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Bild: Keystone/watson

Ein Monat Krieg in der Ukraine – und die Bilanz für Putin ist katastrophal

24.03.2022, 20:5526.03.2022, 07:11

Es ist wieder Krieg in Europa. Seit einem Monat rollen in der Ukraine die Panzer, schlagen Granaten in Wohnhäuser ein, sterben Menschen. Der russische Angriff auf den Nachbarstaat kam trotz aller Drohgebärden und trotz des unübersehbaren Truppenaufmarschs für die meisten Beobachter überraschend. Sicher ist: Dieser Krieg stellt eine Zeitenwende dar, die das Ende der seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion geltenden Friedens- und Sicherheitsordnung markiert.

Krieg bedeutet Leid. Tausende Zivilisten und Soldaten sind in diesem einen Monat schon gestorben, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die Folgen dieser traumatischen Ereignisse sind unabsehbar. Auch die langfristigen politischen und wirtschaftlichen Folgen dieses Konflikts sind derzeit erst in Umrissen erkennbar, zumal ein Ende des Kriegs nicht in Sicht ist.

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Dennoch gibt es Erkenntnisse, teils überraschender Natur, die bereits als gesichert gelten können. Und es bleibt die Frage, wie es weitergeht – zunächst vor allem militärisch. Im Augenblick stehen sich beide Seiten in einer Pattsituation gegenüber. Noch ist es möglich, dass die russische Armee aus ihren Fehlern lernt oder ihr numerisches Übergewicht zum Tragen bringen kann. Möglich ist aber auch ein Debakel – oder eine blutige Verlängerung des Patts, bis eine Seite erschöpft ist.

Der russische Blitzkrieg ist gescheitert

Einen Monat nach Kriegsbeginn kann man feststellen: Die gefürchtete russische Dampfwalze hat sich festgefahren. Rückten Putins Truppen am ersten Tag noch schnell in Richtung Kiew oder Charkiw vor, blieb der Angriff danach beinahe überall stecken. Die russische Armee konnte nur noch bescheidene Landgewinne verbuchen, dies vornehmlich im Südosten und Osten, wo es ihr gelang, eine Landverbindung zwischen der Krim und dem Donbass zu etablieren. Seit Wochen ändert sich der Frontverlauf nur geringfügig; von einem schnellen und entscheidenden Vormarsch in Blitzkriegsmanier kann keine Rede mehr sein.

Panzerwracks wie dieses in Irpin säumen den Weg der russischen Truppen in die Ukraine.
Panzerwracks wie dieses in Irpin säumen den Weg der russischen Truppen in die Ukraine. Bild: keystone

Die russische Armee ist überschätzt worden

Auch im Stellungskrieg, der sich seit dem Stocken des russischen Vormarschs an nahezu allen Fronten entwickelt hat, macht die russische Armee bisher keinen guten Eindruck. Ihre militärische Leistung ist noch blamabler, wenn man sie an den vorherigen Befürchtungen misst, die jahrelang aufgerüstete russische Streitmacht werde mit ihren modernen Waffensystemen und ihrer überwältigenden Übermacht an Mann und Material jeden Widerstand niederwalzen. Hinzu kam die Kampferfahrung, die manche Offiziere aus Einsätzen in Syrien oder Tschetschenien mitbringen.

Gerade ranghohe Offiziere wurden indes in der Ukraine in beispielloser Weise dezimiert. Diese Verluste – bisher sind fünf oder gar sechs von vermutlich insgesamt 20 in der Ukraine eingesetzten Generalmajore gefallen – sind ein Indiz für Führungsprobleme in der russischen Armee. Die Offiziere begaben sich womöglich in Frontnähe, um ihre Befehle durchzusetzen, was auf mangelnde Disziplin oder Moral der Truppe schliessen lässt.

Der Ausfall von modernen Kommunikationssystemen, der die russischen Soldaten dazu brachte, Nachrichten per Handy zu übermitteln, offenbarte eine weitere Schwäche der Armee. Sie ermöglichte den ukrainischen Verteidigern, ihren Gegnern mehrfach empfindliche Schläge zu versetzen. Zudem gelang es der russischen Luftwaffe erstaunlicherweise trotz erdrückender Überlegenheit bisher nicht, die Lufthoheit über der Ukraine zu erringen. Sie kooperiert auch nicht effizient mit den Bodentruppen; wie es generell den Anschein macht, dass die russischen Teilstreitkräfte nicht aufeinander abgestimmt vorgehen.

Nun rächt sich auch die quasi traditionelle russische Vernachlässigung der Logistik, etwa im Vergleich zu den US-Streitkräften. Es gibt zahlreiche Berichte über Panzer, die von ihren Mannschaften wegen Treibstoffmangel schlicht aufgegeben wurden, oder über Soldaten, die Lebensmittel plünderten, weil die Verpflegung fehlte.

Die ukrainische Zivilbevölkerung bezahlt allerdings einen hohen Preis für all diese Probleme der russischen Truppen: Es scheint so, als nehme die Armee angesichts des Patts Zuflucht in Kampftaktiken, die sie im Tschetschenienkrieg bereits angewandt hatte – Stichwort Grosny. Dort versuchten die Russen, jeden Widerstand zu brechen, indem sie die Stadt beinahe komplett zerstörten.

Die Ukrainer sind geeint und wehren sich zäh

Die Spannungen in der ukrainischen Bevölkerung, die grob gesehen zwischen dem westlichen, mehrheitlich ukrainischsprachigen und dem östlichen, eher russischsprachigen Landesteil bestanden, sind zumindest im Moment vollkommen in den Hintergrund getreten. Der russische Einmarsch, den Putin wohl in der irrtümlichen Zuversicht angeordnet hat, wenigstens ein Teil der ukrainischen Bevölkerung werde ihn begrüssen, hat die Ukrainer im Gegenteil zusammengeschweisst und im Hass auf das Brudervolk im Osten vereint.

Entsprechend heftig und zäh ist nun der Widerstand gegen die Invasoren. Die numerisch unterlegene ukrainische Armee stellt sich den russischen Truppen allem Anschein nach mit einer hohen Kampfmoral entgegen. Aber auch die Zivilbevölkerung gibt den russischen Soldaten unmissverständlich zu verstehen, was sie von der «Befreiung» hält, wie Videos gezeigt haben.

Der Westen ist geeint, Russland isoliert

Vermutlich hat Putin den Westen, der in seinen Augen dekadent und schwach ist, unterschätzt. Anders ist es kaum zu erklären, dass der russische Präsident im Jahr 2022 einen massiven militärischen Angriff auf einen souveränen Staat in Europa befohlen hat.

Das Ziel, den Westen zu spalten und damit weiter zu schwächen, hat er damit jedenfalls verfehlt – im Gegenteil, die westliche Staatengemeinschaft hat den Einmarsch geeint wie selten verurteilt und mit extrem harten Sanktionen darauf reagiert. Es dürfte nur die Furcht vor einer unkontrollierbaren Eskalation sein, die den Westen davon abhält, der Ukraine direkter mit militärischen Mitteln beizustehen.

Russland ist jetzt durch die westlichen Gegenmassnahmen isoliert wie nie zuvor. Nur noch wenige Staaten unterstützen den Kreml, der zum Paria der Staatengemeinschaft geworden ist. Selbst China, dem ebenfalls an einer Schwächung des Westens gelegen ist, hält sich deutlich zurück. Mittelfristig droht Russland in die Rolle eines Juniorpartners Pekings abzusteigen, der bestenfalls noch Rohstoffe für die chinesische Wirtschaft liefern darf. Wie die bereits schwer getroffene russische Wirtschaft mit dem absehbaren Ausfall der westlichen Energieimporte fertig werden wird, steht zudem in den Sternen.

Putin hat seine Ziele noch nicht erreicht

Welche Ziele auch immer der russische Präsident mit seiner militärischen Intervention im Nachbarland erreichen wollte – er hat sie nicht erreicht, wenigstens bis jetzt. Und es ist sehr fraglich, ob er sie noch erreichen kann, wie die zuvor erwähnten Punkte zeigen: Der Blitzkrieg ist gescheitert, die russische Armee kommt nicht voran, die Ukrainer haben die russischen Truppen nicht begrüsst, sondern bekämpfen sie erbittert, und der Westen hat mit unerwarteter Härte auf den Einmarsch reagiert.

Auch Putins verhasster ukrainischer Gegenspieler, Wolodymyr Selenskyj, ist immer noch im Amt, obwohl es das erklärte Ziel des Einmarschs war, die ukrainische Regierung abzusetzen. Im Gegensatz zu Putin bespielt Selenskyj übrigens die sozialen Medien virtuos und macht dabei einen souveränen Eindruck. Die Demonstration russischer militärischer Stärke ist bis anhin ebenfalls gründlich missglückt; die russische Armee hat sich bisher blamiert und verbreitet vornehmlich mit brutalen Schlägen gegen die Zivilbevölkerung Schrecken.

Das Hauptziel, die Einbindung der Ukraine in die russische Sphäre, ist in weite Ferne gerückt. Selbst nach einer militärischen Wende dürfte es für Russland unendlich schwierig werden, das Nachbarland dauerhaft an sich zu binden, dessen Bevölkerung nun auf lange Zeit antirussisch eingestellt sein wird. Der Versuch, mit der Einbindung der Ukraine und der Schwächung des Westens den Wiederaufstieg Russlands in den Kreis der führenden Grossmächte zu erzwingen, ist damit wohl gescheitert.

Wie geht es weiter?

Niemand weiss, wie dieser Krieg enden wird. Bisher ist es der russischen Armee nicht gelungen, eines der grossen Bevölkerungszentren der Ukraine einzunehmen; sogar die seit Wochen belagerte Grossstadt Mariupol ist noch nicht unter russischer Kontrolle. Die Armee dürfte den verlustreichen Häuserkampf fürchten, zumal Panzer in der Stadt viel verwundbarer sind.

Nach wie vor ist es aber möglich, dass die russischen Truppen eine Wende erzwingen können, etwa durch einen Vorstoss von Norden her aus dem Raum Charkiw nach Süden, um so die starken ukrainischen Einheiten im Osten des Landes einzukesseln. Sollte Mariupol fallen, könnten derzeit dort gebundene russische Kräfte freiwerden, die ebenfalls die ukrainischen Truppen im Osten angreifen könnten. Möglich ist auch, dass Belarus von der passiven zu einer aktiven Unterstützung der russischen Operation übergeht und mit eigenen Truppen in die Kämpfe eingreift.

Die Hafenstadt Mariupol ist zum grössten Teil völlig zerstört.
Die Hafenstadt Mariupol ist zum grössten Teil völlig zerstört. Bild: keystone

Sollte Russland diesen Krieg doch noch militärisch für sich entscheiden können, bleibt die Frage, ob und wie es die Ukraine befrieden und kontrollieren kann. Eine brutale Repressionspolitik dürfte auf die Dauer das Gegenteil bewirken. Auf jeden Fall wären die materiellen und politischen Kosten horrend.

Dauert hingegen das Patt weiter an, kommt es vollends zu einem Abnutzungskrieg – unter dem die Zivilbevölkerung wie immer am meisten leiden wird. Wer hier den längeren Atem hat, ist schwierig zu sagen. Der Westen dürfte in diesem Fall seine Waffenlieferungen verstärken, was wiederum die Gefahr vergrössern würde, dass er in den Krieg hineingezogen wird.

Je länger der Krieg dauert und je verlustreicher er wird, desto schwieriger wird die Situation für Putin. Noch kontrolliert er die Lage in Russland selbst, noch steht vermutlich die Mehrheit der Bevölkerung hinter ihm. Doch die massive Zensur von missliebigen Informationen und die für seine gesamte Amtszeit beispiellose Repression jeglichen Protests zeigen, dass Putin weiss, wie schnell die Lage kehren kann. Und der Rücktritt seines langjährigen Beraters Anatoli Tschubais deutet an, dass informierte Kreise kalte Füsse bekommen.

Tschubais (r.), hier 2006 mit Putin, hat Russland bereits verlassen.
Tschubais (r.), hier 2006 mit Putin, hat Russland bereits verlassen. Bild: Keystone

Bei einer andauernden Pattsituation oder gar einer sich abzeichnenden Niederlage könnte sich Putin daher mit einer Abspaltung des Donbass inklusive einer Landverbindung zur Krim zufriedengeben. Wie er dieses Minimalziel angesichts der katastrophalen Verluste zu einem Erfolg erklären könnte, ist sein Geheimnis. Ohnehin würde auch dieses Szenario nichts an der Isolation Russlands und seinem wirtschaftlichen Niedergang ändern.

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71 Kommentare
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Liebu
24.03.2022 22:03registriert Oktober 2020
Es haben schon zu viele zu viel verloren.
Wird langsam Zeit, verliert Putin selber. Egal ob die Unterstützung, den Krieg oder sein Leben.
Bis jetzt zahlen alle andern für ihn den Preis. Er gehört jetzt zur Kasse gezogen und selber zu bezahlen, damit der Wahnsinn stoppt.
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Einer mit interkantonalem Migrationshintergrund
24.03.2022 21:39registriert April 2021
Wenn du eine Atommacht bist, aber nur im massenmorden von unbewaffneten Zivilisten gut bist...
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Meierli
24.03.2022 21:42registriert November 2019
Abgesehen von den Nuklearwaffen ist die russische Armee ein Witz. Konventionell keine Chance die Ukraine einzunehmen. Geschweige denn einen Krieg gegen die NATO zu gewinnen. Die grosse Selbsttäuschung ist aufgeflogen.
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