Es hat weniger Mikroplastik in der Luft als gedacht – aber immer noch zu viel
Weltweit ist die Atmosphäre mit Mikroplastikpartikeln kontaminiert. Diese winzigen Plastikteilchen können über enorme Distanzen transportiert und in den entlegensten Weltgegenden wieder abgesetzt werden, auch in empfindlichen Ökosystemen. Die Partikel in der Luft können eingeatmet werden, was zu gesundheitlichen Risiken führt.
Das Mikroplastik stammt einerseits aus primären Quellen wie Reifenabrieb oder Textilfasern, andererseits aus Wiederaufwirbelung von bereits auf Land oder im Ozean abgelagerten Partikeln. Dies ist bekannt. Nicht bekannt hingegen war bisher die Grössenordnung dieser Emissionen und ihre Hauptquelle. Frühere Arbeiten nannten oft den Ozean als Hauptquelle.
Massiv überschätzt
Forscher des Instituts für Meteorologie und Geophysik der Universität Wien haben nun 2782 Messungen von Mikroplastik in der Atmosphäre aus 76 verschiedenen Studien weltweit gesammelt. Diese Einzelmessungen verglichen sie mit Computermodellen, die vorhersagen, wie viel Plastik in der Luft schweben müsste. Das erstaunliche Ergebnis der Studie, die im Wissenschaftsmagazin Nature publiziert wurde: Die Modelle überschätzten die tatsächliche Menge sowohl über dem Land als auch über dem Ozean – und zwar um den Faktor hundert bis sogar zehntausend.
Eine Überschätzung um den Faktor zehntausend ist eine enorme Abweichung. Erstautorin Ioanna Evangelou erklärt dies wie folgt: «Die früheren Schätzungen basierten auf sehr wenigen Messungen an Land im Westen der USA. Die weltweite Extrapolation, die man zur Ableitung der globalen Emissionen verwendete, war daher einfach zu optimistisch. Diese neue Studie kombiniert viel mehr Daten aus verschiedenen Teilen der Welt.»
Die festgestellte systematische Diskrepanz zwischen Modellergebnissen und Beobachtungen ermöglichte es den Wissenschaftlern, die Emissionen neu zu skalieren, und zwar separat für Land- und Ozeanemissionen. Daraus hätten sich verbesserte Emissionsabschätzungen ergeben, schreibt die Universität Wien in einer Mitteilung.
Mehr Emissionen stammen vom Land
Die Zahl der an Land emittierten Partikel musste stark nach unten korrigiert werden, damit die Modellergebnisse mit den Messungen in Einklang gebracht werden konnten. Die ozeanischen Emissionen wurden ebenfalls zum grossen Teil überschätzt. Bemerkenswert: Der grösste Teil des Plastiks in der Luft stammt vom Land, nicht vom Ozean. Im Schnitt wurden über Land 27-mal mehr Mikroplastikpartikel gemessen als über dem Ozean. Allerdings sei die emittierte Masse über dem Ozean gleichwohl grösser, präzisiert Evangelou. Dies komme durch die im Schnitt grösseren ozeanischen Partikel zustande.
Dass über Land mehr Mikroplastikpartikel emittiert werden als über dem Ozean, sei logisch, erklärt Evangelou. «Mikroplastik stammt aus synthetischen Textilfasern, verkehrsbedingten Quellen wie Reifen- und Bremsabrieb, Abrieb von Strassenmarkierungen und der Wiederaufwirbelung von Mikroplastik, das sich bereits im Boden abgelagert hat. Ich würde sagen, dass dieser Unterschied nicht überraschend ist, da sich die meisten Quellen auf dem Land befinden, wo die menschliche Aktivität am intensivsten ist.»
Nicht eine wirklich gute Nachricht
Zum Teil massiv weniger Mikroplastik in der Luft als bisher angenommen – dies müsste eigentlich eine gute Nachricht sein. Doch die Wissenschaftler dämpfen die Erleichterung. Evangelou warnt: «Als Kernbotschaft möchte ich betonen, dass eine Abwärtskorrektur der Emissionen von Mikroplastik in die Atmosphäre nicht als beruhigende Nachricht verstanden werden sollte.» Und fügt an: «Die Luft enthält immer noch eine beträchtliche Menge an Mikroplastik, insbesondere in dicht besiedelten Regionen mit starken Quellen wie China. Das geht aus dem von uns zusammengestellten Messdatensatz hervor. Die Ergebnisse zeigen vor allem, dass die Emissionen von Mikroplastik in die Atmosphäre geringer sind, als wir zuvor geschätzt hatten.»
Dennoch sind es nach wie vor astronomisch anmutende Zahlen, wenn es um Mikroplastik-Emissionen geht: Laut Berechnungen in der Studie gelangen jährlich etwa 600 Billiarden Plastikpartikel vom Land aus in die Luft.
Freilich gibt es nach wie vor erhebliche Datenlücken, insbesondere über den offenen Ozeanen, wo die Zahl der Messungen gering ist. Dennoch spiegelten die neuen Schätzungen die Konzentrationen von Mikroplastik in der Atmosphäre besser wider als zuvor, wenn auch mit sehr grossen Fehlermargen, stellt Evangelou fest. Es seien aber noch weitere Untersuchungen notwendig, wobei ein starker Fokus auf der Erfassung der Grössenverteilung des Mikroplastiks liegen sollte. Die Kenntnis der Menge der Partikel, aber auch ihrer Grösse, Form und Art des Polymers helfe dabei, Gesundheitsrisiken einzuschätzen, Verschmutzungswege zu verfolgen und Strategien und Technologien zur Verringerung der Emissionen zu entwickeln. (dhr)
