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Strahlend schön: Das Atomkraftwerk Gösgen.<br data-editable="remove">
Strahlend schön: Das Atomkraftwerk Gösgen.
Bild: KEYSTONE

Der «bewährte Energiemix» ist wie eine gedruckte Zeitung – ein Auslaufmodell

Die Strombranche wird auf den Kopf gestellt, alte Geschäftsmodelle krachen zusammen. Den Strombaronen ergeht es gleich wie den Verlegern; und für beide gilt: «Zurück in die Vergangenheit» ist zur Illusion verkommen.
17.03.2016, 06:5604.04.2016, 16:26

Seit der Stromkonzern Alpiq laut darüber nachdenkt, eine Minderheit seiner Staudämme zu verhökern, tobt in der Schweiz ein heftiger Streit über die Zukunft der Energieversorgung. Parallelen zum Swissair-Groundig und dem Bail-out der UBS werden gezogen, düstere Ausverkaufszenarien wie der Teufel an die Wand gemalt.

Die SVP will zurück ins Atom-Réduit

Einmal mehr spielt sich dabei die SVP als vermeintliche Hüterin des Altbewährten auf. In der «SonntagsZeitung» will Christoph Blocher die Atomenergie subventionieren, sein Parteikollege Gregor Rutz verkündet derweil in der «NZZ am Sonntag»:

«In etlichen EU-Ländern werden Wind- und Sonnenenergie mit massiven Subventionen unterstützt. So versucht man, den Ausstieg aus der Kernkraft zu bewerkstelligen und den bewährten Produktionsmix zu zerstören.»
Zuhinterst im Glarnerland wird die Staumauer Muttsee gebaut.<br data-editable="remove">
Zuhinterst im Glarnerland wird die Staumauer Muttsee gebaut.
Bild: KEYSTONE

Der bewährte Produktionsmix sah in der Schweiz bisher wie folgt aus: Atom- und Flusskraftwerke liefern so genannte Bandenergie, will heissen: Sie produzieren rund um die Uhr gleichmässig Strom, weil sich das am besten rechnet. Die Stauseen in den Bergen werden im Winter und zu Spitzenzeiten angezapft. Gleichzeitig wird mit der billigen Bandenergie Wasser zurückgepumpt und so veredelt.

Dieses Geschäftsmodell hat sich in der Schweiz tatsächlich lange bewährt. Die Stromkonzerne konnten ihren Versorgungsauftrag locker erfüllen und verdienten sich mit dem Verkauf des edlen Stroms ins Ausland gleichzeitig dumm und dämlich. Weil der Strommarkt zudem in regionale Monopole aufgeteilt war, mussten sie sich nicht vor Konkurrenz fürchten.

Was Stombarone und Verleger verbindet

Die komfortable Situation der Stromkonzerne lässt sich vergleichen mit der Lage der Verleger in der Nachkriegszeit. Auch sie genossen damals weitgehend regionale Monopole und ein Geschäftsmodell, das kaum Wettbewerb zuliess. Es gab – wie es in der Fachsprache heisst – hohe Eintrittsbarrieren. Ohne eine teure Druckerei und ein noch teureres Vertriebsnetz war das Verlagsgeschäft nicht zu machen. Beides schreckte potentielle Konkurrenten wirksam ab. Jahrzehntelang verdienten sich die Schweizer Verleger deshalb dumm und dämlich.

Opfer der Digitalisierung: Die ehemalige NZZ-Druckerei in Schlieren.&nbsp;<br data-editable="remove">
Opfer der Digitalisierung: Die ehemalige NZZ-Druckerei in Schlieren. 
Bild: KEYSTONE

Seit der Jahrhundertwende hat sich das grundlegend verändert. Internet und Smartphone haben die Medienindustrie «disruptiert» und dafür gesorgt, dass das alte Geschäftsmodell zur Makulatur geworden ist. Ob es in zehn Jahren noch Tageszeitungen geben wird, ist deshalb fraglich geworden; und wie man mit einem Onlineportal auf dem Smartphone richtig Geld verdient, ist erst in Umrissen erkennbar.

Niemand mag es, wenn er disruptiert wird

Weder für Verleger noch für Journalisten ist diese «Disruption» eine angenehme Erfahrung. Ebitda-Margen schmelzen, die Löhne schrumpfen und die Sparrunden drehen sich in einer Endlosschlaufe. Der Wunsch, zum «Produktionsmix» der Vergangenheit zurückzukehren, ist daher verständlicherweise auch in der Medienbranche weit verbreitet. Aber gleichzeitig mehrt sich die Einsicht, dass Print ein aussterbendes Geschäftsmodell ist. Zögerlich beginnt man, sich mit der neuen digitalen Realität abzufinden.

Wer rechnet, rüstet auf Solarenergie um.<br data-editable="remove">
Wer rechnet, rüstet auf Solarenergie um.
Bild: TI-PRESS

Die Energiebranche wird auf ähnliche Art und Weise disruptiert. Der Schweizer Strommarkt ist inzwischen teilliberalisiert worden, will heissen: Grosskunden können ihren Lieferanten auswählen. Sehr viel entscheidender ist jedoch, was sich auf dem Gebiet der Produktion abspielt. Solar- und Windenergie sind dem Kinderstadium entwachsen und zu ernsthaften Konkurrenten der traditionellen Player geworden.

Die Deutschen geben den Ton in der Energiewende an

Vor allem die Deutschen machen Ernst mit der Energiewende und investieren viel in den Ausbau von Solar- und Windenergie. Das hat dazu geführt, dass es heute auf dem internationalen Strommarkt ein Überangebot gibt, und infolgedessen die Preise in den Keller rasseln.

(Es ist – das nur nebenbei – mehr als ironisch, dass ausgerechnet die Vertreter des bewährten Produktionsmix sich über die tiefen Strompreise beklagen und die nachhaltige Energie dafür verantwortlich machen. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Müssen so schnell wie möglich vom Netz: die dreckigen Kohlekraftwerke.<br data-editable="remove">
Müssen so schnell wie möglich vom Netz: die dreckigen Kohlekraftwerke.
Bild: AP CHICAGO TRIBUNE

Die Situation auf dem Energiemarkt hat sich mittlerweile grundlegend verändert. Strom aus Kohlekraftwerken ist zwar billig, aber im Zeitalter der Klimaerwärmung nicht mehr vertretbar. Die Kohlekraftwerke müssen abgeschaltet werden, je schneller, desto besser. In Deutschland haben deshalb die grossen Energiekonzerne bereits begonnen, das dreckige Kohlengeschäft in eine «bad bank» auszulagern.

Der Atomriese EDF befindet sich in grossen Nöten

Auch die Atomenergie ist zu einem Auslaufmodell geworden. Sie ist erstens zu riskant und zweitens nicht mehr wirtschaftlich. So ist kürzlich der Finanzchef des französischen Staatsmonopolisten EDF zurückgetreten, weil er das Geschäftsgebaren der Firma nicht mehr verantworten konnte. Vor allem der geplante Atommeiler in England, Hinkley Point, den EDF im Auftrag der britischen Regierung bauen sollte, droht zu einem Fiasko zu werden.

Tatsächlich ist der geplante Atommeiler vom Typ EPR ein Schrecken ohne Ende. In Finnland ist ein gleicher Reaktortyp seit Jahren im Verzug und mehr als fünf Milliarden Euro über Budget. Im französischen Flamanville muss gar ein halb gebauter EPR möglicherweise wieder abgerissen werden. Die beiden renommierten Finanzblätter «Financial Times» und «Economist» haben daher in den letzten Tagen die britische Regierung dringend aufgefordert, das Experiment Hinkley Point unverzüglich abzubrechen.

Wer würde heute noch eine Tageszeitung lancieren?

Unverdrossen wollen derweil die Schweizer Atom-Träumer weitermachen wie bisher. «Weltweit werden Kernkraftwerke gebaut – ausser in der Schweiz und Deutschland», behauptet Rutz trotzig. Das ist zwar nicht ganz falsch, aber irreführend. Atommeiler werden vor allem in China noch gebaut, wobei selbst die Chinesen das Schwergewicht zunehmend auf erneuerbare Energie legen. In den USA – nach wie vor führend in Sachen Spitzentechnologie führend – sind die Energiewürfel jedoch gefallen: Die Zukunft gehört der Solar- und Windenergie.

Auch hier gibt es eine Parallele zum Verlagsgeschäft. Was Rutz von der Atomenergie behauptet, gilt auch für das Printgeschäft. Weltweit steigt die Anzahl der gedruckten Zeitungen nach wie vor. Das hängt in diesem Fall nicht mit China, sondern mit Indien zusammen. Für Schweizer Verleger eröffnet sich so allenfalls eine Möglichkeit, ausrangierte Druckmaschinen abzustossen. Doch wer würde hierzulande eine neue Tageszeitung auf den Markt werfen wollen, bloss weil in Neu Delhi der Printmarkt boomt?

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23 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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dracului
17.03.2016 08:08registriert November 2014
In der Paralyse durch den Konservatismus sehe ich die grösste Gefahr - überall in der Welt. Die Idylle zu Ankers Zeiten oder als man genüsslich die NZZ ausbreitete, ist vorbei. Die Bewahrer könnten bspw. der (teils staatlichen) ETH ein wenig Druck machen und Gelder für die Problemlösung priorisieren. Wenn man die Landwirtschft und das Militär vergoldet und bei der Bildung spart, gegen Zusammenarbeit im globalen Markt ist, Schuldzuweisungen an Ausländer macht, manövriert man uns effizient ins Aus. Let me Tell you: Verwalter und Bewahrer sind die neuen Vögte!
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Lowend
17.03.2016 08:43registriert Februar 2014
Die Energieversorgung durch Grosskraftwerke ist ein Auslaufmodel, denn mit heutigen Technologien kann man unendlich viele kleine und kleinste Energieversorger zu einem flächendeckenden Netz verbinden und so die Energie von Photovoltaik, Wasserkraft, Industrieabwärme, usw. direkt in das Stromnetz abgeben. Solche dezentrale Versorgung bietet aber nicht das Machtpotenzial, dass AKW's haben und rechtfertigt auch nicht die Aufrüstung eines Sicherheitsapparates. Eigentlich müsste die rechten Ultras ja dafür sein, dass Energie lokal hergestellt wird, aber hier geht es um die Macht ihrer Financiers!
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Scaros_2
17.03.2016 08:19registriert Juni 2015
Bei aller Liebe zu "Der Staat subentioiert den Stromausbau". Ja Deutschland subventioniert das wirklich toll, Momol. In der Nordsee bauen sie gigantische Windparks die richtig viel Strom erzeugen vergessen aber den Ausbau der Infrastruktur auch zu subventionieren. Resultat. Bei Extremen Wind müssen die Parks runterfahren weil sie zu viel Strom produzieren den sie nicht in den Süden schaffen und dort müssen dagegen Kohlewerke hochfahren zum kompensieren. Momol guet gacht ;-)
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