Boykott? Der simple Grund, warum wir uns trotz allem auf die WM freuen können
Was gibt es mehr: WM-Teilnehmer oder Gründe, die Fussballfans die Lust auf das Turnier verderben? Schwierig zu sagen.
Dass vor einem sportlichen Grossanlass vor allem über Nebenschauplätze diskutiert wird, gehört dazu. Doch derart in der Kritik wie diese Fussball-WM war noch selten ein Turnier – und das muss man erst einmal hinkriegen, nachdem die letzten beiden Weltmeisterschaften in Russland (2018) und Katar (2022) waren.
Der Hauptgrund besteht aus zwei Wörtern und elf Buchstaben: Donald Trump. Seit er wieder US-Präsident ist, ist die Welt eine andere. Trump verhängt nach Lust und Laune Strafzölle, er verteilt Einreiseverbote, zettelt Krieg an – und freut sich wie ein Kind, wenn ihm FIFA-Präsident Gianni Infantino einen lächerlichen Friedenspreis schenkt.
Der Boss des Weltverbands ist der zweite Grund, weshalb für immer mehr Sportfans die Fussball-WM zum Ärgernis wird. Raffgier der Funktionäre sorgte für ein Aufblähen des Teilnehmerfelds auf 48 Mannschaften, weshalb über hundert Spiele notwendig sind, um den Weltmeister zu küren. Die Raffgier sorgte auch für Ticketpreise, die viele für jenseits von Gut und Böse halten.
Konnte man sich bei früheren Turnieren an festen Anspielzeiten orientieren, so müssen sich Fans in diesem Sommer von Tag zu Tag anpassen. Die Schweizer Anhänger haben es wenigstens noch gut erwischt, ihre Lieblinge sind in der Gruppenphase um 21 Uhr (Schweizer Zeit) im Einsatz – wenn die Sonne an der Pazifikküste zur Mittagszeit brennt.
Die Spieler sind nicht zu beneiden, wenngleich die FIFA, fürsorglich, Trinkpausen eingeführt hat. Welch praktischer Zufall, dass das Spiel damit vier Viertel hat und in diesen Pausen am TV Werbespots gezeigt werden können.
Es ist keine Überraschung, dass bei so vielen bad vibes hie und da nach einem WM-Boykott gerufen wird. So viel ist aber schon jetzt klar: Es wird in den allermeisten Fällen bei diesen Aufrufen bleiben. Sobald der Ball rollt, wird mitgefiebert.
Den Grund nannte einst Sepp Herberger. Die Worte des schon bald fünfzig Jahre toten Weltmeistertrainers von 1954 gelten heute noch so wie damals:
Wird das Schweizer Auftaktspiel gegen Katar wirklich so ein Selbstläufer für die Nati? Stolpert Deutschland schon wieder durch ein Turnier und muss früh nach Hause? Werden die Norweger zu den nächsten Isländern, hat Neuseeland einen Stürmer, der wie einst Will Grigg on fire ist und führt Cristiano Ronaldo sein Portugal in den Fussball-Olymp?
Das sind Fragen, die in den kommenden Wochen diskutiert werden. Allerdings muss man kein Prophet sein: Donald Trump und Gianni Infantino können gar nicht anders, als sich mit ihrem Verhalten und ihren Aussagen so in den Vordergrund zu drängen, dass nicht nur das Geschehen auf dem Rasen im Fokus stehen wird. Zumal die USA mitten während des Turniers am 4. Juli das 250-jährige Bestehen ihres Landes feiern werden.
Trump, Infantino und die FIFA werden für Schlagzeilen sorgen. Die eigentliche WM aber wird auf dem Rasen gespielt. Sie gehört den Spielern und den Fans, sie schreibt Geschichten, an die man sich noch lange erinnern wird. Genau darum schalten Millionen rund um den Globus wieder ein – weil sie wissen wollen, wie es ausgeht.
