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Sommer ist, wenn die «Schatzis» einfallen: Der Kosovo in Schweizer Hand – die Reportage

Blick auf die Altstadt von Prizren.
Bild: watson
175’000 Menschen mit Wurzeln im Kosovo leben in der Schweiz. Viele von ihnen besuchen im Sommer ihre Verwandten und verwandeln den Kosovo in eine Schweizer Exklave. Ein Augenschein vor Ort – und fünf Begegnungen mit Kosovo-Schweizern in ihrer zweiten Heimat, wo sie trotzdem Fremde bleiben.
08.08.2017, 13:5309.08.2017, 05:15
christoph bernet, pristina

«Hajde, Kiss Kiss»: Mit diesen Worten beendet ein Passagier auf dem Rollfeld des Flughafens Zürich ein Gespräch mit seiner Liebsten. Dann besteigt er die Edelweiss-Maschine. Das Gespräch hat er noch auf Schweizerdeutsch geführt. Während der nächsten paar Wochen wird der junge Mann hauptsächlich Albanisch reden.

What's on, Kosovo?
Die Kosovaren sind eine der grössten Einwanderergruppen der Schweiz. Und ohne die Schweizer geht im Kosovo fast nichts. watson hat sich darum aufgemacht, um das jüngste Land Europas zu besuchen. Unser Reporter traf junge Schweiz-Kosovaren, die sich in ihrer Heimat zu erfolgreichen Unternehmern gemausert haben, begegnete Menschen aus allen Teilen der Schweiz, die ihre Verwandten im Kosovo besuchen und sprach mit Oppositionsführer Visar Ymeri, der verspricht, seine Partei werde das Land von der Korruption befreien. Alles zum Thema gibts von Dienstag bis Freitag in unserer grossen Kosovo-Serie.

Es geht, wie für Tausende andere auch, in die Ferien in den Kosovo. In den Sommermonaten verlassen 52 Linienflüge wöchentlich die Schweiz mit Ziel Pristina – hinzu kommen Tausende Schweiz-Kosovaren, die per Auto oder Charterflug anreisen. Schätzungen gehen von jährlich 100’000 Besuchern aus der Schweiz aus. Bei einer ständigen Wohnbevölkerung des Kosovo von 1,7 Millionen. Sie und die anderen in Westeuropa lebenden Kosovaren werden von der einheimischen Bevölkerung «Schatzis» genannt – wegen ihres in den Ferien locker sitzenden Geldes und in Anlehnung an das Kosewort, das man auch im Kosovo kennt.

Von den 700’000 Kosovaren, die im Ausland leben, sind 25 Prozent in der Schweiz zuhause – nach Deutschland die zweitgrösste kosovarische Diaspora. Gemäss der kosovarischen Zentralbank überwiesen sie alleine im letzten Jahr über 95 Millionen Franken an ihre Verwandten in der alten Heimat. Kein anderes Land der Welt ist so stark durch die Schweiz geprägt wie der Kosovo, der jüngste Staat Europas.

«Die Strasse hierher zu den Wasserfällen ist wirklich in einem schlechten Zustand, muss ich sagen. Mein Vater wurde ziemlich durchgeschüttelt. Bleib hier, Baba, stell dich neben mich. Der Mann ist Journalist aus der Schweiz und möchte ein Foto von uns machen. Ich wohne in Menziken im Aargau und mache drei Wochen Ferien hier im Kosovo. Ich bin mit einer Schweizerin verheiratet. Dieses Jahr haben wir erstmals ihre Eltern mitgenommen. Bis jetzt sind sie völlig begeistert vom Kosovo, es gefällt ihnen unglaublich gut hier.»

— Arben Rashiti (links)

Diesen Einfluss merkt man das ganze Jahr über: Wollen Ladeninhaber den Eindruck erwecken, qualitativ besonders hochstehende Waren anzubieten, setzen sie hier wahlweise das Wort «Swiss» oder das Wort «German» vor ihren Geschäftsnamen: «Swiss Doors», «German Farben», «Swiss Foods». Beide Länder gelten als Synonyme für einwandfreie Ware. Nicht immer klappt die Eigenwerbung mit Hinweis auf deutsche oder schweizerische Qualität: «Ihre professional Wahl», heisst es etwa im Claim eines Werkzeughändlers.

Die «Schatzis» auf Sommerurlaub bringen die lokale Wirtschaft zum Brummen – eine von der Schweizerischen Entwicklungshilfe DEZA finanzierte Studie stellte 2009 fest, dass das Bruttoinlandsprodukt während der Sommermonate spürbar anstieg.

Kein Wunder: Nicht nur lassen es sich die «Schatzis» in Restaurants, bei Ausflügen und auf Shoppingtouren gut gehen. Auch ihre Verwandten haben in dieser Zeit mehr Geld zur Verfügung – sie profitieren von Geldgeschenken der Feriengäste.

Wer übers Land fährt, sieht neben den zahlreichen ärmlichen, unverputzten Häuschen die luxuriös ausgestatteten, neuen Häuser, welche Kosovaren aus der Schweiz und anderswo für sich selber als Ferienhäuser oder für die im Kosovo gebliebenen Familienangehörigen gebaut haben. Was die Biederkeit der Vorgärten angeht, brauchen sie den Vergleich mit Einfamilienhausquartieren im Schweizer Mittelland nicht zu scheuen.

«Warst Du schon einmal in Burgdorf? Nicht? Du musst unbedingt mal vorbeischauen und ein Burgdorfer Bier trinken, das ist das Beste. Ich bin in Burgdorf zuhause, arbeite aber in Olten im Kantonsspital. Jetzt habe ich drei Wochen Ferien und besuche meine Verwandten im Kosovo. Auch mein Bekannter Naser macht gerade hier im Kosovo Ferien, er lebt normalerweise in Deutschland. Gott sei dank muss ich dieses Jahr auf keine Hochzeit. Aber andere Familienfeste gibt es ja auch noch genug.»

— Behar Hyla, 42 (rechts)

Die Sommermonate sind auch die Hochsaison für Hochzeiten. Die beiden Sitznachbarn auf dem Hinflug kennen sich nicht – finden aber schnell ein gemeinsames Gesprächsthema: «Wie viele Hochzeiten hast du dieses Jahr? Ich muss zum Glück nur auf eine», sagt der eine. «Ich müsste an vier Hochzeiten gehen, aber ich glaube zwei davon lass ich sausen und fahre stattdessen nach Albanien ans Meer», antwortet der andere.

Hochzeiten sind im Kosovo eine grosse Sache – mehrere hundert Gäste eher die Regel als die Ausnahme. Das braucht Platz. Entlang der Ausfallstrassen der Städte stehen mitten auf der grünen Wiese erbaute, blütenweiss gestrichene Gebäude – eigens für die Trauungen und die Partys danach errichtet. Sie tragen Namen wie «Imperial», «Emerald» oder «Luxor».

Ihre der Strasse zugewandten Fassaden werden von mächtigen griechischen Säulen getragen, die nicht so recht zwischen die Möbelhäuser und Autogaragen in unmittelbarer Nachbarschaft passen wollen. Auf den Vorplätzen plätschern Springbrunnen, aus dem Innern schimmern riesige Kronleuchter durch die schweren Samtvorhänge.

Die grosszügigen Parkplätze vor den Hochzeitslokalitäten sind voll mit Autos mit Schweizer Nummernschilder, genauso wie die Strassen. Die Nummernschilder zeigen auch exemplarisch, wie die Emigration aus dem Kosovo vielerorts nach dem in der Wissenschaft als «chain migration» bekannten Muster funktioniert hat: Ausgewandert wird dorthin, wo schon Verwandte leben, die einem vielleicht einen Job besorgen können und beim Start ins neue Leben helfen.

«Watson? Klar kennen wir euch, wir sind ja selber Leser. Zuhause sind wir im Oberwallis, und machen gerade Ferien hier. Jetzt sind wir zur Festung von Prizren hochgestiegen, um eine kleine Fotosession zu machen, das Licht ist gerade sehr schön. Unsere Verwandten sind in Prizren zuhause. Wir kommen eigentlich immer sehr gerne in den Kosovo, mindestens einmal im Jahr. Klar, die Tage gleichen sich: Man besucht Verwandte, geht Kaffee trinken oder macht kleine Ausflüge. Gazmen hat Glück, er ist für einen ganzen Monat hier und darf an eine Hochzeit. Wir andern bleiben nur zwei Wochen und verpassen das Fest. Aber vielleicht kommen wir extra für die Hochzeit nochmals zurück. 400 Gäste, die ausgelassen feiern, das wollen wir uns eigentlich nicht entgehen lassen.»

— Gazmen Krasniqi, 23, Chemikant, Florian Susuri, 21, Mitarbeiter Bundesverwaltung / Student, Tina Susuri, 24, Mitarbeiterin Post / Studentin (v.l.n.r.)

So führte diese «Kettenmigration» dazu, dass aus gewissen Gebieten Kosovos besonders viele Menschen in bestimmte Regionen der Schweiz auswanderten. In der Region Gjakova im Westen des Landes sieht man viele Nummern aus den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau sowie aus der Ostschweiz. Rund um Ferizaj im Süden des Landes hingegen trifft man auf viele Kosovo-Schweizer aus der Romandie: Die Autos mit Schweizer Nummernschildern sind vorwiegend aus den Kantonen Genf, Waadt, Neuenburg und Freiburg.

Die zahlreichen Autos der «Schatzis» verstopfen im Sommer die Strassen und bringen die Parkplätze an den touristischen «Hot Spots» an den Rand ihrer Kapazität.

Natürlich löse der sommerliche Massen-Besuch der reichen Verwandten aus Westeuropa auch Neid aus, erklärt Liza Gashi, Programmdirektorin bei der NGO Germin, die sich für eine bessere Vernetzung zwischen der Diaspora und dem Heimatland einsetzt. Manche Kosovaren hielten die «Schatzis» für ungeduldig und werfen ihnen vor, die lokalen Traditionen zu wenig zu respektieren.

Diese zwiespältigen Gefühle der lokalen Bevölkerung bringt einer der beiden Passagiere im Flugzeug nach Pristina zum Ausdruck. Fünf Jahre sei er unterdessen nicht mehr im Kosovo auf Verwandtenbesuch gewesen, sagt der junge Mann aus dem Kanton Luzern: «Wahrscheinlich rollen sie mir den roten Teppich aus, wenn ich ankomme. Aber sie werden mir sicher auch sagen: Du bist ja ein Ausländer geworden.»

«Hier in den Bergen bei Prevalla haben mein Bruder und ich als Kinder jeweils Heidelbeeren gesammelt und am Strassenrand verkauft. Es ist ein schönes Gefühl, wieder hierherzukommen und daran zurück zu denken. Ich lebe jetzt schon seit 20 Jahren in der Schweiz und arbeite als Lagerist im Tessin. Jetzt kommen wir gerade von einer Woche Ferien mit der Familie meines Bruders am Meer in Albanien und machen einen Zwischenstopp auf dem Weg nach Ferizaj, wo unsere Verwandten leben. Dort bleiben wir dann nochmals zwei Wochen.»

— Rrahim Kosumi, 39 (2. von rechts) mit seinem Sohn Festim, 17 (rechts), sowie seinem Bruder Naim, 43, mit Kindern

«Die allermeisten Kosovaren sind sehr glücklich über die Unterstützung und den Besuch aus dem Ausland», sagt Liza Gashi von Germin. Sie lebte während ihrer Ausbildung selbst jahrelang in den USA und in Argentinien. Die Menschen im Land wüssten zu schätzen, dass ihre Verwandten die Sommerferien Jahr für Jahr im Kosovo verbringen, sagt die junge Frau. Denn das sei längst keine Selbstverständlichkeit mehr: «Gerade die Kinder unserer Diaspora hören ja nach den Sommerferien die Ferienerlebnisse ihrer Klassenkameraden aus Portugal, Dubai oder sonst wo.»

Anstatt sich über die Parkplatzprobleme aufzuregen, würde man besser für mehr Parkmöglichkeiten sorgen, meint Gashi. Und wegen einzelner «Schatzis», die sich im Strassenverkehr nicht an die Regeln hielten, wolle niemand auf die immens wichtige Unterstützung aus dem Ausland verzichten.

Ein solcher Auto-Rowdy löst an einem Freitagabend in Pristina eine unerwartete Reaktion aus: Als ein Auto mit Schweizer Nummernschild an einer Verkehrsampel bei Gelb beschleunigt und mit quietschenden Reifen über die Kreuzung donnert, dreht sich ein Passant nach dem Wagen um. In astreinem Hochdeutsch wendet er sich danach an seine Kollegen, allesamt junge Deutsch-Kosovaren: «Mann, die gehen mir so auf den Sack, all diese Schweizer hier.»

«Wir waren bereits zum zweiten Mal im Kosovo und fliegen nun wieder nach Hause. Meine Frau und ich stammen beide aus der Ostschweiz und arbeiten im Schulbereich. Die Eltern eines Kindergartenkindes von Barbara haben uns aus Dankbarkeit dafür, wie ihr Kind im Unterricht behandelt wurde, in ihr Herkunftsland eingeladen. Beim ersten Besuch wohnten wir eine Woche beim Grossvater des Kindes. Jetzt waren wir zur zweitägigen Hochzeit einer Tante eingeladen, das war toll. Als Pädagogen ist es auch spannend, den kulturellen Hintergrund von Kindern aus dem Kosovo zu sehen. Beim Anblick der Kriegsdenkmäler für die Gefallenen in den Dörfern merkt, man, wie präsent dieser Krieg noch ist. Das hilft einem zu verstehen, in welcher Kultur diese Schüler aufwachsen.»

— Peter, 61, Barbara, 52 und Janica, 13, aus dem Kanton St. Gallen (wollten nicht für ein Foto posieren)

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