«Sie nehmen uns aus» – vier Fakten zu Trumps Vorwürfen an die Schweiz
Er hat es wieder getan: In einem Interview mit Fox Business hat sich Donald Trump über die Schweiz ausgelassen. Der Wohlstand von Ländern wie der Schweiz begründe darauf, dass es die USA zulassen, «dass sie uns ausnehmen», so der US-Präsident.
Die Schweiz steht für ihn stellvertretend für «40 andere Länder», die die USA abzocken. Bereits am WEF in Davos behauptete Trump, die Schweiz würde ohne die USA «gar nichts» verdienen.
Auf eine Richtigstellung dieser wilden Behauptungen verzichtete die offizielle Schweiz. Damals teilte das Eidgenössische Finanzdepartement unter der Leitung von Karin Keller-Sutter lediglich mit, man gehe davon aus, dass die Schweizer Bevölkerung Trumps Rede richtig einordnen werde.
Doch diese vier Fakten braucht es für die Einordnung:
Trumps Zollkeule wirkt (noch) nicht
Geht es um den US-Handel mit anderen Ländern, ist in den Augen Donald Trumps nichts so wichtig wie die Handelsbilanz. Diese misst den Wert aller exportierten Waren und zieht den Wert aller importierten Waren eines Landes ab – in Beziehung mit der gesamten Welt, oder mit einzelnen Ländern.
Der US-Präsident schaut sich gerne Letzteres an, wo er konstatieren muss: Gegenüber vielen Ländern, darunter auch die Schweiz, haben die USA eine negative Handelsbilanz. Sie importieren also mehr Waren, als sie in dasselbe Land exportieren. Das kann, so ist Trump überzeugt, nur an unfairen Handelspraktiken des Partnerlandes liegen.
Die Schweiz hat bekanntlich einen besonders hohen Handelsbilanzüberschuss gegenüber den USA. Was Trump nicht gefallen wird: Dieser Überschuss ist 2025 noch einmal angewachsen, und zwar deutlich:
Über das Gesamtjahr 2025 gesehen betrugen die Exporte inklusive Gold in die USA 103,9 Milliarden Franken. Die Importe lagen bei 55,6 Milliarden Franken. Vor allem in den ersten drei Monaten des Jahres wurde aus der Schweiz viel Gold in die USA exportiert, was den grossen Handelsüberschuss teilweise erklärt.
Doch auch ohne Gold ist der Überschuss im vergangenen Jahr gewachsen. Betrug er 2024 noch 39 Milliarden, so stieg der Exportüberschuss (exklusive Gold) 2025 auf 41 Milliarden Franken. Die Schweizer Ausfuhren in die USA ohne Gold stiegen dabei um 3,9 Prozent auf 54,7 Milliarden Franken. Die Importe aus den USA dagegen sanken um 5,7 Prozent auf 13,3 Milliarden Franken.
Hier muss jedoch angefügt werden: Nicht nur mit den USA, sondern auch mit allen übrigen Handelspartnern erzielte die Schweiz 2025 einen Handelsüberschuss. Insgesamt nahmen die Schweizer Ausfuhren um 1,4 Prozent auf den Rekordwert von 287 Milliarden Franken zu.
Trumps Zölle hatten also, zumindest im vergangenen Jahr, nicht die von ihm erwünschte Wirkung – dank des Goldhandels ist sogar das Gegenteil der Fall.
Gold ist entscheidend – und schwankt massiv
Das heisst allerdings nicht, dass die US-Handelszölle die Schweizer Exportindustrie nicht empfindlich treffen würden. Denn die Effekte, welche die Exporte 2025 hochtrieben, waren vor allem in den ersten Monaten zu beobachten: Die Produkteausfuhr – insbesondere von Pharma- und Uhrenprodukten – in die USA ist nämlich in Voraussicht auf mögliche Zölle in den ersten drei Monaten stark angestiegen. Die Produzenten antizipierten damit schlechtere Zeiten und liessen noch ungewöhnlich grosse Mengen über den Atlantik schiffen.
Das hat sich gegen Ende des Jahres dann gedreht: Nach dem April, als Trump seinen «Zollhammer» angekündigt hat, lag die Menge an Warenexporten oft eher unter dem Durchschnitt. In den Monaten Mai, August, Oktober und November verzeichnete die Schweiz gar ein Handelsbilanzdefizit gegenüber den USA – allerdings unter gütiger Mithilfe des Goldhandels, der im Laufe des Jahres drehte.
Der Grund: Ebenfalls in Antizipation auf mögliche Zölle auf Goldeinfuhren waren es vor allem US-amerikanische Anleger, die in den ersten Monaten in grossem Stil Gold kauften. Doch auch das hat sich gegen Ende des Jahres wieder gedreht: In den letzten Monaten importierte die Schweiz deutlich mehr Gold aus den USA als umgekehrt. Offenbar machte Bundesrat Guy Parmelin Donald Trump am WEF in Davos auf diese Entwicklung in der Handelsbilanz aufmerksam, was dieser erstaunt zur Kenntnis nahm, wie die Sonntagszeitung damals berichtete.
Es ist also kompliziert, und die Lage ändert sich von Monat zu Monat. Fest steht: Trump will den Schweizer Exportüberschuss drücken – zumindest im letzten Jahr hatten seine Zölle jedoch den gegenteiligen Effekt. Ob in Donald Trumps Logik Monate oder Jahre entscheidend sind, weiss aber wohl nur er selber.
Pharma-Produkte sind entscheidend
Wie aber kam dann dieser hohe Überschuss 2025 gegenüber den USA – auch ohne Gold – zustande?
Im vergangenen Jahr legten die Schweizer Ausfuhren vor allem dank Chemie- und Pharmaerzeugnissen zu, die mit einem Plus von 3,3 Milliarden Franken einen Rekordwert von 152 Milliarden Franken und 53 Prozent der Gesamtausfuhren erreichten.
Das zeigt sich auch in den USA, wo Schweizer Pharma-Exporte eine besonders grosse Rolle spielen. Die Export-dämpfenden Effekte gegen Ende des Jahres vermochten also die starken Monate zu Beginn des Jahres nicht zu übertrumpfen.
2025 sind die Pharma-Importe insgesamt gesunken, während die Exporte in die USA weiter stark anstiegen.
Dass der Schweizer Exportschlager Pharmaindustrie in den USA so erfolgreich ist, liegt allerdings nicht, wie von Donald Trump behauptet, an «unfairen Handelspraktiken» seitens der Schweizer Behörden. Der Grund sind vielmehr fehlende, oder sehr lasche, Regulierungen in den USA. Sie erlauben es den Pharmakonzernen, dort im Vergleich zu anderen Ländern riesige Margen zu erzielen: So kommt es, dass die Preise für Medikamente in den USA insgesamt 178 Prozent höher sind als im OECD-Durchschnitt. Das wiederum verstärkt natürlich das Interesse dieser Firmen am US-amerikanischen Markt.
In seiner ersten Amtszeit versprach Donald Trump bereits, die Preise für Medikamente in seinem Land zu senken. Das ist ihm bisher nicht gelungen. Stattdessen gibt es seitens der Schweizer Pharmaindustrie nun Rufe nach höheren Preisen in der Schweiz – als Angleichung an die US-Preise.
Dienstleistungen: Was gerne vergessen geht
Interessanterweise spricht Donald Trump gerne nur über die Handelsbilanz. Die Leistungsbilanz spricht er hingegen kaum an. Dabei ist hier das Bild ein gegenteiliges: In den letzten zehn Jahren hat die Schweiz immer deutlich mehr aus den USA importiert als in das Land exportiert. (Daten für 2025 sind noch nicht vorhanden.) Es handelt sich dabei um Dienstleistungen wie Tourismus, Finanzberatung, Transport, Unternehmensberatung, Lizenzierung oder IT – insbesondere um Software oder Cloud-Services.
Nach Trumps Logik finanziert die Schweiz damit, wie viele andere Länder übrigens auch, einen Teil der US-amerikanischen Wirtschaft.
Allerdings: Auch unter Einbezug der Dienstleistungen verfügt die Schweiz über einen Handelsüberschuss gegenüber den USA, zu stark ist unser Überschuss bei den Waren.
Ob Trump das in den nächsten Jahren zu ändern vermag, kann zwar bezweifelt werden. Ihn interessiert ja primär die Handelsbilanz von Waren. Dabei dürfte die Handelsbilanz in Bezug auf Dienstleistungen – gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung – in den nächsten Jahren an Bedeutung hinzugewinnen.
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