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Ist ihre Zeit abgelaufen? Langzeit-Diktator Mugabe und seine Frau Grace. Bild: AP/AP

Was läuft in Simbabwe? 6 Fragen und Antworten

15.11.17, 13:32 16.11.17, 05:54

Hat Mugabe die Kontrolle verloren?

Die Lage in der simbabwischen Hauptstadt Harare ist unübersichtlich. Allem Anschein nach hat das Militär die Kontrolle übernommen und den Langzeit-Diktator Mugabe sowie dessen Frau Grace in Gewahrsam genommen. Mugabes Familie stehe unter Hausarrest, erklärte der südafrikanische Präsident Jacob Zuma nach einem Telefongespräch mit Mugabe.

Panzer in Harare: Die Armee hat die Macht in Simbabwe übernommen. Bild: EPA/EPA

Generalmajor Sibusiso Moyo betonte in einer Fernseh-Ansprache, es handle sich nicht um einen Militärputsch. Die Armee habe die Macht nur zeitweise übernommen, um die Krise zu überwinden. «Sobald wir unsere Mission erfüllt haben, erwarten wir eine Rückkehr zur Normalität», erklärte er. Die Regierungspartei Zanu-PF spricht allerdings bereits von einer «neuen Ära», die nun beginne.

Worum geht es beim Putsch?

Mugabe, der seit 1980 regiert, ist 93 Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen. Auch ohne die Intervention der Armee dürfte sich seine Herrschaft dem Ende zuneigen. Der greise Diktator hat jedoch in letzter Zeit seine 41 Jahre jüngere Frau Grace als Nachfolgerin aufgebaut. 2014 liess er sie gegen alle Regeln zur Präsidentin der Frauenliga der Regierungspartei Zanu-PF wählen.

Gegner der First Lady: Armeechef Chiwenga. Bild: AP/AP

Doch gegen Mugabes Pläne, eine Familiendynastie zu installieren, gibt es Widerstand: Insbesondere der Armeechef, General Constantino Chiwenga, und der Vizepräsident Emmerson Mnangagwa gelten als Gegner der First Lady. Die Situation eskalierte, als Mugabe Mnangagwa letzte Woche entliess. Der gestürzte Vizepräsident floh umgehend nach Südafrika. Chiwenga drohte der Regierung darauf öffentlich, die Armee sei bereit, einzuschreiten. 

Wer ist Grace Mugabe?

Die zweite Frau Mugabes, seine ehemalige Sekretärin, gebar ihm zwei Kinder, als seine erste Frau noch lebte. 1996, vier Jahre nach deren Tod, heirateten sie. Auch für Grace war es die zweite Ehe. Die First Lady, wegen ihres verschwenderischen Lebensstils auch «Gucci Grace» oder «DisGrace» genannt, ist Geschäftsfrau und besitzt mehrere Grossfarmen sowie ein Diamantenfeld. Zudem erhielt sie einen Doktortitel in Soziologie, obwohl sie anscheinend nie einen Bachelor oder Master erworben hat. 

«Gucci Grace»: Die Präsidentengattin ist wegen ihres luxuriösen Lebensstils umstritten. Bild: EPA/EPA

Erst in diesem August machte Grace Schlagzeilen, als sie in Südafrika eine junge Frau attackierte. Sie hatte das Model in der Hotelsuite ihrer beiden Söhne in Johannesburg angetroffen und mit einem Verlängerungskabel geschlagen. Der Vorfall hatte für sie aufgrund ihrer diplomatischen Immunität keine Konsequenzen. 

Von Grace geschlagen: das verletzte Model Gabriella Engels. Bild: AP/AP

Der Präsidentengattin wird grosser Einfluss auf ihren Mann nachgesagt, dem sie loyal ergeben ist. Grace hat schon früher politische Konkurrenten aus dem Weg gedrängt. 2014 sorgte sie für den Sturz der Vize-Präsidentin und langjährigen Mugabe-Vertrauten Joice Mujuru. Deren Nachfolger war ebendieser Mnangagwa, dessen Sturz nun die Armee zur Intervention veranlasst hat. 

Wer ist Emmerson Mnangagwa?

Der langjährige Justizminister und Vizepräsident, der den Spitznamen «Krokodil» trägt, ist ein alter Mitstreiter von Mugabe – er kämpfte mit ihm gegen die weisse Minderheitsregierung im damaligen Rhodesien. Bis zu seiner Entlassung bekleidete der 75-Jährige mehrere Regierungsposten, unter anderem als Staatssicherheitsminister und Verteidigungsminister. Der Armeechef Chiwenga gilt als sein Verbündeter. 

Alte Kampfgefährten: Mugabe (r.) und Vizepräsident Mnangagwa im Dezember 2016.  Bild: EPA/EPA

Mnangagwa, angeblich der reichste Mann Simbabwes, galt bis vor kurzem als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge Mugabes. Im Oktober verlor er jedoch zuerst seinen Posten als Justizminister, bevor er am 6. November auch als Vizepräsident entlassen wurde. Die Regierung erklärte, er habe seine Pflichten nicht erfüllt und «beständig und beharrlich Züge von Illoyalität, Respektlosigkeit, Verlogenheit und Unzuverlässigkeit an den Tag gelegt».

Mnangagwas Sturz machte den Weg für Grace Mugabe frei. Nach seiner Flucht nach Südafrika veröffentlichte er ein Pamphlet, in dem er Mugabe und dessen Frau anprangerte. Die Partei Zanu-PF sei nicht deren «persönlicher Besitz». Er kündigte zudem seine Rückkehr an: «Ich komme nach Simbabwe zurück, um euch zu führen.»

Welche Probleme hat Simbabwe?

Die ehemalige britische Kolonie ist mit 391'000 km2 etwas grösser als Deutschland und hat knapp 16 Millionen Einwohner. Drei bis vier Millionen Einwohner haben das Land jedoch in den letzten Jahren aufgrund der Krise verlassen. Zudem ist das Bevölkerungswachstum im Gefolge der AIDS-Epidemie stark zurückgegangen – Simbabwe ist eines der am stärksten von AIDS gebeutelten Länder der Welt. Fast jeder siebte Erwachsene ist von der Krankheit betroffen.

Von Lebensmittelhilfe abhängig: Die einstige Kornkammer Simbabwe importiert Nahrungsmittel. Bild: EPA/UNICEF ZIMBABWE

Die Wirtschaft des einst reichen Landes befindet sich seit den Neunzigerjahren im Niedergang; von 1998 bis 2008 schrumpfte sie um die Hälfte. Hauptgrund dafür ist die chaotisch durchgeführte Landreform, in deren Verlauf etwa 4000 weisse Farmer enteignet wurden. Die schwarzen Kleinbauern, an die das Land verteilt wurde, hatten oft nicht die notwendigen Kenntnisse und produzierten nur für den Eigenbedarf. Aus der Kornkammer wurde ein Importeur von Nahrungsmitteln. 

Landreform: Ein weisser Tabakfarmer, dessen Land enteignet werden soll (Aufnahme aus dem Jahr 1998).  Bild: Keystone

Augenfälligster Ausdruck der massiven wirtschaftlichen Probleme war die Hyperinflation, die zeitweise 230 Millionen Prozent betrug. Erst ab 2009 besserte sich die Lage, als das Land den US-Dollar als Zahlungsmittel einführte. Trotz dieser leichten Erholung leidet Simbabwe nach wie vor an Armut und hoher Arbeitslosigkeit. Das autokratische Regime schreckt zudem ausländische Investoren ab – 2016 betrug das Wirtschaftswachstum nur 0,7 Prozent.  

Hyper-Inflation: In Simbabwe waren Millionäre arme Schlucker.  Bild: AP/AP

Historische Bilder von Robert Mugabe

Wie kam es zu dieser Situation?

Hervorragende Böden und reiche Bodenschätze – der Staat verfügt über bedeutende Vorkommen an Gold, Nickel, Chrom, Kupfer, Smaragden, Eisenerz, Zinn, Kobalt und Diamanten – machen Simbabwe zu einem potenziell wohlhabenden Land. In der fruchtbaren Region entstand schon im 13. Jahrhundert einer der bedeutendsten vorkolonialen Staaten Afrikas, das Monomotapa-Reich. Dessen Hauptstadt Great Zimbabwe gab dem modernen Staat den Namen und ist heute eine Ruinenstätte. 

Einst Zentrum eines grossen Reiches: Die Ruinenstätte Great Zimbabwe. Bild: Wikimedia

Unter britischer Kolonialherrschaft hiess Simbabwe «Südrhodesien» – nach Cecil Rhodes, der das Gebiet für die Briten erwarb. Dank dem milden Klima entwickelte sich Südrhodesien zur Siedlungskolonie; zahlreiche weisse Farmer besetzten die fruchtbarsten Landstriche. Während die Briten Nordrhodesien – heute Sambia – 1964 in die Unabhängigkeit entliessen, verweigerten sie Südrhodesien diesen Schritt, weil die kleine weisse Minderheit nicht dazu bereit war, die schwarze Mehrheit an der politischen Macht zu beteiligen. Die weisse Minderheitsregierung rief darauf 1965 einseitig die Unabhängigkeit aus; 1970 wurde Rhodesien eine Republik. 

Ian Smith: Der einstige weisse Premierminister Rhodesiens war in Simbabwe Oppositionsführer. Bild: EPA AFPI

Ab 1972 kämpften militante schwarze Befreiungsbewegungen mit Waffengewalt gegen die international isolierte weisse Regierung unter Premierminister Ian Smith. 1979 kam es zum Kompromiss, der im Jahr darauf den friedlichen Machtwechsel ermöglichte. Rhodesien wurde 1980 als Simbabwe unabhängig. Neuer Premierminister wurde Robert Mugabe, der zunächst als Hoffnungsträger galt. Als jedoch aufgrund der wirtschaftlichen Probleme der Machtverlust drohte, griff Mugabe zu repressiven Massnahmen. Mittlerweile haben sich auch ehemalige Verbündete von ihm abgewandt; der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu nannte ihn die «Karikatur eines afrikanischen Diktators» und Jean Ziegler forderte gar eine militärische UNO-Intervention. 

Linker Freiheitskämpfer: der junge Robert Mugabe (l.) in den Siebzigerjahren.   Bild: AP

Noch vor dem Putsch hat Mugabe angekündigt, bei den Wahlen im nächsten Jahr wieder anzutreten. Im Lichte der neusten Ereignisse scheint es indes noch unwahrscheinlicher als zuvor, dass Mugabe das Land tatsächlich bis zu seinem Tod regieren kann. Seine Frau Grace soll allerdings einmal gesagt haben, er könne eine Wahl auch als Leiche gewinnen.

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • henk 15.11.2017 18:46
    Highlight Habe 3 Jahre in diesem wunderbaren Land gelebt und war erst dieses Jahr für 3 Monate dort. Ich hoffe wirklich, dass Simbabwe irgendwann mal zur Ruhe und Stabilität kommen wird ❤️ Die Bevölkerung hat sich dies nach jahrelanger Misswirtschaft definitiv verdient. Trotzdem bin ich nicht sehr zuversichtlich...
    4 0 Melden
  • IMaki 15.11.2017 15:55
    Highlight Die Armee-Spitze und der exilierte Chiwenga haben alles Interesse daran, das Wort Putsch zu vermeiden und tun deshalb so, als sei der Putsch, um den es sich höchstwahrscheinlich handelt, bloss eine kurze, vorübergehende Massnahme. Denn die EU müsste im Rahmen des Cotonou-Abkommens mit den AKP-Staaten bei einem Putsch umgehend Sanktionen ergreifen. Reiseverbote für Chiwenga, Einfrieren von Vermögen usw. wären die Folge. Allerdings hätte dann China, das sich um "Cotonou" foutiert, ungehinderten Zugriff auf die Rohstoffe Simbabwes, weil für China auch Putschisten Partner sein dürfen. Rate.
    42 1 Melden
  • Linus Luchs 15.11.2017 14:29
    Highlight Ein wichtiger Aspekt wird im Artikel nicht genannt: Wie auch in anderen afrikanischen Ländern werden in Simbabwe die Bodenschätze von internationalen Konzernen geplündert, wobei sich die Konzerne und die Machthaber den Gewinn in die eigenen Taschen stecken, während die Bevölkerung verarmt. An dieser Maschinerie haben westliche Länder einen grossen Anteil, inklusive Schweiz, die an forderster Front steht, wenn es darum geht, den Profit der Besteuerung zu entziehen.

    Lesetipp:
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/erdoel-wie-ein-ganzer-kontinent-seiner-rohstoffe-beraubt-wird-1.3265320
    109 19 Melden
    • Political Incorrectness 15.11.2017 15:10
      Highlight Können wir bitte mal aufhören immer "die Schweiz" zu sagen? Weder ich, noch Sie oder unsere Politiker sind Schuld an dem unethischen Treiben einiger Unternehmen. Klar, unsere Gesetzgebung verbietet es nicht und unsere Besteuerung von Unternehmen fördert solches Gebaren. Trotzdem ist nicht "die Schweiz" Schuld.
      52 47 Melden
    • Doeme 15.11.2017 15:27
      Highlight In erster Linie ist es die Schuld der Regierung Simbabwes. Die Lage dort ist vergleichbar mit der in Südafrika, wo der ANC die Geschäfte unter der Hand vergibt. Dabei verpasst es die Regierung erstens einen angemessenen Preis dafür zu verlangen und zweitens die eigenen Landsleute gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen zu schützen. Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, die Südafrikaner sind selbst daran schuld, denn sie haben die Möglichkeit, den ANC ganz demokratischen abzuwählen. Fairerweise muss man sagen, dass es diese Möglichkeit in Simbabwe nicht gibt.
      41 5 Melden
    • el_zimouni 15.11.2017 15:28
      Highlight Da man Firmen wie Glencore ihr dreckiges Geschäft erlaubt und man in dieser Hinsicht wegsieht ist die "Schweiz" durchaus zumindest Mitschuldig
      40 23 Melden
    • Paganapana 15.11.2017 15:37
      Highlight Das Volk sind die einzigen, die etwas dagegen tun könnte. Wer nichts tut ist genau so schuldig. Also doch, es ist passend von "der Schweiz" im Allgemeinen zu sprechen.
      26 28 Melden
    • meine senf 15.11.2017 15:55
      Highlight Vielleicht nicht "die Schweiz", wohl aber "die Mehrheit der Schweizer(-innen)", die die entsprechenden Gesetze und Steuerregeln ja ändern könnte, wenn sie wollte.

      Man kann sich auch schuldig machen, in dem man wegsieht.
      30 23 Melden
    • Freddie 15.11.2017 15:57
      Highlight In dem Artikel ist die Schweiz nirgend erwähnt.
      Auch nice to know: China baut in Afrika gratis Häfen! Mit Chinesischen Rohstoffen und Arbeiter. Danach darf der Afrikanische Staat den Hafen benützen. *Danach = nach 50 Jahren. Also 50 Jahre lang fliesst kein Rappen vom Hafen ins eigene Land.
      27 2 Melden
    • dä dingsbums 15.11.2017 15:57
      Highlight @Political Incorrectness: Wenn unsere Gesetzgebung es nicht verbietet und unsere Besteuerung sogar solches Gebaren fördert, ist "die Schweiz" oder eben unsere Politiker, schon ein wenig Schuld daran.
      26 17 Melden
    • Freddie 15.11.2017 22:49
      Highlight Nein, schuld an dieser ausbeutung ist genau der afrikanische Staat. Kein anderer. Viele profitieren im positiven sinne von den tiefen steuern. Nur wenige nutzen es aus. Ob die Firma nun tiefe steuern bezahlt oder hohe. Die Menschen werden so oder so ausgebeutet.
      Da helfen auch regelungen in der schweiz nichts, wenn das staatsoberhaupt das geld nicht weiter an seine bevölkerung gibt. Einzig und alleine helfen da der internationale druck oder revolutionen.
      3 7 Melden

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