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Wie Minderjährige aus dem KZ Theresienstadt in der Schweiz aufgenommen wurden

Unter den 1945 hauptsächlich im St. Galler Schulhaus Hadwig aufgenommenen 1200 Flüchtlingen aus dem Konzentrationslager Theresienstadt waren auch 112 Minderjährige. Eine Masterarbeit macht einige dieser Schicksale zum Thema.

Brigitte Schmid-Gugler / CH Media



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Robert Narev (Bildmitte) mit einem Soldaten nach der Ankunft im Hadwig-Schulhaus im Februar 1945. Die Turnhalle wurde damals als Strohlager für jüdische Flüchtlinge hergerichtet. Bild: Ringier-Archiv

Die farbige Zeichnung mit Pastellkreide des jüdischen Kunstmalers Ben Ami hing zwischen den zahlreichen Fotoaufnahmen im Raum. Das war vor drei Jahren, als die Pädagogische Hochschule St. Gallen (PHSG) den Überlebenden aus Theresienstadt eine grosse Gedenkausstellung widmete.

Der seit den 1930er-Jahren in St. Gallen lebende, ursprünglich aus Estland stammende Kunstmaler Ben Ami, dessen Eltern und Geschwister von den Nazis ermordet worden waren, wurde, als die Sonderzüge mit den Überlebenden beim Bahnhof St. Fiden eintrafen, als Übersetzer zu ihnen gerufen. Nach Theresienstadt waren jüdische Menschen verschiedenster europäischer Nationalitäten verschleppt worden.

Dass mit der kurzzeitigen Aufnahme von über 1000 Geretteten in St. Gallen das Thema mit der Ausstellung noch längst nicht ausgeschöpft ist, zeigen gleich zwei Studierende in ihren kürzlich eingereichten Masterarbeiten. Nelson Ramos hat die Zustände in jenem Lager minutiös untersucht und beschreibt in seiner aufschlussreichen Arbeit, wie die Nazis ihr System der Zermürbung und Demütigung auch dort präzisiert hatten.

Kaum aufgearbeitete Akten

Viele von den dort freigekommenen Minderjährigen kamen ohne Begleitung nach St. Gallen und wussten oft nichts über den Verbleib ihrer Angehörigen. Ben Ami wird unter dem Flüchtlingsstrom, der sich vom Bahnhof zum ehemaligen Schulhaus Hadwig bewegte, die Kinder und Jugendlichen ausgemacht haben.

Auf seiner Kreidezeichnung gleichen die schemenhaften Gesichter Totenschädeln. Mirjam Truniger, die ihre Masterarbeit von Johannes Gunzenreiner, dem Co-Leiter der vor drei Jahren gegründeten Fachstelle für Demokratiebildung und Menschenrechte an der PHS betreuen liess, wandte sich für ihre Recherchen ans Bundesarchiv in Bern.

Dort fand sie die noch kaum aufgearbeiteten Akten der 112 nach St. Gallen gebrachten Minderjährigen. Nach der Durchsicht von vierzig Dokumentationen entschied sie sich für die Recherche über das Schicksal von sieben Mädchen und Buben. Es stellte sich heraus, dass lediglich zwei von ihnen in der Schweiz Dauerasyl erhielten.

So etwa der damals fünfjährige Peter Katzenstein, dem die Nazis den Vornamen Isak aufzwängten. Der Waisenknabe reiste mit einem Ehepaar, das sich um den Buben kümmerte, mit dem Sondertransport aus Theresienstadt. Aus den Akten sei hervorgegangen, dass seine alleinerziehende Mutter vor der Gestapo nach Jugoslawien geflohen und später in Serbien ermordet worden sei, schreibt Mirjam Truniger in ihrer Arbeit.

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Peter Katzenstein reiste unbegleitet ein und wurde später in der Schweiz adoptiert.   Bild: Bundesarchiv Bern

Alle Kinder aus dem Heim, in das man Peter Katzenstein gebracht hatte, wurden später nach Theresienstadt deportiert. Der Bub kam in der Schweiz erst in eine Pflegefamilie und wurde später adoptiert. Seit 1966 lebt er in Kanada. Er ist einer von drei der sieben Porträtierten, mit denen Mirjam Truniger persönlich via Telefon, Skype und E-Mail in Verbindung treten konnte.

Restriktive Flüchtlingspolitik

«Ich wollte herausfinden, wie es für die Minderjährigen damals war und ob die Schicksale der Flüchtlingskinder miteinander vergleichbar sind», schildert die angehende Sekundarlehrerin. Zahlreiche jener Überlebenden, die als Familie einreisten, wurden in der Schweiz getrennt; Kinder durften oft nicht bei den Eltern bleiben und wurden in Heimen untergebracht.

Truniger und Ramos gehen beide auf die besonders restriktive und sehr umstrittene Flüchtlingspolitik in unserem Land ein. Ausländischen Juden verweigerte man bis Juli 1944 den Status von politischen Flüchtlingen, was zur Folge hatte, dass über 20'000 jüdische Menschen an der Grenze zurückgewiesen wurden.

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Robert Narev reiste mit seiner Mutter in die Schweiz. Heute lebt er in Neuseeland.  Bundesarchiv Bern

Dass im Februar 1945, also kurz vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands, 1200 jüdische Menschen aus Theresienstadt gerettet werden konnten, hatte mit den zweifelhaften Verbindungen von Alt-Bundesrat Jean-Marie Musy, Vorgänger von Philipp Etter, zu Hitlerdeutschland zu tun. Der nazifreundliche Musy – er engagierte sich nach seinem Rücktritt 1934 in nationalistischen Organisationen – reiste persönlich zu Hitlers rechter Hand, Heinrich Himmler, um ihm den Handel anzubieten.

Dieser, hauptverantwortlich für den Holocaust, witterte wohl eine weitere Chance, sich nach der bevorstehenden Kapitulation glimpflich aus der Affäre zu ziehen. Es kam ja dann anders. Auch mit Robert Narev konnte Mirjam Truniger sprechen. Er war mit seiner Mutter nach St. Gallen gebracht worden. Sowohl der Vater als beide Grossmütter waren in Theresienstadt ums Leben gekommen.

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Aaron Tromp kam mit seiner Familie nach St. Gallen und schrieb später ein Buch über seine Erlebnisse.   Bild: Bundesarchiv Bern

Anders als der damals noch sehr kleine Peter Katzenstein, habe er, der bei seiner Ankunft zehn Jahre alt war, viele Erinnerungen sowohl an das Lager und die groben Schikanen der Nazis als auch an den Quarantäneaufenthalt im Schulhaus Hadwig. So etwa an das Strohlager, welches man für die Flüchtlinge in der damaligen Turnhalle hergerichtet hatte. Er händigte Mirjam Truniger einen Zeitungsartikel aus, auf dem er sich in dieser Turnhalle erkannt hatte. Nach mehreren Umplatzierungen in Kinderheimen erhielten er und seine Mutter eine Ausreisebewilligung nach Neuseeland, wo Robert Narev Anwalt wurde, bis heute lebt und gemeinsam mit seiner Frau, ebenfalls eine Überlebende des Holocausts, vor Schulklassen spricht.

95 Prozent der Familie fielen der Shoah zum Opfer

Den bei seiner Rettung zehnjährigen Aaron Tromp wiederum fand Mirjam Truniger in Israel. Er und seine Familie mussten eine Odyssee durch verschiedene Lager erleben bis sie schliesslich in Theresienstadt landeten und von dort gemeinsam in den Sonderzug nach St. Gallen einsteigen durften. Mirjam Truniger zitiert Aussagen von Tromp. Dessen Vater sei vor dem Krieg in Holland ein begnadeter Musiker gewesen. 95 Prozent seiner Familie fielen der Shoah zum Opfer. «Damit sie nicht vergessen gehen», habe Aaron Tromp seine Erinnerungen in einem Buch zusammengetragen. Auch die beiden Abschlussarbeiten sind diesem Erinnern geschuldet. Künftige Schülerinnen und Schüler werden davon profitieren.

Mit Liebe und Humor gegen Nazi-Schmierereien

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    Alle Leser-Kommentare
  • Borki 30.10.2018 11:06
    Highlight Highlight Vorsicht mit Zahlen in diesem überaus heiklen Bereich!
    Nach meinem Wissen geht der Bergier-Bericht von 20'000 zurückgewiesenen Flüchtlingen aus, nicht explizit von 20'000 zurückgewiesenen Juden wie im Artikel geschrieben steht.
    Auch finde ich es unsauber, diese Zahl zu verwenden, ohne Relation zu der Zahl derjenigen, die aufgenommen wurden. Zumal es ja im Artikel um diese geht.

    Es geht mir nicht darum, die aus heutiger Sicht viel zu strenge Asylpolitik der damaligen Schweiz zu beschönigen. Unser Land trägt eine Mitschuld durch "unterlassene Hilfeleistung" und soll diese akzeptieren.
    • Liselote Meier 30.10.2018 18:21
      Highlight Highlight Das stimmt 20'000 sind alle abgewiesenen zivilien Flüchtlinge.

      Gemäss Serge Klarsfeld, wurden ca. 3000 Juden abgewiesen.

Wie aus einer römischen Orgie der Geburtstag von Jesus wurde

Beim Anblick von bunt geschmückten Schaufenstern, dumm grinsenden Samichlaus-Fratzen und an Heiligabend durch Einkaufsstrassen hetzenden Menschen könnte ich kotzen. Doch eigentlich ist das der einzig wahre Sinn des Weihnachtsfests – und das seit über 2000 Jahren.

Puristen verachten das Fest am Ende des letzten Monats im Jahr. «Alles bloss Kommerz, wir feiern unsere eigene Versklavung am Kapitalismus, so 'n Scheiss, dieser Heiligabend!», motzen sie vor sich hin und lehnen den Becher voller Glühwein, der ihr Ticket zur pathetischen Ausgelassenheit sein könnte, kommentarlos ab.

Dem Vorwurf, dass Weihnachten, so wie wir es heute feiern, nur wenig bis gar nichts mehr mit der Huldigung von Jesu Geburt zu tun habe, würden wahrscheinlich sogar Hardcore-Christen …

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