Justiz
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Geschlagen, misshandelt, vergessen: Frau Kellers jahrelanger Kampf um ihr Schmerzensgeld

Bezahlt ein verurteilter Straftäter dem Opfer die Genugtuung nicht, tritt ein Prozess in Kraft, der kompliziert ist und Jahre dauern kann. Die Leidtragenden sind die sowieso schon angeschlagenen Opfer. 

17.07.18, 09:52 17.07.18, 18:34


Am 21. November 2011 geht Susanne Keller* durch die Hölle. Sie wacht in aller Frühe auf, als ihr Ehemann ihre Nähe sucht und sich an sie drückt. Sein Atem riecht nach Alkohol. Obwohl er gerade den zigten Entzug hinter sich hat, hängt er bereits wieder an der Flasche. Angewidert dreht sie sich weg. Die letzten zehn Ehejahre waren schlimm und geprägt von seiner Alkoholsucht. Immer wieder Therapie, immer wieder Absturz. Mehrmals dachte sie über eine Scheidung nach, wagte es aber nie, konkret zu werden. Er setzte sie psychisch und verbal unter Druck, sie fühlte sich eingeschüchtert. Geschlagen hat er sie vorher jedoch nie.

Aber an jenem Montagmorgen dreht er durch. Mit Gewalt will er sie zu Sex zwingen, sie windet sich aus seiner Umklammerung, geht aus dem Schlafzimmer, er ihr nach. Er wirft sie zu Boden, sie stösst sich dabei den Kopf an der Wand an. Er setzt sich auf sie, reisst ihr die Pyjama-Hose runter, dringt mit der Hand in sie ein, beisst und kratzt sie, hält ihr den Mund und die Nase zu. Je mehr sie schreit, desto mehr rastet er aus.

Sie rennt mit dem Telefon ins Badezimmer, schliesst sich ein und ruft die Polizei.

Für sie ist es ein Kampf ums Überleben. Sie bekommt keine Luft, strampelt, tritt, schlägt. Irgendwie kann sie sich befreien. Sie rennt mit dem Telefon ins Badezimmer, schliesst sich ein und ruft die Polizei. Er beginnt, die Türe zum Badezimmer einzuschlagen. Sie klettert aus dem Fenster auf die Terrasse und rennt auf die Strasse. Dort kommt ihr ein Polizeiauto entgegen.

bild: shutterstock

Der heutige Ex-Mann von Keller wird Ende 2012 der versuchten vorsätzlichen Tötung und der sexuellen Nötigung schuldig gesprochen. Er wird zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und muss Keller eine Genugtuung von 25'000 Franken bezahlen. Gegen das Urteil legt der Ex-Mann Berufung ein. Doch das Kantonsgericht bestätigt den Schuldspruch der Vorinstanz ein Jahr später.

Sechseinhalb Jahre sind seit dem schlimmsten Tag im Leben von Keller vergangen, viereinhalb Jahre seit ihr Ex-Mann rechtskräftig verurteilt wurde. Doch noch immer gibt es kaum eine Nacht, in der Keller ruhig schlafen kann. Das Vorgefallene verfolgt sie in ihre Träumen. Dann schreit sie, wacht auf, panisch und voller Angst.

Auch im realen Leben kann sie keinen Schlussstrich ziehen. Keller hat von der ihr zugesprochenen Genugtuung bis heute noch keinen Rappen gesehen. Gebrauchen könnte sie das Geld gut. 25'000 Franken würden zwar das Geschehene nicht wieder gut machen. Doch es würde einen Teil ihrer Schulden decken, die sich seit der Scheidung bei ihr häufen. Und die Anerkennung ihres seelischen Schmerzes würde ihr etwas Ruhe geben.

Auch im realen Leben kann sie keinen Schlussstrich ziehen. Keller hat von der ihr zugesprochenen Genugtuung bis heute noch keinen Rappen gesehen.

Doch das Problem ist: Oftmals kann der Täter die Genugtuung aus finanziellen Gründen nicht bezahlen. Das Opfer kann in diesem Fall ein Gesuch bei der kantonalen Opferhilfestelle einreichen. Weil dann also nicht der Täter sondern der Kanton und damit die Allgemeinheit das Schmerzensgeld für das Opfer bezahlt, muss der Fall neu beurteilt werden, um die Höhe des Betrags festzulegen. Die Berechnung richtet sich nach dem Opferhilfegesetz und entspricht nicht unbedingt dem Betrag, der das Gericht gesprochen hat.

Und ebendiese Berechnung ist bei Fällen, wie jenem von Keller schwierig und langwierig. Denn wer von einer Tat einen dauerhaften und erheblichen gesundheitlichen Schaden davon trägt, erhält auch von der Unfallversicherung Geld; eine sogenannte Integritätsentschädigung. Dies ist ebenfalls eine Art Schmerzensgeld, das einmalig ausbezahlt wird.

Doch auch bei dieser Integritätsentschädigung dauert es lange, bis feststeht, wie hoch der zu bezahlende Betrag sein soll. Ärztliche Gutachten sind nötig. Und Gutachten zu erstellen dauert. Vor allem wenn die psychische Gesundheit beeinträchtigt ist, so wie dies bei Keller der Fall ist.

Zusammengefasst heisst das: Keller hat Anspruch auf Geld, eventuell aus verschiedenen Töpfen. Noch ist jedoch unklar, wie viel Geld sie aus welchem Topf erhalten soll. Klar ist aber: Keller wird eine Genugtuung erhalten. Irgendwann.

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Und genau dieses Wörtchen «irgendwann» ist es, das für die Opfer wahnsinnig zermürbend ist. Im Fall von Keller wurde das Gesuch auf Opferhilfe Ende 2014 eingereicht. Seither ist sie im Ungewissen. Sie sagt: «So kann ich nicht abschliessen. Es braucht jeweils nicht viel, eine Mail von meiner Anwältin reicht, und es reisst mich jedes Mal wieder total aus der Bahn.»

«Damit die Opfer einen Vorfall verarbeiten können, ist es für sie wichtig zu wissen, ob und wieviel sie bekommen.»

Sandra Müller, Leiterin Opferhilfestelle Zürich

Sandra Müller, Leiterin der Opferhilfestelle im Kanton Zürich sagt: «Damit die Opfer einen Vorfall verarbeiten können, ist es für sie wichtig zu wissen, ob und wieviel sie bekommen.» Dauert ein Verfahren länger, müssen die Opfer gut beraten und betreut werden.

In Kellers Fall haben diese Auffangmechanismen versagt. Zwar wurde sie nach der traumatisierenden Tat von einer Opferhilfeberatung betreut. Doch über die Jahre brach der Kontakt ab. Jetzt bleiben ihr nur zwei dicke Aktenordner voll mit Zettel gespickt mit juristischen Begriffen. Sie sitzt auf dem Sofa, den einen Ordner auf den Knien und blättert durch die Gutachten, Beschlüsse, Anordnungen. Sie hält inne und sagt: «Hier steht es doch, schwarz auf weiss. Ich hab Anrecht auf das Geld.»

*Name der Redaktion bekannt.

17-jährige Iranerin wegen ihrer Freizügigkeit verhaftet

Video: srf

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24
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    Alle Leser-Kommentare
  • eBart is back 17.07.2018 14:44
    Highlight Willkommen im Bürokratie Paradeland. Das ist einfach unglaublich.

    Gebt der Frau Keller die 25k - bzw. die Allgemeinheit soll bezahlen. Mein Gott, sind 25k und nicht 25 Milliarden.
    62 12 Melden
  • Hexentanz 17.07.2018 13:46
    Highlight Schlussendlich geht es bei der neuen Beurteilung und dem nochmaligen Aufrollen von allen Details doch auch darum, dass die ganzen Berufe die am Leid von Menschen hängen, gespiesen werden - und zwar durch uns Steuerzahler bezahlt.

    Dass es einfach einfacher und wohl günstiger wäre für die Allgemeinheit, wenn man der Frau diese 25'000 sprechen würde aus der Steuerkasse - darauf kommt dann selbstverständlich wieder keiner.

    Und damit die ganze Sozi-Industrie was verdienen kann, müssen sie ja aufwand betreiben - die Opfer warten in dieser Zeit einfach. Toll - not.

    Unverständlich und unnötig.
    35 13 Melden
    • zeusli 17.07.2018 15:26
      Highlight Ich frage mich warum dass nicht im Artikel steht und wie viele Selbstmorde gehen auf das Konto von solchem Beamtentums?
      23 8 Melden
  • NotWhatYouExpect 17.07.2018 11:45
    Highlight Danke für den spannenden Artikel.

    Bezüglich des Geldes bin ich zwiegespalten. Warum hängt Sie so sehr am Geld? Die Therapien werden Ihr doch bestimmt von der Versicherung bezahlt? Und es sollte doch jedem klar sein, dass wenn der Verursacher nicht wirklich viel Geld hat dies auch nicht abdrücken kann und, wenn dann nur in Raten.

    Wird dieses nicht in Raten abbezahlt?

    Verstehe Hier nicht warum die Allgemeinheit einspringen soll um diese 25k zu bezahlen.


    Kann mir das jemand etwas erläutern? Eventuell stehe ich gerade arg auf dem Schlauch.
    31 98 Melden
    • Sine 17.07.2018 13:06
      Highlight Die KK zahlt auch nicht alles und ewig. Bei Verbrechen kann mit einem Gesuch an die Opferhilfe eine Kostenbeteiligung beantragt werde. In Tranchen a 30 Std. zu 90 Chf zum Beispiel.

      Die hängt doch nicht am geld! Es ist eifach fakt das es ihr zusteht. Wie würdest du dich in ihrer Situation fühlen?

      Für die "Allgemeinheit" sind 25 000 ja nicht ein Weltuntergang....
      42 8 Melden
    • Ms. Pond 17.07.2018 13:08
      Highlight Therapien werden nicht vollständig von der Versicherung bezahlt. Jeder hat einen Selbstbehalt. Das geht mit der Zeit ganz schön ins Geld. Psychologen werden nur bezahlt, wenn sie delegiert arbeiten (hier hat es jetzt wohl eine Anpassung gegeben). Dazu kommt, dass man auf Grund des Traumas vielleicht nicht mehr 100% arbeiten kann, jedoch keine IV erhält.
      52 0 Melden
    • Triple 17.07.2018 13:13
      Highlight Verstehe die Blitze nicht und verstehe vorallem nicht, warum ich als Steuerzahler die Schuld eines Verurteilten Täters (und Schuldners) übernehmen soll.
      21 65 Melden
    • mrcharliebrown 17.07.2018 13:26
      Highlight Es geht nicht um die Therapien, die werden, wie Sie schon sagen, von den Versicherungen übernommen.

      Das Problem bei Forderungen gegenüber Straftätern ist, dass diese kaum mehr als ein paar Franken Bargeld besitzen, sofern sie nicht zu den Top-5-%-Verdienern gehör(t)en. Sie werden auch in Zukunft grosse Schwierigkeiten haben, ein geregeltes, geschweigedenn ein höheres, Einkommen zu erzielen und damit ratenweise ihre Schuld zu begleichen.

      Aus diesen Gründen findet wohl die Mehrheit der Schweizer Büger, dass Opfer von Straftaten subsidiär von der öffentlichen Hand "entschädigt" werden.
      26 2 Melden
    • SaraSera 17.07.2018 13:29
      Highlight Wie im Artikel beschrieben, wäre Frau Keller sehr froh um die 25'000 Franken. Einerseits finanziell, weil sie durch diese schlimme Geschichte in die Schuldenfalle geraten ist andererseits hat die Zahlung einer Genugtuung auch eine symbolische Bedeutung, die für Opfer solcher Gewalttaten nicht zu unterschätzen ist. In Raten wird nicht bezahlt, weil wie beschrieben immer noch nicht klar ist, wieviel Geld Frau Keller denn nun überhaupt erhalten soll.
      48 3 Melden
    • satyros 17.07.2018 15:44
      Highlight Man kann sich immer fragen, wieso die Allgemeinheit für etwas zahlen soll, dass jemand anderem widerfährt. Wieso braucht es eine Unfallversicherung, die bei Skiunfällen zahlt? Wieso eine Arbeitslosenversicherung, die bei Arbeitslosigkeit zahlt? etc. Im Rahmen einer Volksinitiative (als indirekter Gegenvorschlag des Parlaments) wurde die Opferhilfe eingeführt, weil man gefunden hat, dass man Opfer von Gewalttaten nicht mit dem Risiko, dass der Straftäter nicht für den angerichteten Schaden aufkommen kann, allein lassen will. Ich finde das richtig. Wie auch die anderen Beispiele.
      44 1 Melden
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 17.07.2018 10:39
    Highlight Was mit aus dem Artikel nicht klar wird, ist weshalb die kantonle Opferhilfestelle nicht einfach die 25000 zahlt?
    114 9 Melden
    • Silverstone 17.07.2018 11:51
      Highlight Echt jetzt? So einfach ist das also...
      Also ich hab noch nie eine Institution gesehen, egal ob staatlich oder privat, die einfach so mal mehrere zehntausend "vorstreckt".
      Die Gier der Menschheit kennt einfach keine Grenzen :(
      11 58 Melden
    • raues Endoplasmatisches Retikulum 17.07.2018 13:09
      Highlight Sie bekommt es ja nicht einfach so, sondern hat einen Rechtsanspruch auf das Geld und der Schuldige kann selber nicht bezahlen ( muss man natürlich abklären).
      Wie stellen sie sich das auch vor, man Marschiert rein, sagt ich bin Opfer und bekommt einige Tausend überwiesen.
      28 0 Melden
    • mrcharliebrown 17.07.2018 13:20
      Highlight Weil die Schweiz ein Rechtstaat ist, kann es "nicht einfach" ausbezahlt werden, sondern nach Gesetz. Die Länge des Verfahrens ist aber schon sehr lang. Eine rasche Umsetzung in solchen Fällen wäre wünschenswert.
      29 0 Melden
    • zeusli 17.07.2018 15:33
      Highlight Täter rechtskräftig verurteilt, dann sollte die im Urteil zugesprochene Summe binnen einem Arbeitstag auf dem Konto des Opfers sein. Die Beamten der Opferhilfe können sich das Geld danach mit dem Täter über eine rasche Rücktahlung natürlich mit Zinsen unterhalten.
      16 2 Melden
  • DerSimu 17.07.2018 10:10
    Highlight Ich wünsche Frau Keller viel Kraft.

    Und gleichzeitig frage ich mich, wozu wir Gericht haben, die Schmerzensgeld aussprechen, wenn es dann nicht notfalls von der allgemeinheit bezahlt wird. Unter anderem dafür zahle ich doch schliesslich meine steuern. Und für solche Fälle sogar gerne!
    173 19 Melden
    • Datsyuk 17.07.2018 11:51
      Highlight Das habe ich mir auch gedacht. So ist es ein Witz. Und zwar ein ganz schlechter.
      36 3 Melden
    • Hierundjetzt 17.07.2018 13:05
      Highlight Weil Schmerzensgeld unabhängig der Vermögenssitutation des Täters gesprochen wird.

      Ist der Täter mittellos oder Sozialhilfeabhängig, dann sieht man leider kein Geld.

      Und hier kommt die Opferhilfe zum Zug. Doch deren Berrechnungen sind anders als die des Gerichtes.

      Das ist die Ausgangslage
      21 1 Melden
    • mrcharliebrown 17.07.2018 13:18
      Highlight Es wird eben gerade von der Allgemeinheit (Kanton) bezahlt, darum geht es ja mitunter im Text. Das Problem ist die Langwierigkeit des Verfahrens, nicht, dass es nicht ausbezahlt würde.
      11 1 Melden
    • satyros 17.07.2018 13:20
      Highlight Das Problem hier ist, dass die privatrechtliche Genugtuung, die der Täter zu bezahlen hätte, und die opferhilferechtliche Genugtuung, die bezahlt wird, wenn der Täter nicht zahlen kann, andere Rechtsgrundlagen haben. Die Opferhilfe kann nicht einfach die Genugtuung des Strafurteils übernehmen, da sie die Gleichbehandlung der Opfer untereinander (gleiches Leid, gleiche Genugtuung) im Auge behalten muss. Erschwerend kommt dazu, dass hier u.U. Anspruch auf Leistungen aus der Unfallversicherung besteht. Diese sind an die Genugtuung anzurechnen, damit keine Überentschädigung eintritt.
      17 1 Melden
    • Hierundjetzt 17.07.2018 14:27
      Highlight Satyros: Neidlos, die korrekte Antwort. Zusatzfrage: Die Opferhilfe nimmt aber schon Regress am Täter, oder?
      6 0 Melden
    • zeusli 17.07.2018 15:35
      Highlight Oder ist Opferbashing einfacher als Täterbashing?
      2 1 Melden
    • satyros 17.07.2018 15:36
      Highlight @Hierundjetzt: Das tut sie. Die Ansprüche der Opferhilfe gehen dabei sogar den verbleibenden Ansprüchen des Opfers vor. Und Ansprüche bestehen häufig nicht nur für die Genugtuung, sondern auch für Anwaltskosten, medizinische Kosten, Kosten einer Psychotherapie und dergleichen, die durch die Opferhilfe finanziert wurden. Im konkreten Fall wird der Täter wohl noch immer eine Freiheitsstrafe verbüssen und das Entgelt für die Arbeit im Gefängnis abzüglich eines kleinen Sackgelds an die Opferhilfe überweisen.
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