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Am häufigsten wird der HI-Virus bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr übertragen. 
Am häufigsten wird der HI-Virus bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr übertragen. 
Bild: KEYSTONE

Stehen wir vor einer neuen Aids-Epidemie? 5 Fragen und Antworten

Aids ist noch lange nicht besiegt. Jeden Tag stecken sich weltweit 5'000 Menschen mit dem HI-Virus an. Experten sprechen von alarmierenden Zeiten. Wie schlimm ist die Krise wirklich? 5 Fragen und Antworten. 
24.07.2018, 07:2824.07.2018, 17:10

Die Welt ist «vermutlich so gefährdet wie nie zuvor, die Kontrolle über die HIV-Epidemie» zu verlieren. Diesen Satz sagte US-Aids-Experte und Diplomat Mark Dybul am Sonntag in Amsterdam. Bis Freitag findet dort eine Aids-Konferenz statt. Dybul spricht von einer alarmierenden Zahl von Neuinfektionen in besonders betroffenen Ländern. 

HI-Virus und Aids
Die Buchstaben HIV stehen für «Human Immunodeficiency Virus» – übersetzt «menschliches Immunschwäche Virus». Das HI-Virus ist ein kleiner Erreger, der sich in Wirtszellen im menschlichen Körper vermehrt und neue Zellen befällt. Übertragen wird die Krankheit, wenn infektiöse Körperflüssigkeiten in Berührung mit Wunden oder Schleimhäuten kommen. Dazu gehören vor allem Blut und Sperma.  

Einmal übertragen, schwächt das Virus das Immunsystem, mit dem der Körper eigentlich Krankheiten abwehrt. Wer sich mit dem HI-Virus ansteckt und nicht rechtzeitig Medikamente nimmt, kann Aids bekommen. Aids ist die Spätfolge einer Infektion mit dem HI-Virus. Eine fortgeschrittene Immunschwäche kann zu verschiedenen schweren Erkrankungen oder gar dem Tod führen. 
quelle: aids.ch

Wie schlimm ist die Krise wirklich?

2017 steckten sich 1,8 Millionen Menschen mit dem HI-Virus an. Das sind 18 Prozent weniger als noch 2010. 

Insgesamt nimmt die Anzahl HIV-Infizierungen folglich ab. Schaut man jedoch genauer hin, ist das nicht überall auf der Welt der Fall. In rund 50 Ländern haben sich 2017 mehr Menschen mit HIV angesteckt, als noch in den Jahren zuvor. In Osteuropa und Zentralasien ist die Anzahl Neuinfektionen um 30 Prozent gestiegen. Auch im mittleren Osten und in Nordafrika haben sich 12 Prozent mehr Menschen mit dem HI-Virus infiziert. 

grafik: lea senn/daten: unaids

Die Situation ist folglich noch lange nicht beruhigt. Laut Unaids, dem Programm der Vereinten Nationen für die Bekämpfung von HIV/Aids, stecken sich jeden Tag 5'000 Menschen mit HIV an. Besonders gefährdet sind Mädchen und junge Frauen. Drei von vier Neuinfektionen in Afrika entfallen auf Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Sie stecken sich an, weil sie keinen Zugang zu Aufklärung und Verhütungsmittel haben. 

Das ursprüngliche Ziel von Unaids war es, die Ausbreitung des HI-Virus bis 2030 zu stoppen. Doch dieses Ziel ist in weite Ferne gerückt. Politikern, Wissenschaftlern und Aktivisten der Welt-Aids-Konferenz zufolge, ist der Kampf gegen den HI-Virus in den letzten Jahren nachlässig geführt worden. Wenn sich das nicht bald ändere, komme es in den nächsten Jahren zu einer schleichenden Epidemie, sagen die Experten. 

Wie konnte es dazu kommen?

Die Gründe für die Zielverfehlung sind in erster Linie finanzieller Natur. Laut Unaids-Chef Michel Sidibé kommt es 2020 zu einer riesigen Finanzierungslücke. Spenden und staatliche Finanzmittel gehen zurück. 

Es fehlen rund sieben Milliarden Dollar, die den Kampf gegen Aids unterstützen sollen. «Wenn wir jetzt nicht zahlen, werden wir später mehr und mehr ausgeben müssen», warnte Sidibé.

Es fehlen finanzielle Mittel, um Kondome zu verteilen. 
Es fehlen finanzielle Mittel, um Kondome zu verteilen. 
Bild: shutterstock

Welche Länder sind betroffen?

Sorgen bereiten vor allem Osteuropa und Zentralasien. Betroffen sind auch einige EU-Staaten, darunter Tschechien, Ungarn oder die Slowakei. In Teilen Russlands hat sich die HIV-Epidemie massiv ausgeweitet.

Ein grosses Problem ist die Politik und die gesellschaftliche Stigmatisierung von HIV-Positiven in den betroffenen Ländern. So ist in Russland der Zugang zu Opioid-Ersatztherapien oder frischen Spritzen für Süchtige extrem eingeschränkt. Auch die zunehmende Ächtung von Homosexuellen trägt dazu bei, dass kaum Aufklärung über HIV betrieben wird. 

Besonders in Russland, wo Homosexuelle geächtet werden, steigt die Anzahl an HIV-Neuinfizierungen. Die gesellschaftliche Tabuisierung von Homosexualität geht einher mit einem Totschweigen des HIV-Problems. 
Besonders in Russland, wo Homosexuelle geächtet werden, steigt die Anzahl an HIV-Neuinfizierungen. Die gesellschaftliche Tabuisierung von Homosexualität geht einher mit einem Totschweigen des HIV-Problems. 
Bild: AP/AP

Unaids berichtet aber auch von Erfolgen. So sind HIV-Infektionen in Ost- und Südafrika seit 2010 um rund 30 Prozent gesunken. 

Wie sieht es in der Schweiz aus?

In der Schweiz leben rund 20'000 Personen mit dem HI-Virus. Die Situation ist aber laut Daniel Seiler, Geschäftsführer der Aids-Hilfe Schweiz, stabil. «Unsere Präventionsarbeit der vergangenen Jahre zeigt Erfolge. Alarmierende Anzeichen gibt es nicht», so Seiler. Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) sind die neu gemeldeten HIV-Fälle im letzen Jahr um knapp 20 Prozent gesunken. 

«Zusammen können wir das Virus stoppen» heisst es auf einem Plakat, das im Rahmen der Aids-Konferenz in Amsterdam aufgehängt wurde. 
«Zusammen können wir das Virus stoppen» heisst es auf einem Plakat, das im Rahmen der Aids-Konferenz in Amsterdam aufgehängt wurde. 
Bild: EPA/ANP

Trotz der positiven Bilanz, bleibt die Aufklärung weiterhin enorm wichtig, sagt Seiler: «Damit dieser erfreuliche Trend anhält, müssen die Präventionsanstrengungen und somit auch die Finanzierungen durch öffentliche Hand sowie Private aufrecht erhalten werden.» 

Haben die Anti-Aids-Kampagnen überhaupt etwas bewirkt?

Die globalen und nationalen Aids-Kampagnen haben sehr wohl etwas bewirkt. Heute sterben nur noch halb so viele Menschen an Aids wie noch vor 15 Jahren. Aids ist zwar nicht heilbar, mithilfe von Medikamenten haben Menschen mit HIV aber eine annähernd normale Lebenserwartung- und Qualität. 

30 Jahre Aids-Prävention

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30 Jahre Aids-Prävention
quelle: bag
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21 Millionen Menschen nehmen solche Medikamente ein. Das sind 35 Mal mehr als Anfang des 21. Jahrhunderts. 

Sorge bereitet dem amerikanischen Aids-Experten Mark Dybul vor allem eines: Die Staaten schenken der Bekämpfung von HIV und Aids nicht mehr so viel Aufmerksamkeit wie in früheren Jahren. Und wenn, dann rücken vermehrt die lebensrettenden Medikamente zur Behandlung in den Vordergrund. Beispielsweise fehlt Geld für Kondomverteilungsaktionen, weil dieses für die Behandlung des HI-Virus ausgegeben wird.

Heute haben 21,7 Millionen HIV-Infizierte Zugang zu Medikamenten

grafik: lea senn / daten: unaids

(Mit Material von der sda)

Immer mehr Geschlechtskrankheiten sind auf dem Vormarsch

Video: srf/SDA SRF
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