenschmerzen quälen Reichelt. Beim Siegerinterview sagt er: «Wo bekomme ich einen Sessel her, ich muss mich setzen.» Zwei Tage später wird Reichelt operiert. Die Diagnose lautet: schwerer Bandscheibenvorfall.
Millers Fahrt über die Werbebande (2008)
Verrückte Fahrten gibt es von Bode Miller einige. 2007 zum Beispiel, als er in Wengen im Ziel-S bewusst einen Sturz in Kauf nimmt – und die Abfahrt trotzdem gewinnt. Oder 2005, als er in der Abfahrt der WM-Kombination in Bormio einen Ski verliert und einfach weiter fährt – 90 Sekunden lang.
2008 zeigt Miller dann auch in Kitzbühel ein Kabinettstückchen. Bei der Ausfahrt aus dem Steilhang gerät der US-Amerikaner viel zu tief und bewegt sich in Richtung der Sicherheitsnetze. Doch statt abzubremsen, bleibt er auf Zug und fährt mit beiden Ski entlang der Werbeplane, die senkrecht an den Sicherheitsnetzen angebracht ist. Das Rennen beendet Miller auf Rang zwei. Nur 27 Hundertstelsekunden hinter Didier Cuche.
Der mehrfache Überschlag (1995)
Grosse Mengen Neuschnee retten Pietro Vitalini im Januar 1995 wohl das Leben, als er in der Zieltraverse die Kontrolle über seine Ski verliert. Der Italiener hebt bei einer Bodenwelle ab, wird über die Sicherheitsnetze geschleudert und überschlägt sich mehrfach im tiefen Schnee. Wie durch ein Wunder bleibt Vitalini unverletzt und winkt in Richtung der Fans im Ziel. Am nächsten Tag tritt er zur zweiten Abfahrt an und wird Fünfter.
Die Schweizer Siegerin (1955)
Von 1932 bis 1961 finden auf der Streif regelmässig Frauenrennen statt. Und 1955 gewinnt mit Madeleine Berthod sogar eine Schweizerin. Vor einem Jahr erinnerte sich die mittlerweile 94-Jährige im Tages-Anzeiger daran: «Ich hatte keine Angst, wieso auch? Noch heute würde ich einfach den Kopf zwischen die Beine nehmen und runter flitzen.»
Die Streckenführung von damals ist zwar nicht vergleichbar mit jener der Männer heute. Frauenrennen in Kitzbühel bleiben allerdings weiterhin im Gespräch. Zum Beispiel dank Lindsey Vonn. Die US-Amerikanerin hat mehrmals mit einem Start bei den Männern kokettiert. Erfüllt wurde ihr Traum nicht. Dafür fuhr sie die Streif 2023 werbewirksam bei Dunkelheit.
Zu einem offiziellen Comeback von Frauenrennen auf der Streif kam es vor einem Jahr. Im Rahmen des Europacups fanden in Kitzbühel zwei Super-G auf verkürzter Strecke statt. Die österreichische Siegerin Nadine Fest sagte der «Kleine Zeitung»: «Mein Herz hat am Start schon ein paar Schläge höher geschlagen. Der Mythos Streif kommt nicht von irgendwo.» (riz/aargauerzeitung.ch)
