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epa05409712 Indonesian Muslims attend Eid al-Fitr prayers at a street in Surabaya, Indonesia, 06 July 2016. Muslims around the world are celebrating the three-day festival marking the end of the holy fasting month of Ramadan, known as Eid al-Fitr, starting 06 or 07 July, and is celebrated with prayers, readings from the Koran, and gatherings with family and friends.  EPA/FULLY HANDOKO

Tausende Muslime feiern das Ende des Fastenmonats Ramadan in der indonesischen Hauptstadt Jakarta. Der Islam ist die zweitgrösste Religion nach dem Christentum und zerfällt wie dieses in zahlreiche Untergruppen. Bild: FULLY HANDOKO/EPA/KEYSTONE

Sunniten und Schiiten, Salafisten und Sufis: Das «Who is Who» der islamischen Gruppen



Es gab eine Zeit, da war die Beschäftigung mit dem Islam einigen Akademikern vorbehalten. Heute beherrscht die jüngste der drei abrahamitischen Religionen nahezu permanent die Schlagzeilen und in den Kommentarspalten befehden sich Islam-Hasser und Islam-Apologeten mit schäumendem Mund. 

Trotz oder gerade wegen der verstärkten Auseinandersetzung mit dem Islam verliert so mancher den Überblick über die verschiedenen Spielarten und Gruppierungen dieser Religion. Der Prophet selber prophezeite: «Die Kinder Israels spalteten sich in 71 Gruppen und die Gemeinde Jesu in 72. Meine Gemeinde wird sich in 73 spalten, von denen alle in die Hölle gehen – bis auf eine.»

Mohammed hält seine Abschiedspredigt.

Mohammed bei seiner Abschiedspredigt. Der Prophet regelte seine Nachfolge nicht, so dass ein Streit ausbrach, der zum Schisma führte. 
Bild: PD

Userin Rhabarber ist vermutlich nicht die einzige, die sich mehr Klarheit wünscht: 

Habt ihr irgendwo einen Artikel, der das islamische Chaos für Normalbürger biz aufklärt? Sunniten, Schiiten, Ibaditen, IS, etc. Wer ist was? Könnte vielleicht helfen moderat und fanatisch besser auseinander zu halten?

Einen solchen Artikel haben wir. Kollege Kian Ramezani hat unlängst «6 Grafiken, 16 Fotos und 1 Video für alle, die immer von ‹dem› Islam reden» vorgelegt: eine brillante Übersicht über Alphabetisierung, Wohlstand, Sprachen und Konfessionen in der islamischen Welt. Diese Übersicht wird hier mit einer Art Glossar ergänzt, die häufig auftauchende Begriffe wie «Salafisten», «Wahhabismus» oder «Aleviten» genauer beleuchtet: 

Sunniten und Schiiten

Diese beiden grössten Gruppierungen im Islam sind bereits kurz nach dem Tod Mohammeds im Jahr 632 entstanden; ihre Feindschaft hat sich an der Frage nach dessen Nachfolge entzündet. Heute ist der Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten einer der bestimmenden Faktoren im religiösen, aber auch politischen Gefüge des Nahen Ostens. 

Iraqi Sunni Muslims pray on the first day of Eid al-Fitr prayers in Baghdad, Iraq, Wednesday, July. 6, 2016. Muslims worldwide are celebrating Eid al-Fitr, marking the end of the Muslim holy fasting month of Ramadan. (AP Photo/Karim Kadim)

Sunniten beim Gebet in Bagdad. 
Bild: AP

85 bis 90 Prozent der Muslime sind Sunniten. Sie dominieren in den meisten islamischen Ländern und vermochten die Schiiten meist in eine untergeordnete Position zu bringen. Diese sind in den Ländern des sogenannten schiitischen Halbmonds – Bahrain, Iran, Irak, Syrien und Libanon – in der Mehrheit oder bilden eine grosse Minderheit. Eine schiitische Mehrheit gibt es überdies in Oman und Aserbaidschan; eine namhafte Minderheit in Saudi-Arabien.

Die 12 Staaten mit der grössten muslimischen Bevölkerung

Grafik: 12 Staaten mit der grössten muslimischen Bevölkerung

Nach wie vor das grösste muslimische Land ist Indonesien. Die muslimische Minderheit in Indien ist grösser als die Gesamtbevölkerung von Bangladesch. Die Muslime im Iran sind zu rund 90 Prozent schiitisch; jene im Irak zu über 60 Prozent.  Grafik: Wikipedia/watson

Streit um die Nachfolge Mohammeds

Der Name der Sunniten leitet sich ab von «Sunna» («Brauch», «Tradition»), womit die überlieferten Taten und Aussprüche des Propheten gemeint sind. Die Sunniten messen der Sunna in der Regel grössere Bedeutung zu als die Schiiten. Entstanden sind die Sunniten aus der Fraktion der frühen Muslime, die den Nachfolger Mohammeds aufgrund bestimmter Fähigkeiten wählen wollten und sich hinter dessen Schwiegervater Abu Bakr scharten.

Ali ibn Abi Talib, der in Anwesenheit des Propheten Mohammed mit dem zweiklingigen Dhu-l-faqar-Schwert einen Quraischiten enthauptet. Osmanische Miniatur, 16. Jahrhundert.

Ali ibn Abi Talib, Vetter und Schwiegersohn Mohammeds, enthauptet in dessen Anwesenheit einen Quraischiten. Ali wurde der vierte Kalif. Bild: OSmanische Miniatur aus dem 16. Jahrhundert

Für die Schiiten hingegen kam nur ein Nachfolger aus der Familie des Propheten in Frage, sie favorisierten Mohammeds Vetter und Schwiegersohn Ali ibn Abi Talib. Man nannte sie daher «Schiat Ali» («Partei Alis»), kurz «Schia». Der Gegensatz mündete in einen ersten innerislamischen Bürgerkrieg («Fitna»). 

Die «Partei Alis» verlor den Machtkampf gegen die Anhänger Abu Bakrs, der zum ersten Kalifen erhoben wurde. Die entscheidende Niederlage kam 680 mit der Schlacht von Kerbela im heutigen Irak: Der Enkel Mohammeds, Hussein, fiel mit wenigen Getreuen gegen eine grosse Übermacht. Die Schlacht, der die Schiiten jeweils am Aschura-Tag gedenken, begründete den schiitischen Opfer- und Märtyrerkult und besiegelte das Schisma.

Iraq Shi'ite Muslim men bleed as they gash their foreheads with swords and beat themselves to commemorate Ashura in Sadr City, Baghdad, October 24, 2015. Ashura, which falls on the 10th day of the Islamic month of Muharram, commemorates the death of Imam Hussein, grandson of Prophet Mohammad, who was killed in the seventh century battle of Kerbala. REUTERS/Ahmed Saad

Blutiger Märtyrer-Kult: Irakische Schiiten kasteien sich am Aschura-Tag selbst zum Gedenken an den Tod des Imams Hussein. Bild: AHMED SAAD/REUTERS

Geringe theologische Unterschiede

Die theologischen  Unterschiede zwischen den beiden grossen islamischen Konfessionen sind gar nicht so bedeutend. Die Sunniten betrachten den Kalifen – den Leiter der «Umma», der Gemeinschaft der Muslime – eher als weltlichen Führer. Für die Schiiten hingegen ist der Imam ein fast schon mit gottähnlicher Macht ausgestattetes Oberhaupt. 

Besonders in der Zwölferschia gibt es ein starkes messianisches Element: Der zwölfte Imam, Mohammed ibn Hasan al-Mahdi, der im 9. Jahrhundert starb, lebt für die Gläubigen im Verborgenen weiter und wird dereinst als Erlöser (Mahdi) wiederkehren. In dieser Tendenz zur Vergöttlichung der Imame sehen die Sunniten Züge des Polytheismus. 

Die Jamkaran-Moschee in Ghom, Iran

Die Dschamkaran-Moschee in der iranischen Stadt Ghom: Hier soll der 12. Imam dereinst einem Brunnen entsteigen. Laut Verfassung der Islamischen Republik Iran ist der 12. Imam Staatsoberhaupt; der geistliche Führer Ali Chamenei amtet nur stellvertretend.  Bild: Wikimedia/Fabienkhan

Sunniten und Schiiten haben sich in mehrere Untergruppen geteilt, die man als «Rechtsschulen» («Madhhab») bezeichnet. Sie bestimmen die Auslegung von Koran und Sunna, die Anerkennung und Bewertung der zahllosen Hadithe sowie die theologische Antwort auf aktuelle Probleme. Bei den Sunniten gibt es vier: 

Karte der islamischen Rechtsschulen

Karte der islamischen Rechtsschulen. 
Karte: wikimedia/Peaceworld111

Bei den Schiiten haben sich Abspaltungen vornehmlich anhand der Frage ergeben, wie viele Imame die rechtmässige Erbfolge aufweist. Einige Gruppen – zum Beispiel die Drusen oder die Baha'i – werden von anderen muslimischen Gemeinschaften nicht mehr als Muslime betrachtet. Die wichtigsten schiitischen Untergruppen: 

Schematische Überwsicht über die islamischen Konfessionen und Rechtsschulen

Schematische Übersicht über die islamischen Konfessionen und Rechtsschulen.
Grafik: Wikipedia

Aleviten

Aleviten unterscheiden sich stark von Sunniten und Schiiten, aber da sie auch zwölf Imame – besonders Ali, nach dem sie benannt sind – verehren, werden sie meistens ebenfalls zu den Schiiten gerechnet. Sie selber bestreiten jedoch ihre Zugehörigkeit zur Schia. Die Glaubensrichtung entwickelte sich im 13. und 14. Jahrhundert in Anatolien, wo die Gemeinschaft heute noch überwiegend lebt, aus dem schiitischen Islam. Eine bedeutende alevitische Gemeinde existiert mittlerweile in Deutschland. 

Aleviten an einer religioesen Zeremonie in einem protestantischen Kirchgemeindehaus in Genf, am 11. Oktober 2014. Mehr als die Haelfte der in der Schweiz lebenden tuerkischen Staatsbuerger sind Aleviten. Vor allem nach dem Militaerputsch 1980 flohen viele Angehoerige der linken Opposition, unter der die Glaubensgemeinschaft besonders zahlreich vertreten ist, in die Schweiz. Die rund 40'000 in der Schweiz lebenden Aleviten sind relativ unauffaellig, sie tragen weder eine spezielle Kleidung noch eine Kopfbedeckung. Unter dem Dach der Foederation der Aleviten-Gemeinden in der Schweiz gibt es rund ein Dutzend Vereine. In Basel, wo die Aleviten seit 2012 als Glaubensgemeinschaft anerkannt werden, betreiben sie zwei Schulen. Auf Bundesebene hoffen die Aleviten weiterhin auf eine Anerkennung als Glaubensgemeinschaft. (KEYSTONE/SDA/Catherine Cattin) **ZU DEN SDA-TEXTEN UEBER DIE ALEVITEN IN DER TUERKEI UND DER SCHWEIZ VOM 22. DEZEMBER 2014 **

Aleviten bei einer religiösen Zeremonie in einem protestantischen Kirchgemeindehaus in Genf.   Bild: SDA

Aleviten lehnen im Gegensatz zu Sunniten und Schiiten die Scharia – das islamische Gottesrecht – ab. Den Koran verstehen sie als verbindlich, halten ihn aber für Menschenwerk. Sie verehren Allah, Mohammed und Ali als göttliche Einheit (islamische Trinität). Besonders strenggläubige Sunniten betrachten die Aleviten daher nicht als Muslime. Die Aleviten treten für einen säkularen Staat ein und befürworten Glaubensfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau. 

Ibaditen

Die zahlenmässig kleinste der ursprünglichen Richtungen des Islams – weniger als zwei Millionen Anhänger – sind heute die Ibaditen, die weder zu den Sunniten noch zu den Schiiten gehören. Die Ibaditen, eine gemässigte Spielart des Islams, sind aus einer frühislamischen Oppositionsbewegung – den Charidschiten – hervorgegangen, die nach der Ermordung des dritten Kalifen Uthman entstand. Die Charidschiten lehnten die Legitimation Alis ab und verlangten stattdessen, dass der «beste Muslim» das Amt bekleiden solle, ungeachtet seiner Abstammung. Alle charidschitischen Untergruppen ausser den Ibaditen sind heute verschwunden.  

Beni Isguen, heilige Stadt der Mozabiten/Ibaditen in Algerien.

Beni Isguen, heilige Stadt der Ibaditen in Algerien. 
Bild: Wikimedia/Paebi

Im Laufe der Zeit wurden die Charidschiten immer mehr an die Peripherie der islamischen Welt gedrängt. Von anderen Muslimen werden die Ibaditen als Charidschiten bezeichnet, sie selber lehnen diese Zuordnung jedoch ab. Die Ibaditen folgen einer eigenen Rechtsschule, der Ibadija. Sie leben vor allem in Südalgerien, auf der tunesischen Insel Djerba und in Oman. 

Ahmadija

Die Ahmadija ist eine Reformbewegung des Islams, die sich auf die islamischen Rechtsquellen (Koran, Sunna und Hadithe) beruft. Sie wurde 1889 in Qadian im damaligen Britisch-Indien von Mirza Ghulam Ahmad gegründet, der sich als Mahdi der Endzeit und Wiederkunft von Jesus Christus, Krishna und Buddha bezeichnete. Zudem sah er sich als Prophet, wenn auch als Mohammed nachgeordneter. Vor allem deswegen wird die Ahmadija von den meisten anderen muslimischen Strömungen als Häresie abgelehnt, da Mohammed im Koran als «Siegel der Propheten» bezeichnet wird. 

Das Weiße Minarett von Qadian und die Fahne der Ahmadija, Liwa-e-Ahmadiyya

Das Weisse Minarett von Qadian, wo die Ahmadija gegründet wurde. Die schwarze Fahne ist die Flagge der Ahmadis. Bild: Wikimedia

1976 schloss die Islamische Weltliga die Ahmadija offiziell als «ungläubige Gruppierung» aus dem Islam aus. Seither haben sich in mehreren islamischen Ländern Angriffe auf deren Angehörige gehäuft. Die Ahmadis betonen, dass Gewalt dem Islam fremd sei und sowohl Dschihad wie Kalifat rein spiritueller Natur seien. Allerdings übt die Ahmadija harsche Kritik am Christentum und betreibt eine offensive, missionarische Öffentlichkeitsarbeit in der westlichen Welt. Kritiker sehen in der Gemeinschaft eine Psycho-Sekte mit ausgeprägt finanziellen Ambitionen. 

Salafisten

Der Salafismus ist derzeit die am schnellsten wachsende religiöse Gruppierung in Europa. Die Ursprünge dieser sunnitisch-islamistischen Strömung liegen vor allem in den islamisch-puristischen Erneuerungsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich mit dem in Saudi-Arabien entstandenen Wahhabismus verband. Später kamen Einflüsse der Muslimbruderschaft hinzu. 

epa04235449 Controversial Salafist preacher Pierre Vogel speaks in front of the train station in Bremen, Germany, 01 June 2014. Bremen city council banned the event, but they were forced to allow it after a court ruling. Several hundred people listened to the preachers who were under heavy police security.  EPA/INGO WAGNER

Einer der bekanntesten Salafisten ist der deutsche Konvertit Pierre Vogel, ein ehemaliger Berufsboxer.  Bild: EPA/DPA

Salafisten betreiben die Rückkehr zu einem Islam, den sie als ursprünglich und rein ansehen. Sie berufen sich dabei auf das Vorbild und Ideal der «frommen Altvorderen» («as-salaf as-salih») – die Gefährten des Propheten sowie die ersten drei Generationen der frühen muslimischen Gemeinde. Nahezu sämtliche späteren Änderungen in der Religionsausübung, die seit dieser idealisierten Frühzeit vorkamen, werden von ihnen als «unerlaubte Neuerungen» («bid’a») und Verfälschung der wahren Religion verworfen. Insbesondere lehnen die Salafisten die Rechtsschulen ab. 

Sämtliche Ansätze zu Heiligenverehrung, wie sie besonders im westafrikanischen Volksislam vorkommen, sind den streng monotheistischen Salafisten ein Gräuel. Auch die westliche parlamentarische Demokratie mit der von der Verfassung garantierten Religionsfreiheit lehnen sie entschieden ab und streben danach, diese durch eine göttliche Rechtsordnung zu ersetzen. Der politische Flügel der Salafisten verfolgt dieses Ziel durch eine intensive Missionstätigkeit («da'wa»), während der dschihadistische Flügel auch Gewalt als geeignetes Mittel erachtet.

Salafisten verteilen den Koran in München.

«Da'wa»: Salafisten verteilen in München den Koran.
Bild: Flickr

Wahhabiten

Wie die Salafisten vertrat der saudische Prediger Muhammad ibn Abd al-Wahhab (1703-1792) die Ansicht, die Muslime müssten zum angeblich unverfälschten Islam zurückkehren, wie er im 7.und 8. Jahrhundert existiert haben soll. Die nach ihm benannte Reformbewegung des Wahhabismus ist eine äusserst strenge Auslegung der hanbalitischen Rechtsschule.

epa05254493 A handout photograph released by the official Saudi Press Agency (SPA) shows Saudi King Salman bin Abdulaziz attending an event to receive an honorary doctorate degree from Cairo University, in Cairo, Egypt, 11 April 2016.  EPA/SAUDI PRESS AGENCY / HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Export einer puritanischen Ideologie: König Salman von Saudi-Arabien.   Bild: EPA/SAUDI PRESS AGENCY

Durch das Bündnis al-Wahhabs mit dem mächtigen Clan der Al-Saud konnte der Wahhabismus zur faktischen Staatsreligion Saudi-Arabiens werden. Das Königreich fördert die Verbreitung dieser puritanischen Ideologie in anderen Ländern mit dem Bau von Moscheen und Koranschulen. Die Bezeichnungen Wahhabismus und Salafismus werden heute oft synonym verwendet. 

Sufis

Der «mystische Islam» wird von Sufis praktiziert und gelehrt. Der Sufismus ist über tausend Jahre alt und wird in Männerorden gepflegt. Der Name stammt vermutlich vom arabischen Wort «Suf» («Wolle»); die ersten Mystiker, die massgeblich von christlichen Mönchen in Syrien und Ägypten beeinflusst wurden, trugen ein Wollkleid als Zeichen der Demut. Sufis geniessen oft hohes Ansehen, da sie Seelsorge und soziale Fürsorge betreiben. 

Noureddine Khourchid, Saenger der Umayyaden-Moschee in Damaskus, mit Chor und einem tanzenden Derwisch, am Donnerstag, 7. April 2016, an den Stanser Musiktagen in Stans. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Tanzender Derwisch.  
Bild: KEYSTONE

Der Sufi-Islam gilt als tolerant. So gelang es zum Beispiel der islamischen Dynastie der Grossmoguln in Indien, die hinduistische Bevölkerungsmehrheit mithilfe eines duldsamen Sufi-Islams zu beherrschen. Heute gibt es über 70 Sufi-Orden. Besonders bekannt sind im Westen die Derwische, die den Sufismus praktizieren. 

Sufis streben als religiöses Ziel an, bereits im Diesseits eine Vereinigung mit Gott zu verwirklichen. Um dieses Ziel zu erreichen, benötigen sie einen spirituellen Meister, «Scheich» oder «Wali» genannt. Nicht zuletzt deswegen betrachten viele strenggläubige Muslime – besonders Salafisten und Wahhabiten – die Sufis mit Argwohn. Da im Islam zwischen Allah und dem Menschen kein Mittler stehen darf, verfolgen sie die Sufis als Abweichler. Für die Sufis selbst ist ihr jeweiliger religiöser Führer indes kein Mittler, sondern ein Meister, der sein Wissen an andere Gläubige weitergibt.

Muslimbrüder

Hassan al-Banna

Gründer der Muslimbruderschaft: Hassan al Banna.

Die 1928 vom ägyptischen Volksschullehrer Hassan al Banna gegründete Muslimbruderschaft war zunächst eine Reaktion auf die britische Kolonialherrschaft und die damit verbundene, als dekadent empfundene Verwestlichung des Landes. Ihr Ziel war die Verbreitung von islamischen Moralvorstellungen und die Errichtung eines islamischen Staates mit der Scharia. Durch die Werke des einflussreichen Vordenkers Sayyid Qutb – vor allem der 1950 veröffentlichte Aufsatz «Unser Kampf mit den Juden» – verband sich ein starker, islamisch verbrämter Antisemitismus mit dem Islamismus der Muslimbrüder. 

Zu Beginn der 40er-Jahre traten die Muslimbrüder zunehmend militanter auf und verübten auch Anschläge, um ihre Ziele durchzusetzen. Die Organisation wurde verboten, ihr Gründer ermordet. Dennoch wuchs die streng hierarchisch organisierte Gemeinschaft stark und begann, Ableger in anderen Ländern einzurichten. Hilfreich war dabei ihr soziales Engagement. 

Nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mubarak 2011 kamen die Muslimbrüder auf demokratischem Weg an die Macht und konnten Mohammed Mursi ins Präsidentenamt hieven. Schnell zeigte sich, dass sich die Bruderschaft ebenso undemokratisch und korrupt verhielt wie das abgesetzte Regime. 2013 stürzten die Militärs Mursi, die Muslimbruderschaft wurde verboten. 

Militante islamistische Gruppen

Mehrere radikale dschihadistische Gruppen versuchen, ihre Ziele mit Gewalt zu erreichen: 

Quiz: Wie gut kennst du das religiöse Mosaik des Nahen Ostens?

Quiz
1.Welcher islamischen Strömung sind die Kämpfer des sogenannten «Islamischen Staates» («IS») zuzurechnen?
FILE - This undated file image posted on a militant website on Tuesday, Jan. 14, 2014 shows fighters from the al-Qaida linked Islamic State of Iraq and the Levant (ISIL) marching in Raqqa, Syria. Historically, Raqqa and Mosul and the surrounding areas that make up Northern Mesopotamia _ a region known as the Jazira _ have had more in common with each other than they did with distant Southern Mesopotamia centered on Baghdad and Basra. The desert wadi routes that the Islamic State uses to smuggle its weapons, fighters and money back and forth across the border are the same trade routes established five millennia ago when the first cities arose in the Upper Tigris and Euphrates valleys. (AP Photo/Militant Website, File)
AP/Militant Website
Sufismus
Salafismus
12er-Schia
Nusairier
2.Der «IS» strebt die Wiedererrichtung eines islamischen Reichs in Syrien und im Irak an. Wie lautet der Begriff für dieses religiös-politische Gebilde, das im 7. und 8. Jahrhundert riesige Gebiete umfasste?
Kalifat der Umayyaden
Kalifat
Emirat
Sultanat
Khanat
3.Diese religiöse Minderheit lebt vornehmlich in Syrien, im Libanon und in Israel. Ihre Geheimlehre enthält zahlreiche Elemente des Islam, daneben aber auch andere Einflüsse wie beispielsweise die Reinkarnation. Sie lehnen die Missionierung Andersgläubiger ab und nehmen auch keine Konvertiten auf. Wer sind sie?
Druse supporters of Syrian President Bashar Assad hold up his portraits during a rally, demanding the return of the Golan Heights, captured by Israel in 1967, close to the Syrian border in Majdal Shams in the Golan Heights, Friday, Feb. 14, 2014. The annual demonstration is in protest of the 1981 Israeli law in which the Jewish state annexed the strategic plateau it captured from Syria during 1967 Arab-Israeli war. (AP Photo/Oded Balilty)
AP/AP
Baha'i
Wahhabiten
Drusen
Juden
4.Die Bezeichnung «Sunniten» leitet sich vom Begriff «Sunna» ab. Was ist das?
Muslim women gather on the stairs leading to to the Golden Dome of the Rock Mosque in the Al Aqsa Mosque compound in Jerusalem's Old City, Wednesday, April 30, 2014. Al Aqsa Mosque compound is one of the holiest site for Muslims. (AP Photo/Ariel Schalit)
AP
Die letzte Sure des Korans.
Die erste Moschee, die Mohammed in Mekka errichten liess.
Die überlieferte Handlungsweise des Propheten.
Eine der fünf Säulen des Islam (das Glaubensbekenntnis).
5.Der syrische Präsident Baschar al-Assad (r.) ist kein Sunnit, sondern gehört einer religiösen Minderheit an. Welcher?
epa04247828 A photo released by Syrian Arab News Agency (SANA) shows Syrian President Bashar Assad (R) meeting with former presidential candidate, Maher al-Hajjar (L) in Damascus, Syria, 10 June 2014. Embattled Syrian President Bashar al-Assad scored an expected victory in presidential elections, securing a third seven-year as head of state amid a civil war engulfing the country.  Assad was running against only two little-known politicians; Hassan al-Nuri and Maher al-Hajjar.  EPA/SANA HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES
EPA/SANA
Drusen
Baha'i
Alawiten (Nusairier)
Jesiden
6.Neben den Sunniten sind die Schiiten mit schätzungsweise 15 Prozent aller Muslime die zweitwichtigste Strömung im Islam. Worauf bezieht sich die Bezeichnung «Schiiten»?
Shiite pilgrims react during the Muslim festival of Arbaeen in Karbala, 50 miles (80 kilometers) south of Baghdad, Iraq, Tuesday, Dec. 24 , 2013. The holiday marks the end of the forty day mourning period after the anniversary of the 7th century martyrdom of Imam Hussein the Prophet Muhammad's grandson. (AP Photo/Hadi Mizban)
AP
Auf «Scheitan» (Satan), da die Schiiten von den Sunniten als Teufelsanbeter verunglimpft wurden.
Auf «Schia» (Partei), genauer «Schiat Ali» (Partei Alis), da die Schiiten Ali als Nachfolger Mohammeds anerkannten.
Auf «as-Saffat», die 37. Sure des Koran.
7.Im Irak und in Syrien ist der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten so blutig, dass man von einem islamischen Bürgerkrieg sprechen könnte. In welchem Land leben am meisten Schiiten?
Im Libanon
Im Libanon
Im Irak
Im Irak
Im Iran
Im Iran
In Ägypten
In Ägypten
8.Zunehmend prekär ist die Lage der Christen im Nahen Osten. Viele haben ihre Heimat verlassen, zuerst im Irak, nun auch in Syrien. Wie hoch ist der Anteil der Christen in Syrien schätzungsweise noch?
Syrian acolyte girls listen to the sermon, during prayers for nuns held by rebels at the Greek Orthodox Mariamiya Church in Damascus, Syria, Sunday Dec. 8, 2013. The fears of Syrian Christian minority that they are being targeted in the country's civil war were hiked by the taking of the Greek Orthodox nuns by rebels who captured a mainly Christian town north of the capital. (AP Photo/Lee Keath)
AP
25 Prozent
15 Prozent
10 Prozent
5 Prozent
9.Was ist ein Derwisch?
A whirling dervish performs at the Maltepe Stadium in Istanbul on June 27, 2014, on the eve of Ramadan. The dervishes are adepts of Sufism, a mystical form of Islam that preaches tolerance and a search for understanding. Those who whirl, like planets around the sun, turn dance into a form of prayer. Ramadan, the ninth month of the Islamic calendar, is a month of fasting, prayers and recitation of the Quran. AFP PHOTO/OZAN KOSE
AFP
Ein Sufi
Ein Imam
Ein Ulema
Ein Muezzin
10.Die Jesiden, die vor allem im Norden des Irak leben, sind eine streng monotheistische Glaubensgemeinschaft. Welche Eigenheit trifft auf sie zu?
A Yazidi religious leader blesses a worshipper during the community's main festival of Eid al-Jamma, which lasts for a week, at Lalish temple in a small mountain valley situated northwest of Mosul, 390 km (240 miles) north of Baghdad October 7, 2010. Yazidis are members of a pre-Islamic Kurdish sect who live in northern Iraq and Syria. The community was a target for the deadliest militant attacks in Iraq since 2003 when suicide truck bombings killed more than 400 Yazidi people in August 2007. Picture taken October 7, 2010.    REUTERS/Stringer (IRAQ - Tags: RELIGION SOCIETY)
X80014
Sie vertreten ein dualistisches Weltbild, in dem Gott und Teufel die zentrale Rolle spielen.
Sie berufen sich nicht auf eine Heilige Schrift.
Sie sind eine islamische Sekte.
Sie sind eine Abspaltung der christlichen chaldäischen Kirche.
11.Die Aleviten, eine bedeutende religiöse Minderheit in der Türkei, halten sich nur an eine der sogenannten fünf Säulen des Islam. Welche?
Aleviten Schwert Zülfikar
Salat (Pflichtgebet)
Zakat (Almosengabe)
Schahada (Glaubensbekenntnis)
Saum (Fasten im Ramadan)

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