Sport

Mit Bschiss an die Olympischen Spiele? «Gingg-Gate» erschüttert Schweizer Curling-Szene

Mixed-Doppel-Curling wird 2018 erstmals olympisch sein. An der für die Olympia-Qualifikation wichtigen Schweizer Meisterschaft gewann das Siegerteam den Titel mutmasslich dank einem Sportbetrug.

07.03.17, 07:00

Peter Lerch / sda

Die kurze, aber umso heiklere Szene spielte sich im Zusatz-End des entscheidenden Vorrundenspiels zwischen den nachmaligen Meistern Martin Rios/Jenny Perret aus Glarus und Mario Freiberger/Michèle Jäggi vom CC Limmattal ab.

Martin Rios wischte den letzten Stein seines Teams. Bis rund einen halben Meter vor einem ruhenden Stein schien der Versuch zu missraten. Dann nahm die Richtung des Spielsteins unvermittelt einen deutlichen Knick nach rechts. Am Schluss erwies sich der Stein als ideal, Rios' Team gewann den Match und wahrte sich seine Chancen auf die Olympia-Teilnahme.

Es fragte sich nur, wie der Spielstein so deutlich aus der Bahn geraten konnte – und erst noch in die perfekte Richtung.

Erdrückende Indizien

Schon bald tauchten unter anderem in Social-Media-Kanälen der Curling-Gemeinde Videosequenzen auf, die deutlich zeigten, dass Rios mit dem linken Fuss im fraglichen Moment eine Kickbewegung gegen den Spielstein ausführte. Die Fussbewegung und die in exakt diesem Moment erfolgte, völlig ungewöhnliche Richtungsänderung legten nahe, dass der Spieler kräftig nachgeholfen hatte.

Martin Rios: «Wir haben uns beim Verband und den Umpires informiert, ob wir ein Forfait anbieten und damit das Klassement ändern lassen könnten.» (Archivbild von 2004) Bild: KEYSTONE

Dass die für einen Curler unnatürliche Fussbewegung und die Ablenkung des Steins im gleichen Moment stattfinden konnten, musste ein schier unglaublicher Zufall gewesen sein.

Der letzte Beweis ist bislang ausgeblieben, weshalb der Verdacht des Sportbetrugs nicht absolut schlüssig ist. Die Indizienlage ist erdrückend.

«Der Wischer (Rios) kickte den Stein kurz vor dem Aufprall auf den andern Stein. Der Stein änderte die Richtung komplett.»

Joan McCusker, Olympiasiegerin im Curling

Martin Rios sagte danach aus, er habe den Stein nicht berührt, respektive er habe nichts von einer Berührung gespürt. Die Regel besagt, dass das spielende Team einen – absichtlich oder unabsichtlich – berührten Stein je nach Situation sofort aus dem Spiel nehmen oder den Fehler dem gegnerischen Team melden muss. Das machte Rios nicht. Der Match ging weiter, als wäre nichts gewesen. Das gegnerische Team wurde mutmasslich um den Sieg geprellt.

Ein Spiel mit einem derartigen Unterzug zu gewinnen wäre etwas von dem am meisten Verpönten in Curling. Die Curler weltweit sind dem Spirit of Curling verpflichtet. Dazu gehört unter anderem, dass man fair spielt und dem Gegner jeden Respekt zollt. Der vorliegende Fall des mutmasslichen Sportbetrugs wäre eine der schlimmsten Zuwiderhandlungen. Nach wie vor gilt, auch innerhalb der Gerichtsbarkeit von Swiss Curling, die Unschuldsvermutung.

Ein Eingeständnis?

Martin Rios sagte in einer schriftlichen Stellungnahme: «Auf den Bildern sieht es in der Tat so aus, als ob eine Berührung stattgefunden haben könnte. Da ich aber keine solche wahrgenommen habe, habe ich auch keine zugegeben. ... Wir haben uns beim Verband und den Umpires informiert, ob wir ein Forfait anbieten und damit das Klassement ändern lassen könnten.»

Ob dies einem Eingeständnis gleichkommt, ist eine Frage der Interpretation.

Und ob es in dieser Form überhaupt stimmt, bleibt offen. Liselotte Künzi, Chefschiedsrichterin von Swiss Curling, nahm dazu keine Stellung. Sie verwies auf den Verband. Swiss Curling wiederum hat zu dem Fall eine Untersuchung eingeleitet. In den nächsten Tagen soll informiert werden.

In der Curling-Gemeinde sind die Meinungen weitgehend gemacht. Innerhalb der Schweizer Szene gehen die Ansichten auseinander. Viele halten Rios, den sie als Mensch und als fairen Curler kennen, die Stange. Andere verurteilen das mutmassliche Fehlverhalten.

Für ausländische Curler ist der Fall klar

Erfahrene ausländische Curler, die mit der Schweizer Szene wenig zu tun haben, äussern sich nach der Sichtung der Videos pointiert. Die Kanadierin Joan McCusker, als Olympiasiegerin und dreifache Weltmeisterin eine der renommiertesten Curlerinnen, liess verlauten: «Der Wischer (Rios) kickte den Stein kurz vor dem Aufprall auf den andern Stein. Der Stein änderte die Richtung komplett.» Die zweifache Weltmeisterin Andrea Schöpp aus Deutschland und der legendäre Schotte Hammy McMillan äusserten sich auf verschiedenen Kanälen in gleicher Weise.

Martin Rios arbeitet für Swiss Curling im Nachwuchsbereich. Den Jungen sind Technik und Taktik beizubringen. Und der Spirit of Curling. (sda)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • Binnennomade 07.03.2017 17:21
    Highlight Gibt's eine Möglichkeit, das Video ohne Facebook-Account zu schauen?
    0 0 Melden
  • the curler 07.03.2017 11:49
    Highlight Was sagt eigentlich der Curlingverband dazu?
    Bis jetzt habe ich noch keine Stellungsnahme gehört. Wäre an der zeit.

    Der genannte Spieler sei ja scheinbar bekannt, dass er sehr ehrgeizig sei.
    3 1 Melden
  • Herzquotient 1.23 (+0.00) 07.03.2017 09:14
    Highlight Selbst Rios geht von einer regelwidrigen Berührung aus und man versucht das dadurch entstandene Problem zu lösen.

    Alles darüber hinaus sind feuchte Mutmassungen zur Boshaftigkeit eines Menschen den wir nicht kennen.
    10 2 Melden
  • Mashkow 07.03.2017 09:09
    Highlight Da hat der Journalist seine Meinung wohl geändert. Aus meiner Sicht ist das eine persönliche Abrechnung.
    14 6 Melden
  • Str ant (Darkling) 07.03.2017 08:41
    Highlight Ohne andere Perspektive ist das pure Spekulation und sollte objektiver geschrieben sein
    17 10 Melden
  • marsel 07.03.2017 08:02
    Highlight Geht man davon aus, dass der Wischer die Wahrheit sagt und nichts von einer Berührung gespührt hat, wie hätte er korrekterweise handeln sollen?
    12 8 Melden
    • Toerpe Zwerg 07.03.2017 09:36
      Highlight Ein Curling-Stein ist 20Kg schwer. Unmöglich, eine Berührung, bei welcher ein Stein die Richtung ändert, nicht zu spüren.
      6 3 Melden
    • SeKu 07.03.2017 11:22
      Highlight Rios ist nicht mal so sehr das Problem. Er hat in diesem Moment gerade abgebremst, vielleicht hat er es darum wirklich nicht gefühlt.

      Seine Mitspielerin hat es aber sehen müssen, denn sie hat den Stein ja genau verfolgt um die Wischkommandos zu geben. Und so wie sie geschrieen hat, wusste sie dass der Stein nicht auf Kurs ist. Die Bewegung des Steines kurz vor dem Aufprall ist für ein Curlerauge so extrem unnatürlich, dass es fast schon weh tut. Sie hätte den Gegner informieren müssen und dieser hätte dann entscheiden können, wie mit der Situation weiter zu fahren.
      6 1 Melden
    • marsel 07.03.2017 11:24
      Highlight Danke fürs Feedback. Ihre Aussage beantwortet jedoch meine Frage nicht.
      1 4 Melden
  • FabianK 07.03.2017 07:22
    Highlight Der Fuss Gottes.
    73 2 Melden

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