Schweiz
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Der Totentempel der Pharaonin Hatschepsut in Luxor: Tödliche Falle für 58 Touristen und vier Einheimische.  Bild: DPA

Luxor – wie der erste grosse islamistische Anschlag die Schweiz schockierte

17.11.17, 06:27 17.11.17, 07:52


Die Mörder kannten keine Gnade und sie hatten alle Zeit der Welt, um ihre wehrlosen Opfer mit Kalaschnikows und Metzgermessern abzuschlachten. Opfer, die der Terror unvermittelt und zufällig traf. 62 Menschen starben am Vormittag des 17. Novembers 1997 im Tempel der Hatschepsut im ägyptischen Luxor, fast alle von ihnen Touristen, darunter 36 Schweizer. 

Nichts hatte an diesem Montagmorgen darauf hingedeutet, dass der beliebte Touristenort zum Schauplatz eines Massakers werden würde. Wie üblich waren klimatisierte Busse voller Touristen vor der majestätischen Tempelanlage von Deir-el-Bahari vorgefahren, die die Pharaonin zwischen 1503 und 1482 v. Chr. hatte errichten lassen. Um neun Uhr, kurz vor dem Anschlag, drängten sich bereits verschiedene Reisegruppen auf der zweiten Terrasse des Tempels, darunter zwei der schweizerischen Reiseunternehmen Kuoni und Imholz.  

Diese Aufnahme entstand etwa eine Minute, bevor das Massaker begann.  Bild: Schweizerische Bundespolizei

Als die ersten Schüsse knallten, unten, im Eingangsbereich, dachte oben kaum jemand an einen Anschlag – die Reisebegleiter beruhigten die Touristen und setzten die Führung fort. Doch unten rannten bereits Menschen in Panik um ihr Leben. Die Schüsse waren echt; vier junge Männer – sie trugen Uniformen der ägyptischen Sicherheitspolizei – hatten soeben die drei nur mit Pistolen bewaffneten Polizisten erschossen, die den Terrassentempel bewachten. Zwei weitere bewaffnete Männer, die bereits auf dem Gelände gewartet hatten, schlossen sich ihnen an. 

In die Enge getrieben und abgeschlachtet

Nun stürmten die Terroristen in zwei Gruppen über die Rampe zur zweiten Terrasse hinauf und begannen sofort auf die Touristen dort zu schiessen. Die Menschen wurden in die Enge getrieben – der Tempel entpuppte sich als tödliche Falle; es gab kein Entkommen und kaum Möglichkeiten, sich zu verstecken. Verzweifelte Menschen suchten hinter Säulen Schutz, doch die Mörder schauten überall nach.  

Die Rampe links führt vom Vorhof auf die erste Terrasse, die Rampe rechts führt auf die zweite Terrasse.  Bild: Schweizerische Bundespolizei

Chancen zu überleben hatte nur, wer sich tot stellte oder sich unter bereits Verletzten oder Getöteten verbergen konnte. Eine einzige Schweizer Reisegruppe entkam dem Gemetzel, weil sie sich in einer Nebenkapelle befand und von den Tätern nicht gesehen wurde. Diese verrichteten ihr grausames Werk, wie mehrere Überlebenden übereinstimmend berichteten, mit grosser Ruhe. 

Bekennerschreiben im Bauch

Tatsächlich hatten die Terroristen Zeit. Wie lange, konnte danach niemand genau sagen: 20 Minuten, nach anderen Berichten sogar 45 Minuten lang dauerte das Massaker – eine quälende Ewigkeit, wie Überlebende sich erinnerten. Und niemand kam den Opfern zu Hilfe; keine Polizisten, keine Soldaten. Die Täter hatten sich in Zweiergruppen aufgeteilt; der eine schoss, während der andere das Magazin wechselte.

Die Tempelanlage befindet sich westlich des Nils und ist zum Teil in den Fels hineingehauen.  Bild: Schweizerische Bundespolizei

Niemand wurde verschont, die Mörder exekutierten unterschiedslos Männer, Frauen und Kinder. Ein Zeuge sah, wie sie ein kleines Mädchen erschossen, obwohl es um sein Leben flehte. Und sie verstümmelten einige ihrer Opfer, besonders die Frauen, mit Messern. Ihr Bekennerschreiben legten sie einem toten japanischen Touristen in den aufgeschlitzten Bauch. 

Ein verletzter Tourist wird ins Krankenhaus transportiert.  Bild: AP

Selbstmord in der Höhle

Dann zogen die Terroristen ab. Vermutlich hatten sie gar nicht damit gerechnet, dass sie im Tempel so lange würden ungestört morden können, sondern hatten erwartet, dass alarmierte Sicherheitskräfte sie töten würden. Nun kaperten sie auf dem Parkplatz ein Taxi und kurz danach einen wartenden Touristenbus, dessen Fahrer sie zwangen, sie in Richtung des Tals der Königinnen – einem anderen Touristenort – zu fahren. 

Mit einer Amateur-Videokamera gefilmt: Der entführte Bus (oben) und die zu Fuss fliehenden Terroristen (unten).  Bild: DPA

Dort hätten die Mörder wohl weitere Opfer gefunden, doch sie kamen nie dort an. Sie wurden von einer Polizeisperre aufgehalten und setzten ihre Flucht in die Berge zu Fuss fort. Einen von ihnen verletzte eine Polizeikugel, sie erschossen ihn kurzerhand. Die anderen fünf verschanzten sich in einer Höhle und begingen dort kollektiv Selbstmord – zumindest laut der Version der ägyptischen Behörden. 

Einer der toten Terroristen wird abtransportiert. Bild: AP

Schweiz unter Schock

Unterdessen hatte die Nachricht vom Terroranschlag auch die Behörden in der Schweiz erreicht, zunächst ohne dass diese das wahre Ausmass der Katastrophe erkennen konnten. Das EDA richtete einen Sonderstab ein; mehrere Mitarbeiter flogen umgehend nach Ägypten. Dort waren die Verletzten unterdessen nach Kairo gebracht worden; mehrere Leichen lagen aber noch im Keller eines Spitals in Luxor. Die Ägypter hatten die teilweise schwer entstellten Toten entkleidet und ihre Effekten auf einen Haufen geworfen – was die Identifizierung erschwerte. 

Die Särge der Schweizer Opfer wurden am Flughafen aufgebahrt.  Bild: KEYSTONE

Am nächsten Tag, einem Dienstag, reiste Aussenminister Flavio Cotti nach Kairo und besuchte die Überlebenden im Krankenhaus. Tags darauf wurden die Verletzten mit einem Airbus der Air France in die Schweiz geflogen. Auch die Toten wurden mit einem Sonderflug in die Schweiz gebracht, wo Angehörige, Vertreter der Behörden und Bundesrat Moritz Leuenberger sie erwarteten. Die 36 Särge wurden in einem Hangar aufgebahrt, Leuenberger hielt eine kurze Ansprache. 

Bundesrat Leuenberger hielt eine Ansprache.  Bild: KEYSTONE

Die Anteilnahme in der Schweiz war gross. Im Kondolenzbuch, das im Bundeshaus auflag, trugen sich Hunderte ein. Am 29. November fand ein ökumenischer Gedenkgottesdienst im Zürcher Grossmünster statt, an dem mehrere hundert Menschen teilnahmen, darunter auch der ägyptische Aussenminister Amr Mussa. 

Gedenkgottesdienst im Zürcher Grossmünster. Bild: KEYSTONE

Das «nachkolorierte» Bild

Auch die Medien verarbeiteten das schreckliche Geschehen – freilich nicht immer mit geeigneten Mitteln. Berühmt wurde jenes Foto, dem der «Blick» etwas «nachhalf»: Eine Wasserlache auf dem Vorplatz des Tempels wurde rot eingefärbt, so dass sie wie Blut wirkte. Die Boulevard-Zeitung musste sich für diesen Missgriff entschuldigen. 

Das Bild mit der Wasserlache ...  Bild: AP

... und das kolorierte Bild, wie es im «Blick» erschien. Bild: Michael Jensch, Axel Thnker, Stiftung Haus der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland

Bilder, die lügen: Manipulierte Fotos

Islamistischer Hintergrund

Der islamistische Hintergrund des Anschlags erwies sich nicht nur durch das Bekennerschreiben der Täter, in dem sie sich als Mitglieder der fundamentalistischen Untergrundbewegung «Gamaa Islamija» («Islamische Vereinigung») bezeichneten. Obwohl der Anschlag sich zuallererst gegen die Regierung Mubarak richtete, da ein Einbruch des Tourismusgeschäfts die ägyptische Wirtschaft aufs Empfindlichste treffen musste, waren die Touristen den Islamisten verhasst. «Tourismus ist verabscheuungswürdig, ein Trick jüdischer Frauen, Prostitution und Aids zu verbreiten», sagte der Gamaa-Chef Talaat Fuad Kasim. 

Erst wenige Wochen zuvor, am 18. September, hatten zwei erklärte Sympathisanten des islamischen Fundamentalismus vor dem Ägyptischen Museum in Kairo neun deutsche Touristen und einen ägyptischen Busfahrer getötet. Das deutsche Auswärtige Amt hatte deshalb auf das Sicherheitsrisiko hingewiesen und vor Reisen nach Mittelägypten gewarnt. 

Spiritueller Führer der Gamaa Islamija: Umar Abd ar-Rahman (Aufnahme von 1993).  Bild: AP

Die Gamaa Islamija – ihr «spiritueller Führer» ist der blinde Geistliche Umar Abd ar-Rahman, der wegen Terroranschlägen in den USA eine lebenslange Haftstrafe absitzt – wurde in den Siebzigerjahren gegründet und hat politisches Gedankengut der Muslimbruderschaft übernommen. Sie verfolgte das Ziel, die Regierung in Kairo zu stürzen. An deren Stelle sollte ein Scharia-konformes, islamisches Regime treten. 

Krieg gegen Kairo

Ab 1992 führte die Gamaa Islamija einen Aufstand gegen die ägyptische Regierung, der hunderte Menschenleben kostete und zu einer Verhaftungswelle führte, der die Organisation deutlich schwächte. Moderate Kräfte erklärten darauf einen Gewaltverzicht – was wiederum Aiman az-Zawahiri auf den Plan rief. Der aus Ägypten stammende Chirurg und Terrorist hielt sich seit Mitte der Achtzigerjahre in Afghanistan auf; heute gilt er als Kopf der al-Kaida und Nachfolger von Osama bin-Laden. 

Al-Kaida-Chef aus Ägypten: Aiman az-Zawahiri. Bild: NBC-News

Um den Ausgleich der Gamaa Islamija mit Kairo zu torpedieren, plante az-Zawahiri mit radikalen Mitgliedern der Organisation einen vernichtenden Anschlag. Sein Kalkül ging allerdings nicht auf – die Grausamkeit des Massakers empörte zahlreiche Ägypter. Zudem trafen seine wirtschaftlichen Folgen all jene, deren Wohlergehen von der Tourismusindustrie abhing.

Nach Luxor verübten islamistische Fundamentalisten in Ägypten mehrere Jahre lang keinen Anschlag mehr auf Touristen. Erst im Oktober 2004 schlugen sie wieder zu: In den Badeorten Taba und Ras al-Schaitani auf der Sinai-Halbinsel explodierten mehrere Bomben und töteten 34 Menschen. 

Das erste grosse islamistische Attentat

Das Blutbad von Luxor war – wie Felix E. Müller, ehemaliger Chefredaktor der «NZZ am Sonntag» und selber Überlebender des Massakers, richtig bemerkt – «das erste grosse Attentat weltweit, das von radikalen Islamisten gegen zufällige Opfer verübt wurde, mit dem Ziel, eine möglichst grosse Zahl von Unbeteiligten auf möglichst aufsehenerregende Weise zu töten».

Jetzt hätte man sehen können, «was militante Islamisten anstreben», stellt Müller fest. Doch dies geschah nicht. Die Erkenntnis, dass der militante Islamismus nun global agieren würde, brach sich erst mit den Anschlägen vom 11. September 2001 Bahn.  

20 Jahre Attentat von Luxor

Beim Massaker 1997 vor einem ägyptischen Tempel kamen 63 Menschen ums Leben. Eine Überlebende erzählt vom schrecklichen Erlebnis. Video: kaltura.com

«Als die Schweiz den Atem anhielt: Das Massaker von Luxor» (Doku SRF).  Video: YouTube/Joyce Parsons

Quellen:

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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18
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18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Nosgar 17.11.2017 22:41
    Highlight Ich erinnere mich sehr gut. Denn einige Jahre zuvor durfte ich mit meiner Grossmutter Assuan und Luxor besuchen. Es war eine beeindruckende Reise in wunderbarer Landschaft. Die Boote auf dem Nil im Sonnenuntergang werde ich nie vergessen. Auch den Tempel Hatschepsut besuchten wir. Leider ist Ägypten nicht mehr dasjenige von damals, auch wenn schon damals die Tendenzen vorhanden waren.
    Hoffentlich wird es wieder eines Tages möglich sein, das Land sicher zu besuchen.
    16 1 Melden
  • Mia_san_mia 17.11.2017 11:43
    Highlight An das Blick Bild mag ich mich noch gut erinnern.
    38 3 Melden
    • DerElch 17.11.2017 16:02
      Highlight Mir fehlt beim Verweis auf das Blick-Bild der Hinweis, das das Bild nicht absichtlich so eingefärbt wurde sondern unter Zeitdruck ein Missverständnis entstand und in der Bildbearbeitung angenommen wurde, dass es sich um Blut handle und nicht um Wasser. Das wurde dann hervorgehoben – es wurde keineswegs so in Auftrag gegeben oder mutwillig und wissentlich manipuliert.
      20 18 Melden
    • jjjj 17.11.2017 16:30
      Highlight Dann wäre der Blick ja nicht böse und das passt nicht ins Weltbild der links-grün bubble...
      17 10 Melden
    • Mia_san_mia 17.11.2017 16:44
      Highlight Das wusste ich gar nicht.
      7 1 Melden
    • Balikc 17.11.2017 18:42
      Highlight @Elch: Woher weisst du das so genau?
      8 2 Melden
    • jjjj 17.11.2017 18:55
      Highlight Kein Vorwurf an dich. Aber hätte man als Journi recherchieren müssen...
      9 3 Melden
    • DerElch 18.11.2017 18:31
      Highlight @Balikc
      Ich habe bis vor kurzem viele Jahre beim Blick gearbeitet und exziplit nach diesem Fall gefragt
      6 3 Melden
  • pamayer 17.11.2017 07:29
    Highlight «Tourismus ist verabscheuungswürdig, ein Trick jüdischer Frauen, Prostitution und Aids zu verbreiten», sagte der Gamaa-Chef Talaat Fuad Kasim.

    Dass ein so dummer Vorwand zum töten reicht, zeigt in was für abgekoppelten und unreflektierten Gedankenwelten sich diese Extremisten befanden.
    Und immer noch befinden.
    234 11 Melden
    • Bene86 17.11.2017 08:38
      Highlight Sei froh, dass diese kranken Geschöpfe sehr selten etwas in der Birne haben. Der Schaden, welche sie anrichten, wäre ansonsten wohl ungemein grösser.
      61 5 Melden

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