Interview
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Interview

Der Hass im Netz nimmt zu – was bedeutet das für unsere Politik?

Die aktuelle Kriminalstatistik zeigt deutlich: Beschimpfungen und Drohungen im Netz nehmen zu. Sind Politiker mitverantwortlich für die Verrohung des politischen Diskurses? Ein Kommunikationsexperte gibt Antwort.



Herr Keller, Sie forschen zum Auftreten von Politikern im Netz. Wenn Sie 2019 mit 2009 vergleichen müssten: Was hat sich in zehn Jahren verändert?
Tobias Keller: Facebook, Twitter und Co. wurden in den letzten Jahren massgebend Teil der Kommunikationsstrategie von vielen Politikerinnen und Politikern. Nicht nur auf nationaler Ebene, sondern bis auf die Gemeinden hinunter. In letzter Zeit erscheinen regelmässig Werbeanzeigen von Lokalpolitikern in meinem Facebook-Feed, da Ende März Gemeinderatswahlen in meinem Wohnort Frauenfeld stattfinden. Ich vermute, der Auftritt von Politikern im Netz und auf Social Media ist in der ganzen Schweiz auf allen Ebenen mittlerweile Realität.

Sie forschen nicht nur zum Auftritt von Politikern, sondern auch zum Inhalt der Posts und Tweets. Hat sich die Art und Weise, wie Botschaften überbracht werden, verändert?
Politiker agieren grundsätzlich professioneller im Netz. Am Anfang hat man ziemlich viel experimentiert, mittlerweile sind die Auftritte sehr professionell. Politiker scheinen zu wissen, was sie machen.

Wenn ich mir etwa den Twitter-Account des Zürcher SVP-Kantonsrats Claudio Schmid anschaue, ist professionell nicht das erste Wort, das mir in den Sinn kommt.
Professionalität ist vielleicht der falsche Begriff. Nennen Sie es eine gewisse Affinität zu oder Gewandtheit im Umgang mit Social Media. Es sind keine von PR-Leute verfassten Texte mit schönen, glatten Statements. Das könnte auch kontraproduktiv sein, wenn es der Authentizität der Politikerin oder des Politikers schadet. Man muss auch bedenken: Ins Verfassen der Texte investiert der Politiker ja kein Geld, nur Zeit. Geld wird erst bei der Verbreitung von Posts eingesetzt.

Apropos Zeit: SVP-Nationalrat Andreas Glarner sagte jüngst in einem Artikel in «20 Minuten», dass er vor jedem Post genau darauf achtet, keine juristischen Grenzen zu überschreiten.
Social Media bietet den Vorteil, dass man seine Statements exakt so formulieren kann, wie man sie den Bürgern unterbreiten möchte. Der Politiker ist nicht mehr auf die Vermittlerfunktion der herkömmlichen Medien angewiesen. Umgekehrt kann man beobachten, dass Politiker vor allem auch Twitter dazu nutzen, um mit kurzen Statements in die Medien zu kommen.

Bild

bild: zvg

Zur Person

Tobias R. Keller promoviert an der Universität Zürich. Er erforscht, wie politische Beiträge auf Social Media Plattformen Aufmerksamkeit generieren und sich verbreiten.

Was man auch beobachten kann: Der Ton ist viel rauher geworden im Netz. Die jüngste Kriminalitätsstatistik etwa zeigte eine massive Erhöhung von Beleidigungen, Beschimpfungen und Drohungen. Was bedeutet das für den politischen Diskurs?
Ganz einfach formuliert: Mit einer emotionalen Sprache in den sozialen Medien erhalten Sie mehr Aufmerksamkeit in Form von Likes, Shares, Retweets, etc. als ohne Emotionen. Das gilt sowohl für Politikschaffende als auch für alle anderen Netz-Teilnehmer.

Emotionale Sprache ist aber noch gleich gleich hate speech.
Das stimmt, aber hate speech ist per se emotional. Ich kenne nur wenige Beispiele für justiziable hate speech in politischen Diskursen in der Schweiz. Emotional wird hingegen oft kommuniziert. Wenn ein Politiker eine gewisse politische Position vertritt, kann es sich nämlich lohnen, diese auf Social Media emotional zu verbreiten. Die Folge ist massiv vergrösserte Aufmerksamkeit.

Haben Sie ein Beispiel?
BDP-Präsident Martin Landolt lieferte vor ein paar Jahren ein Paradebeispiel, als er kurz vor der Durchsetzungsinitative auf Twitter ein als Hakenkreuz entstelltes Schweizerkreuz postete. Das sorgte für Wirbel. Inwiefern es ihm oder der Partei Schaden oder Gewinn gebracht hat, ist unklar. Die Aufmerksamkeit hat er aber auf sich und die Partei gezogen. Natürlich können solche Posts auch Hass oder Unmut schüren.

Das verneinen Politiker aber regelmässig.
Politikerinnen und Politiker nehmen gewisse negative Rückmeldungen in Kauf, um ihre Ziele zu erreichen. Sie müssen sich gegen andere durchsetzen, weshalb sie es nicht allen recht machen können. Interessanterweise ist der Umgangston unter den Politikern parteiübergreifend mehrheitlich sehr anständig, auch gegenüber Journalisten wird selten geschossen. Ich kenne keine Beispiele, in denen Politikerinnen oder Politiker sich gegenseitig übel und öffentlich beschimpft hätten.

Politiker sprechen also zwei Sprachen?
Sie sprechen sogar viel mehr Sprachen. Schauen Sie, Politiker sind strategische Akteure, sie versuchen meistens, den für sie besten ‹outcome› zu erzielen, also mehr potentielle Wähler zu gewinnen. Wir haben in einer Untersuchung vier unterschiedliche Kommunikations-Stile verglichen. Je nach Ort, Zeit, Ansprechpersonen wird ein anderer Stil gewählt.

watson kommentiert Hasskommentare

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Video: watson/Emily Engkent

Gibt es für Politiker überhaupt ‹bad publicity› im Netz?
Kaum, abgesehen von ganz üblen Fehltritten. Ich denke da etwa an den berüchtigten Kristallnacht-Tweet eines SVP-Politikers, der seine politische Karriere nachher in die Tonne kippen konnte. Es ist halt die Frage, mit welchen Inhalten man diese Aufmerksamkeit generiert. Politiker müssen sich ja immer von den Gegnern abgrenzen. Aufgrund der unterschiedlichen Positionen entsteht eine andauernde Debatte. In der Schweiz wird aber wie gesagt kaum persönlich angegriffen. Oder vulgär geredet.

Vor allem Politikerinnen müssen sich viel mit Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen herumschlagen. Besteht die Gefahr, dass Politikerinnen aus dem Netz, beziehungsweise aus der Politik, gemobbt werden?
Gewisse Politikerinnen müssen bestimmt mit mehr Beschimpfungen umgehen als andere. Für jede Politikerin und auch jeden Politiker gilt es, eine Güterabwägung bei ihrem Einsatz im Netz zu betreiben: Es ermöglicht zwar erhöhte Aufmerksamkeit, man präsentiert sich aber gleichzeitig als Zielscheibe und kann öffentlich oder anonym angegriffen werden.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 28.03.2019 02:35
    Highlight Highlight Jolanda Spiess-Hegglin macht es richtig.
    Sie trifft ihre Hasser und redet mit ihnen.
  • Feuerwanze 27.03.2019 16:23
    Highlight Highlight Wie wär‘s mit etwas mehr Humor anstelle des Hasses? Wäre erfrischender ...
  • DemonCore 27.03.2019 14:37
    Highlight Highlight Niemand hat etwas davon wenn persönliche Beleidigungen / Beschimpfungen ausgetauscht werden. Das Problem sind aber Keulen wie Nazi/Sozi/Rassist/islamophob/Verräter (von EU-Gegnern), um durchaus legitime Kritik bei heiklen Themen zu ersticken.
    Ich bin grundsätzlich gegen jegliche Einschränkungen der Redefreiheit. Freie Rede ist die Luft, die eine Gesellschaft, eine Demokratie braucht um zu atmen. Der Sinn der Redefreiheit ist u.a. schlechte Ideen zu finden und auszusortieren.
    Das unproduktive gegenseitige Beschimpfen hat nichts mit gelebter Demokratie und im engeren Sinn mit RF zu tun.
  • Clife 27.03.2019 12:49
    Highlight Highlight Was mich am meisten nervt ist, dass die Politiker nicht zugeben können, dass sie etwas nicht im Griff haben. Ein Arbeitgeber verlangt auch keine Fehler von einem AN aber wenn es dann soweit ist gibt es eine Rüge oder eventuell sogar eine Kündigung. Die Politiker wollen wiederum nicht „gekündigt“ werden und schreien lauthals Fake News oder dergleichen, um das Image zu wahren. Solche Politiker sind nunmal unglaubwürdig und nicht wirklich repräsentativ für ein Land. Man tut regelrecht so, als wäre man Perfekt und leugnet jegliche Negativität ab. Hauptsache aber von unseren Steuergeldern leben...
  • El Vals del Obrero 27.03.2019 12:30
    Highlight Highlight Wenn man heute "Internet" oder "Netz" sagt, ist ja meistens nur noch "Social Media" gemeint.

    Ein Teil des Problems sind manchmal auch der Reaktionen der normalen Medien. Wenn ich als populistischer Politiker einen sachlichen Text erfasse, erfährt das kein Schwein.

    Wenn ich was Schlimmes oder Diskrimierendes schreibe, dann erscheint mein Name in allen Zeitungen und Online-Portalen und meine Bekanntheit steigert sich.

    Das soll nicht heissen, dass man den Hass einfach ignorieren soll. Aber man sollte es aus einer höheren (Meta-)Ebene betrachten und nicht auf jeden einzelnen Post reagieren.
  • Mutbürgerin 27.03.2019 12:26
    Highlight Highlight Früher konnte man am Stammtisch über Jeden ungestraft herziehen. Heute sitzt hinter kedem Handy ein Moralwächter. Beschimpfungen sollten wieder erlaubt werden, sie haen eine Ventilfunktion und meistens einen Grund.
    • pilatus2014 28.03.2019 13:14
      Highlight Highlight Ja früher konnte man noch Schofseckel sagen, nachher gab man sich die Hand oder beklopfte sich draussen. Heute werden nunmehr die Gerichte auf Kosten des Steuerzahlers beschäftigt.
  • Martin ZH(2) 27.03.2019 12:20
    Highlight Highlight Das Internet ist zum Traingscenter für Selbstkontrollermüdung verkommen. Auch watson profitiert davon.

  • Frances Ryder 27.03.2019 11:47
    Highlight Highlight Das die Kriminalstatistik mehr Beleidigungen etc. aufführt, heisst nicht unbedingt, dass der Umgang im Netz rauer wurde. Es kann auch daran liegen, dass immer mehr ältere Leute das Internet nutzen und diese eher bei einer Beleidigung im Netz zur Polizei gehen.
    • DemonCore 27.03.2019 14:38
      Highlight Highlight ... und auch eher mal eine Beleidigung verschriftlichen.
    • Ueli der Knecht 27.03.2019 17:29
      Highlight Highlight Es ist auch einfacher zu beweisen, wenn die straffälligen Äusserungen schriftlich vorliegen. Bei mündlichen Aussagen braucht es immer noch Zeugen, und wer mag sich schon noch an den genauen Wortlaut erinnern...
    • pilatus2014 28.03.2019 13:16
      Highlight Highlight Ja und früher konnte man noch Schofseckel sagen, nachher gab man sich die Hand oder beklopfte sich draussen oder in der Scheune wie Ueli... Heute werden nunmehr die Gerichte auf Kosten des Steuerzahlers beschäftigt.
  • P. Silie 27.03.2019 11:32
    Highlight Highlight Ich denke dieses Phänomen ist auf beiden Seiten des politischen Spektrums anzutreffen. Sei es Hass auf alles Fremde, oder Hass auf alles was nicht links ist, mit anschliessender medialer Hinrichtung.
    • mostlyharmless 27.03.2019 13:24
      Highlight Highlight Haben Sie Erfahrungen mit Kommentarspalten auf linken Netzwerken? Ich leider nicht, deshalb kann ich nur meine Beobachtungen im restlichen Spektrum wiedergegeben:
      Linker Hass richtet sich gegen rechten Hass, ultrarechte Politiker und Fake News. Rechter Hass richtet sich gegen Fremde, Frauen, den Islam, Links- und Mittepolitiker, die Demokratie, die traditionellen Medien und Klimaaktivisten.

      Hab bestimmt einiges vergessen aufzuzählen, glaubs aber nicht v.a. zu Hass von links.
    • Alberto Sieef 27.03.2019 15:28
      Highlight Highlight Ich wollte dir ein Herz geben aber das Verhältnis von Blitz und Stern zur Zeit unterstreicht zu schön, wie recht du hast.
      Benutzer Bild
    • Ueli der Knecht 27.03.2019 17:32
      Highlight Highlight Es ist doch eher infantil, wenn man Hass mit Hass rechtfertigt, oder generell Unrecht mit Unrecht. Wie du mir, so ich dir... Auge um Auge, und am Ende ist die ganze Menschheit blind.

      "Der andere hat angefangen" - ist doch eine bei streitenden Kindern oft gehörte Ausrede. Einige Kindern sind lernresistent und werden halt nie reifer.
  • Yogi Bär 27.03.2019 11:07
    Highlight Highlight Nun die Politik ist ein Teil dieses Netzwerkes und macht es vor, wie es nicht gehen soll! Ich denke nur an diverse rechte Politiker, die ihre Hassposts viral verbreiten und dies ohne Konzequenzen.
  • inmi 27.03.2019 11:00
    Highlight Highlight Der "Hass im Netz" ist vor allem ein Vorwand für die Politiker das Internet zu zensieren. Damit die wieder ihre Gefälligkeitsinterviews ihren politisch gleichgesinnten Zeitungen geben können und nicht mit Feedback der Bürger konfrontiert werden. So wies früher war.
  • Kevhev 27.03.2019 10:37
    Highlight Highlight Ich stelle es mir so mit unseren Politikern vor:
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