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Monument «Tausend Jahre Russland» in Nowgorod: In der Mitte steht der Waräger-Fürst Rurik, Begründer der Rurikiden-Dynastie. Links ist der Kiewer Grossfürst Wladimir zu sehen, unter dem die Rus christianisert wurde. Rechts steht Grossfürst Dmitri Donskoi von Moskau und Wladimir, Sieger über die Goldene Horde.
Monument «Tausend Jahre Russland» in Nowgorod: In der Mitte steht der Waräger-Fürst Rurik, Begründer der Rurikiden-Dynastie. Links ist der Kiewer Grossfürst Wladimir zu sehen, unter dem die Rus christianisert wurde. Rechts steht Grossfürst Dmitri Donskoi von Moskau und Wladimir, Sieger über die Goldene Horde. Bild: Wikimedia

Vom gemeinsamen Ursprung zum Krieg – die feindlichen Brüder Ukraine und Russland

27.03.2022, 14:3231.03.2022, 23:54

Kaum jemand hatte geglaubt, dass Wladimir Putin seine Truppen tatsächlich in Marsch setzen und die Ukraine angreifen würde. Doch seit dem 24. Februar tobt in der ehemaligen Sowjetrepublik ein verlustreicher Krieg – der grösste militärische Konflikt in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der russische Präsident scheint fest entschlossen, das Nachbarland zurück in den Bannkreis des Kremls zu holen. Sein rücksichtsloses Vorgehen hat das zuvor tief gespaltene Land jedoch geeint wie nie zuvor – im Hass auf den übermächtigen und brutalen Nachbarn. Die Ukrainer, so scheint es, wenden sich nun endgültig von ihrem russischen Brudervolk ab.

Das Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland, die beide auf die Kiewer Rus zurückgehen, war wohl nie einfach. Nun ist es zerrüttet. Wie aus dem gemeinsamen Ursprung zwei verfeindete Völker entstanden sind, versucht dieser Rückblick in 15 Punkten zu zeigen.

Kiew – die gemeinsame Wiege Russlands und der Ukraine

Taufe Wladimirs I.
Taufe Wladimirs I. Bild: Wikimedia

Wichtige Weichenstellung: Wladimir I. der Heilige übernahm 988 den orthodoxen Glauben aus Konstantinopel. Dies förderte die kulturelle Trennung der Ostslawen von Mitteleuropa.

Das Kerngebiet seines ursprünglich von einer skandinavischen Händler- und Oberschicht begründeten Reichs, der «Kiewer Rus», lag um Kiew, der «Mutter aller Städte der Rus». Nicht zuletzt auf dem Umstand, dass dieses erste ostslawische Staatsgebilde die Keimzelle Russlands war, fusst heute noch das russische Verständnis der Ukraine als integraler Teil der russischen Sphäre. Für nationalistische ukrainische Historiker dagegen sind die Ukrainer die einzigen legitimen Erben des Kiewer Reichs. Die Kiewer Rus war aber kein ethnisch homogener Staat, sondern umfasste auch baltische, finno-ugrische und turksprachige Stämme.

Nicht weit südlich von Kiew erstreckte sich damals der Grenzsaum – im Namen «Ukraine» steckt das slawische Wort «krai» für «Rand, Grenze» – zwischen der slawischen Siedlung und den nomadisierenden Völkern der Steppe, dem «Wilden Feld». Dort lebten bis ins 13. Jahrhundert mehrheitlich turksprachige Stämme wie die Petschenegen oder die Kyptschaken.

Neue Fürstentümer im Nordosten

Fürstentümer in der Kiewer Rus vor dem Mongolensturm 1237.
Fürstentümer in der Kiewer Rus vor dem Mongolensturm 1237. Karte: Wikimedia

Im 12. Jahrhundert begann der Niedergang der Kiewer Rus. Zunehmende Überfälle der Steppennomaden führten zu einer Wanderbewegung der slawischen Bevölkerung in die Waldgebiete des Nordostens, wo zahlreiche neue Städte entstanden, darunter auch das vorerst unbedeutende Moskau.

Innerhalb der Kiewer Rus verlagerte sich die politische Macht allmählich zu den Fürstentümern im Norden und Nordosten wie Nowgorod und Wladimir-Susdal, deren Machthaber sich untereinander stetig bekämpften und jeweils den Titel des Grossfürsten in Kiew beanspruchten. 1169 konnte der Fürst von Wladimir-Susdal Kiew einnehmen; er verlegte darauf den Sitz des Grossfürsten nach Wladimir. Nach dessen Zerfall gelangte die Grossfürstenwürde um 1340 endgültig nach Moskau. Aus dem Grossfürstentum Moskau entstand schliesslich das Russische Reich.

Untergang im Mongolensturm

Mongolische Truppen vor Wladimir.
Mongolische Truppen vor Wladimir. Bild: Wikimedia/gemeinfrei

1223 drangen erstmals mongolische Heere auf das Gebiet der Kiewer Rus vor. Sie kehrten 1237 zurück und eroberten zunächst den Norden des Reichs und 1240 schliesslich Kiew. In diesem sogenannten Mongolensturm wurden zahlreiche Städte zerstört, bis zu ein Zehntel der gesamten Bevölkerung kam dabei nach Schätzungen ums Leben. Nur Nowgorod und Pskow im Nordwesten entgingen diesem Verhängnis.

Die mongolische Herrschaft brachte das kulturelle Leben in der Rus zunächst fast vollständig zum Erliegen und schnitt die Rus vom westlichen Europa ab. Viele Bewohner des Südens flüchteten in die Wälder des Nordostens. Das mongolische Khanat der Goldenen Horde, das die Rus bis 1480 beherrschte, liess die russischen Fürstentümer bestehen, trieb aber Tribute von ihnen ein.

Polnisch-litauische Herrschaft

Der polnisch-litauische Unionsstaat im Jahr 1569.
Der polnisch-litauische Unionsstaat im Jahr 1569. Karte: Wikimedia

Mit dem Untergang der Kiewer Rus im Mongolensturm geriet die Ukraine unter eine Jahrhunderte andauernde Fremdherrschaft. Von Westen her drangen im Lauf des 14. Jahrhunderts Polen und weiter nördlich das Grossfürstentum Litauen nach Osten vor, die sich 1569 zu einem Unionsstaat verbanden. Dieser beherrschte bald den grössten Teil der heutigen Ukraine, während das Gebiet um die Krim unter mongolischer Herrschaft blieb. In den polnisch-litauisch kontrollierten Gebieten intensivierte sich der westliche Einfluss.

Mehrere orthodoxe Bischöfe in der Ukraine schlossen sich 1594 der katholischen Kirche an, behielten aber ihren byzantinischen Ritus bei (griechisch-katholische Kirche). Die sogenannten unierten Gläubigen wurden später, als Russland weite Gebiete in der Ukraine gewann und die griechisch-katholische Kirche unterdrückte, zu einer Hauptstütze der ukrainischen Nationalbewegung.

Aufstand der Kosaken

Chmelnyzkyjs Einzug in Kiew.
Chmelnyzkyjs Einzug in Kiew.Bild: ukrainianstudies.org

Unter der polnisch-litauischen Herrschaft gewann auch der Katholizismus an Boden. Dagegen erhoben sich 1648 die orthodoxen Kosaken – ursprünglich entlaufene leibeigene Bauern, die in der Steppe freie Reitergemeinschaften gebildet hatten – unter Bohdan Chmelnyzkyj, wobei es zu entsetzlichen Massakern an Polen und Juden kam.

Die Kosaken gründeten ein eigenes Staatswesen, das Kosaken-Hetmanat, das sich aber bald im Kampf gegen Polen unter den Schutz des russischen Zaren stellte. Während die ukrainische Geschichtsschreibung in dieser Übereinkunft von Perejaslav (1654) ein kurzfristiges Bündnis gegen den polnischen König sieht, werten russische Historiker das Vertragswerk als eine Wiedervereinigung zwischen «Gross»- und «Kleinrussen» (Ukrainern).

Zwischen Österreich und Russland

Europa im Jahr 1815: Der grössere östliche Teil der Ukraine lag im Russischen Kaiserreich, der kleinere westliche Teil im Kaisertum Österreich.
Europa im Jahr 1815: Der grössere östliche Teil der Ukraine lag im Russischen Kaiserreich, der kleinere westliche Teil im Kaisertum Österreich. Karte: Wikimedia

Die Ukraine zerfiel nun in einen grösseren russischen und kleineren polnischen Teil, wobei die Grenze zunächst entlang des Dnjepr verlief. In der Folge drang Russland jedoch immer weiter nach Westen vor, zugleich siedelten sich in der östlichen Ukraine zahlreiche Russen an.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschwand das polnische Grossreich in drei Teilungen (1772, 1793 und 1795) vollständig von der Landkarte; dadurch geriet der westliche Teil um Lwiw in Ostgalizien unter österreichische Herrschaft. Im grösseren russischen Teil des Landes setzte eine zunehmende Russifizierung ein, die die ukrainische Sprache und Kultur zurückdrängte, während die Verhältnisse im österreichischen Teil liberaler waren. Vornehmlich dort begannen im 19. Jahrhundert Bestrebungen zur Bildung einer eigenen Nation.

Kurze Unabhängigkeit

Postkarte aus der Zeit der Ukrainischen Volksrepublik: Ukrainische Truppen verteidigen die ukrainische Flagge vor dem russischen Doppeladler.
Postkarte aus der Zeit der Ukrainischen Volksrepublik: Ukrainische Truppen verteidigen die ukrainische Flagge vor dem russischen Doppeladler.Bild: Wikimedia

Im Ersten Weltkrieg wurde die Ukraine zum Kriegsschauplatz. Die Mittelmächte, besonders das Deutsche Reich, unterstützten die ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen, um Russland zu schwächen. Nach der Februarrevolution 1917, die den Zaren stürzte, bildete sich in Kiew die Zentralna Rada, ein Volksrat, der eine provisorische Regierung einsetzte und die Schaffung einer unabhängigen Republik betrieb, was auf Widerstand der russischen Regierung unter Alexander Kerenski stiess.

Die Lage änderte sich nun in rascher Folge: Nach der Machtergreifung der Bolschewiki in Russland rief der ukrainische Zentralrat die unabhängige Ukrainische Volksrepublik aus, worauf die Bolschewiki in der Ukraine einmarschierten, die «Ukrainische Volksrepublik der Sowjets» proklamierten und schliesslich Kiew besetzten. Kurz darauf eroberten aber die Mittelmächte die Hauptstadt und installierten ein autoritäres Marionettenregime. Nach dem Krieg kam es weiterhin zu mehrfachen Machtwechseln im Zuge des anschliessenden Polnisch-Russischen Krieges. Ab 1921 stabilisierte sich die Lage; nun gehörten die Zentral- und Ostukraine zur Sowjetunion, in der sie die «Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik» bildeten, während der Westen zum wiederauferstandenen Polen kam.

Der «Holodomor» – die ukrainische Ur-Katastrophe

Ukrainische Hungerflüchtlinge im Holodomor.
Ukrainische Hungerflüchtlinge im Holodomor. Bild: rferl.org

Die Sowjets förderten in ihrem Teil der Ukraine die Industrialisierung stark, vornehmlich im Osten; der Westen ist dagegen heute noch strukturschwach. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft zu Beginn der Dreissigerjahre führte zu einer Verringerung der Anbaufläche und zu geringeren Erträgen pro Hektar, was zu einer katastrophalen Hungersnot führte – und dies in der Ukraine, die mit ihren fruchtbaren Schwarzerde-Böden als Kornkammer der Sowjetunion galt. Moskau verschärfte die Lage noch, indem Getreide auf westliche Märkte exportiert wurde, um Devisen für die Industrialisierung zu beschaffen.

Dem «Holodomor» («Tötung durch Hunger»), der von manchen Historikern als absichtlich inszenierter Völkermord bezeichnet wird, fielen 1932–1933 drei bis sieben Millionen Ukrainer zum Opfer. Die Katastrophe weckte in der ukrainischen Sowjetrepublik starke anti-russische Gefühle. Obwohl es damals im Süden und Osten mehr Opfer gab, ist das Gedenken an diese Katastrophe heute im Westen stärker verankert. Weitere Opfer forderten die Säuberungen Stalins, die ihren Höhepunkt 1936–1938 erreichten und sich auch gegen ethnische Minderheiten richteten.

Unheimliche Nationalisten

Ein Veteran der Ukrainischen Aufständischen Armee 2005 mit einem Porträt von Stepan Bandera.
Ein Veteran der Ukrainischen Aufständischen Armee 2005 mit einem Porträt von Stepan Bandera.Bild: Keystone

Die ukrainische Nationalbewegung war besonders in der Westukraine stark, die nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen kam und beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von der Sowjetunion besetzt wurde. Die 1929 gegründete Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) bildete bald einen militärischen Arm, dessen radikaler Flügel von Stepan Bandera geführt wurde.

Beim Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion richteten Banderas Verbände in Lwiw ein Massaker an Juden und Kommunisten an. Viele nationalistische Ukrainer sahen die Deutschen zunächst als Befreier; ukrainische Hilfstruppen beteiligten sich an der Vernichtung der Juden, ukrainische Freiwillige dienten in der Waffen-SS. Bandera gilt heute noch bei vielen Leuten in der Westukraine als Freiheitskämpfer, vor allem für die Anhänger der rechtsextremen Partei Svoboda, während er im russischsprachigen Osten als Faschist und Kriegsverbrecher verhasst ist.

Die anfängliche Begeisterung für die deutschen «Befreier» verebbte jedoch rasch. Im Zuge des deutschen Vernichtungskriegs im Osten litt die Ukraine – neben Polen, Belarus und dem Baltikum – besonders stark: Geschätzt acht Millionen Tote, darunter fünf Millionen Zivilisten, forderte der Krieg. Etwa 1,6 Millionen Juden wurden systematisch umgebracht. Mehr als zwei Millionen Männer und Frauen wurden zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt.

1942 wurde die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) gegründet, die eine unabhängige Ukraine anstrebte. Um die multiethnische Westukraine zu «ukrainisieren», ermordeten und vertrieben sie über hunderttausend Polen aus den westlichen Gebieten. Nach der Rückeroberung der Ukraine durch die Rote Armee setzte die UPA ihren Krieg gegen die Sowjetunion fort, wurde dann aber 1954 endgültig zerschlagen.

Geschenk mit Spätfolgen

Gebietszuwachs der Ukrainischen Sowjetrepublik von 1922 bis 1954.
Gebietszuwachs der Ukrainischen Sowjetrepublik von 1922 bis 1954. Karte: Wikimedia/Spiridon Ion Cepleanu

1954, ein Jahr nach Stalins Tod, erhielt die ukrainische Sowjetrepublik – die nach dem Krieg bereits um die ehemals ostpolnische Westukraine erweitert worden war – einen territorialen Zugewinn: Die Krim wurde aus der russischen Sowjetrepublik herausgelöst und der Ukraine zugeteilt. Anlass dafür waren die Feierlichkeiten zum 300. Jahrestag der Übereinkunft von Perejaslav, als sich die ukrainischen Kosaken dem Zaren unterstellt hatten.

Ob es sich bei diesem Vorgang tatsächlich um ein Geschenk von Nikita Chruschtschow handelte, wie oft gesagt wird, ist umstritten. Chruschtschow war als Erster Parteisekretär der starke Mann der Sowjetunion; er hatte einen Teil seiner Jugend in der Ukraine verbracht und war dort später mehrere Jahre Parteichef. Während seiner Zeit im Kreml verbesserte sich die Lage in der Ukraine; es wurden mehr Ukrainer in die Parteiführung der Sowjetrepublik aufgenommen und die ukrainische Sprache und Kultur erhielten wieder mehr Spielraum.

Der Transfer der Krim erregte damals kaum Aufsehen, da er innerhalb der Sowjetunion stattfand und wenig praktische Auswirkungen hatte. Ein womöglich erwünschter Nebeneffekt lag darin, dass die Ukraine dadurch stärker an Russland gebunden wurde und die überwiegend russischsprachige Bevölkerung der Krim den russischen Bevölkerungsanteil in der Ukraine verstärkte. Gleichwohl stimmte auch die Krim 1991 für die Unabhängigkeit der Ukraine, wenn auch mit dem geringsten Ja-Anteil (54 Prozent) aller Oblaste. Das Gebiet erhielt 1992 innerhalb der Ukraine einen wirtschaftlichen Sonderstatus.

Der hohe russischsprachige Anteil an der Bevölkerung der Krim und die Tatsache des erst 1954 erfolgten Transfers zur Ukraine diente Russland später als Vorwand, die Halbinsel zu annektieren.

Erneute Unabhängigkeit

Ukrainer feiern im August 1991 die Unabhängigkeit.
Ukrainer feiern im August 1991 die Unabhängigkeit.Bild: Wikimedia/Pavlo Pashchenko

Der Umgang der sowjetischen Führung mit der Katastrophe im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl 1986 verstärkte die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die seit den Siebzigerjahren wieder unter verstärkten Russifizierungstendenzen zu leiden hatte. 1989 schlossen sich mehrere oppositionelle Gruppierungen zur «Volksbewegung» («Ruch») zusammen, die sich die nationale Unabhängigkeit auf die Fahne schrieb.

Nach dem gescheiterten Augustputsch in Moskau 1991 erklärte die Ukraine gemeinsam mit weiteren Sowjetrepubliken ihre Unabhängigkeit. Das Referendum über die Unabhängigkeit ergab 90,3 Prozent Ja-Stimmen. Die neue Verfassung der Ukraine erhob 1996 Ukrainisch zur Staatssprache, garantierte aber den Minderheiten den Schutz ihrer Identitäten und Sprachen.

Zum Zeitpunkt ihrer Unabhängigkeit war die Ukraine dank der sowjetischen Atomraketen die drittgrösste Nuklearmacht. Sie verzichtete – nicht zuletzt unter amerikanischem Druck – auf diesen Status und die Gefechtsköpfe wurden bis 1996 nach Russland transportiert oder zerstört. Im Gegenzug für den Verzicht auf die Atomwaffen verpflichteten sich Russland, die USA und Grossbritannien im Budapester Memorandum 1994 gegenüber der Ukraine, deren territoriale Unversehrtheit und politische Unabhängigkeit zu achten. Auch Belarus und Kasachstan, die auf ihre sowjetischen Atomwaffen verzichtet hatten, erhielten gleichlautende Garantien.

Gespaltenes Land

Präsidentschaftswahlen 2004: Ergebnis der 2. Stichwahl.
Präsidentschaftswahlen 2004: Ergebnis der 2. Stichwahl. Karte: Wikimedia

Der Gegensatz zwischen der Westukraine und dem Osten und Süden des Landes brach nach der Unabhängigkeit erneut auf. Bei den Präsidentschaftswahlen 2004, die als Richtungswahl für die Ost- oder Westausrichtung des Landes galten, zeigte sich der Graben exemplarisch: Bei der Stichwahl konnte der proeuropäische Kandidat Viktor Juschtschenko in den westlichen Landesteilen, besonders um Lwiw, über 90 Prozent der Stimmen gewinnen. Ähnliche Resultate erzielte sein Rivale, der prorussische Kandidat Viktor Janukowitsch, im östlichen Donezbecken.

Monate vor der Wahl hatte Juschtschenko eine Dioxinvergiftung erlitten, die sein Gesicht entstellte. Möglicherweise war er vom ukrainischen Inlandgeheimdienst vergiftet worden. Die politische und wirtschaftliche Elite, die eher Janukowitsch favorisierte, fürchtete Juschtschenko, der seinen Wahlkampf stark auf die Annäherung an den Westen und den Kampf gegen die Korruption ausgerichtet hatte.

Orange Revolution

Viktor Juschtschenko (l.) und Julia Timoschenko.
Viktor Juschtschenko (l.) und Julia Timoschenko.Bild: Keystone/EPA

Als Janukowitsch nach der Stichwahl im November 2004 zum Sieger erklärt wurde, kam es zu einem mehrwöchigen, friedlichen Massenprotest gegen die Wahlfälschungen. Diese sogenannte Orange Revolution, deren Protagonisten Juschtschenko und die Oppositionsführerin Julia Timoschenko waren, erzwang die Wiederholung der Stichwahl, die dann von Juschtschenko gewonnen wurde.

Die beiden Galionsfiguren der erfolgreichen Revolution zerstritten sich in der Folge aber bald. Juschtschenko, dem es als Präsident nicht gelungen war, das in ihn gesetzte Vertrauen in politische Erfolge umzumünzen, entliess Timoschenko als Ministerpräsidentin schon im September 2005. Seine Aussenpolitik, die den Beitritt zur NATO und EU anstrebte, blieb erfolglos. Bei den Präsidentschaftswahlen 2010 unterlag er Janukowitsch. Die politische Blockade des Landes als Folge des Patts zwischen West und Ost blieb bestehen.

Euromaidan

Euromaidan: Eine Frau trägt Reifen zu einer Strassenbarrikade.
Euromaidan: Eine Frau trägt Reifen zu einer Strassenbarrikade. Bild: EPA/EPA FILE

Janukowitsch hielt zwar weiterhin an einer Annäherung an die EU fest, unterhielt aber auch gute Beziehungen zu Russland. 2012 wurde ein Sprachengesetz verabschiedet, das Russisch vornehmlich im Osten und Süden der Ukraine faktisch zur zweiten Amtssprache machte. Vermutlich auf Druck von Moskau hin erklärte die Regierung am 21. November 2013 den Abbruch der Verhandlungen über das Assoziierungsabkommen mit der EU. Dies löste Massenproteste aus, die in den folgenden Tagen in einer Grossdemonstration auf dem Majdan in Kiew kulminierte.

Als die Spezialeinheit «Berkut» den Majdan Ende November gewaltsam räumen wollte, strömten noch mehr Menschen auf den Platz; schätzungsweise bis zu 800'000 Demonstranten versammelten sich in der Hauptstadt. Neben westlich orientierten und demokratischen Gruppierungen fanden sich teilweise auch rechtsextreme und ultranationalistische Kräfte unter den Protestierenden.

Westliche Politiker, die den Euromaidan besuchten und sich mit den Demonstranten solidarisierten, riefen den russischen Aussenminister Sergei Lawrow auf den Plan, der den Westen davor warnte, sich in die Angelegenheiten der Ukraine einzumischen. Die ukrainischen Sicherheitskräfte reagierten zunehmend mit Gewalt auf die Kundgebung; dies liess die gewalttätigen Auseinandersetzungen eskalieren, die Dutzende Todesopfer forderten. Am 22. Februar wechselten schliesslich Armee und Polizei die Seiten und das Parlament enthob Janukowytsch, der nach Russland flüchtete, des Amtes.

Krimkrise und Krieg im Donbass

«Grüne Männchen» im März 2014 auf der Krim.
«Grüne Männchen» im März 2014 auf der Krim. Bild: AP/AP

Für die russische Führung unter Präsident Wladimir Putin war der Umsturz in der Ukraine in der Folge des Euromaidan vom Westen inszeniert; in Moskau befürchtete man zudem, dieser Vorgang könne der russischen Opposition als Blaupause dienen. Die Reaktion des Kremls bestand darin, die Abspaltung der Krim zu betreiben und die Ukraine durch die Unterstützung von separatistischen Tendenzen im Donbass zu destabilisieren.

Ende Februar 2014 drangen russische Soldaten ohne Hoheitszeichen – sogenannte grüne Männchen – in die Krim ein, blockierten Strassen und besetzten Verwaltungsgebäude. Als neuer Ministerpräsident der Autonomen Republik wurde Sergei Aksjonow eingesetzt, der auf den 17. März ein Referendum über die Wiedervereinigung der Krim mit Russland ansetzte und Russland um militärische Hilfe bat. Das Referendum erbrachte 95,5 Ja-Stimmen; vermutlich stimmte trotz Fälschungen und Drohungen tatsächlich eine Mehrheit der Bevölkerung für die Wiedervereinigung mit Russland, die am 20. März offiziell stattfand. Der Westen regierte mit Sanktionen gegen Russland.

Grüne Männchen sickerten im Frühjahr 2014 auch in die Oblaste Donezk und Luhansk im Donbass-Gebiet ein. Im Donbass wie in anderen Teilen der östlichen Ukraine – etwa in Charkiw – hatte es Demonstrationen gegen den Euromaidan gegeben, hier war der Anteil der Russen an der Bevölkerung hoch. Die russische Propaganda sprach von einem Genozid an der russischsprachigen Bevölkerung, was jedoch den Fakten nicht entsprach.

Von Russland mit Waffen ausgerüstete prorussische Aktivisten besetzten im Donbass Regierungsgebäude und riefen schliesslich «Volksrepublik Donezk» und die «Volksrepublik Luhansk» aus. Mit inoffizieller russischer Unterstützung gelang es ihnen, einen Teil des Donbass-Gebiets gegen die ukrainischen Regierungstruppen zu halten. Der Donbass-Krieg schwelte trotz des Minsker Abkommens 2015, das eine Waffenruhe vorsah, mit wechselnder Intensität weiter. Bis zum russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 forderte er etwa 14'000 Todesopfer.

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52 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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John Henry Eden
27.03.2022 14:43registriert Januar 2014
Grossartiger Artikel mit viel Substanz, merci.
594
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Salvatore_M
27.03.2022 15:43registriert Januar 2022
Am 24.02.2022 sagte ein Kommentator im Fernsehen, dass dieser Tag ein historischer Tag sei.

Nach 1 Monat Krieg ist klar, dass dieser Tag in der Tat in die Geschichte eingehen wird. Alle Ukrainer scheinen eine gemeinsame Identität gefunden zu haben. Unglaublich, dass die brutale russische Armee vor allem in den östlichen, früher russisch freundlichen Gebieten soviel Leid angerichtet hat. So geht man nicht mit einem Brudervolk um. Man tötet nicht wahllos Brüder und Schwestern.

Putin hat auch uns im Westen zu denken gegeben. Man muss sich gegen Diktaturen wehren. Der Preis ist jedoch hoch.
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Uno
27.03.2022 16:10registriert Oktober 2019
Danke für den Bericht. Es gab eigentlich nie die Ukraine, immer Fremdobrigkeit. Das würde mir auch stinken. Immer Fremde die bestimmen. - Und jetzt wieder. Wann bekommt dieses Land Ruhe?
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52

Liebe Huberquizzerin, lieber Huberquizzer

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