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Winter

Diese Schweizerin schwimmt an der Eiswasser-WM – dabei hasste sie Kälte

Claudia Schafer Eisschwimmen
Schwimmerin Claudine Schafer wird in Samoëns ihre erste WM in eisigem Wasser bestreiten.Bild: claudine schafer

«Ich hasste die Kälte» – aber jetzt schwimmt diese Schweizerin bei der WM in Eiswasser

480 Wagemutige nehmen an diesem Wochenende an den Weltmeisterschaften im Eiswasserschwimmen (ca. 4°C) in Frankreich teil. Zu den 17 Schweizer Teilnehmern gehört die Genferin Claudine Schafer. Sie erzählt uns von ihrer Leidenschaft für diesen Extremsport.
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14.01.2023, 09:1014.01.2023, 13:26
Yoann Graber
Yoann Graber
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Claudine Schafer wird heute Samstag in Samoëns in Hochsavoyen ihre ersten Weltmeisterschaften im Eiswasserschwimmen bestreiten. Noch vor sechs Jahren hätte die 55-jährige Genferin dies nie für möglich gehalten. «Ich habe die Kälte gehasst, sie war schrecklich für mich», lacht sie am anderen Ende der Leitung.

Aber seitdem ist viel (Eis-)Wasser unter den Brücken geflossen. Claudine Schafer kam durch eine Kryotherapie auf den Geschmack, bei der sie in einer Kammer bei extrem niedrigen Temperaturen völlig untergetaucht war. «Ich musste eine Sehnenentzündung in den Schultern behandeln, die mich daran hinderte, im Schwimmbad zu schwimmen», erinnert sich die Triathletin, die nach einer mehrjährigen Pause gerade wieder mit dem Sport begonnen hatte.

Auch im Winter immer im Wasser

Bingo! Die Kryotherapie war für sie eine echte Offenbarung: «Die Behandlung hatte eine tolle Wirkung! Von da an sagte ich mir: Okay, ich habe mich entschieden, jetzt werde ich im Winter einmal pro Woche im See schwimmen gehen.»

WM Eisschwimmen Samoens
Die malerische Wettkampfstätte in Samoëns.Bild: claudine schafer

Es ist eine Untertreibung zu sagen, dass das Eis zwischen Claudine Schafer und dem kalten Wasser gebrochen ist. Dieser Winter ist der vierte, den die Genferin komplett durchschwimmt, indem sie im Genfersee schwimmt. Ein wichtiges Detail: Sie geht im Badeanzug, um die Bedingungen der offiziellen Wettkämpfe, bei denen keine Neoprenanzüge getragen werden dürfen, nachzuempfinden. Sie hat ihren guten Vorsatz eingehalten und trainiert wöchentlich mit einem Coach. «Manchmal ist er nicht physisch anwesend, aber er leitet die Sitzung online», erklärt die 55-Jährige.

Reise nach Russland und Messer in den Händen

Schafer hat sich so für das Eisschwimmen begeistert, dass sie im vorigen Februar nach Russland reiste. Sie testete ihre Fähigkeiten im eiskalten Wasser der Newa in St.Petersburg. «Es war null Grad kalt», sagt Claudine Schafer und zittert beim Gedanken daran immer noch ein wenig.

«Als ich sah, wie die Organisatoren die Schwimmbahnen freimachten, indem sie Eisblöcke mit Hämmern zerschlugen, dachte ich: Was hast du dir da nur eingebrockt?» Letztendlich beruhigte sich die Genferin jedoch bei ihrem Aufenthalt in Russland, wo sie zwei dritte Plätze in ihrer Altersklasse belegte.

Claudia Schafer Eisschwimmen
Claudine Schafer an der Newa in St.Petersburg.Bild: claudine schafer

Sie hat auch festgestellt, dass sie 100 Meter unter extremen Bedingungen schwimmen kann, nachdem sie sich zuvor bei Wettkämpfen mit kleineren Distanzen (25 m und 50 m) zufrieden gegeben hatte. Denn ja, selbst für eine Sportlerin mit einer hervorragenden körperlichen Verfassung wie Claudine Schafer (sie nimmt an Ironmans teil und ist 170 cm gross und 52 kg schwer) bleibt diese Aktivität riskant. Und manchmal auch schmerzhaft. «In den ersten Sekunden im Wasser denkt man: Wow! Es ist ein aussergewöhnliches Gefühl im Körper, als würde man euphorisierende Hormone ausschütten», sagt die Schwimmerin.

Für lange Distanzen zu dünn

Bis zu einer Strecke von 50 Metern (ca. 40 Sekunden) gibt sie an, dass sie die Kälte nicht spürt. Doch dieser angenehme Effekt kann schnell nachlassen und sich in Unbehagen verwandeln. «Beim Training, wo ich manchmal bis zu 500 Meter weit schwimme, spüre ich nach einer Weile so etwas wie kleine Elektroschocks in den Fingern, die sich wie Stacheln anfühlen. Das ist das Signal, das mir sagt, dass ich aufhören muss.»

Im Gegensatz zu anderen hat Schafer das Glück, dass sie zum Beispiel keine Kopfschmerzen oder Fussschmerzen hat. «Manchmal spürt man nichts mehr in den Armen. Man hat das Gefühl, als würden Nadeln oder sogar Messer in die Hände stechen. Der Schmerz ist intensiv», erzählte der französische Crack Axel Reymond, der über die 1000 m startet, gegenüber «Franceinfo».

An die Kilometer-Distanz will Claudine Schafer, die die 50 und 100 m Freistil sowie die 4x250 m Staffel schwimmen wird, nicht wagen. «Da ich dünn bin, habe ich zu viel Angst um meine Organe», argumentiert sie.

Ärzte wachen am Beckenrand

Bevor ihre Anmeldung für die Weltmeisterschaften bestätigt wurde, mussten die Schweizerin und alle anderen Teilnehmer ein ärztliches Attest mitbringen und vor Ort Tests absolvieren, darunter ein Elektrokardiogramm. Alle Schwimmer, die 250 Meter oder mehr zurücklegen, sind mit einem Sicherheitsgurt ausgestattet und Ärzte wachen jederzeit am Beckenrand.

«Sobald sie sehen, dass unser Schwimmstil weniger flüssig wird oder dass wir im Vergleich zu den vorherigen Längen zu langsam werden, holen sie uns aus dem Wasser. Und wir müssen das akzeptieren», lobt Schafer das Protokoll.

Anders als bei Wettkämpfen im Schwimmbecken, bei denen die Athleten das Rennen mit einem Sprung beginnen, dürfen die Eiswasserschwimmer vor dem Startschuss fünf Sekunden im Wasser schwimmen, um sich an die Temperatur zu gewöhnen und einen hypothermischen Schock zu vermeiden.

Top 15 als Ziel

Und was sind ihre sportlichen Ziele? «Ich hoffe, dass ich über 100 m in die Top 15 komme.» Sie lacht und fügt hinzu: «Aber als ich die Liste der 100 Teilnehmerinnen mit Schwimmerinnen aus den USA oder Marokko gesehen habe, hat mich das etwas beunruhigt. Ich denke mir, dass diese Schwimmerinnen, die von so weit her kommen, wirklich Cracks sein müssen.»

Ihre fröhliche Stimme ist unverkennbar: Claudine Schafer freut sich auf ihre erste Weltmeisterschaft. Sie wird am Samstag mit dem 100-Meter-Rennen, ihrer Paradedisziplin, beginnen. Aber die Genferin ist bereit, sich überraschen zu lassen: «Ich bin eine Ausdauersportlerin, also ist es gut möglich, dass ich über 250 m noch besser sein werde, auch wenn ich diese Strecke zum ersten Mal schwimme», lächelt sie.

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Du findest es kalt in der Schweiz? DAS ist kalt
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Du findest es kalt in der Schweiz? DAS ist kalt
Also wenn das mal nicht schulfrei bedeutet.
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11 Kommentare
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insert_brain_here
14.01.2023 11:50registriert Oktober 2019
Beeindruckend zu was der menschliche Körper mit Fleiss und Disziplin im Stande ist, meinen allerhöchsten Respekt!
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