DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Es gibt Hinweise, dass Methadon sehr hilfreich bei der Bekämpfung von Hirntumoren sein könnte. bild: shutterstock

Methadon – weshalb es plötzlich einen riesigen Ansturm auf den Drogenersatz gibt



Eine Forscherin, die eine Entdeckung macht, trifft auf Schwerkranke, die nichts unversucht lassen wollen. Wie der Hype um ein angebliches Mittel gegen Krebs das Vertrauen in die Schulmedizin untergräbt.

Methadon ist bekannt als Drogenersatz, den Abhängige für den Weg aus der Sucht bekommen. Doch seit einiger Zeit macht die Substanz Karriere als angebliches Hilfsmittel in der Krebstherapie. Zu schön, um wahr zu sein?

Experten mehrerer Fachrichtungen haben in den vergangenen Monaten auf eine sehr dünne Studienlage hingewiesen, vor verfrühten Hoffnungen und Nebenwirkungen gewarnt. Sie rieten klar vom Einsatz des Schmerzmittels in der Tumortherapie ab. Doch bei vielen der oft höchst verzweifelten Patienten stossen die Warnungen auf taube Ohren. Sie wenden sich Ärzten zu, die Methadon verschreiben. Schwere Verläufe und ein Todesfall sind die Folge, wie kürzlich das «Ärzteblatt» berichtete.

Gestützt auf Tierstudien und Einzelfälle

Der Ansturm auf Methadon begann vor Monaten mit TV-Berichten im deutschen Fernsehen über die Chemikerin Claudia Friesen vom Institut für Rechtsmedizin der Uni Ulm. Sie hatte Methadon in Zellkulturen und Tierversuchen getestet und brachte es als möglichen Wirkverstärker für Chemotherapien ins Gespräch.

abspielen

Methadon als Heilmittel für Krebs? Eine Reportage, ausgestrahlt auf ARD.

Ihre Versuche entsprechen einer sehr frühen, von der Öffentlichkeit meist unbemerkten Phase der Forschung, die keine Aussagekraft zur Wirksamkeit beim Menschen hat. Forscher weltweit suchen nach Wirkstoffen gegen Krebs – selbst das Zika-Virus ist dabei aktuell im Gespräch. Doch ob sich solche Ideen am Ende als Therapie bewähren, steht auf einem völlig anderen Blatt.

Friesens Forschung fand auch deshalb früh Aufmerksamkeit, weil es Patienten gibt, bei denen eine Besserung durch Methadon beobachtet worden sein soll. Selbst wenn dem so war: Solche Einzelfälle gelten in der Medizin keinesfalls als Beweis. Vielmehr sind grosse, systematisch angelegte Studien nötig, in denen die Wirksamkeit eines Medikaments im Vergleich zu einem Placebo getestet wird.

Ansturm trotz Mangel an Beweisen

Doch die klassischen Regeln der Wissenschaft spielen in der Debatte um Methadon nur noch am Rande eine Rolle. Friesen sagt, sie bekomme inzwischen 200 bis 1000 Anfragen von Ärzten und Patienten pro Tag, während eines Telefonats mit ihr klingeln permanent Telefone.

Bei Youtube finden sich hundertausendfach angeklickte Videos mit Titeln wie: «Diese Frau findet ein Mittel gegen Krebs – doch die Pharmaindustrie zerstört den Traum». Eine Behauptung ist, dass der vergleichsweise niedrige Preis von Methadon der weiteren Erforschung im Weg stehe. Involvierte Forscher werfen sich zudem gegenseitig Interessenskonflikte vor.

Die Folgen zeigen sich in Kliniken. Ärzte berichten von einem Methadon-Hype: Sie würden mit Anfragen zu Methadon überrannt und unter Druck gesetzt, das Mittel in der Tumortherapie einzusetzen. Jegliches Vertrauen scheint dahin. «Wir sehen mit Schrecken, was hier passiert», sagt der Palliativmediziner Sven Gottschling vom Universitätsklinikum Homburg/Saar der Nachrichtenagentur DPA.

Gefährliche Selbstdosierung

In seiner Klinik hätten schon mehrere schwierige Fälle mit Überdosen behandelt werden müssen. Ein Patient habe seinen Hausarzt zur Verschreibung überredet und Dosierungsempfehlungen auf eigene Faust aus dem Internet geholt. Laut einem kürzlichen Bericht der SRF-Sendung «Puls» haben auch Schweizer Ärzte vermehrt mit solchen Notfällen zu tun.

Gottschling hat zudem beobachtet, dass manche Patienten inzwischen Methadon an sich für ein Krebsmittel hielten und ihre bisherige Therapie aufgäben. Friesen legt Wert darauf, das Mittel als möglichen Wirkverstärker der Chemotherapie ins Gespräch gebracht zu haben.

Die Überdosen begründen Experten zum einen damit, dass die kursierenden Empfehlungen zur Dosierung relativ hoch seien. Hinzu kommt: Methadon werde von Mensch zu Mensch unterschiedlich schnell abgebaut, so Gottschling. Schmerzmediziner sprechen von einer problematischen Substanz, die nicht leichtfertig verschrieben werde. Mögliche Nebenwirkungen wie Verstopfung, Übelkeit und Angst würden bisher in der Debatte verharmlost.

Studie ab 2018 geplant

Unter anderem dem Problem der Dosierung will Wolfgang Wick von der Uniklinik Heidelberg und dem Deutschen Krebsforschungszentrum nachgehen. Der Neuroonkologe hat eine Studie beantragt, um die Auswirkungen von Methadon und bereits zugelassenen Medikamenten in Ergänzung zur Chemotherapie auf das Tumorwachstum bei Patienten mit neu diagnostizierten Hirntumoren zu erproben.

«Kurz gesagt wollen wir prüfen, ob man im Menschen die nötigen Wirkspiegel erreichen kann, ob das verträglich und dann auch effektiv gegen den Tumor ist», sagt Wick. Es handle sich um eine sehr frühe Phase, betont er. Mit einem Start sei frühestens Mitte 2018 zu rechnen.

Chemikerin Claudia Friesen vermittelt bei Anfragen an ein Netzwerk von Ärzten, die Methadon als Schmerzmittel einsetzten, wie sie erklärt. Zu den im «Ärzteblatt» beschriebenen problematischen Verläufen erklärt sie, dies zeige Wissenslücken bei Ärzten. Auch halte sie die Fälle teils für unzureichend dokumentiert, teils für Behandlungsfehler. Den Vorwurf, falsche Hoffnungen geweckt zu haben, weist sie zurück. Jede Therapie brauche Hoffnung. Von Versprechen auf Heilung habe sie sich stets distanziert.

Und die Patienten und ihre Angehörigen? Aussagen von Ärzten nach zu urteilen, haben sich Misstrauen und Verunsicherung breitgemacht. Mediziner Sven Gottschling sucht einen Mittelweg zwischen verhärteten Fronten. Sprechstunden zum Thema Methadon mit Beratungen zur Frage, ob es als Schmerzmittel und «letzter Anker» in Frage komme, seien geplant. Sein grosser Wunsch: «Man muss es differenzierter betrachten». (sda/dpa)

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

SVP-Präsident Marco Chiesa droht der FDP

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Video der Woche: 29 Wörter, die auf St.-Galler-Deutsch herrlich klingen

Video: watson/Emily Engkent, Lena Rhyner

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Pandemien und Katastrophen: Was wir vom Gestern lernen können

Die interdisziplinäre Ringvorlesung vom Zentrum für Altertumswissenschaften (ZAZH) der Uni Zürich dreht sich dieses Jahr um die Frage, was Naturkatastrophen, Epidemien und Plagen mit uns anrichten.

«Hätte ich doch unbekannte Reden, fremdartige Sprüche, neue Worte, noch nie gebraucht und frei von Wiederholungen, nicht die Sprüche der Vergangenheit, welche die Vorfahren schon brauchten.

Ich presse meinen Leib aus von dem, was er hält, ich siebe alle meine Worte; denn Wiederholung ist alles, was man sagt, und alles Gesagte ist schon einmal gesagt.

Von der ersten Generation bis zu denen, die einst kommen, alle ahmen nur nach, was vergangen ist. Wüsste ich doch, was andere nicht wissen, was noch …

Artikel lesen
Link zum Artikel