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Luzern. Wird im folgenden Text als Grossstadt behandelt. Seid nicht verwirrt. Bild: KEYSTONE

Tagebuch eines Landeis, Teil II: Was passiert, wenn du als «Stadtkind» dein Kaff besuchst

Wer vom Land in die grosse Stadt zieht, muss irgendwann auch wieder zurück. Zumindest für einen kurzen Besuch. Das hat ein bisschen was von einem Videospiel.

Publiziert: 10.11.17, 19:59 Aktualisiert: 11.11.17, 20:27

Seit fünf Jahren schlage ich mich nun durch den städtischen Alltagswahnsinn. Und wenn ich mir nicht gerade den Fünflieber vom Luzerner Bahnhofspenner abschnorren lasse, den ich eigentlich für meinen überteuerten Kaffee ausgeben wollte, fahre ich auch mal wieder zurück aufs Land.

Inzwischen sind auch meine Eltern aus dem Kuhkaff meiner Jugend weggezogen und residieren in einem grosszügigen 5000-Seelen-Dorf (es liegt quasi daneben). Sie nennen es liebevoll «ein Städtchen». Irgendwie herzig. Andererseits nenne ich Luzern ja auch eine Grossstadt. Egal.

Jedenfalls hat dieses neue Dorf tatsächlich einen ÖV-Anschluss. So mit Zügen und Bussen – ich glaub, man kann sogar irgendwo ein Fahrrad mieten. Das volle Programm also. Trotz all diesem verkehrstechnischen Überfluss geh' ich jeweils zu Fuss. Ich find einfach, dass man wegen zwei Haltestellen nicht extra den Bus nehmen muss – auch wenn diese zwei Haltestellen auf dem Land mehr als nur 500 Meter auseinander liegen. (Es sind 502 Meter).

Wenn man als Ex-Landei wieder zurück in seine alte Heimat kommt, ist das immer sehr spannend. Man schaut Dinge plötzlich ganz anders an, muss sich das eine oder andere gefallen lassen und sich einigen Herausforderungen stellen. Ein bisschen wie in einem Videospiel. Und es gibt auch hier einen Endboss.

Bild: watson

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Nach einer fast zweistündigen Fahrt, bei welcher die Züge immer kürzer und das Handy-Netz immer schwächer wird, komme ich endlich an. Kaum stehe ich auf dem Bahnsteig, fährt der Zug auch schon wieder los. Schon klar, er muss sich beeilen, immerhin hat er noch 5000 andere schnuckelige Provinzbahnhöfe abzuklappern. 

Subaru Legacy – der Ferrari der Bauern. Bild: wikipedia

Drehe ich mich nach rechts, begrüsst mich auf der anderen Seite des Gleises ein verwittertes, schief hängendes Schild. «Blumen zum selber schneiden». Zu meiner Linken hat es einen grösseren Parkplatz. Hier herrschen Kombis mit Allradantrieb vor – vorzugsweise der Marke Subaru.

Level 1

Das erste Level ist eigentlich recht easy. Kaum habe ich den Bahnhof verlassen, höre ich hinter mir einen riesigen Radau. Reflexartig drehe ich mich um, bereit, vor jeder noch so grossen Gefahr panisch davonzurennen. Dank meiner messerscharfen Sinne erkenne ich aber sofort, dass es sich bloss um die Kirchenuhr handelt, die gerade zwölf Uhr schlägt.

Es ist nicht so, dass ich noch nie eine Kirchenuhr gehört hätte. Schliesslich war die grösste Sehenswürdigkeit in meinem alten Kaff der 40 Meter hohe Kirchturm. Doch meine Zeit in der Stadt hat mich vergessen lassen, wie laut so ein Gebimmel sein kann. Besonders, wenn man praktisch daneben steht. Zwar hat es in der Stadt auch Kirchen, diese werden aber dezent vom Lärm des Strassenverkehrs überdeckt.

Kirchenglocken? Da klingelt es auch bei Emily: «Danke Kirchenglocken, ich wollte eh nicht schlafen!»

Video: watson/Emily Engkent

Level 2

Wenn ich so durch das Dorf gehe, laufe ich ganz bestimmt früher oder später jemandem über den Weg, den ich kenne. Noch schlimmer ist aber, wenn ich jemandem über den Weg laufe, den ich nicht kenne – die Person aber mich. 

Tritt so eine Situation ein, ist es wichtig, Ruhe zu bewahren. Grundsätzlich läuft es immer sehr ähnlich ab und ist mit etwas Diplomatie schnell überwunden.

Zuerst gibt mir der Fremde, in diesem Falle ein älterer Mann, zu verstehen, dass er mich kennt:

«Bist du nicht der Junge vom Scherrer?»

Die korrekte Reaktion wäre hier natürlich, zu nicken und meinerseits so etwas zu sagen wie:

«Ah, du bist doch der P. aus K., der zusammen mit J. drei Kinder namens H., G. und E. hat, oder? Und wie geht es eigentlich eurem Kanarienvogel? Hat er immer noch die Syphilis?»

Die viel wahrscheinlichere Reaktion – und darin bin ich wirklich gut – ist aber: «Äh, ja?»

Aufmerksam, wie die Landleute sind, erkennt er natürlich sofort, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wer er eigentlich ist. Er nimmt mir das aber nicht etwa übel. Vielmehr klärt er mich nun ausführlich über seine Person auf. Das klingt dann etwa so:

«Ja weisst du nicht mehr? Ich bin doch der P. aus K. und habe mit der J. drei Kinder. Den H., die G. und unseren Jüngsten, den E. Wir haben einen Kanarienvogel. Der hatte mal Syphilis. Ist aber jetzt alles wieder gut.»

Redet ihr über mich? Bild: Wikipedia

Ist mir dann immer noch kein Licht aufgegangen, fängt er garantiert an, mir eine Anekdote von früher zu erzählen:

«Dein Vater war immer bei uns, als du etwa drei Jahre alt warst. Du hast dann immer stundenlang den Kanarienvogel angestarrt. Weisst du nicht mehr?»

Spätestens hier tue ich dann so, als hätte ich voll die Ahnung, wovon er redet. Ich zeige mich höflich interessiert, sag dann, dass ich weiter muss – wir Stadtmenschen haben ja eh nie Zeit, weisch – und verabschiede mich.

Level 3

Migros und Coop teilen sich in diesem Städtchen die Herrschaft. Aldi-Kinder kennt hier niemand. Also gehe ich noch kurz in den von mir bevorzugten Laden, um mir eine kleine Stärkung zu holen. (Es ist der mit dem orangen Logo.)

An der Kasse wartet dann das nächste Level auf mich. Hier herrscht eine andere Zeitzone. Minuten werden zu Stunden, in denen sich die Kassiererin mit den ihr anvertrauten Kunden über allerlei mega wichtige Dinge unterhält. Die Themenvielfalt ist dabei so gross, wie die Fusselsammlung in der Jackentasche meines Grossvaters:

  • Ich wollt mir ja eigentlich nur schnell etwas Waschmittel kaufen, aber jetzt sind irgendwie doch noch diese 200 anderen Artikel in meinem Einkaufswagen gelandet.
  • Gehst du auch die Abfahrt gucken? (Sie meint die mit den Kühen, nicht mit den Skiern).
  • Ja weisst du, ich bin spät dran und muss noch kochen, putzen, waschen, das Haus neu streichen und die Welt retten.
  • Hast du gehört? Dem Kanarienvogel von P. geht es wieder besser.

Das neue Universalwaschmittel. Beseitigt einfach jeden Fleck, imfall. Ich weiss das jetzt. Aus Gründen. wBild: watson

Bezahlt wird natürlich hauptsächlich mit echtem Geld. Und natürlich wird am Schluss in den unendlichen Tiefen des Portemonnaies immer noch nach einem «Füferli» gesucht. Gefunden wird es zwar selten, aber das stört hier nicht wirklich jemanden.

Und dann komm ich, der Depp aus der Stadt, und will mit meinem Smartphone bezahlen. Nicht falsch verstehen: Das geht schon. Nur ist es dann so, als würde der einzige Scheinwerfer in einem dunklen Raum auf mich gerichtet werden. Und das mag ich nicht. Also geb ich der Kassiererin schon mal eine Zehnernote und sage ganz kleinlaut:

«Moment, ich habe vielleicht noch etwas Münz.»

Endboss

Endlich habe ich alle drei nötigen Level abgeschlossen. Frohen Mutes gehe ich also den schmalen Fussgängerweg neben dem Fluss entlang. Doch es dauert nicht lange, da taucht er auf: mein Endgegner. In Form dreier rund 90-jähriger Frauen. Vreni, Vroni und Veronika. (Die Namen habe ich unter Umständen erfunden.)

Da sind sie also. Lauernd, moralisch in den 50er-Jahren verhaftet, bereit, jeden zu verurteilen, der an ihnen vorbeigeht und nicht in ihr Weltbild passt. Besonders erpicht sind sie auf solche «jungen Schlitzohren» wie mich. Einen besonderen Gefallen tust du ihnen, wenn du ohne zu grüssen an ihnen vorbeigehst. Dann laufen sie zur Höchstform auf.

Nicht Vreni, Vroni und Veronika. (Der rechts ist glaub ein Mann.) Bild: shutterstock

Es ist nicht so, als würden sie mir ins Gesicht sagen, was sie von mir halten. Aber da sie nicht mehr mitbekommen, was ausserhalb eines Zwei-Meter-Radius akustisch so vor sich geht, denken sie, dass das auch umgekehrt der Fall ist. Also plappern sie so laut drauf los, dass ich sie sogar trotz meiner Kopfhörer sehr gut verstehe.

Selbstverständlich grüsse ich höflich. Sie grüssen zurück. Ich geh an ihnen vorbei, ihre Blicke haften fest an mir. Wüsste ich nicht, was gleich passiert, ich würde mich fast geschmeichelt fühlen. 

Und dann geht es los. Es scheint fast so, als wären sie sauer, dass ich so höflich war und ihnen somit weniger Angriffsfläche biete. Zuerst sind meine Kopfhörer dran. Dieses moderne Technikzeug, das dafür sorgt, dass ich nicht mehr mitkriege, was um mich herum passiert. Generell sollte ich diese nur zuhause tragen, hinter verschlossenen Türen, wo ich niemanden damit belästige.

Früher war einfach alles besser. Bild: wikipedia

Weiter geht es mit meinem T-Shirt. Was soll das da drauf bitte darstellen? Eine Katze? Und wieso trägt die eine Brille? Und die Katze hat ja auch Kopfhörer an! Sowieso haben mich die drei hier noch nie gesehen. Bin ich etwa ein Auswärtiger? Ich behalte einen kühlen Kopf, lächle und schon bin ich an ihnen vorbei und ausser Hörweite.

Den Rest ihrer mit Sicherheit sehr konstruktiven Kritik habe ich dann leider nicht mehr mitgekriegt. Ich bin mir aber sicher, dass als nächstes meine Bein- und Fussbekleidung an der Reihe gewesen wäre. Zum Glück hatte ich wenigstens lange Hosen an. Ich will mir gar nicht erst ausmalen, was passiert wäre, wenn sie mich mit einem entblössten Knöchel erwischt hätten.

Liebe/r Mint-User ...
... Nicht erschrecken! Aus technischen Gründen sowie aus Gründen der optischen Einheit der watson-Materie führen wir das Ressort «Mint» auf der watson-Homepage ab kommender Woche unter dem Namen «Leben» und im herkömmlichen watson-Layout weiter. Eure Redaktor/Innen und die Inhalte bleiben dieselben.

Etwas Werbung für das Landleben will ich aber schon noch machen:

Fotograf Gody Suter / www.agrimage.ch
agrimage.ch - watson-Einblender agrimage watson
Fotografin Nina Hitz / www.agrimage.ch
Fotografin Julia Gisler / www.agrimage.ch
Fotograf Sigi Ludescher / www.agrimage.ch
Fotograf Ueli Zobrist / www.agrimage.ch
Fotografin Therese Knechtli / www.agrimage.ch
Fotografin Myriam Gysin / www.agrimage.ch
Fotograf Bernard Decarli / www.agrimage.ch
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Fotograf Patrick Panchaud / www.agrimage.ch
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Fotografin Maurizia Pedretti / www.agrimage.ch
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Alpenkuss. Fotograf Christoph Sahli / www.agrimage.ch
Ziegenspielplatz. Fotograf Marlis Germann / www.agrimage.ch
Ich putze gerne. Fotograf Erwin Trachsel / www.agrimage.ch
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Wir durften es auf der Weide holen. Fotograf Marlis Germann / www.agrimage.ch
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Ohne Hörner wäre dieses Bild nicht halb so schön. Fotograf Monika Gisler-Zwyer / www.agrimage.ch
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Frühlingsgefühle beim Pfau. Fotograf Verena Schönenberger/www.agrimage.ch
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Sonntagsausflug. Fotograf Doris Sieber/www.agrimage.ch
Muss mal an die frische Luft. Fotograf Doris Sieber/www.agrimage.ch
Tierliebe. Fotograf Nadine Schönenberger/www.agrimage.ch
Geiss hinter Stein. Fotograf Nadine Schönenberger/www.agrimage.ch
Les daims broutent. Fotograf Marcel Martin/www.agrimage.ch
Nah dran. Fotograf Roland Steffen/www.agrimage.ch
Neugierig. Fotograf Roland Steffen/www.agrimage.ch
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Schöfli. Fotograf Tibert Keller/www.agrimage.ch
Coteaux d'Autigny. Siehst du das Reh? Fotograf Jean-Pierre Perroud/www.agrimage.ch
Katz und Maus: Moritz mit seiner gefangenen Beute. Fotograf Rosa Brändle/www.agrimage.ch
Eine Katze mit viel Holz vor der Hütte und dem Bauern wird warm zu Gemüte. Fotograf Andreas Ricklin/www.agrimage.ch
Île sur le lac de la Gruyère. Fotograf Jean-Pierre Perroud/www.agrimage.ch
Abby im Herbstwald. Fotograf Dominik Binder/www.agrimage.ch
Dampfendes Hügelbeet. Ein Hügelbeet ganz im Sinne der landwirtschaftlichen Permakultur. Frisch besträut mit Pferdeäpfeln und bereit für den Winterschlaf. Fotograf Selina Niederberger/www.agrimage.ch
Madrisa und Max: Minus 4 Grad und doch warme Ohren. Fotograf Elisabeth Bundi/www.agrimage.ch
Cocco und Columba. Cocco ist einT ag alt auf der Alp Nova Brigels. Fotograf Erna Cathomas/www.agrimage.ch
Le travail c'est cool. Fotograf Balestra Ursula/www.agrimage.ch
Une nouvelle journée de travail. Fotograf Balestra Ursula/www.agrimage.ch
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Campi di Locarno. Fotograf Placido Faranda/www.agrimage.ch
Einsamer Bauernhof auf dem Weg von Hundwil zur Hundwilerhöhe. Fotograf Andreas Gerig/www.agrimage.ch
Tina beim mobilen Melkstand. Fotograf Irene Bütikoferwww.agrimage.ch
Roman am Ziegenmelken. Auf der Alp Waira befinden sich im Sommer ca. 20-30 Ziegen und ebensoviele Kühe. Die Milch wird am gleichen Tag zu Käse verarbeitet. Fotograf Irene Bütikofer/www.agrimage.ch
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Finden die drei alten Damen sicher auch nicht toll: Alle trinken einfach überall Bier!

Video: watson/Emily Engkent

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