Energieagentur plant grösste Ölreserven-Freigabe ihrer Geschichte
In der Aussicht auf einen länger währenden Krieg im Nahen Osten hat der Erdölpreis am Montag phasenweise die kritische 100-Dollar-Marke pro Barrel überschritten. Es war der höchste Stand seit Sommer 2022. Als Folge sackten die Aktienmärkte ab.
Seit Montag haben sich beide Grössen wieder etwas entspannt: Am Dienstag setzte beim Ölpreis ein leichter Rückgang ein, am Mittwochmorgen lag er bei (unter normalen Umständen immer noch sehr hohen) 89 Dollar pro Barrel. Vor dem Iran-Krieg lag der Preis noch bei 72 Dollar pro Barrel. Auch die Aktienkurse konnten sich zuletzt wieder stabiliseren.
Die Entspannungserscheinungen kamen nach einer Aussage Donald Trumps, wonach der Iran-Krieg «bald enden würde». Geholfen haben aber auch Berichte aus der Sitzung der IEA am Dienstagabend. Wie das Wall Street Journal berichtet, wurde dort vorgeschlagen, dass die Mitgliedsländer ihre Notreserven freigeben sollten. Die vorgeschlagene Freigabe würde demnach die 182 Millionen Barrel übersteigen, welche die Mitgliedsländer 2022 nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine in zwei Tranchen freigegeben hatten. Es wäre damit die grösste Freigabe in der Geschichte der IEA.
Die 32 Mitgliedsländer der IEA verfügen über 1,2 Milliarden Barrel (je 159 Liter) Notreserven Öl. Hinzu kommen laut der in Paris ansässigen Organisation 600 Millionen Barrel Industrievorräte.
Ihre strategischen Ölreserven geben die Staaten jeweils in Krisensituationen frei, um den Ölmarkt zu stabilisieren oder auf Versorgungsengpässe zu reagieren. Zu diesem Mittel wird selten gegriffen. Der IEA zufolge geschah dies seit ihrer Gründung vor gut 50 Jahren bereits fünfmal in koordinierter Weise.
Ob dieser Plan auch in die Tat umgesetzt wird, hängt von der Entscheidung der jeweiligen Mitgliedsstaaten ab. Am Montag hatte die Gruppe der sieben führenden Industrienationen (G7) die IEA darum gebeten, Szenarien für die Freigabe der Notfallölvorräte auszuarbeiten.
Die Mitgliedsländer werden voraussichtlich am Mittwoch darüber entscheiden. Der Vorschlag könnte noch verzögert werden, sollte ein einziges Land Einwände erheben.
Saudi Aramco warnt vor «Katastrophe»
Die staatliche Ölgesellschaft Saudi-Arabiens warnte derweil vor «katastrophalen Folgen» für die weltweiten Ölmärkte, sollte der Krieg der USA und Israels gegen den Iran weiterhin den Schiffsverkehr in der Strasse von Hormus blockieren.
Zwar geht der weltweit grösste Ölexporteur davon aus, dass er den Markt trotz der Blockade dieser wichtigen Handelsroute mit etwa 70 Prozent seiner üblichen Rohölproduktion versorgen kann. Falls die Quasi-Blockade länger anhalten sollte, warnte der Saudi-Aramco-CEO, hätte dies dennoch drastische Folgen für die Weltwirtschaft.
Saudi Aramco hofft nun, die Nachfrage nach Öl durch den Transport über die saudische Ost-West-Pipeline zum Hafen von Yanbu am Roten Meer zu befriedigen. Von der Stadt in der Provinz Medina im westlichen Saudi-Arabien könnte es schliesslich an die Käufer verschifft werden.
Das Unternehmen plant demnach, die Lieferungen über die Pipeline in den nächsten Tagen auf ihre volle Kapazität von sieben Millionen Barrel pro Tag zu steigern, wie es mitteilte. Etwa zwei Millionen Barrel pro Tag werden an die Raffinerien Saudi-Arabiens im Westen des Landes geliefert, sodass fünf Millionen Barrel pro Tag für den globalen Rohölmarkt übrig bleiben. Dies entspricht gemäss dem britischen «Guardian» etwa 70 Prozent der üblichen Exporte des Königreichs.
Unter anderem dank der Nutzung von Rohölvorräten ausserhalb der Golfregion könne Saudi Aramco nun den Grossteil seiner Kundschaft bedienen, so CEO Nasser. Allerdings: Diese Vorräte könnten nicht «über einen längeren Zeitraum genutzt werden, aber vorerst profitieren wir davon».
(lak, mit Material von AWP und SDA)
