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Ich, ich, ich: Soziale Gesundheit, anyone?

Bild: shutterstock

Das Ich gedeiht, physisch und psychisch – was aber ist mit dem Wir?



Jetzt mal ganz im Ernst, Leute, was zum Teufel ist das mit dieser Lautsprechertelefonie? Hä? Als ob's nicht schon schlimm genug wäre, dass wir immer und überall am Handy hängen – müssen wir jetzt wirklich auch noch unsere Telefonate öffentlich führen? Wenn's wenigstens zuverlässig funktionieren würde. Aber nein. Es resultiert oft etwas, das ich liebevoll Handyaerobics nenne: Das Telefon, obwohl – bzw. gerade weil – auf Stadionsprecher-Lautstärke eingestellt, klirrt und überschlägt sich dermassen, dass es der Telefonierende alternierend vom Ohr zum Mund bewegen muss, um entweder zuhören oder zurückschreien zu können. Mega entspannt.

Ah nei.  

Vielleicht bin ich altersbedingt langsam auch einfach unflexibel und dieser kleine Rant ist lediglich ein weiterer Schritt in meiner Entwicklung zur im Park sitzenden, schon morgens leicht angetrunkenen Alten, die «die Jungen» erst anschreit, sie dann mit Vogelfutter bewirft und ihnen dann das Bein stellt... Trotzdem scheint mir das Geschilderte ein Symptom für etwas zu sein, das mich schon länger beschäftigt. Ein Widerspruch nämlich.  

So dünkt es mich einerseits, als seien wir nie gesundheitsbewusster gewesen. Wir stählen unsere Körper und führen ihnen ausgewogenes, wertvolles Essen zu. Sport und gesunde Ernährung sind zu Lebensmodellen geworden, zum Hobby, gar zur Leidenschaft. Wir pflegen unsere Körperinnen- und -aussenseiten, teilweise in extremis.  

Und auch auf den Inhalt unserer Birnen achten wir viel eher als auch schon. Psychische Gesundheit wird immer mehr zum Thema – psychische Krankheit/Störung auch. Noch sind wir nicht gänzlich offen, aber auch hier deutet der Trend Richtung Achtsamkeit.  

Wir schauen einerseits also, dass es unserem Körper und unserer Seele gut geht, sind besorgt um unser physisches und psychisches Wohlbefinden.  

Andererseits jedoch, und hier komme ich zum oben erwähnten Widerspruch, sehe ich keinen Trend zur Pflege einer dritten Art der Gesundheit, über welche meines Erachtens viel zu selten gesprochen wird: der sozialen nämlich.

Und da sind wir zurück bei der Lautsprechertelefonie: Mein Wohlbefinden, a.k.a. das Telefon-nicht-ans-Ohr-halten-Wollen, ist mir wichtiger als das meiner Mitmenschen, die nicht unbedingt darüber informiert werden wollen, was der Tierarzt über die Hämorrhoiden meiner Katze zu sagen hat. Genauso ist es mir wichtiger, dass ich's bequem habe, also setze ich mich im vollen Bus auf den Gangplatz, oder stelle meine Tasche auf den Sitz neben mir, weil «man mich ja bitten kann, sie zu entfernen». Oder ich drängle mich vor, weil ich sonst bigoscht 26 Sekunden meiner wertvollen Zeit verlieren könnte, die ich nie wieder zurückbekomme – die 26 Sekunden meines Mitmenschen sind mir dabei relativ schnurz.  

Und ich glaube, genau daran krankt unser soziales Gesundheitsbewusstsein: An einem gesunden Gespür dafür, wo mein Gärtli aufhört und das des Gegenübers anfängt. Woran das liegt? Weiss ich nicht. Vielleicht liegt's genau an oben erwähnter, neu gefundener Zuwendung zum Ich: Ich pflege mein Gärtli so intensiv und aufwändig, dass es wächst und wächst und ich irgendwann noch die halbe Obstplantage des Nachbarn mit drin habe und das gar nicht schnalle.  

Ein weiteres Beispiel ist das Land der unbeschränkten Möglichkeiten. Nein, nicht die USA, sondern das magische Land von Social Media. Ein Universum, das von der Abwesenheit von Grenzen lebt, im positiven wie im negativen Sinn. Leute, die man kaum (oder gar nicht) kennt, erscheinen einem wie Freunde. Und Freunden darf man doch alles sagen, nicht?  

So treffen in meinem persönlichen Postfach in letzter Zeit immer wieder Nachrichten betreffend mein Äusseres ein. «Nimm’ nicht mehr ab, du wirst langsam wirklich unattraktiv!», «Jetzt bist du zwar dünner, hast aber das ganze Gesicht voll Falten!», «Hast du schon wieder zugelegt?» Von Menschen, die ich noch nie gesehen habe.  

Ich weiss, ich weiss, wer sich exponiert, bekommt Reaktionen. Ich denke nicht, dass sich das je ändern wird. Und trotzdem erlebe ich subjektiv eine Zunahme solcher Eingriffe in die Privatsphäre anderer (nicht nur bei mir, sondern generell und öffentlich, nicht nur betreffend das Äussere, sondern betreffend aaaalles, nicht nur auf Social Media, sondern auch im Alltag) und dann darf beziehungsweise sollte man sich vielleicht fragen, woher und aus welchen Motiven sie kommen. Und, für mich jeweils ein sehr wichtiger Punkt: Haben sie ein bösartiges Fundament? Was ist der Hintergrund, vorsätzlich so etwas zu schreiben? Soll man reagieren und, wenn ja, wie? Und: Mache ich sowas in anderer Form eventuell selbst auch, ohne es zu merken?  

Wir haben also einerseits das Ignorieren des Raums anderer (Stichwort Lautsprechertelefonie) und vorsätzliches Vordringen in ebendiesen (ungefragtes Bewerten anderer auf persönlicher Ebene). Da ist ein Mangel an sozialer Gesundheit: Wir haben gestählte Körper und Psychen, jedoch wenig Platz für diejenigen anderer.  

Nun: Ist das schlicht und einfach ein Resultat unserer individualistisch(er)en Gesellschaft und wir sollten uns im Sinne einer Abstumpfung daran gewöhnen, dass uns ein jeder alles sagen darf und uns auf unser eigenes Ding konzentrieren und unsere eigene Gesundheit geniessen – oder macht eine Gesellschaft, in der unser Gegenüber keinen Platz für unsere Gesundheit lässt, uns letztendlich doch wieder krank?

Yonni Meyer

Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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