Keinem Skifahrer hören wir in Interviews lieber zu als Niels Hintermann
Der nächste Halt in der Achterbahnfahrt durchs Leben könnte für Niels Hintermann heissen: Olympische Spiele.
Nach einem 7. Rang in Gröden hat er seine Ausgangslage mit Rang 6 in Kitzbühel markant verbessert. Gut möglich, dass Hintermann in Bormio als vierter Schweizer Starter neben Marco Odermatt, Franjo von Allmen und Alexis Monney antreten kann. «Ich hoffe es natürlich», sagte Hintermann.
Damit konnte vor dem Winter nicht gerechnet werden, denn für Hintermann ist es eine Comeback-Saison. Er war nicht, wie viele Berufskollegen, verletzt – sondern kämpfte sich nach einer Erkrankung an Lymphdrüsenkrebs zurück.
«Ich war komplett ‹uf dä Schnurrä›»
Mittlerweile gilt Niels Hintermann als krebsfrei, aber das heisst nicht, dass sein Körper schon wieder tadellos allen Belastungen standhält. Im SRF-Interview erzählte der 30-Jährige von den schwierigen letzten Tagen, die er in Kitzbühel verlebt hatte – frisch von der Leber weg, so wie immer, wenn Hintermann vor einem Mikrofon steht.
«Die ganze Woche war ‹huere› schwierig», begann Hintermann seinen Monolog. Letzte Woche sei er überhaupt nicht ins Fahren gekommen. «Dann bin ich hierhin angereist und war ‹komplett uf dä Schnurrä›, ich hatte Muskelkater und konnte kaum Treppensteigen. Während der zwei Trainings fühlte mich wirklich unterirdisch und niemand wusste, weshalb.»
«Das regt mich grauenhaft auf»
Es sei nicht so gewesen, dass er zu viel Kondition trainiert hätte, sagte «Cinghi», den sie in Anlehnung an das italienische Wort für Wildsau so nennen. In Kitzbühel sei dann das Training angepasst worden und er habe viel Physiotherapie gemacht. «Und jetzt brachte ich zum ersten Mal in diesem Jahr Kopf und Körper gemeinsam an den Start. Vom ersten Stockstoss an konnte ich pushen, ich habe mich wohlgefühlt. Ich musste relativ viel improvisieren, aber da wusste ich: Das heisst wahrscheinlich, dass ich nicht so langsam bin.»
Den routinierten Zürcher ärgerte vor allem eine Passage: die Schlüsselstelle am Hausberg. «Das regt mich grauenhaft auf. Ich bin jetzt zum siebten oder achten Mal hier, aber ‹diä huerä Kurvä› habe ich nicht ein einziges Mal richtig erwischt. Jedes Mal springe ich dort ins Nirwana raus! Ich weiss nicht, wie blöd man dort sein kann.»
Ein Sieger der anderen Art
Insgesamt sei er aber wirklich zufrieden, bilanzierte Niels Hintermann – vor allem nach dieser Woche. Er dankte allen Trainern, die ihn unterstützt hätten. «Das ganze Team, auch ‹Odi›, alle zusammen haben mich heute hierhin gebracht.»
Der angesprochene Marco Odermatt brillierte ein weiteres Mal und fuhr zum 100. Mal im Weltcup aufs Siegerpodest. Dennoch war er im Ziel zunächst sehr niedergeschlagen, denn den grossen Traum vom Abfahrtssieg in Kitzbühel musste Odermatt als Zweiter hinter dem Italiener Giovanni Franzoni um ein weiteres Jahr vertagen.
Niels Hintermann war ein Sieger der anderen Art. «Wenn man überlegt, wo ich vor einem Jahr gewesen bin, dann bin ich schon sehr stolz darauf, was ich heute zeigen konnte.»
