China
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 In Europa erreichte der Hexenwahn in der Frühen Neuzeit seinen Höhepunkt. Bild: PD

Chinas Hexen – Studie zeigt die Mechanik der Ausgrenzung

13.01.18, 21:13 14.01.18, 15:43


Hexen und Hexer – das sind nicht nur Begriffe aus den düsteren, aber längst überwundenen Tagen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit, als nahezu überall in Europa die Scheiterhaufen loderten. Dass bestimmte Menschen als Hexe oder Hexer gebrandmarkt werden, das gibt es heute noch in manchen Teilen der Welt – auch wenn die Ausgrenzung nicht immer mit der physischen Vernichtung der Opfer enden muss. 

Eine Feldstudie in Südwestchina hat nun aufgezeigt, wie und warum es zu dieser Brandmarkung kommt. Die Anthropologin Ruth Mace vom University College London und ihr britisch-chinesisches Team untersuchten fünf Dörfer mit insgesamt rund 800 Haushalten in einer ländlichen Gegend der Provinz Sichuan, wo Hexenglaube noch verbreitet ist.

Dort analysierten die Forscher während dreier Jahre die sozialen Netzwerke innerhalb der Gemeinschaften – sie untersuchten Verwandschafts-, Freundschafts- und Geschäftsbeziehungen. Ein überraschender Befund der Studie, die im Fachblatt «Nature Human Behaviour» publiziert wurde: Nicht weniger als 13 Prozent der Einwohner – ein auffallend hoher Anteil – galten als «Zhu» oder «Zhubo» (örtlicher Dialekt für «Hexe»). 

Landarbeit in der Provinz Sichuan: Hier stossen patriarchale Institutionen auf traditionelle matriarchale Strukturen in den Dörfern.  Bild: Ruth Mace

Generationenübergreifendes Stigma

Das Stigma – das von Generation zu Generation übertragen wird – trifft mehr Haushalte, die von Frauen geführt werden. In der Provinz Sichuan fungieren ohnehin traditionell Frauen als Familienoberhaupt. Die stigmatisierten Haushalte waren erstaunlicherweise auch geringfügig wohlhabender als die anderen.

Die Dorfbewohner sprachen den als Zhu apostrophierten Personen übernatürliche Fähigkeiten zu und verdächtigten sie, Wasser oder Lebensmittel zu vergiften. Die Wissenschaftler wurden davor gewarnt, in den Zhu-Haushalten zu essen. Zudem wurden die Zhu-Familien weitgehend vom sozialen Leben im Dorf ausgeschlossen, wie die Anthropologen beobachten konnten.

«Niemand gibt zu, solche Gerüchte in die Welt zu setzen. Sogar die Opfer wissen nicht immer, dass man sie angeschuldigt hat – sie merken einfach, dass man ihnen aus dem Weg geht.»

Ruth Mace, Anthropologin

So wurden keine Geschenke zwischen Zhu-Familien und Nicht-Zhu-Familien ausgetauscht; kaum ein Mitglied einer Zhu-Familie arbeitete je auf einem Feld eines Nicht-Zhu-Bauern. Dafür unterhielten die Mitglieder der verschiedenen Zhu-Familien intensive Kontakte untereinander. Die enge Kooperation unter den Zhu-Familien war offenbar ein Mittel, wie die Forscher betonen, «die Kosten der sozialen Exklusion von den sonstigen sozialen Netzwerken zu minimieren». 

Diese Apartheid erstreckte sich auch auf das Gebiet der sexuellen Beziehungen. Zhu-Frauen wählten ihre Partner nahezu ausschliesslich aus der Untergruppe der Zhu-Familien, und dasselbe galt umgekehrt für die Nicht-Zhu. 

Konkurrenz um Ressourcen

Niemand aus der Dorfbevölkerung konnte den Wissenschaftlern sagen, wie und warum das Stigma entstand und warum es bestimmte Familien traf. «Niemand gibt zu, solche Gerüchte in die Welt zu setzen», erklärte Mace. «Sogar die Opfer wissen nicht immer, dass man sie angeschuldigt hat – sie merken einfach, dass man ihnen aus dem Weg geht.» 

«Witch: a tag that shapes social networks.» Video: YouTube/Nature Human Behaviour

Die Forscher vermuten indes, dass die Praxis der Stigmatisierung als Hexe auf die Rivalität der Haushalte untereinander zurückgeht, die um sozialen Status und Ressourcen konkurrieren. Dagegen erteilen sie der Hypothese eine Absage, wonach die Ausgrenzung bestimmter Personen eine Strafe dafür sei, dass sich diese nicht an in der Gemeinschaft geltende soziale Normen gehalten hätten. Die Bestrafung dieser Leute diene der Disziplinierung der anderen, die sich dann eher an die Normen halten würden, um nicht selber vom Stigma getroffen zu werden. 

Dem sei nicht so, betonen die Wissenschaftler. Schon frühere Studien hätten gezeigt, dass die Stigmatisierung von Personengruppen als Hexe in einer Gemeinschaft mehr sozialen Schaden als Nutzen anrichte. Die Denunziationen schaffen ein Klima des Misstrauens und schaden so den Bindungen zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft, statt diese zu stärken. 

Hexenverbrennung in Deutschland im 16. Jahrhundert: Der Wahn der Hexenverfolgung in Europa ist nicht mit der Situation in China vergelichbar.   Bild: PD

Patriarchale Institutionen

Die als Zhu bezeichneten Menschen im Südwesten Chinas sind allerdings nicht deckungsgleich mit den Hexen, die besonders in der Frühen Neuzeit in Europa auf das Grausamste verfolgt wurden. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten: Meistens handelt es sich bei den stigmatisierten Personen um Frauen mittleren Alters. Den Opfern wird Zauberei vorgeworfen; oft kommt die Anschuldigung der Vergiftung hinzu. 

Die Situation in der Provinz Sichuan könnte zudem davon bestimmt sein, dass hier eine eher patriarchal organisierte Institution – der Buddhismus – auf matriarchale Gesellschaftsstrukturen trifft und diese zu überformen versucht. In den Dörfern Sichuans sind die sozialen Strukturen eher von Frauen bestimmt – sie sind daher auch vornehmlich die Opfer. 

(dhr)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 14.01.2018 16:51
    Highlight Hoch interessant!
    Für die "Sündenbock-Rolle" der Hexen sehe ich noch andere, psychologische Gründe, als die materiellen Gründe eines Kampfes um knappe Ressourcen:
    In Gemeinschaften müssen Aggressionen unterdrückt werden. Jüngere dürfen Älteren nicht widersprechen und müssen ihnen ständig den Respekt erweisen, während diese sie für Arbeiten umher dirigieren, welche einen tiefen Status haben, was als demütigend empfunden werden kann.
    Diese geforderte Aggressions-Unterdrückung durch die Gruppenmitglieder niederen Ranges ruft nach einem Ventil zum Ablassen von angestautem Frust und Zorn...
    1 8 Melden
  • kleiner_Schurke 13.01.2018 23:54
    Highlight Ich denke da habt ihr etwas verwechselt. Hexen im europäischen Sinn gibt es in China 100% sicher nicht, das hat etwas mit dem Christentum zu Tun, und die chinesische Kultur kennt das nun mal nicht.

    Heikel finde ich auch den Begriff Zhu hier in Pinyin geschrieben. Auf dem u müsste indiziert sein um welchen Ton es sich handelt. Die chinesische Sprache kennt 5 Töne und ohne die geht gar nichts. 住在 Zhù zài, heisst wohnen in... genau gleich tönt aber auch 主宰 was dann aber meister heisst. Das Wort Zhu heisst also schlicht nichts ohne den Ton.
    19 4 Melden
    • rodolofo 14.01.2018 16:53
      Highlight Warum sollte es im traditionellen, bäuerlich-ländlichen China keine als "Hexen" gebrandmarkten Aussenseiterinnen geben?
      Weil das nicht zur Kommunistischen Partei-Doktrin passt?
      5 9 Melden
    • Luca Brasi 14.01.2018 21:03
      Highlight @rodolofo: Selbstverständlich nicht. Es ist aber immer problematisch alte westliche Begriffe zu verwenden, die keine Entsprechung in anderen Sprachen haben und somit falsche Assoziationen hervorrufen. Zudem ist das "Überstülpen" von solchen Begriffen auch hinsichtlich eines Eurozentrismus höchst problematisch. Man stelle sich vor, dass China Europa kolonisiert hätte und chinesische Begriffe für europäische Gegebenheiten benutzen würde.

      Das Wort "Hexe" hat in den verschiedenen europ. Sprachen sogar eine noch längere Geschichte als das Christentum:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Hexe#Etymologie
      9 0 Melden
    • rodolofo 14.01.2018 22:25
      Highlight @ Luca Brasi
      Als was würdest Du diese Frauen denn sonst bezeichnen?
      1 4 Melden
    • Luca Brasi 15.01.2018 09:18
      Highlight @rodolofo: Als zhubo. Da es einfach nicht das gleiche ist. Ein Trottinett ist ja auch kein Fahrrad.
      1 0 Melden
    • rodolofo 15.01.2018 09:47
      Highlight Bei dieser Blitzerei ohne konstruktive Antwort beginne ich mich ja schon selber wie eine Hexe zu fühlen!
      Eine Eurozentrische Hexe natürlich...
      1 0 Melden
    • rodolofo 15.01.2018 10:31
      Highlight @ Luca
      Das ist doch keine Erklärung.
      Natürlich ist ein Trottinett kein Fahrrad!
      Aber was ist der Unterschied zwischen einer Europäischen- und einer Chinesischen Hexe?
      Etwa so wie der Unterschied zwischen einem Chinesischen Trottinett und einem Europäischen Fahrrad?
      1 0 Melden
    • Luca Brasi 15.01.2018 13:00
      Highlight Ich denke dieser Satz ist entscheidend:

      "Die als Zhu bezeichneten Menschen im Südwesten Chinas sind allerdings nicht deckungsgleich mit den Hexen, die besonders in der Frühen Neuzeit in Europa auf das Grausamste verfolgt wurden."

      Ja, es gibt gewisse Gemeinsamkeiten, aber es scheint wohl eher ein Konkurrenzkampf zwischen Haushalten in Sichuan zu sein. Ähnlich Vorwürfe wie Brunnenvergiften erhielten beispielsweise die europäischen Juden.
      Ich sage nicht, dass es keine Gemeinsamkeiten gibt, aber der Begriff "Hexe" scheint mir problematisch und weckt wahrscheinlich falsche Assoziationen.
      5 0 Melden
    • rodolofo 15.01.2018 14:22
      Highlight @ Luca Brasi
      Gemeinsamkeiten könnten da sein, wo es um starke Frauen mit ihrem "Matriarchat" und um pseudo-starke (im Grunde aber ziemlich schwache) Männer mit ihrem Patriarchat geht.
      Hillary Clinton wurde und wird ja vom Trump-Lager auch im Jahre 2018 noch als eine Art "Hexe" gesehen und behandelt...
      Hexen sind vermutlich einfach Frauen, die sich nicht nach dem "Weibchen-Schema" verhalten und darum auf einige dadurch zutiefst verunsicherte Männchen unheimlich und bedrohlich wirken...
      Für mich persönlich ist der Begriff "Hexe" eher positiv besetzt, weshalb ich keine Mühe mit ihm habe.
      4 0 Melden
  • Mira Bond 13.01.2018 23:44
    Highlight Spannender Artikel! Davon dürft ihr gerne mehr bringen.
    10 1 Melden
  • latuga 13.01.2018 23:39
    Highlight Ist doch bei uns auch so.
    Nur nennen wir sie nicht Hexen oder Hexer und wir haben feinere und gemeinere Methoden um jemanden fertig zu machen.
    14 2 Melden
  • Ökonometriker 13.01.2018 21:46
    Highlight Wo in Sichuan war denn das? Ich habe jahrelang in Sichuan gelebt, auch auf dem Land, aber diese Geschichte ist mir neu.
    40 7 Melden

Die geschändete Papstleiche, die 3 Mal ausgegraben und 2 Mal im Tiber versenkt wurde

Papst Stephan VI. hatte ein Problem. Nun haben das alle Menschen zu allen Zeiten, doch im Jahr 896 – also vor 1122 Jahren – zweifelte man die Rechtmässigkeit seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt an. Und wenn ein Mann, der es schon so weit gebracht hat, in seiner Stellung bedroht wird, dann empfindet er die Gefahr natürlich als höchst existentiell. Was sie im Übrigen auch tatsächlich war in einer Welt, wo Päpste, Könige und Kaiser einander ständig bekriegten und nach dem Leben trachteten. 

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