DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Moderner Kaiser: Chinas Präsident Xi Jinping knüpft an eine jahrtausendealte Tradition an.
Moderner Kaiser: Chinas Präsident Xi Jinping knüpft an eine jahrtausendealte Tradition an.
Bild: EPA/EPA
Interview

«In China sind Geld und Macht zwei verschiedene Dinge»

Präsident Xi Jinping will China zur führenden Technologie-Nation der Welt machen. Der Schweizer Hansrudolf Schmid führt mit seinem Team in Hongkong den erfolgreichsten China-Fonds. Er erklärt, weshalb Chinas hochfliegende Pläne auf einer realistischen Grundlage stehen.
21.10.2017, 16:39

«Das Leben in China ist gut, jeder Tag ist wie Ferien», lautet der Slogan der kommunistischen Partei Chinas zum Parteitag. Stimmt das auch?
Heute ist das noch Wunsch, aber als Ziel für die Zukunft trifft dies zu. Ich glaube, die Chinesen werden dieses Ziel auch erreichen.

Das Wirtschaftswachstum hat die Erwartungen leicht übertroffen.
Es gibt jedoch nach wie vor gewaltige Probleme. Deshalb hat Präsident Xi auch davon gesprochen, dass er die chinesische Gesellschaft im Jahr 2025 als «bescheiden wohlhabend» sieht. 2050 soll China dann die technologisch führende Nation sein.

Hansrudolf Schmid ist Gründer und Präsident der HSZ Group. Mit 59 Prozent Rendite wurde er soeben als bester China Fonds ausgezeichnet. Er lebt in Hongkong, ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
Hansrudolf Schmid ist Gründer und Präsident der HSZ Group. Mit 59 Prozent Rendite wurde er soeben als bester China Fonds ausgezeichnet. Er lebt in Hongkong, ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
e

Wie nahe ist man diesem Ziel bereits?
In den letzten Jahren ist sehr viel erreicht worden. Doch China hat noch lange nicht den Wohlstand, den wir uns im Westen gewohnt sind. Zudem hat das rasche Wachstum schmerzhafte Begleiterscheinungen, vor allem was die Umwelt betrifft.  

China werde in die «Falle der mittleren Einkommen» (nicht über den Entwicklungsstand von Schwellenländern wie Mexiko kommen, Anm d. Red.) tappen, prophezeiten Experten immer wieder. Wie beurteilen Sie das?
Ich halte nichts von dieser These. Die Chinesen starten in Richtung Weltmacht durch. Das sieht man etwa an der Entwicklung der Städte. China hat nicht nur Zentren wie Peking oder Shanghai, sondern die Städte im ganzen Land gefördert und auch die dazu nötige Infrastruktur geschaffen. Das ist eine gewaltige Leistung, deren Bedeutung man nun allmählich erkennt. Dank dieser breitflächigen modernen Infrastruktur sind führende Technologie-Unternehmen wie Alibaba heute schon profitabel, im Gegensatz etwa zu Amazon. China ist nicht einfach ein aufstrebendes Land. China ist ein Sonderfall, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.

«Natürlich zementiert Xi seine Macht. Aber er will auch eine Gesellschaft, die weniger chaotisch ist, als es derzeit die westlichen sind.»

Hat China heute schon eine bessere Infrastruktur als wir im Westen?
Na ja, mit den Verkehrsverbunden in Schweizer Städten wie Zürich und Basel können sie noch nicht mithalten. Aber wenn ich heute in China ein bestimmtes Unternehmen in einer bestimmten Stadt besuchen will, dann setze ich mich in einen Hochgeschwindigkeitszug, der mich innert Stunden ans gewünschte Ziel bringt. Oder kürzlich bin ich mit dem Töff von Norden nach Süden gefahren, ein grosses Stück befand sich auf der tibetanischen Hochebene. Alle Strassen waren geteert, und überall hatte ich Empfang mit meinem Smartphone. Versuchen Sie das Mal in einem abgelegenen US-Bundesstaat wie Vermont.

Der Boom sei nur dank einer massiven Verschuldung möglich geworden, heisst es nun. Ein Crash sei daher bloss noch eine Frage der Zeit. Stimmt das?
Dank billigen Arbeitskräften ist China in einer ersten Phase zum Exportweltmeister geworden und hat dabei grosse Reserven aufgetürmt. Doch China hat beschlossen, nicht für alle Zeiten die Werkhalle der Welt zu bleiben und hat begonnen, den einheimischen Konsum zu fördern. Nach der Finanzkrise hat China massiv in die Infrastruktur investiert, im Gegensatz zum Westen, der im Wesentlichen nur Geld gedruckt hat. China hat die USA wegen ihrer lockeren Geldpolitik auch immer wieder getadelt.

Nun hat in der Ära Trump ein Handelskrieg zwischen China und den USA begonnen.
China reagiert auf die Art und Weise, wie die USA nach der Finanzkrise die Welt mit einem billigen Dollar korrumpiert hat. «Jetzt setzen wir unsere Muskeln auch ein», sagten sich die Chinesen und haben ebenfalls begonnen, Schulden zu machen.

«Die Kaufleute hatten im alten China möglicherweise viel Geld, aber wenig Ansehen.»

Wie sieht das heute aus?
China und die USA haben beide – alle Schulden addiert – einen Verschuldungsgrad von rund 280 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Aber die Schulden sind ganz anders strukturiert. Weil der Dollar nach wie vor die globale Leitwährung ist, kann sich Amerika gegenüber der Welt verschulden. Die Chinesen hingegen schulden der Welt gar nichts, im Gegenteil, China ist nach wie vor eine grosse Gläubigernation. Der Staat verschuldet sich nach innen, und das Geld wird nicht für Konsumausgaben verschwendet, sondern in der Regel vernünftig investiert.  

Letztlich sind aber Schulden gleich Schulden. Ist das nicht auch für China alarmierend?
Die Verschuldung des Westens ist alarmierend, die chinesische nicht. China verfügt nach wie vor über gewaltige Reserven. Daher ist es für mich absurd, wenn der Westen die Schuldenfrage gegenüber China stellt.

Roboter an einer Messe in Peking. China will die führende Tech-Nation werden.
Roboter an einer Messe in Peking. China will die führende Tech-Nation werden.
Bild: EPA/EPA

China will die führende Technologie-Nation werden. Ist das mit einer mehrheitlich staatlich gelenkten Wirtschaft möglich?
Vor 20 Jahren hätte man das sagen können, heute ist es lächerlich.  

Weshalb?
Weil es schon lange passiert. In Sachen Online-Payment lernt heute der Westen von China. Und wer sich im Silicon Valley und in Israel auskennt, der sagt: Was heute im Cluster um Shanghai abgeht, ist ebenbürtig. Es gibt ja nicht nur die Staatsbetriebe, sondern Tausende von innovativen Privatunternehmen. Deng Xiaoping hat einst gepredigt, man solle die Unternehmen an einer langen Leine führen. Das gilt heute noch. Man will den Unternehmern die Freiheit lassen.  

Widerspricht dies nicht der nach wie vor gültigen kommunistischen Überzeugung?
In China sind Geld und Macht zwei verschiedene Dinge. Das ist im Westen ganz anders. Bei uns ist Geld im Begriff, allmächtig zu werden. China hat eine ganz andere Tradition, und das moderne China will diese Tradition wieder beleben.  

Der chinesische Kaiser war doch ebenfalls sehr mächtig.
Ja, aber war nicht geldgierig. Die Kaufleute hatten im alten China möglicherweise viel Geld, aber wenig Ansehen. Die Leute am Hof haben auf sie herabgeschaut, selbst wenn sie sehr reich waren. Auch heute können Unternehmer Milliardäre werden, in der Partei haben sie deswegen trotzdem nichts zu sagen.  

Leere Stühle an der Börse von Hongkong. Der Schein trügt: Chinas Aktionäre werden erwachsen.
Leere Stühle an der Börse von Hongkong. Der Schein trügt: Chinas Aktionäre werden erwachsen.
Bild: EPA/EPA

Präsident Xi Jinping werde immer diktatorischer, kann man derzeit überall lesen.
Natürlich zementiert Xi seine Macht. Aber er will auch eine Gesellschaft, die weniger chaotisch ist, als es derzeit die westlichen sind. Er will ein Internet, das stiller und weniger von Fakenews durchsetzt ist.  

Mit anderen Worten: Er will ein gütiger Kaiser werden.
Ja, die westliche Demokratie ist kein Vorbild für China. Auch die Zeit von Konzessionen gegenüber Hongkong ist vorbei. Hongkong dient heute nur noch dazu, den Taiwanesen zu zeigen, dass man auch mit ihnen tolerant umgehen wird, wenn sie dereinst wieder Teil des Reiches sein werden.  

Geopolitisch wird das Verhältnis von China zu den USA gerne verglichen mit Deutschland zu Grossbritannien vor dem Ersten Weltkrieg. Zu Recht?
Wenn schon, dann sind die USA der Aggressor. Historisch gesehen hat China eine sehr glaubwürdige Art der Machtentfaltung demonstriert. China war nie eine Kolonialmacht. Es hat den Handel gefördert, wie es dies jetzt wieder mit dem «One-Belt-One-Road»-Projekt tut. Die Chinesen haben niemals Länder über längere Zeit mit der Armee besetzt, nicht weil sie nette Kerle sind, sondern weil sie erkannt haben, dass sich das nicht lohnt. Sie erhoffen sich Einfluss über den Handel und das Geschäft. Darum bauen sie in Marokko Städte und kaufen in Schweden und der Schweiz Unternehmen wie Volvo und Syngenta.  

Aktien waren für die Chinesen ein Vergnügen, wie der Besuch im Casino.

Aber auch China verteidigt seine Interessen zunehmend militanter.
Man kann mit den Chinesen über alles reden, aber nicht über das Südchinesische Meer oder über Taiwan. Wenn ihnen da jemand dreinreden will, dann gibt es Krieg.

Die chinesischen Aktien haben dieses Jahr rund 50 Prozent zugelegt. Wie kann man als Schweizer Anleger davon profitieren?
Indem man in meinen Fonds investiert. Ernsthaft: Dieses Jahr sieht es gut aus. Man muss sich aber auch vor Augen führen, dass man zwischen 2006 und 2016 mit chinesischen Aktien gar nichts verdient hat.  

Parteikongress in Peking. Rund 2300 Delegierte waren anwesend. 
Parteikongress in Peking. Rund 2300 Delegierte waren anwesend. 
Bild: EPA/EPA

Warum eigentlich? In diesen Jahren hat die Wirtschaft gewaltig expandiert.
Der chinesische Anleger entsteht erst allmählich. Aktien waren für ihn ein Vergnügen, wie der Besuch im Casino. Zudem haben wir im Westen keine hohe Meinung von den Vertretern der chinesischen Aktiengesellschaften. Sie sind nicht besonders freundlich zu uns, betreiben kein Marketing und ihre Tischmanieren lassen ebenfalls zu wünschen übrig. Wir betrachten den chinesischen Aktienmarkt immer noch mit westlichen Augen. Aber das beginnt sich zu ändern. China hat nun ebenfalls Versicherungen und Pensionskassen, die viel Geld anlegen müssen. Das wird auch den Aktienmarkt professionalisieren.  

Derzeit gibt es sehr widersprüchliche Signale aus China. Was ist für Sie die wichtigste Botschaft?
China führt der Welt vor Augen, dass der Kolonialismus endgültig vorbei ist. Der Kolonialismus war eine höchst zynische Angelegenheit: Da kommt einer im Namen der Freiheit, beutet die Menschen aus, drückt ihnen seine Religion aufs Auge und will, dass diese Menschen das als eine anzustrebende Ordnung betrachten. Damit ist Schluss. In 30 Jahren wird in Hongkong keiner mehr nach einem wie mir schreien.

China rüstet auf

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

CO₂-Gesetz könnte kippen: Städte verzeichnen tiefe Stimmbeteiligung

Die Städte melden tiefe Stimmbeteiligungen. Das CO2-Gesetz wird angesichts Umfragewerte durch die Schlussmobilisierung entschieden werden.

Am kommenden Sonntag steht fest, wie sich die Klimapolitik der Schweiz entwickeln wird. Die Stimmbevölkerung entscheidet in einem Referendum über das CO2-Gesetz, dessen Chancen derzeit alles andere als gut stehen. Dies zeigen die repräsentativen Umfragen von gfs.bern und SRF, die vor der Abstimmung veröffentlicht wurden.

Gründe für die schlechten Chancen dürften in der urbanen, städtischen Bevölkerung zu finden sein: Diese befürwortet zwar gemäss jüngsten Umfragen mehrheitlich das …

Artikel lesen
Link zum Artikel