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Schweizer essen so viel Poulet wie nie – Tierschutz schlägt Alarm

Kalziummangel, Knochenbrüche, Kreislaufprobleme: Schweizer Hühnern gehe es schlecht, findet die Stiftung «Tier im Recht». Anders sieht das die Geflügelwirtschaft. Neue Forschungserkenntnisse könnten die Seiten bald versöhnen. Auf den Tellern landet derweil so viel Geflügel wie nie.
17.11.2017, 05:41
Samuel Schumacher / Nordwestschweiz

Der 34-jährige Katzenquäler, der am Mittwoch vom Bezirksgericht Dielsdorf wegen mehrfacher Tierquälerei zu 18 Monaten bedingter Gefängnisstrafe verurteilt wurde, ist in der Schweiz eine absolute Ausnahme. Personen, die hierzulande gegen das Tierschutzgesetz verstossen, kommen im Normalfall glimpflich davon. 300 Franken Busse zahlten die Verurteilten im Mittel im vergangenen Jahr. Nur in 24 Fällen kam eine Geldstrafe dazu. Ins Gefängnis musste keiner der Gesetzesbrecher.

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Insgesamt kam es in der Schweiz im vergangenen Jahr zu 2397 Tierschutzstrafverfahren, fast viermal mehr als noch vor zehn Jahren. Das zeigt eine gestern veröffentlichte Untersuchung der Stiftung «Tier im Recht» (TIR), die sich seit 2004 für eine konsequente Anwendung der Tierschutzgesetze in der Schweiz einsetzt. Nora Flückiger, Juristin bei TIR, erklärt: «Die höheren Fallzahlen zeigen nicht einen tatsächlichen Anstieg an Tierschutzverstössen auf. Der Anstieg ist vielmehr das Ergebnis eines konsequenten Strafvollzugs.»

Grafik: aargauer zeitung

Aus Sicht der Tierschützer sind das gute Neuigkeiten. «Unsere Sensibilisierungsarbeit wirkt», erklärt Flückiger. Sorgen bereiten ihr aber die massiven Unterschiede zwischen den Kantonen. In Zürich, Bern oder St. Gallen, wo sich spezielle Strafverfolgungsbehörden um den Tierschutz kümmern, sei die Zahl der geahndeten Verstösse stark angestiegen.

Andernorts aber – etwa in den Kantonen Glarus, Basel-Land und Freiburg – wiesen die niedrigen Fallzahlen darauf hin, dass die Behörden Verstössen gegen das Tierschutzgesetz noch immer nicht mit letzter Akribie nachgehen würden.

Massentod und Knochenbrüche

Noch mehr Sorgen als die kantonalen Unterschiede macht der Stiftung aber die Situation der knapp elf Millionen Hühner in der Schweiz. «Das Wohl und die Würde der Hühner finden auf rechtlicher Ebene kaum Beachtung», betont TIR-Mitarbeiterin Stefanie Walther. In der Schweiz habe es 2016 gerade mal 33 Strafverfahren gegen Hühnerhalter gegeben.

«Die Legehennen sind Hochleistungsmaschinen»
Stefanie Walter, TIR

Zum Vergleich: Im selben Zeitraum gab es 1426 Verfahren gegen Hundehalter, obwohl hierzulande nur rund 500'000 Hunde leben. In der Hälfte der Fälle waren allerdings Hundehalter betroffen, die die obligatorische Hundehalterprüfung nicht absolviert hatten. Das Wohl der Tiere hat darunter nicht gelitten, sagt TIR.

Legehennen in einem Betrieb im Kanton Zürich.
Legehennen in einem Betrieb im Kanton Zürich.Bild: KEYSTONE

Doch zurück zu den Hühnern. Laut TIR sind 99 Prozent der Schweizer Hühner Nutztiere, die entweder als Mastpoulets oder als Legehennen gehalten werden. Fast jedes zweite Masthuhn und jede dritte Legehenne werden in Betrieben mit mehr als 12'000 Tieren gehalten. «Aus unserer Sicht muss man da klar von Massentierhaltung sprechen», sagt Stefanie Walther. Artgerecht sei das nicht.

Auch in den kleineren Betrieben bestünden grosse Probleme. «Die Legehennen sind Hochleistungsmaschinen», sagt Juristin Walther. «Sie müssen pro Tag ein Ei legen und verbrauchen dafür so viel Kalzium, dass rund die Hälfte von ihnen Knochenbrüche wegen Mangelerscheinungen erleidet.» Schlimm sei auch die Massenvernichtung der männlichen Küken, die gleich nach dem Schlüpfen «entsorgt» würden. Ähnlich sei es bei den Mastpoulets, die binnen 35 Tagen fast zwei Kilo zunehmen müssten. Rund vier Prozent sterben laut TIR wegen Kreislaufproblemen.

Das Fazit der Stiftung: Der Strafvollzug bei Verstössen gegen die Rechte von Hühnern sei «inexistent», die Behörden und die Bevölkerung seien zu wenig sensibilisiert. «Delikte an Hühnern werden deshalb nach wie vor bagatellisiert. Das darf nicht sein», sagt Walther.

Unhaltbare Vorwürfe

Wenn man Ruedi Zweifel am Telefon von den Recherche-Ergebnissen der Stiftung «Tier im Recht» erzählt, muss er laut lachen. «Die Schweiz ist mit ihrem seit 1991 geltenden Tierschutzgesetz europaweit Vorreiter in Sachen Tierschutz», macht der Direktor der Stiftung Aviforum klar, die sich um die Belange der Schweizer Geflügelwirtschaft kümmert. «Der Vorwurf von ‹Tier im Recht›, das Wohl und die Würde der Hühner finde keine Beachtung, ist nicht haltbar.»

Es sei nicht zulässig, in der Schweiz von Massentierhaltung zu sprechen, sagt Zweifel. «Im Schnitt leben in Schweizer Betrieben zwischen 5000 und 8000 Tiere. Unsere maximal zulässige Betriebsgrösse hört bei 18'000 Tieren auf. Da fangen die meisten europäischen Betriebe erst an», betont der Aviforum-Chef. In manchen Gegenden Europas gebe es Betriebe mit bis zu 300'000 Tieren. Das wäre in der Schweiz undenkbar. Und dennoch: Für eine professionelle Lebensmittelproduktion brauche es auch hierzulande eine gewisse Grösse.

Hoffnung aus dem Labor

Mehr Verständnis zeigt Zweifel für die Sorgen der Tierschützer um die männlichen Küken, die gleich nach der Geburt getötet werden. «Wir träumen davon, das Geschlecht schon zu erkennen, bevor das Ei in die Brutmaschine kommt», sagt Zweifel. Dann könnte man die Eier mit männlichen Küken verkaufen. Im Labor sei man inzwischen so weit, am dritten bis fünften Tag zu erkennen, ob dereinst ein ‹Güggeli› oder ein ‹Hühnli› aus dem Ei schlüpfe.

Ein Spermien-Screening, wie man das etwa beim Vieh mache, sei beim Geflügel aber nicht möglich, sagt Zweifel. Der Grund: «Anders als bei den Säugetieren gibt beim Geflügel das Weibchen das entscheidende Geschlechtshormon weiter.»

Die Fronten zwischen den Tierschützern und den Geflügelwirtschafts-Vertretern sind verhärtet. Das ist wenig überraschend. Doch die Laborforschung zur frühestmöglichen Geschlechtsbestimmung von Geflügel lässt Hoffnung aufkommen, dass sich die beiden Seiten schon bald einander annähern könnten. «Wir sind uns bewusst, dass die Tötung der Eintagsküken ein sensibles Thema ist. Wir arbeiten daran», verspricht Ruedi Zweifel.

Ein Food Snob, der über Food Snobs motzt

Video: watson/Oliver Baroni, Emily Engkent
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