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Arno Del Curtos erster Tag im «Hockey-Wunderland»

Arno Del Curto (62) rockt das Hallenstadion. Die alles entscheidende Frage nach dem ersten Tag im Amt: wird er es wagen, der wahre Arno Del Curto zu sein?

Publiziert: 15.01.19, 09:17 Aktualisiert: 15.01.19, 13:28

Auf einmal sind Zweifel da. Der erste offizielle Auftritt des neuen ZSC-Trainers im Rahmen einer Medienkonferenz provoziert eine Frage: War das der wahre Arno Del Curto, der auch schon mal als «Rockstar» der Hockeytrainer bezeichnet worden ist?

Der neue ZSC-Trainer sitzt vorne auf dem Podium im Medienraum des Hallenstadions brav im Veston neben den ZSC-Machern und beantwortet artig und leise die Fragen aus dem Plenum. Das soll ein Rebell sein? Ein Nonkonformist? Ein Hockey-Sozialromantiker?

Er trägt einen Tschopen und darunter ein schickes Hemd mit dem Sponsorenlogo auf dem Kragen. So brav und konventionell ist er noch gar nie aufgetreten. Einen Tschopen hat er bis heute erst im Rahmen der Champions League Spiele mit Davos getragen. Aber sicher nicht bei einem helvetischen Anlass. Da tritt er in Pullover und Jeans auf. Wie ein alter, der Roten Fabrik entflohener 68er.

Arno Del Curto Bild: KEYSTONE

Hockeytechnisch ist im Hallenstadion nun für einen Sturm auf die Titelverteidigung angerichtet. Dass Arno Del Curto ein meisterliches Feuer der Leidenschaft zu entfachen vermag wie vor einem Jahr Hans Kossmann steht ausser Frage. Aber was wir noch nicht bedacht haben: er kann es nur, wenn er der wahre Arno Del Curto sein darf wie oben in Davos. Der Arno, der schalten und walten darf wie der will. Der Arno, der es wagt, zu schalten und zu walten wie er will. Die Trainerpersönlichkeit Arno Del Curto ist eben auch ein Produkt der HCD-Welt.

Die Frage ist also: kann er in diesem neuen Umfeld sich selbst treu bleiben? Zum ersten Mal in seiner Karriere muss sich der Kulttrainer an die Strukturen einer professionellen Hockeyfirma gewöhnen. Er ist nicht mehr das Zentrum eines Hockey-Universums und nur dem Präsidenten (und allenfalls den Hockeygöttern) Rechenschaft schuldig. Er ist «nur» noch ein wichtiger Angestellter. Mit Sportchef Sven Leuenberger, Manager Peter Zahner und Präsident Walter Frey als Vorgesetzte. So viele Chefs hatte er noch gar nie in seiner Karriere.

Das Bild, wie er da vorne sitzt, auf gleicher Höhe mit dem ZSC-Sportchef, mit dem ZSC-Manager, mit seinem Assistenten Michael Liniger und mit dem ZSC-Kommunikationschef spricht Bände: er ist nicht mehr der einzige, der etwas zu sagen hat. Erstmals seit 22 Jahren ist er der Primus inter pares. Der Erste unter Gleichen.

Michael Liniger Bild: KEYSTONE

Der sechsfache HCD-Meistertrainer ahnt, dass solche Fragen im Raum stehen und bemüht sich bei seinem ersten offiziellen Auftritt für die ZSC Lions sichtlich um Normalität.

Nur ja jetzt nicht schon ins Fettnäpfen treten. Er sagt beispielsweise, er sei froh, dass er sich nun nicht mehr um alles kümmern müsse wie in Davos. «Das möchte ich nicht noch einmal erleben.»

Arno Del Curto spricht leise. Nicht nur wegen einer gerade auskurierten Erkältung. Er ist sichtlich beeindruckt von diesen ZSC Lions, die so gar nichts mehr gemeinsam haben mit dem Skandalclub ZSC bei dem er einst Anfang der 1990er Jahre seine Trainerkarriere begonnen hat.

Arno Del Curto ist sozusagen in einem Hockey-Wunderland angekommen. Wo er sich nur noch um das Training und Coaching der ersten Mannschaft kümmern muss. Gerne wird vergessen, dass ein Teil seines Erfolges in Davos die totale Kontrolle, dieses Kümmern um alles war.

Es ist nicht so sehr die Frage, ob man Arno Del Curto im Hallenstadion machen lässt wie in Davos oben, ob man ihm den Freiraum gibt, sich selbst zu sein. Viel wichtiger ist die Antwort auf die Frage, ob er es wagt, in dieser neuen Umgebung sich selber zu sein, zu sein wie in Davos.

Die Karriere von Arno Del Curto:

Arno Del Curto war der «ewige» Trainer beim HC Davos. Er unterschrieb auf die Saison 1996/1997 und amtete 22 Jahre als Cheftrainer. KEYSTONE / ARNO BALZARINI
Ja, es gab auch einen Arno Del Curto vor seinem Engagement beim HC Davos. 1990 begann er seine Profi-Trainer-Karriere beim SC Herisau und wechselte anschliessend zu den ZSC Lions, wo er drei Jahre blieb. Danach coachte er den EHC Bülach, den HC Luzern und die Schweizer U20-Nationalmannschaft. KEYSTONE / KARL MATHIS
2002 gewann Del Curto mit dem HC Davos seinen ersten von insgesamt sechs Meistertiteln und wurde zum besten Cheftrainer der Nationalliga A ausgezeichnet. KEYSTONE / FRANCO GRECO
Arno Del Curto feiert zwischen Niklas Hagman (links) und Joe Thornton den Meistertitel im Jahr 2005. PHOTOPRESS / ARNO BALZARINI
Ein Mann des Volkes: Arno Del Curto winkt während der Kutschenfahrt durch Davos im April 2007 an der Meisterfeier des HC Davos gutgelaunt seinen Fans zu. KEYSTONE / ARNO BALZARINI
2007 wurde Arno del Curto bei den Credit Suisse Sports Awards zum Trainer des Jahres gewählt. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
Die ungeraden Jahre brachten Del Curto und dem HCD Glück: Hier die Meisterfeier im Jahr 2009. PHOTOPRESS / PATRICK B. KRAEMER
Nicht nur an Meisterschaften hatte Arno Del Curto Grund zum feiern: Er gewann auch 5 Mal den Spengler Cup. KEYSTONE / JUERGEN STAIGER
Arno Del Curto wurde auch gerne mal laut – wie hier im Playoff-Final 2011, welchen der HC Davos gegen Kloten gewann. KEYSTONE / ARNO BALZARINI
Arno Del Curto präsentiert 2015 den Davoser Fans zum letzten Mal den Meisterkübel. KEYSTONE / GIAN EHRENZELLER
In der Saison 2017/18 droht Del Curto mit dem HC Davos zum ersten Mal die Playoffs zu verpassen. Nach 21 Spielen lag der HCD 12 Punkte hinter dem Playoffstrich auf dem zweitletzten Rang. Doch die Davoser schaffen den Turnaround noch. KEYSTONE / EDDY RISCH
Eine Saison später sitzt der HCD wieder im Playout-Sumpf: Im Herbst zieht Del Curto schliesslich selbst die Reissleine und tritt am 27. November 2018 nach 22 Jahren als Trainer des HC Davos zurück. KEYSTONE / PATRICK B. KRAEMER
Lange kommt Del Curto nicht ohne Hockey sein: Bereits am 14. Januar 2019 wird er als neuer Trainer der ZSC Lions vorgestellt. Doch sein zweites Engagement in Zürich ist nur von kurzer Dauer. Nach dem Verpassen der Playoffs erhält er keinen neuen Vertrag mehr. KEYSTONE / ENNIO LEANZA

Im Rahmen dieser denkwürdigen «Inthronisierungsfeier» für Arno Del Curto tauchte auch die Frage auf, ob es sich die ZSC Lions denn leisten können, so oft den Trainer zu wechseln. Wäre es womöglich nicht besser, für einmal die Mannschaft in die Verantwortung zu nehmen und den Trainer im Amt zu halten?

Diese Frage ist richtig und falsch zugleich. Eine Hockeyfirma wie die ZSC Lions kann es sich leisten, die Trainer häufig zu wechseln. Erstens spielt das Geld mit Milliardären im Verwaltungsrat keine Rolle und zweitens ist der Unterbau mit einer der besten Nachwuchsabteilunten Europas und einem gut funktionierenden Farmteam-System wirtschaftlich und sportlich rocksolid.

Die ZSC Lions sind ein Unternehmen der Unterhaltungsindustrie in der Unterhaltungs- und Medien-Hauptstadt des Landes. Von den ZSC Lions wird erwartet, dass sie erfolgreich sind, dass sie Abend für Abend eine gute Show bieten und dass sie handeln, wenn Erfolg und Show ausbleiben. Wie in jeder Firma werden Chefs und Personal ausgetauscht, wenn die Ziele nicht erreicht werden. Es kommt lediglich darauf an, die richtigen Leute zu feuern und zu heuern.

So gesehen haben die ZSC Lions diese Saison alles richtig gemacht und mit Arno Del Curto den richtigen Trainer geholt.

Ueli Schwarz Bild: KEYSTONE

P.S.: die Frage ist, ob dieser Trainerwechsel am Ende die SCL Tigers die Playoffs kosten könnte. Die Behauptung dürfte richtig sein, dass die Emmentaler die beiden nun anstehenden Partien am Freitag in Langnau und am Samstag in Zürich mit Serge Aubin an der ZSC-Bande gewonnen hätten. Aber nun werden die Zürcher unter neuer Leitung ganz anders auftreten und es wird für die Langnauer schwieriger. Oder doch nicht? Der grosse Hockey-Weise Ueli Schwarz, der nicht im Ruch der Parteilichkeit steht, sagt: «Die Langnauer sind so gefestigt, dass es keine Rolle spielt, wer bei den ZSC Lions an der Bande steht.»

Seine Worte im Ohr der Hockey-Götter.

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