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Kommentar

Wir vom Rand sind die besseren Städter – 8 Gründe, warum die Zentren out sind

10.10.2016, 12:3911.10.2016, 14:52

Wenn ich an der Uni mit Mitstudenten über Wohnort und Herkunft spreche, passiert es mir oft, dass ich eine Predigt über das Stadtleben erhalte. Als gebürtiger Stadtzürcher, wohnhaft in Oerlikon, muss ich mir dann Sätze anhören wie: «Ach, Oerlikon? Du wohnst also gar nicht in der Stadt?» Meistens im breitesten Ostschweizer Dialekt vorgetragen, also von Zuzügern. Die hat es natürlich in Zürich alle nach Wiedikon gezogen, dem «hippen» Quartier.

«Und ob ich in der Stadt wohne», sage ich dann jeweils. «Sogar im besten Teil!» Nämlich am Stadtrand. Hier vereinen sich die besten Eigenschaften von Stadt und Agglomeration. Deshalb hier für alle Bümplizer, Kleinbasler, Littauer, Lachner und Oerlikoner der Schweiz: Acht Gründe, warum ihr am besten Ort der Schweiz wohnt.

Keine Hipster-Schwärme

Am Stadtrand triffst du sicher niemanden, der dir klar machen will, dass du dich an einem hippen Ort befindest. Niemand, der grosskotzig vor sich herplappert, welche unbekannten Künstler schon hier gewohnt haben und welche gescheiterten Musiker hier schon verelendet sind. Es ist ein Ort zum Leben. Das Prahlen überlassen wir den Altstädtern, den Innenstädtern, den Wiedikern der Schweiz.

Es gibt hier keine Massen von superindividuellen Fixie-Bikes, die alle irgendwo abgestellt sind. Denn wer hier sorgenfrei sein Velo herumstehen lässt, ist bald velolos. Hier werden nämlich alle geklaut.

Keine Cafés, in denen der hausgemachte, frische Eistee zehn Franken kostet und alle entkoffeinierten, gluten- und zuckerfreien Sojamilchkaffee trinken.

«Ich trinke nur Kaffee aus unbekannten subtropischen Ländern imfall!» – Felix, 24, Zentrumshipster.
«Ich trinke nur Kaffee aus unbekannten subtropischen Ländern imfall!» – Felix, 24, Zentrumshipster.Bild: Shutterstock

Es gibt auch keinen Grund, sich in das überfüllte «In»-Café zu drängen, das jeder in der Stadt kennt, weil es sowas hier gar nicht gibt. 

Keine Aufwertung

Der Beginn des Ausgehviertels in Zürich. In der Langstrasse geht schon länger das Schreckgespenst «Aufwertung» um.
Der Beginn des Ausgehviertels in Zürich. In der Langstrasse geht schon länger das Schreckgespenst «Aufwertung» um.Bild: KEYSTONE

Das Zentrum fürchtet sich vor der «Aufwertung», wie es vielen hippen Quartieren wie zum Beispiel SoHo in New York widerfahren ist. Das Schreckgespenst, das beispielsweise an der Langstrasse in Zürich umgeht, ist bei uns am Rand kein Thema. 

Wir brauchen keine kunstvoll eingerichteten Modegeschäfte, die aussehen wie Ateliers und in denen handgefertigte Designerklamotten rumhängen. Auch keine Oberschichts-Supermärkte, die Premium-Käse, -Wein und -Bier zu Superlativ-Preisen verkaufen. Uns schmeckt das Dosenbier aus dem Denner ganz gut. 

Bezahlbare Wohnungen

Die Mietpreise sind zwar auch bei uns am Rand gestiegen, aber nicht so stark wie an den Hotspots. Du suchst nach einer leerstehenden Wohnung der Hochpreisklasse? Sowas haben wir nicht. Schau mal im Stadtzentrum vorbei, dort gibts sowas. Stehen alle leer.

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Schaut man auf immoscout24.ch, werden 24 Wohnungen in Oerlikon für unter 2000 Franken im Monat angeboten. In Wiedikon gerade mal fünf. Dafür gibt es eine 1,5-Zimmer-Wohnung im Sihlcity für 3490 Franken im Monat. Dies gilt praktisch für alle Städte der Schweiz.

In der Europaallee in Zürich werden Wohnungen gebaut. Nur die wenigsten können sich eine davon leisten.
In der Europaallee in Zürich werden Wohnungen gebaut. Nur die wenigsten können sich eine davon leisten.Bild: KEYSTONE

Viel Platz, junge Leute

Das niedrige Preisniveau lockt Studenten und Junge an. So hat sich Bümpliz in Bern zur Studentenstadt in der Stadt entwickelt. Eine gute Möglichkeit Leute kennenzulernen, die im selben Lebensabschnitt stecken wie man selbst. Ausserdem motzen die Nachbarn nicht, wenn es mal ein bisschen lauter wird. Nicht wie an der Langstrasse, wo die Alteingesessenen seit jeher mit den partywilligen Neuzuzügern im Clinch liegen. 

Das Resultat sind entspannte Wohnverhältnisse mit ausreichend Platz. Schaut man sich die Aussenquartiere von Basel an, so bestechen diese durch einen hohen Anteil an Jungen und Grünflächen.

Im Zentrum:

Eine Grafik der Stadt Basel zur Vorstellung des Quartiers Altstadt Grossbasel.
Eine Grafik der Stadt Basel zur Vorstellung des Quartiers Altstadt Grossbasel.grafik: stadt basel

Am Rand:

Eine Grafik der Stadt Basel zur Vorstellung des Quartiers Bruderholz.
Eine Grafik der Stadt Basel zur Vorstellung des Quartiers Bruderholz.grafik: stadt basel

Wie diese beiden «Spider» der beiden Basler Stadtviertel Altstadt und Bruderholz zeigen, sind die Wohnungen am Rand der Stadt deutlich grösser, sind häufiger von Jungen bewohnt und es hat mehr Grünfläche. 

Verbindungen nach überallhin und trotzdem übersichtliche Bahnhöfe

Ein Prachtexemplar: der Bahnhof Oerlikon.
Ein Prachtexemplar: der Bahnhof Oerlikon.Bild: KEYSTONE

Die Ränder der Schweizer Städte sind anders als die Agglomeration sehr gut mit dem Zentrum verbunden: Züge im Fünf-Minuten-Takt bringen Bümplizer und Oerlikoner innert Minuten ins Zentrum. Und das von hübschen, übersichtlichen, kleinen Bahnhöfen aus. Die Züge auf den Gleisen 1, 3, 5 und 7 bringen die Passagiere aus Oerlikon zum Hauptbahnhof. Auf den Perrons mit geraden Zahlen fahren die Züge in die Agglomeration.

Keine unübersichtlichen Bahnhofshallen mit versteckten Gleisen auf mehreren Etagen und schimpfenden Taxi-Fahrern. Zudem ist der Stadtrand im selben Billett drin wie die Stadt selbst. Es ist also kein Zusatzabo für uns am Rand nötig. 

Bildung, Kunst und Kultur

Das Zentrum ist längst nicht mehr der einzige Standort der Universität Zürich.
Das Zentrum ist längst nicht mehr der einzige Standort der Universität Zürich.bild: uzh

Sowohl die Universität Zürich als auch die ETH betreiben Standorte in Oerlikon, weil mittlerweile auch die Hochschulen den Vorzug des Stadtrandes entdeckt haben. Kantonsschulen sind in allen ordentlichen Stadträndern der Schweiz zu finden.

Es gibt Frischmärkte, Velobörsen, Ausstellungen, Messehallen und Sportanlagen. Das Hallenbad Oerlikon verfügt sogar über einen 10-Meter-Sprungturm, den einzigen überdachten der Deutschschweiz. Wir vom Rand trauen uns sogar da runter zu springen.

Multikulti

Die kulturelle Vielfalt wird am Rande gross geschrieben. Der hohe Ausländer-Anteil der Randgebiete hat zur Durchdringung mit authentischen ausländischen Restaurants geführt. Auch das Angebot an Spezial-Supermärkten, die traditionelle ausländische Produkte verkaufen, ist sehr vielfältig. 

Der Marktplatz in Oerlikon: Hier treffen sich jeden Tag Menschen aller Couleur zum Schachspielen.
Der Marktplatz in Oerlikon: Hier treffen sich jeden Tag Menschen aller Couleur zum Schachspielen.bild: quartierverein oerlikon

Lust auf Asiatisches? Der Asia-Markt hat alles. Doch eher Orientalisches? Auch dafür gibt es einen Spezialladen. Betrieben werden diese Läden von traditionsreichen Fachpersonen auf dem jeweiligen Gebiet, nicht von irgendwelchen Start-up-Hipstern wie im Zentrum.

Du bist endlich Teil des «Ghetto»-Lifestyles

Wenn du am Stadtrand lebst, verstehst du endlich all die Rap-Texte – von Bushido und Co. liebevoll «Viertel», «Block» oder «Hood» genannt. Das ist der Stadtrand. In der alternativen Szene in der Innenstadt stimmen die Gutmenschen immer schön liberal und gehen in ihre Bioläden einkaufen. Doch die wahre Integration findet bei uns am Rand auf den Pausen- und Bahnhöfen statt.

Ein Song über Oerlikon, Kleinbasel, Kriens und Bümpliz (Achtung Schimpfwörter):

Sido war bei seinem letzten Besuch in der Schweiz von den Stadträndern so beeindruckt, dass er einen Song schreiben musste. Damals, als er noch krass war.Video: YouTube/HITBOX

Was habe wir vergessen? Wodurch zeichnet sich der Stadtrand sonst noch aus?

So sah die Stadt früher aus: 37 Bilder aus der Schweiz in den 60er-Jahren

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37 Bilder aus der Schweiz in den 60er-Jahren
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