Noch ist unklar, weshalb die 18-jährige Muriel Furrer im Juniorinnen-Rennen der WM in Zürich gestorben ist. Rund ein Jahr nach Gino Mäders Tod an der Tour de Suisse verlor erneut ein junges Schweizer Radtalent sein Leben bei der Ausübung seiner Leidenschaft.
Auch Mäder war in einer Abfahrt gestürzt, genau wie Furrer und auch wie der Norweger André Drege, der im Juli an der Österreich-Rundfahrt ums Leben kam. Es sind Unfälle wie diese, welche den Tour-de-France-Direktor Christian Prudhomme eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Aussage machen liessen. «Die Rennen müssen langsamer werden», sagte er in einem Interview mit dem Magazin «Tour».
Das erscheint paradox in einem Sport, in dem es darum geht, schneller als alle anderen im Ziel zu sein. Aber wenn auch die Gegner langsamer sind, ergibt die Aussage Sinn. «Natürlich wollen die Profis so schnell wie möglich fahren, sie wollen gewinnen. Aber wenn die Geschwindigkeit weiter steigt, werden wir noch mehr Unfälle erleben», sagte Prudhomme noch vor den tödlichen Stürzen von Drege und Furrer.
Es gibt drei Punkte, bei denen man den Hebel ansetzen kann. Da ist einerseits die Strecke: Hier ist der Ausrichter in der Pflicht, etwa indem er keine zu schnellen, unübersichtlichen Abfahrten einplant.
Der zweite Punkt ist das Verhalten der Fahrerinnen und Fahrer: Wer bremst, verliert. Erst das Rennen, dann bei ausbleibenden Erfolgen den Job. «Wenn du Schwäche zeigst oder nicht das nötige Risiko eingehst, dann gibt es hinter dir 20 andere Fahrer, die es tun würden», betonte Ex-Profi Adam Hansen, der Chef der Fahrergewerkschaft CPA.
Und dann ist da das Material. Es wird immer besser, was dazu verleitet, riskanter zu fahren und später zu bremsen. Für Tour-Direktor Prudhomme ist dies der entscheidende Punkt. Scheibenbremsen seien so effektiv, dass die Fahrer erst viel später bremsen müssen als damals, als die Velos noch Felgenbremsen hatten.
«Wir müssen den technischen Fortschritt stoppen», forderte Prudhomme. Man ist kein Prophet, wenn man behauptet, dass sich der Fortschritt nicht aufhalten lässt. Im Gegenteil: Es sollte vermehrt dazu geforscht werden, wie sich die Sicherheit auf zwei Rädern erhöhen lässt. Das käme letztlich nicht nur dem Rennsport, sondern allen zugute, die Velo fahren.
Der Schweizer Verband Swiss Cycling hat nach dem tödlichen Sturz von Gino Mäder die Anstrengungen in dieser Hinsicht intensiviert. Geschäftsführer Thomas Peter erläuterte im SRF, wie an besseren Helmen getüftelt wird. «Wir tragen alle einen Standardhelm, den es in verschiedenen Grössen gibt, aber kein einziger ist auf die individuelle Kopfform des Trägers angepasst.» Peter schilderte, wie dies im Motorsport seit einiger Zeit der Fall sei.
«Wir können heute nicht sagen, ob dies der Schlüssel zu einer Verbesserung ist. Aber es ist wichtig, dass wir mit einer Studie versuchen herauszufinden, ob dies die Sicherheit erhöhen könnte.» Swiss Cycling arbeitet mit der Universität Bern daran, auch der Radsport-Weltverband UCI ist ins Projekt involviert.
Tour-de-France-Direktor Prudhomme hofft, dass sich auch bei der Bekleidung etwas tut: «Die Fahrer tragen nur ein dünnes Stückchen Stoff über dem Körper. Es gibt so viele geniale Ingenieure, wir sollten sie damit beauftragen, eine Schutzkonstruktion für die Profis zu entwickeln.» Auch in dieser Hinsicht tat sich schon etwas. Vor vier Jahren stellte Hersteller Craft Trikots und Hosen mit besonders starken Fasern vor, die schwere Hautabschürfungen im Falle eines Sturzes verringern sollen.
Auch Veranstalter leisteten zuletzt ihren Beitrag daran, dass die Rennen sicherer werden. So musste in diesem Jahr bei Paris–Roubaix vor der Einfahrt in den gefürchteten Wald von Arenberg, wo es regelmässig schwere Stürze gab, eine Schikane befahren werden. Auf diese Art wurde das Tempo reduziert.
Vor besonders scharfen Kurven warnen Mitglieder der Sicherheitsstaffel die Fahrer mit Trillerpfeifen und Winken. Teils werden Tafeln mit grossen Pfeilen aufgestellt, damit die Fahrer nicht in gänzlicher Ungewissheit zu Tale rasen.
Auch mit einer Regeländerung wurde versucht, die Geschwindigkeit zu drosseln. Die Supertuck-Position, bei der man sich auf das Oberrohr kauert, wurde verboten. Das Tempo ist manchmal dreistellig, der Deutsche Marcus Burghardt brachte es 2016 an der Tour de France auf 130,7 km/h. «Wir machen das ja unser ganzes Leben lang, haben eine sehr gute Rad-Beherrschung, daher ist das nicht sonderlich gefährlich», sagte er danach.
Seither haben sich die Velos, die Bremsen und auch die Pneus noch einmal weiter entwickelt. Letztere sind breiter geworden, was den Grip erhöht und so mehr Sicherheit gibt. Die Kehrseite der Medaille: Die grössere Sicherheit kann zu einer höheren Risikobereitschaft verleiten.
'Super Tuck' memories.
— Cyclocross24.com (@cyclocross24) February 5, 2021
(Position will be banned by UCI as of 1 April.)pic.twitter.com/Jz0o4M7KpA
Ist man in einer Abfahrt primär für seine eigene Gesundheit verantwortlich, so ist man das im Feld auch für jene der Berufskollegen. Um gefährliche Zwischenfälle zu reduzieren, werden Fahrern neu wie im Fussball Gelbe Karten gezeigt, wenn sie die Sicherheit anderer gefährden.
Wer ab nächstem Jahr in der gleichen Rundfahrt zwei Mal Gelb sieht, wird disqualifiziert und für sieben Tage gesperrt. Wer in einem Jahr sechs Gelbe Karten sammelt, wird für einen Monat aus dem Verkehr gezogen. Adam Hansen von der Fahrergewerkschaft verspricht sich viel davon. «Das wird eine grosse Verbesserung geben, denn bislang wird niemand bei Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen», sagte der Australier zur Deutschen Welle.
Die UCI hat ausserdem nach dem Unfall von Gino Mäder eine Datenbank eingerichtet, in der alle Stürze bei den Profis und deren Folgen eingetragen werden. So sollen mögliche Muster erkannt und daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden, um Rennen sicherer zu machen.
Was sich nicht ändern wird, sind die Besonderheiten des Radsports. «Wir sind in keinem Stadion. Wir sind auf offenen Strassen unterwegs und viele Unfälle finden auch im Training statt», hielt UCI-Präsident David Lappartient nach dem Tod von Muriel Furrer fest. «Man fragt sich immer, was man mehr machen kann. Wir haben viel verbessert, aber müssen noch viel tun. Die Sicherheitsfrage ist aber keine leichte.»
Zum Abschluss der WM gehörten die grossen Schlagzeilen Tadej Pogacar, dem neuen Weltmeister der Männer. Der Slowene, der nach einer epischen Attacke 100 Kilometer vor dem Ziel solo zum Titel fuhr, erinnerte nach seinem Triumph an Furrers Tod: «Radfahren ist ein gefährlicher Sport, aber wir haben in den letzten Jahren auf jeden Fall zu viele tödliche Unfälle gesehen. Unser Sport wird gefährlicher. Es ist wichtig, dass wir aufeinander Acht geben.»
Der ganze Sport ist extrem in vieler Hinsicht... die fahren so kompakt, wenn einer fällt, fallen alle.
Ein Fehler und einzig das Schicksal entscheidet.