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Fabrice Herzog erobert die Eishockey-Welt. Bild: EPA/KEYSTONE

Fabrice Herzog und die heimatlosen Helden unseres Hockeys

Ein Ostschweizer erobert in Paris die grosse Hockey-Welt. Er kann nach Jonas Hiller und Kevin Fiala der nächste Ostschweizer in der NHL werden.

16.05.17, 07:51 16.05.17, 13:57

Eishockeyspieler kommen aus dem Bernbiet, dem Emmental, dem Oberaargau, dem Mittelland, dem Züribiet, aus dem Zugerland, aus den Bündner Bergen, aus dem Wallis, dem Jura oder dem übrigen Welschland. Aber aus der Ostschweiz? Eher nicht. Oder doch?

Es gehört zu den Kuriositäten unserer Sportkultur, dass es in den Kantonen St.Gallen, Thurgau und in den beiden Appenzell, noch nie ein grosses Hockeyteam gegeben hat.

Natürlich, Rapperswil-Jona liegt im Kanton St.Gallen. Aber hockeykulturell gehört «Rappi» halt zum Hockey-Grossraum Zürich.

Die Euphorie in Herisau war im NLA-Jahr gross. Erinnerungswürdig waren aber eigentlich nur die schönen Shirts. Bild: KEYSTONE

Ja sicher, Herisau war einmal in der NLA und hätten die Appenzeller damals im Frühjahr 1997 im Aufstiegskampf GC nicht besiegt, wäre es wohl nie zur Gründung der ZSC Lions gekommen. Aber diese eine NLA-Saison (1997/98) war eher eine Episode als eine Ära des Ruhmes. Sie endete im finanziellen und sportlichen Ruin.

Ganze Hockey-Dynastien aus der Ostschweiz

Kurios ist das alles deshalb, weil so viele grosse Spieler, ja ganze Hockey-Dynastien aus der Ostschweiz kommen. Matthias Seger, der Leuenberger-Clan, Michel Zeiter, René Stüssi, Jörg Eberle, Giovanni «Goal» Conte, Thomas Nüssli, Kevin Fiala oder der NHL-Titan Jonas Hiller – und dies ist nur eine unvollständige Aufzählung. Vergessen wir auch nicht Rheintaler wie Ivo Rüthemann und Ramon Untersander. Felix Burgener war lange vor Christian Constantin Trainer und Präsident. Mit Hans-Rudolf Merz hat gar ein Bundesrat seine Wurzeln im Appenzeller Hockey.

Unverkennbar: Michel Zeiter mit den weissen Schlittschuhen. Bild: KEYSTONE

Es sind letztlich heimatlose Hockey-Helden. Ohne Heimat, ohne «Homebase» in einem grossen Hockeyunternehmen, das auch nach einer Karriere Jobs für seine Stars hat.

Und nun erobert in diesen Tagen Fabrice Herzog (22) aus Frauenfeld in Paris die grosse Hockey-Welt. Auch er ist früh aus der Ostschweiz ausgezogen um anderorts Karriere zu machen. Er sagt: «Zürich, Kloten oder Zug sind schnell erreichbar und nur dort gibt es Elite-Juniorenteams.»

Herzog: Ein Künstler unter Handwerkern

Tatsächlich muss ein junger Spieler aus der Ostschweiz, wenn er eine Hockeykarriere machen will, früh in eine der Hockey-Abteilungen der Grossklubs zügeln. Auch Uzwil hat keine Elite-Junioren mehr. Vielleicht ist das ja auch gut so: Früh müssen sich die Ostschweizer in einer neuen Umgebung behaupten.

Oft nur in der dritten Linie mit Reto Schäppi unterwegs. Bild: KEYSTONE

Auch Fabrice Herzog hatte es noch nie leicht. Diese Saison gewährten ihm die Trainer bei den ZSC Lions keine zentrale Rolle. Meistens stürmte er in der dritten Formation neben Reto Schäppi und Ronalds Kenins. In dieser «Traktoren-Linie» war er ein verlorener Künstler unter Handwerkern. Wie wenn einer wie Giovanni Segantini Wände streichen sollte. 11 Tore und 12 Assists aus 50 Spielen sind für einen Spieler mit seinem Potenzial eigentlich viel zu wenig.

Aus der Randfigur zum Helden

Es gehört zu seiner noch jungen Karriere, dass er unterschätzt wird. Auch von Zugs Sportchef Reto Kläy. Zu spät erkannte er das enorme Potenzial dieses Stürmers, der doch bei Zugs Elitejunioren den letzten Schliff für die NLA bekommen hatte. Fabrice Herzog wechselte im Sommer 2015 zu den ZSC Lions. Als Reto Kläy das Interesse der Zürcher endlich erkannte, waren die Verhandlungen schon zu weit fortgeschritten. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Drei Tore und aus der Randfigur wurde ein Held. Bild: Petr David Josek/AP/KEYSTONE

Fabrice Herzog hat auch diese WM als offensive «Randfigur» begonnen. Kaum jemand interessierte sich während den ersten Tagen dieser WM für ihn. Inzwischen muss Verbands-Mediengeneral Janos Kick die Berichterstatterinnen und Berichterstatter zu einem «Scrum» formieren. Weil sich so viele mit Fabrice Herzog unterhalten wollten. «Scrum» heisst Gedränge.

Der freundliche, bescheidene, leise Skorer

Vielleicht hätte es der Frauenfelder ein bisschen leichter, wenn er ein charismatischer, fordernder, lauter, egoistischer Typ wäre. Wie es typische Skorer oft sind. Aber er ist freundlich, bescheiden, leise in der Art und stark in der Tat. Dem jungen Familienvater – er ist mit der Schwester des ehemaligen Zuger-Elitejunioren-Goalies Gianluca Hauser verheiratet und Vater einer 15 Monate alten Tochter – käme es nicht in den Sinn, sich über seine Situation zu beklagen. Die Leistung soll zählen und sonst nichts.

Das mag der langsamere, der mühsamere Weg nach ganz oben sein. Aber am Ende des Tages wird er so weiterkommen. So wie bei dieser WM. Er hat geduldig auf seine Chance gewartet und sie dann genützt.

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Schafft es Fabrice Herzog in die NHL?

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  • 37%Ja, aber das dauert noch zwei bis drei Jahre.
  • 45%Nein. Jetzt mal schön halblang und nicht gleich wieder in den Himmel loben.

Drei Tore als Kunstwerke

Die drei Treffer (zwei gegen Kanada, einer gegen Finnland) waren nicht einfach Tore als Produkt von schierer Wucht und Kraft und offensiver Gewalt oder eines abprallenden Pucks, der ihm vor die Schlittschuhe fiel. Es waren Kunstwerke in der Entstehung und Vollendung. Kunstschüsse. Selbst René Fasel, als Vorsitzender des Internationalen Verbandes (IIHF) zur Neutralität verpflichtet, ist begeistert. «Einfach unglaublich, wie er diese Tore gegen Kanada gemacht hat.»

Das 3:2 gegen Kanada – was für ein Tor!

Fabrice Herzog ist ein bescheidener junger Mann. Wenn er sagt, nun sei das Halbfinale, ja sogar das Finale bei dieser WM möglich, dann wirken diese Worte. Weil er daran glaubt und nicht einfach Optimismus daherredet.

Vertrag bis 2019 – aber eine NHL-Klausel

Noch läuft sein Vertrag mit den ZSC Lions bis 2019. «Aber ich habe eine Ausstiegsklausel für die NHL.» Eine solche Klausel lässt sich heute zwar jeder Junior in den Vertrag schreiben. Bei Fabrice Herzog macht diese Klausel sehr wohl Sinn. Er hat schon einmal eine «Ehrenrunde» in Nordamerika gemacht und sich auf höchster nordamerikanischer Juniorenstufe bei den Quebec Remparts bewährt (2013/14). Er zog dieses Lehrjahr einer Saison in der Schweiz vor. «Weil es für meine Weiterentwicklung besser war.»

Die Toronto Maple Leafs haben sich im Draft von 2013 die Rechte am Nationalstürmer unspektakulär gesichert (5. Runde, Nr. 142). Die ZSC Lions pflegen eine intensive Zusammenarbeit mit dem kanadischen Traditionsklub. Fabrice Herzog sagt, die NHL sei weiterhin sein grosses Ziel – und es ist ein realistisches Ziel. Die Postur für die wichtigste Liga der Welt hat er auch (189 cm/87 kg).

Bald wieder ein Duo mit Auston Matthews?

Die bisher beste NLA-Saison hatte er vor zwei Jahren (2015/16) in Zürich mit 24 Punkten in 38 Spielen. Weil er oft neben Auston Matthews über die Aussenbahnen fegen durfte. Mit dem amerikanischen Wunderkind harmonierte er prächtig. Nie haben wir in der NLA vorher oder nachher einen besseren Fabrice Herzog gesehen.

Harmonierten grossartig: Fabrice Herzog (l.) und Auston Matthews. Bild: PHOTOPRESS

Inzwischen ist Auston Matthews in Toronto ein charismatischer NHL-Star. Wir sollten nicht ausschliessen, dass Fabrice Herzog eines Tages in Toronto neben Auston Matthews stürmen wird. Und es ist durchaus denkbar, dass er schon im Herbst eine Einladung ins NHL-Trainingscamp bekommen wird.

Die drei Tore gegen Kanada und Finnland waren allerbeste Eigenwerbung und sind von den NHL-Generälen sehr wohl registriert worden. Ein Treffer auch im Viertelfinale wäre die vorläufige internationale Krönung.

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User-Review:
Pulo112, 20.12.2016
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  • Theo Retisch 16.05.2017 22:44
    Highlight Der einzigigartige Seger ist Ostschweiz pur...
    11 0 Melden
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  • Lueg 16.05.2017 22:38
    Highlight 2x Moggi
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  • Gigi,Gigi 16.05.2017 19:53
    Highlight Wäre natürlich sehr schön, wenn ausgerechnet Herzog die Schweden aus dem Turnier kippen würde. Da hätten die ZSC Trainer den schwedischen Journis einiges zu erzählen. Und erklären.
    14 0 Melden
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  • Holy Crèpe 16.05.2017 16:23
    Highlight Jonas Hiller, Kevin Fiala und Timo Meier.
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  • Pana 16.05.2017 15:58
    Highlight Mittlerweile gibt es im Thurgau wieder Elite-Junioren.. Musste nach Burgener über viele Jahre wieder aufgebaut werden.
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  • larry boy barese 16.05.2017 13:59
    Highlight beat forster nicht vergessen... ebenfalls ein appenzeller export ;)
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  • supi 16.05.2017 11:59
    Highlight .. Tolles Statement auch für TK Eggi Salis .. der jetzt von K.Z. und vielen Fans s.. So verspottet wird ..
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  • Amboss 16.05.2017 10:49
    Highlight Guter Typ und dieses Tor gegen Kanada! Einfach nur toll

    Was auffällt: Eigentlich jeder, der an einer WM für die Schweiz grosse Stricke zerrissen hat, ist oder war im Ausland.
    Ich denke, unserem Hockey, insbesondere der Nati, täten mehr Spieler mit Auslanderfahrung gut. Gibt neue Erfahrungen, neue Inputs ,Trainingsideen etc... was im internationalen Umfeld einer WM nur von Nutzen sein kann.
    Muss ja nicht unbedingt NHL sein. Auch in der KHL, Schweden, Finnland, etc... wäre gut.

    Das Problem ist wohl: Die NLA ist für Spieler sehr attraktiv.
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  • Stachanowist 16.05.2017 09:02
    Highlight Stimmt, die Ostschweiz hatte nie wirklich einen NLA-Club. Aber mit dem SC Herisau, der in den 1990ern bis zum infamen Aufstieg in der NLB stabil war, hatten Talente wie z.B. Thomas Nüssli eine sehr gute, frühe Förderung auf hohem Niveau. Man sollte nicht nur auf die NLA schauen, wenn man die Ostschweiz im Hockey-Kosmos verortet :)
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    • kupus@kombajn 16.05.2017 09:49
      Highlight Offensichtlich zählt für den Autor nur NLA und Elite A. Herisau ist zwar NL-Geschichte, aber es gibt ja noch den HC Thurgau in der NLB und die Thurgauer und Herisauer Elite B-Junioren. Als Sprungbrett für eine Karriere alleweil tauglich.
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Die Schweiz bezwingt Tschechien – im Viertelfinal wartet Schweden

Nach Kanada bezwingt die Schweiz an der WM mit Tschechien einen zweiten Grossen. Dank des 3:1-Sieges beendet sie die Gruppenphase als Zweiter und trifft nun auf Schweden.

>>> Den Liveticker der Partie gibt's hier zum Nachlesen

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