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Schweizer Medien als neues «Westfernsehen»: Wie NZZ und Co. im Ausland vertwittert werden

Social Media treiben die globale Verbreitung von Medieninhalten an. Eine aktuelle Analyse der Universität Zürich zeigt, wie die Schweizer Medien über Twitter politische Communities im Ausland erreichen. Mit interessanten Ergebnissen.

adrian rauchfleisch, daniel vogler



In der digitalisierten Medienwelt sind publizistische Inhalte längst nicht mehr an nationale oder regionale Grenzen gebunden. Über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter können die Beiträge von Newssites weit über die Landesgrenzen hinaus hohe Reichweite erzielen. Artikel auf internationalen Newssites wie der «New York Times» werden wegen ihrer Relevanz selbst ausserhalb Amerikas geteilt.

Auch Schweizer Medien schaffen den Sprung über die Landesgrenze und werden vor allem in den Nachbarländern gelesen. Die Verbreitung ins Ausland und die damit verbundene grössere Zielgruppe erhöhen die Reichweiten von Schweizer Medien. Dies kann Folge einer bewussten Positionierung oder eher zufälliger Natur sein.

Adrian Rauchfleisch, Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich

Adrian Rauchfleisch ist Postdoc am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit engagiert er sich als Co-Founder im Non-Profit-Think-Tank ZIPAR (Zurich Institute of Public Affairs Research). In seiner Forschung untersucht er u. a. den Einfluss des Internets auf politische Kommunikation.

Daniel Vogler, fög - Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich

Daniel Vogler ist Forschungsleiter am FÖG – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich. Er erforscht, wie Medien und Kommunikation die Gesellschaft bewegen und doktoriert zum Thema Reputation im Hochschulsektor.

Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich hat in seiner neusten Studie untersucht, wie Beiträge von Schweizer Medien auf Twitter verbreitet werden. Dazu wurden alle Tweets erfasst, die über einen Link einen Beitrag von Schweizer Newssites geteilt haben (Zeitraum 1.8.2017 bis 30.9.2017).

Twitter-Account der NZZ

Die NZZ ist das meistgeteilte Medium auf Twitter.

Für die Studie wurden die 25 wichtigsten Newssites aus der Deutschschweiz, der Suisse romande und dem Tessin detailliert analysiert (355’197 Tweets). Die Untersuchung zeigt, dass die NZZ das meistgeteilte Medium auf Twitter ist. Besonders oft werden auch Beiträge von «20 Minuten» geteilt, bereits an dritter Stelle folgt die französischsprachige «Le Temps».

Viel interessanter ist jedoch, wer genau welche Artikel geteilt hat. Über die Follower-Verbindungen aller User (64’170 Unique-User) in unserem Datensatz erstellten wir ein Netzwerk und identifizierten mit Hilfe eines Algorithmus unterschiedliche Communities. Je näher sich zwei User im Netzwerk stehen, desto ähnlicher sind sie sich. Durch die Kombination von geteilten Artikeln und dem Follower-Netzwerk kann die Mediennutzung für einzelne Communities abgebildet werden. So konnten ausländische Communities identifiziert werden, die Schweizer Medieninhalte teilen.

Auffällig ist die sprachliche Aufteilung des Netzwerks. Die Deutschschweiz weist starke Verbindungen nach Deutschland auf und die französischsprachige Schweiz steht den Usern aus Frankreich sehr nahe. Neben den Schweizer Communities konnten wir eine Reihe von internationalen Communities identifizieren, in denen Schweizer Medienbeiträge populär waren.

Bild

Reduziertes Follower-Netzwerk mit 8252 von 64'170 Usern. Links: Französische Communities mit Rechten (Florian Philippot, Ex-FN) und Mainstream (TV5Monde); oben: Schweizer Communities; rechts: deutsche Communities; unten: katalanische Community. Farbe zeigt Community-Zugehörigkeit an.

BaZ und NZZ: Deutsche Rechte

Die Bundestagswahlen in Deutschland waren häufig Gegenstand der Berichterstattung von Schweizer Medien. User-Communities in Deutschland teilten deshalb viele Artikel auf Twitter. Besonders aktiv war die deutsche Rechte um die AfD (@AfD). Die prominentesten User in dieser Community sind allesamt AfD-nahe Accounts. Wenig überraschend waren in dieser Community Beiträge, die mit Angela Merkel hart ins Gericht gingen (z. B. «Rücktritt von Angela Merkel ist überfällig»), den Islam kritisch analysierten (z.B. «Bertelsmann redet die Integration von Muslimen in Deutschland schön») oder die Flüchtlingskrise thematisierten (z. B. «Sexhooligans vom Hindukusch») besonders erfolgreich.

Dabei stammen die zehn meistgeteilten Beiträge in dieser Community alle von der «Basler Zeitung» (BaZ) oder der NZZ. Die beiden Newssites werden von den Usern dieser Community  als neues «Westfernsehen» für Deutschland angepriesen. Dies ist eine Anspielung auf die ehemalige DDR, in der ARD und ZDF als einzige wahrheitsgetreue Nachrichtenquelle galten. Durch den thematischen Schwerpunkt erhielten die beiden Newssites in den deutschen Communities auf Twitter fast mehr Beachtung als in den Schweizer Communities und erhöhten dadurch die Reichweite ihrer Artikel.

RTS und TdG: Katalanische Community

Twitter ist ein Seismograph für politische Entwicklungen und Breaking News. Wichtige Ereignisse in der Politik erhalten auf Twitter zeitnah eine grosse Aufmerksamkeit. Die Artikel von Schweizer Medien zu aussenpolitischen Themen werden bei solchen Ereignissen oft von den direkt betroffenen Communities im Ausland geteilt. Ende September begannen User aus der katalanischen Community vermehrt französischsprachige Artikel von Schweizer Medien zu teilen, in denen über den Katalonienkonflikt berichtet wurde.

Am erfolgreichsten war ein Artikel von RTS, in dem über den offenen Brief von Schweizer Parlamentarierinnen an die spanische Regierung berichtet wurde. Neben diesem Artikel wurden aber auch Beiträge anderer französischsprachiger Newssites aus der Schweiz, wie zum Beispiel der «Tribune de Genève», geteilt. Eine Karikatur der Zeitung wurde sogar vom katalanischen Präsidenten Carles Puigdemont (@KRLS) geteilt.

«20 Minuten»: Englischsprachige Rechte

Sprachbarrieren sind kein Hindernis für die Verbreitung von Inhalten. Schweizer Medien werden auch von vorwiegend englischsprachigen Communities geteilt. Ein Beispiel sind englischsprachige User, die am ganz rechten Rand politisieren. Am erfolgreichsten waren in dieser eher kleinen Community Artikel von «20 Minuten». Auf den ersten Blick erstaunt dieses Ergebnis, da die meisten User in dieser Community englischsprachig sind. Die geteilten Artikel werden aber alle direkt über Google Translate auf Englisch übersetzt. Verbreitet werden sie von Twitter-Accounts, die Artikel zu bestimmten Themen suchen und diese dann teilen.

Geteilt werden Medienbeiträge von ausgewählten Quellen, die das ideologische Weltbild stützen – gegen den Islam, gegen Flüchtlinge und gegen die EU. Offenbar wird «20 Minuten» von einem solchen Account getrackt. Kurzmeldungen zu Gewaltverbrechen mit ausländischem Täter werden dann direkt mit Google Translate übersetzt und geteilt. Auffällig ist bei dieser Community, dass einige Accounts ein stark automatisiertes Verhalten aufweisen und es sich wahrscheinlich um Bots handelt.

Bild

Wordcloud der Top-20-Artikel. Die Grösse der Wörter zeigt ihre Häufigkeit an.

Merkel sorgt für Traffic

Twitter ist in den meisten Ländern grösstenteils ein Elitenetzwerk. Trotzdem zeigt unsere Analyse das Potential von Twitter auf. Schweizer Medien erreichen mit ihren Artikeln immer wieder ausländische Politiker und Meinungsführer. Vor allem in Deutschland und wenn es um Merkel oder den Islam geht.

Der NZZ kommt als Leitmedium eine besonders hohe Bedeutung zu. Sie ist sowohl im Ausland als auch in der Schweiz eine der wichtigsten Quellen auf Twitter. Zu spezifischen Themen oder Ereignissen können aber auch andere Medien mit hohen Reichweiten punkten, wie das Beispiel mit Katalonien und RTS zeigt.

Neben der NZZ war erstaunlicherweise auch die BaZ populär. Im Gegensatz zur NZZ verdankt die BaZ jedoch ihr hohes Volumen hauptsächlich der ausländischen Reichweite.

Bild

Anteil Schweizer Newssites in den Communities.

Er will Unabhängigkeit – wer ist der Präsident Kataloniens?

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Video: srf

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20Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Raphael Stein 20.12.2017 22:46
    Highlight Highlight Der Blick von aussen ist nicht zu unterschätzen.

    Die sprachliche Aufteilung erstaunt mich extrem. Hätte ich nie gedacht sowas. die Welschen wieder...
  • Juliet Bravo 20.12.2017 19:25
    Highlight Highlight Da soll noch jemand sagen, unsere Medien wären allesamt links!
  • The oder ich 20.12.2017 14:44
    Highlight Highlight Da wird BaZ-Chef Somm, der ja bereits den Deutschen den Rat gegeben hat, die die AfD in die Regierung einzubinden, aber eine Freude haben. Wenn ihn schon die Basler immer weniger lesen, so lieben ihn doch wenigstens die Gesinnungsgenossen im Grossen Kanton. Vielleicht kann er ja mal heim ins reich?

  • PrivatePyle 20.12.2017 13:53
    Highlight Highlight Was ich hierbei bedenklich finde ist, dass manche Kritikpunkte sofort als "rechts" eingestuft werden nur weil sie von gewissen Demagogen auf Social Media geteilt wurden. Ist die Kritik an einer Kanzlerin, die sich an die Macht klammert rechts? Ist eine Kritik an einer Studie über Muslime (welche offenbar statistisch völlig verfehlt ist) rechts? Noch viel absurder wird es beim Thema Islam. Ist man kritisch gegenüber Einwanderer, welche unsere Werte und Kultur schlicht weg nicht teilen und ablehnen bekommt man schon ein "ideologisches Weltbild" aufgedrückt. Ein bisschen mehr Rationalität bitte!
  • olmabrotwurschtmitbürli aka Pink Flauder 20.12.2017 12:57
    Highlight Highlight Die NZZ sollte über diese Ergebnisse einmal nachdenken.

    Ich lese diese Zeitung seit Jahren jeden Tag und finde die Qualität der Artikel auch noch meist sehr gut, stelle aber eine Anbiederung beim rechtskonservativen Spektrum fest.


  • Majoras Maske 20.12.2017 11:38
    Highlight Highlight Interessant auch, dass NZZ und BaZ mit ihrem rechtskonservativen Gepolter zumindest auf Twitter mittlerweile im Ausland mehr Leser haben als in der Schweiz.
  • Snowy 20.12.2017 11:19
    Highlight Highlight Schon eindrücklich wie Migrationsprobleme in den deutschen Medien mit Samthandschuhen angefasst werden.
    Dabei lernt uns der "Streisand-Effekt", dass mittelfristig damit genau das Gegenteil erreicht wird.

    Medien haben die Aufgabe umfassend und akkurat zu berichten - gerade auch wenns wehtut!

    Danke für diesen Bericht watson!
  • nimmersatt 20.12.2017 10:53
    Highlight Highlight BAZ und NZZ als Hort der Wahrheit.. selten so gelacht (warum nur geht das Lachen in Tränen über 🤔)
    • poga 20.12.2017 12:34
      Highlight Highlight Sie schreiben halt die Dinge, welche von Deutschen Medien gerne übersehen werden.
  • Madison Pierce 20.12.2017 10:12
    Highlight Highlight Das ist keine Überraschung. Die deutschen Medien scheinen verlernt zu haben, dass man in einer Demokratie die Regierung kritisieren darf und auch soll. Es scheint eine Einheitsmeinung zu geben, die von fast allen Medien transportiert wird: Merkel gut, Flüchtlinge gut, NATO gut, Russland böse.

    siehe dazu unter anderem:
    https://www.nzz.ch/feuilleton/medien/studie-zur-fluechtlingskrise-deutsche-presse-versagte-ld.1307283
    https://www.infosperber.ch/Medien/Nato-Beirate-Journalisten-im-Dienst-transatlantischer-Organi
    • aglio e olio 20.12.2017 11:52
      Highlight Highlight Es gibt durchaus Alternativen. Auch seriösen, gut fundierten Journalismus. In dieser Hinsicht unterscheidet sich DTL kaum von der Schweiz.
    • dan2016 20.12.2017 14:26
      Highlight Highlight @Madison Pierce.... also, Infosperber (finde ich eigentlich sinnvoll und gut) basiert den Artikel +- einzig auf einen Beitrag des ZDFs.... Und gehört jetzt das ZDF nicht zu den deutschen Medien?
      Ich hätte es eher so formuliert, die deutschen (Print)Medien sind vielleicht weniger schreiend als die schweizerischen, aber die Kritik ist durchaus fundamental.
      Und - wir könnten ja den Test Machen. Wie stark wurden in der Schweiz und in Deutschland die für Abgasskandal zuständigen Minister kritisiert?
  • El Vals del Obrero 20.12.2017 10:03
    Highlight Highlight Dürfte heute das wohl das übliche Vorgehen eines dahinserbelndes Medium zu sein: Man muss sich einfach entschliessen, fortan die rechte Echokammer zu bedienen. Damit gewinnt man wieder viele begeisterte Leser. (Die aber wohl auch nur selten zahlen).

    Von mir aus könnte die BaZ ja machen was sich will, aber sie sollte den Namen "Basel" aus dem Namen streichen.

    Da mittlerweile die NZZ auch auf diesen Zug aufzuspringen scheint, hat Basel da Zürich etwas voraus ...
    • felixJongleur 20.12.2017 11:47
      Highlight Highlight Naja, ich finde die verlinkten Artikel interessant und wichtig als Gedankenanstoss. Dies nun alles pauschal abzuurteilen bestätigt eigentlich zudem deren Inhalt. Ich frage mich grad, wer sich hier in der Echokammer befindet?
  • seventhinkingsteps 20.12.2017 09:57
    Highlight Highlight Blocher wirds freuen.
  • saukaibli 20.12.2017 09:54
    Highlight Highlight Wie überraschend, dass die BaZ und 20min vor allem bei ausländischen Rechten beliebt sind. Das ist ja in der Schweiz völlig anders. Nicht. OK, auf 20min tummeln sich natürlich noch diejenigen, die nicht fähig sind einen Text mit mehr als 1000 Wörtern überhaupt zu verstehen.
    • seventhinkingsteps 20.12.2017 13:56
      Highlight Highlight Scheint so, als wäre der Rechtsrutsch der NZZ merkbar.
    • w'ever 20.12.2017 21:41
      Highlight Highlight @saukaibli
      genau wegen solcher aussagen und der evt schwierigkeit (unverständnis) der texte, ist es die svp die ständig an wahlanteilen zunimmt. andere parteien schaffen es meiner meinung nach nicht, gewisse vorlagen und aussagen für jederman verständlich zu verpacken.
  • locheha1 20.12.2017 09:44
    Highlight Highlight Auffällig ist die sprachliche Aufteilung des Netzwerks. Die Deutschschweiz weist starke Verbindungen nach Deutschland auf und die französischsprachige Schweiz steht den Usern aus Frankreich sehr nahe.
    Das ist wirklich eine Überraschung!! 😁
  • Chrigu BE 20.12.2017 09:31
    Highlight Highlight Ein sehr guter und spannender Artikel, danke!

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