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bild: shutterstock / lea senn

«Warum ich?» – Iliana erzählt von ihrem Leben mit einer seltenen Krankheit

In der Deutschschweiz sind nur etwa 40 andere Menschen betroffen: Iliana Mebert, 24, leidet an einer äusserst seltenen Krankheit. Mit watson sprach sie über Einsamkeit, überwundenes Selbstmitleid und neue Lebensfreude. 



«Takayasu-Arteriitis», sagte der Doktor. «Und ich sass da, total baff, mit einer frisch diagnostizierten Krankheit mit exotischem Namen, von der ich noch nie im Leben gehört hatte.» 

Iliana Mebert, 24, ist eine von einer Million. Denn nur so selten tritt die Krankheit auf, an der sie leidet.

Das Leben der ETH-Studentin stand vor sechs Jahren an einem Wendepunkt. Es war eine Zufallsdiagnose – ihr Hausarzt rechnete mit einer Angina. Als die heftigen Rückenschmerzen und das Unwohlsein auch nach mehreren Tagen nicht besser wurden, liess sich Iliana im Zuger Kantonsspital untersuchen.

Vor dort aus wurde die damals 17-Jährige per Ambulanz ins Inselspital Bern gefahren. Die Diagnose kam einige Stunden später – eine sehr kurze Zeitspanne für die Diagnostik einer seltenen Krankheit. Doch es ist gut möglich, dass die Studentin die unheilbare Autoimmunkrankheit schon lange unbemerkt in sich trug.

40 Betroffene in der Deutschschweiz

Peter Villiger ist Chefarzt der Universitätsklinik für Rheumatologie, Immunologie und Allergologie des Berner Inselspitals. Er therapiert neben Iliana Mebert noch 26 weitere Takayasu-Arteriitis-Betroffene. «Die Takayasu-Arteriitis ist eine sehr seltene Entzündungskrankheit der grossen Arterien des menschlichen Körpers, also der Hauptschlagader und ihrer Abgangsgefässe. Sie ist unheilbar und sehr selten. Wird sie nicht therapiert, kann sie im schlimmsten Falle über Jahre zum Tod führen.»

«Chronische Müdigkeit, Halsweh (...) oder Schwäche im Arm – da denken viele Ärzte an andere Ursachen.»

Peter Villiger, Arzt.

Betroffen seien in der Deutschschweiz schätzungsweise 40 Patienten – exakte Zahlen gibt es nicht. Vermutlich sei die Dunkelziffer grösser. Villiger: «Die Beschwerden bei Takayasu-Arteriitis sind leider unspezifisch. Sie reichen von chronischer Müdigkeit, verminderter Leistungsfähigkeit und Halsweh bis zu Schwäche im Arm – da denken viele Ärzte an andere Ursachen.»

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Iliana Mebert im Gespräch mit der watson-Journalistin. bild: watson

Nach der Diagnose machte sich Iliana im Internet auf die Suche nach Erklärungen, nach anderen Betroffenen. «Doch ich fand nichts.» Eine belastende Situation: «Ich konnte mich mit niemandem darüber austauschen, niemanden fragen, wie er mit der Krankheit umgeht. Das machte mich fertig», sagt sie.

Laut Anne-Françoise Auberson, Präsidentin des Vereins ProRaris – Allianz seltener Krankheiten, ein typisches Problem: «Menschen mit seltenen Krankheiten sind häufig alleine und verzweifelt. Viele hoffen auch nach Jahren noch, endlich jemanden mit dem selben Leiden kennenzulernen – oft vergeblich.»

Tag der seltenen Krankheiten 

Der Tag der seltenen Erkrankungen findet am 28. Februar 2018 statt. Ziel ist es, das Bewusstsein der Bevölkerung für seltene Krankheiten zu stärken. In der Schweiz haben ungefähr 500'000 Einwohner eine seltene Krankheit  – das sind mehr als an der «Volkskrankheit» Diabetes leiden. Heute sind weltweit bisher rund 7000-8000 seltene Krankheiten bekannt. Pro Krankheit gibt es oft nur wenige Patienten. 

Auch den Spezialisten fehle es an Informationen: «Ich habe schon Fälle begleitet, bei denen die Invalidenversicherung Betroffene zur psychologischen Abklärung schicken wollte, weil sie deren Krankheitsbild nicht kannte.» Um solchen Vorkommnissen entgegenzuwirken ist eine nationale Internetseite im Aufbau, die als Anlaufstelle für Betroffene sowie andere Akteure dienen soll. Auberson fordert aber auch Massnahmen auf politischer Ebene. «Es braucht hier eine nationale Informationskampagne, um alle Beteiligten zu sensibilisieren», sagt sie.

«Warum ich?»

Iliana Mebert.

Eine Anlaufstelle hätte sich auch Iliana gewünscht. Denn die Monate nach der Diagnose waren ein ständiges Auf und Ab. Nach dem ersten Schockmoment nach der Diagnose sei ihr bewusst geworden, erzählt sie, dass sie ausser der Einnahme der vielen entzündungshemmenden Medikamenten und der Müdigkeit eigentlich nicht viel von der Krankheit spüre. Doch der grosse Tiefpunkt kam Monate später als Iliana realisierte, was es heisst, unheilbar krank zu sein. «Mir wurde erst dann richtig klar, dass ich mein Leben lang täglich von Medikamenten abhängig sein werde und jeden Monat zur Infusion im Spital antraben muss. Ich fragte mich: ‹Warum ich?›»

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Ilianas Medikamente. bild: watson

Scherereien mit der Krankenkasse

Neben den physischen und psychischen Schwierigkeiten, die eine seltene Krankheit mit sich bringt, müssen Takayasu-Arteriitis-Betroffene oft auch gegen administrative Sorgen ankämpfen. Bei vielen seltenen Krankheiten seien Konflikte mit Krankenversicherungen vorprogrammiert, sagt Peter Villiger. «Gewisse Krankenkassen zeigen sich kulant, andere nicht.» Das Hauptproblem sei, dass es zu wenig Studien zur Wirksamkeit der Therapien gebe. Und wenn ein Medikament nicht auf der Spezialitätenliste stehe, könne es ein Arzt nur verschreiben, wenn verschiedene Kriterien respektiert sind.

Günstigere Krankenkasse für einen gesunden Lebensstil

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Video: srf

In solchen Fällen folge ein reger Briefaustausch zwischen dem verschreibenden Arzt und dem Vertrauensarzt der Versicherung. «Da wird das Kostengesuch in einem ersten Schritt oft abgelehnt, wir müssen ein Argumentarium zurückschreiben et cetera.»

Villiger und sein Team führen derzeit eine Studie über Takayasu-Arteriitis – eine der ersten hierzulande. Sie soll eine landesweite Übersicht schaffen und die Zusammenarbeit mit den Krankenversicherungen erleichtern.

«Das tönt jetzt zwar etwas kitschig, aber seit meiner Diagnose schätzte ich das Leben viel mehr.»

Iliana Mebert.

Iliana ist Teil dieser Studie. Ihr geht es heute gut, Selbstmitleid plage sie keines mehr. «Natürlich bin in gewissen Bereichen eingeschränkt. Patienten mit Takayasu-Arteriitis ist es beispielsweise nicht empfohlen, in Länder zu reisen, wo eine grosse Ansteckungsgefahr besteht, weil unser Immunsystem konstant geschwächt ist.» Ausserdem sei es immer wieder zu Situationen gekommen, in denen ihre Müdigkeit für Probleme sorgte. «Die Leute dachten ich sei faul.» Doch mit solchen Schwierigkeiten könne sie heute gut umgehen. «Das tönt jetzt zwar etwas kitschig, aber seit meiner Diagnose schätzte ich das Leben viel mehr.»

Iliana hat sich intensiv mit ihrer Krankheit auseinandergesetzt. Ihre preisgekrönte Maturaarbeit thematisierte die psychologischen Auswirkungen von seltenen Krankheiten auf ihre Träger. Hier das dazugehörige Video. 

Video zur Maturaarbeit 

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Video: YouTube/Michael Werder

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Blitzableiter 03.02.2018 10:35
    Highlight Highlight Wieder ein sehr interessanter und gut geschriebener Bericht. Merci Camille!
  • edelpunk 02.02.2018 16:45
    Highlight Highlight gehöre zu so was und lina weiss es, bei ihr müsste ich mich entschuldigen oder so was kein plan
  • MSpeaker 02.02.2018 11:00
    Highlight Highlight Da hat sich ein Fehler eingeschlichen. Wenn es 40 Erkrankte in der Deutschschweiz gibt, dann leider ca jeder 100'000 daran. Nicht eine von einer Million.
    • 96m_fur 02.02.2018 12:45
      Highlight Highlight Ich denke nicht, dasss eins zu einer Million auf die Deutschschweiz runter gerechnet wurden, sondern dass sich die Zahl auf dieweltweite Statistiken beruft
    • Lamino 420 02.02.2018 12:57
      Highlight Highlight Die Verteilung muss ja nicht in jedem Land gleich sein...
  • Lauwärmer 02.02.2018 10:35
    Highlight Highlight Ein weiteres Argument für die Verstaatlichung der Krankenkassen. Weg mit solchen privatisierten, gewinnorientierten Abzockervereine.
    • RedWing19 02.02.2018 11:13
      Highlight Highlight „Das Hauptproblem sei, dass es zu wenig Studien zur Wirksamkeit der Therapien gebe. Und wenn ein Medikament nicht auf der Spezialitätenliste stehe, könne es ein Arzt nur verschreiben, wenn verschiedene Kriterien respektiert sind.“

      Das Problem sind nicht die KK sondern der Gesetzgeber. Bezahlen KK Medikamente aus der Grundversicherung, bei welchen die Wirksamkeit nicht belegt ist, gibts Bussen vom Bundesamt. Das Gesetz entscheidet, welche Medis aus der Grundversicherung (Spezialitätenliste) bezahlt werden dürfen, nicht die KK.
  • NotWhatYouExpect 02.02.2018 10:32
    Highlight Highlight Wünsche viel Kraft um das alles zu überstehen!


    Ich kämpfe seit Jahren mit dem Keratokonus und hatte schon X Operationen. Bis dato wurde mir zum glück von der Krankenkasse alles bezahlt und wie es zurzeit ausschaut entwickelt es sich zum Positiven. Auch wenn ich in 15 bis 20 Jahren wieder min 2 Operationen machen muss.
  • lily.mcbean 02.02.2018 10:02
    Highlight Highlight Es ist zum Verücktwerden das man sich an Krankenkassenprämien dumm und dämlich zahlt und noch für jeden Rappen kämpfen muss wenn man dann mal wirklich krank ist! Da muss dringend etwas passieren.
    • River 02.02.2018 12:20
      Highlight Highlight Wenn aber dann jeder “Pseudo-“Invalide easy seine Kohle bekommt, ist dann ja auch nicht gut... Oder?
    • Dominik Treier 02.02.2018 14:56
      Highlight Highlight Das ist das blödsinnige Prinzip der Bürgerlichen die uns weiss machen wollen, bei so viel Untersuchungen und Kontrollen gäbe es weniger Missbrauch sowohl bei Versicherungen, IV und Sozialhilfe... Etwa gleich blödsinnig wie die Fördergelder für Beinamputierte auf dem Matterhorn auszuzahlen... Die die nur betrügen wollen schaffen es auch dann, aber die Kranken mit notabene häuffig noch schlechtem Gewissen dass sie überhaupt krank sind!!!, verzweifeln an blödsinnigen Hürden für eine Scheingerechtigkeit... Wenn man schon von der Krankheit ausgelaugt wird, gibts ja nichts besseres...

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