Schweiz
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ARCHIV - ZUM THEMA BEDINGUNGEN FUER DIE SUIZIDHILFE AN DER SOMMERSESSION 2018 AM DONNERSTAG 14. JUNI 2018 STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG – Eingang an der Ifangstrasse 12a in der Industriezone Schwerzenbach, aufgenommen am Freitag, 23. November 2007. Die Sterbehilfeorganisation Dignitas liess nach dem positiven Entscheid fuer Sterbehilfe im Industriequartier Schwerzenbach keine Zeit verstreichen. Sie begleitete noch am Freitag in den Raeumlichkeiten wieder einen Menschen in den Tod. Ein Sprecher der Zuercher Kantonspolizei bestaetigte auf Anfrage eine entsprechende Meldung von

Bild: KEYSTONE

Die Mutter will mit Hilfe von Dignitas sterben – am Ende ist auch ihre Tochter tot

Eine Mutter und ihre Tochter reisen von England in die Schweiz zu Dignitas. Eigentlich sollte nur die Mutter sterben. Doch am Schluss sind beide tot. Der Arzt machte drei entscheidende Fehler.

Andreas Maurer / ch media



Eine 95-jährige Engländerin wählt die weltberühmte «Swiss Option». Sie hat Krebs und bucht einen Flug ins einzige Land, in dem Suizidhilfe für Ausländer legal ist. Exit, die grösste Schweizer Freitodorganisation mit 734 assistierten Suiziden im Jahr 2017, kommt nicht infrage, weil diese nur Inländer bedient. Dignitas hingegen, die Nummer zwei der Branche mit 222 Fällen in einem Jahr, ist auf Sterbetourismus spezialisiert. So fliegt die betagte Britin nach Zürich auf ihrer Suche nach einem Abgang in Würde, auf Latein: Dignitas. Auf ihrer letzten Reise wird sie von ihrer 58-jährigen Tochter begleitet. Diese hat im Gegensatz zur Mutter einen Rückflug gebucht. Doch ihr Sitz wird leer bleiben.

Am Tag des geplanten Suizids im Jahr 2016 begeben sich Mutter und Tochter in die Sterbewohnung von Dignitas. Um 11 Uhr beginnt ein unerwartetes Drama. Plötzlich befindet sich die Tochter in einem schlechteren Zustand als die Mutter. Sie beklagt sich über Unwohlsein und übergibt sich mehrmals. Ein Sterbebegleiter bestellt über die Dignitas-Zentrale einen Arzt. Dieser trifft kurz nach 12 Uhr ein und spritzt der 58-Jährigen Temesta, ein Beruhigungsmittel. Eine Stunde später wird sie bewusstlos, aber sie atmet noch.

Am Nachmittag landet der Ehemann der 58-Jährigen in Zürich, um seiner Frau bei der Verarbeitung des Todes der Mutter beizustehen und sie später nach Hause zu begleiten. Als er im Hotel eintrifft, erhält er die Nachricht, er müsse sofort zu Dignitas kommen. Um 17.30 Uhr trifft er ein und erschrickt. Seine Frau sitzt nach vorne gebückt auf einem Sofa, sie gibt seltsame Atemgeräusche von sich und hat Schaum vor dem Mund.

Der Arzt informiert den Ehemann über die Situation: Er habe ein Beruhigungsmittel gespritzt, das sich nur langsam abbaue. Nun stünden zwei Möglichkeiten zur Auswahl, beide enthalten ein «aber». Entweder verabreiche er ihr ein Gegenmittel, das er aber zuerst noch besorgen müsse. Oder die Frau werde ins Spital gefahren, was aber mit Kosten verbunden sei. Der Ehemann fordert den Arzt auf, zu tun, was am besten für seine Frau sei. Der Doktor wählt die erste Variante und verlässt den Raum. Zurück bleiben zwei Sterbebegleiter von Dignitas.

Sterbehelfer als Lebensretter

Um 18 Uhr hört die Frau auf zu atmen. Die Sterbebegleiter versuchen, ihr Leben zu retten, starten eine Reanimation und rufen die Sanität. Kurz nacheinander treffen ein Krankenwagen und ein Rettungshelikopter ein. Der von Dignitas aufgebotene Arzt übergibt dem Rettungsdienst einen Zettel mit der Notiz «Verdacht auf Opioidintoxikation», er geht von einer Überdosis Schmerzmittel aus. Es ist kein Puls mehr fühlbar. Die Sanitäter beatmen die Frau künstlich, der Herzkreislauf kommt wieder in Gang, doch sie bleibt in tiefer Bewusstlosigkeit.

Mit dem Helikopter wird sie ins Universitätsspital Zürich geflogen, ihr Mann bleibt an ihrer Seite, Ankunft im Spital um 19.50 Uhr. Diagnose: starke Hirnblutung, Prognose: hoffnungslos. Die Körpertemperatur ist auf 32 Grad gesunken. Am nächsten Tag um 14.38 Uhr wird der Hirntod festgestellt.

Nun ruft der Ehemann der Verstorbenen bei Dignitas an und erkundigt sich nach dem Zustand seiner Schwiegermutter. So erfährt er, was im Sterbezimmer passiert ist, nachdem der Rettungshelikopter mit der Tochter abgehoben war. Die 95-Jährige sei wie geplant aus dem Leben geschieden. Von ihrer Tochter konnte sie sich nicht verabschieden.

Der Arzt machte drei Fehler

Bis die Todesursache der Tochter geklärt ist, verstreichen mehrere Monate. Die Autopsie ergibt, dass die Blutgefässe im Kleinhirn fehlgebildet waren. Die Arterien waren direkt mit den Venen verbunden, ohne Kapillaren dazwischen. Das führte zu einer spontanen Blutung.

Das Zürcher Institut für Rechtsmedizin kommt zum Schluss, dass der von Dignitas aufgebotene Arzt dreimal falsch gehandelt habe.

Die auf Medizin spezialisierte Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürichs übernimmt den Fall und eröffnet am 25. August 2017 ein Verfahren gegen den Arzt wegen fahrlässiger Tötung. Sie wirft ihm vor, er habe die Patientin mit seiner Temesta-Spritze in einen lebensbedrohlichen Zustand versetzt. Hätte er sie richtig behandelt und rechtzeitig ins Spital eingeliefert, wäre sie gemäss dem aktuellen Stand der Ermittlungen nicht gestorben.

Um den Verdacht zu erhärten, bestellt die Staatsanwaltschaft bei der Neurochirurgie des Unispitals ein weiteres Gutachten. Dieses soll genauere Angaben zur Wahrscheinlichkeit machen, mit welcher der Tod durch die richtige Behandlung hätte verhindert werden können. Gegen diesen Verfahrensschritt wehrt sich der Arzt. Da die Rechtsmedizin den Vorwurf nicht mit Sicherheit bestätigt habe, sei ein weiteres Gutachten zu dieser für ihn ungünstigen Hypothese nicht gerechtfertigt. Damit hat er keine Chance. Das Obergericht tritt auf seine Beschwerde nicht einmal ein, wie es mit Beschluss vom 3. August 2018 festhält. Die Richter lassen ihn wissen, es gehöre zu den Aufgaben der Staatsanwaltschaft, einen Verdacht abzuklären. Der Arzt geht in diesem Nebenverfahren vor Bundesgericht. Am Hauptverfahren hingegen beteiligt er sich nicht. In den Einvernahmen verweigerte er die Aussage, es gilt die Unschuldsvermutung.

Dignitas weist jede Verantwortung von sich

Dignitas kommentiert den Fall auf Anfrage: «Offensichtlich eine menschlich tragische Gegebenheit und eine unvorhersehbare Situation.» Die Freitodorganisation fühlt sich aber nicht verantwortlich für die Handlungen des Arztes, den sie aufgeboten hat: «Wir sind nicht in das Verfahren involviert; es betrifft keinen Mitarbeiter und auch kein Mitglied unseres Vereins.»

Direkt involviert ist Dignitas in ein anderes Verfahren, das am Obergericht hängig ist. Die erste Instanz kam zu einem Freispruch. In einem Musterprozess will die Zürcher Staatsanwaltschaft klären, welche Preise im boomenden Sterbegeschäft verlangt werden dürfen. Gemäss den üblichen Dignitas-Tarifen musste die 95-jährige Engländerin 10'000 Franken für ihren erhofften Abgang in Würde bezahlen.

Wenn Menschen mit Sterbefasten ihr Leiden verkürzen wollen

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Video: srf

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pumba 18.11.2018 03:18
    Highlight Highlight Versetzen wir uns mal in den Arzt: Die 95-jährige stirbt planmässig nach Einnahme des Medikaments. Kurz darauf klagt die Tochter über Kopfschmerzen und Übelkeit, wahrscheinlich war sie auch noch psychisch aufgebracht über den Tod der Mutter. Da geht man im ersten Moment wahrscheinlich eher von einer Reaktion auf den Tod der Mutter aus und nicht gerade von einer eher seltenen spontanen Hirnblutung bei einer doch noch jungen Frau. Nur so als Gedanke...
  • RozaxD 17.11.2018 20:40
    Highlight Highlight Ich finde es nicht ganz angebracht, dass da die „Mitglieder“ der Dignitas so wie Mitglieder einer NGO formuliert werden - wo sie doch eigentlich alle sterben...
  • rolf.iller 17.11.2018 19:55
    Highlight Highlight Zusammenfassung: Jemand ist einen natürlichen Tod gestorben und wenn man rechtzeitig was anders gemacht hätte, wer die Person vielleicht noch am leben.

    Kommt wohl jeden Tag zigfach vor. Warum ist das einen Artikel wert?
    • Maracuja 17.11.2018 21:55
      Highlight Highlight Vielleicht mal den zeitlichen Ablauf anschauen. Um 11 Uhr zeigen sich erste Symptome, statt einen Notfallarzt beizuziehen, rufen die Sterbhelfer die Dignitaszentrale an (weshalb?). Der von der Zentrale avisierte Arzt trifft um kurz um 12 Uhr ein und verabreicht intravenös ein Beruhigungsmittel. Um 13 Uhr wird sie bewusstlos, atmet aber noch. Um 17:30 röchelt die Frau und hat Schaum vor dem Mund. Um 18:00 Uhr atmet sie nicht mehr, da endlich (5 h nach Bewusstlosigkeit!) alarmieren die Sterbehelfer die Sanität. Solche Inkompetenz kommt jeden Tag zigfach vor?
    • Techtumbler 18.11.2018 09:01
      Highlight Highlight Einen Artikel wert, weil Dignitas vorkommt und es speziell tragisch ist.
  • Triple 17.11.2018 19:24
    Highlight Highlight 10‘000, ist ja schon ein wenig viel....
    • milkdefeater 17.11.2018 19:53
      Highlight Highlight Man kann's ja nachher noch gebrauchen, gell.
    • Spooky 18.11.2018 10:11
      Highlight Highlight Das ist nicht nur "ein wenig viel", das ist makaber.
  • α Virginis 17.11.2018 19:20
    Highlight Highlight Da bleibt ein übler Geschmack von 9-Volt Batterien im Mund übrig (wers denn kennt...)
    • Turrdy 17.11.2018 19:54
      Highlight Highlight Batterien essen gehört hingegen nicht zu meinen Hobbies.
  • Lavamera 17.11.2018 18:57
    Highlight Highlight Im Nachhinein ist man immer schlauer. Das man in der Situation des Arztes anders gehandelt hätte, kann auch jeder sagen. Ich bin gespannt wie das Gericht urteilen wird.
    • Fabio74 17.11.2018 20:31
      Highlight Highlight Er hätte von Anfang an die Frau ins Spital bringen lassen
  • Randy Orton 17.11.2018 18:56
    Highlight Highlight Diesem Arzt gehört ein Berufsverbot erteilt. Und wenn er bei Dignitas angestellt war, müssen auch da Konsequenzen folgen.
    • blobb 17.11.2018 19:53
      Highlight Highlight lesen hilft manchmal weiter.
    • Randy Orton 18.11.2018 01:08
      Highlight Highlight blobb ich habe den Artikel gelesen, auch den Teil, wo Dignitas bestreitet, dass der Arzt irgend eine Verbindung zu ihnen hat. Es ist aber so, dass die beiden Mitarbeiter den Arzt verständigt haben und es ist auch so, dass Natriumpentobarbital für Dignitas durch Ärzte die mit ihnen zusammenarbeiten beschafft werden muss - der Verdacht liegt also nahe, dass dieser Arzt zumindest regelmässig mit Dignitas zusammenarbeitet und die Organisation sich so (wieder einmal) billig aus der Verantwortung stiehlt.
    • blobb 18.11.2018 19:50
      Highlight Highlight Zitat: "...bei Dignitas angestellt..."
  • BB1899 17.11.2018 18:24
    Highlight Highlight Schrecklich...
  • Neruda 17.11.2018 18:09
    Highlight Highlight Hoffentlich erhält dieser Kurpfuscher ein Berufsverbot! Und Dignitas sollte mal auf die Finger geklopft werden.
    • DocShi 17.11.2018 19:13
      Highlight Highlight Sie sollten sich nicht vom reisserischen Titel zu solchen Aussagen hinreissen lassen!
      Wenn Sie den Artikel richtig gelesen hätten, wüssten Sie das Dignitas den Arzt aufgeboten hat.
      Aber eben: Richtiges lesen ist schwieriger als unwissend kommentieren!
  • DerRabe 17.11.2018 18:05
    Highlight Highlight Was hat das nun mit Dignitas zu tun? Wenn das nächste Mal ein Verkehrsunfall vor dem Eingang von Exit stattfindet, wird dies auch der Organisation angelastet?
    Ich bin enttäuscht von dem reisserischen Titel.
    • chnobli1896 17.11.2018 19:03
      Highlight Highlight Man könnte meinen es sei bald Abstimmung über Sterbehilfe und es müssen noch Meinungen beeinflusst werden..
    • derEchteElch 17.11.2018 19:18
      Highlight Highlight Da bin ich gleicher Meining.
    • Maracuja 17.11.2018 19:24
      Highlight Highlight @DerRabe: Was hat das nun mit Dignitas zu tun?

      Der Arzt, dessen Entscheidungen fragwürdig sind, wurde über die Dignitas-Zentrale angefordert. Hätten sich Sterbehelfer sofort (statt nach langem Warten) an eine seriöse Notfallzentrale gewandt, könnte die Frau evtl. noch leben.
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