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Liebe Frau Freitag, warum ist ein Suizid so schlimm?

Wenn das Stehen auf den eigenen Füssen zum Kraftakt wird ...
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Liebe Frau Freitag, ich bin neugierig auf ihre Antwort auf folgende Fragen: Warum ist ein Suizid so schlimm? 

Und warum versucht die Gesellschaft einen Suizid mit allen Mitteln zu verhindern? Warum dürfen Menschen, die leiden ohne jetzt eine tödliche Krankheit zu haben, nicht sterben? Warum müssen wir leben? Bei manchen psychischen und physischen Krankheiten erscheint mir der Tod die beste Lösung zu sein. Larissa, 30
01.06.2016, 12:1801.06.2016, 13:31
Kafi Freitag
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Liebe Larissa

Danke für Ihre tiefsinnige Frage. Darüber musste ich erst schlafen. Sie vermischen in Ihrer Frage einiges, was man – so denke ich – besser nicht in einen Topf wirft. Aber grundsätzlich ist es immer so, dass man mit einem Suizid den Mitmenschen die Chance nimmt, sich zu verabschieden. Meistens passieren Suizide ja im Stillen, sie werden nicht angekündigt, man wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Familie und Freunde können keine Fragen mehr stellen. Es ist zu spät.

Dem gegenüber steht ein Freitod, den man geplant und begleitet begeht, wie man das in der Schweiz mit der Sterbehilfeorganisation EXIT begehen kann. Diesem Suizid gehen Stunden, oft Wochen und Monate des Abschieds bevor. Man weiss, dass der Kranke sterben wird, man kann sich darauf vorbereiten. Dass man seelisch kranken Menschen diesen Weg nicht «so einfach» gewährt wie körperlich kranken, finde ich persönlich allerdings absolut richtig. Ein Mensch in einer Depression sollte keine endgültige Entscheidung treffen, die sein Leben betrifft. Er ist während dieser Krankheit nicht wirklich sich selber, sondern von Ängsten und Traurigkeit, von der Krankheit dominiert. Ich weiss sehr gut, wovon ich rede, ich hatte mit Anfang 20 eine Depression, die nicht sehr stark war, mir aber dennoch jegliche Lebensfreude raubte. Gottlob war ich zu keiner Zeit suizidgefährdet, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bei einer starken Depression der Tod als einziger Ausweg erscheinen kann.

Es wäre sehr tragisch, wenn man einen Menschen in dieser Phase der Krankheit ins Jenseits befördern kann. Zumal eine Depression in den Händen einer guten Fachperson oft behandelbar ist. Darum ist jeder Suizid eines psychisch kranken Menschen furchtbar tragisch. Viele Krankheiten sind nicht kurierbar, der Weg ins Leiden ist eine Einbahnstrasse. Dass man sich dort für die Selbstbestimmung und einen geplanten Tod entscheidet, kann ich gut nachvollziehen. Schlussendlich darf jeder Mensch aber für sich entscheiden, ob er leben oder sterben will. 

Sehr oft ist von Egoismus die Rede, wenn sich ein Mensch das Leben nimmt. Ich denke aber, dass bei einer solchen Entscheidung das eigene Leiden sehr viel stärker ist, als die Rücksichtnahme auf Mitmenschen.
Das ist unglaublich schwierig für alle Angehörigen, verstehen kann man das als zurückgelassener Mensch nicht. 

Ich weiss nicht, ob Sie diese Frage aus reinem Interesse gestellt haben, oder ob Sie sich selber in einer solchen Situation befinden. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Leben keinen Sinn mehr macht und Sie den Tod als Erlösung aus diesem Schmerz ansehen, dann gehören Sie ganz dringend in ärztliche Behandlung. In jeder grösseren Stadt gibt es ein Kriseninterventionszentrum, zu dem Sie einfach hingehen könnten. Bitte lassen Sie sich helfen, falls Sie in seelischer Not stecken!

Falls Sie nicht selber betroffen sind; umso besser.

Herzlichen Gruss. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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41 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Thanatos
01.06.2016 16:01registriert Dezember 2014
Wir wurden ja alle "unfreiwilig" auf die Welt gebracht, dann darf ich doch entscheiden, wann ich wieder gehe.
Und alle, die das egoistisch finden, haben irgendwie nicht so viel Ahnung. Warum sollen mich die anderen interessieren, wenn ich tot bin? Sie haben ja nicht meine Probleme zu ertragen. Auch nicht wenn ich noch lebe. Das kann nur ich. Oder auch nicht.
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Bruno Wüthrich
01.06.2016 19:19registriert August 2014
Wer sein Leben beenden will, findet einen Weg. Dass er dabei Trauernde hinterlässt, ist meistens nicht zu vermeiden.
Was mich immer wieder empfindlich stört, ja, - sogar mit Abscheu erfüllt ist, wenn sich Menschen vor einen Zug oder ähnliches werfen, und somit andere Menschen völlig unfreiwillig in starkem Masse mit in ihren Suizid einbinden. So etwas ist oberflächlich, völlig egoistisch und deshalb auch unverzeihlich. Auch über ihren Tod hinaus!
Noch abscheulicher ist es, wenn (meistens Männer) Menschen andere (Partner/innen, Ex-Partner/innen und/oder ihre Kinder etc.) gleich mit umbringen.
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SoOderSo
01.06.2016 12:41registriert Mai 2015
Diese Frage zeigt einmal mehr, dass psychische Erkrankungen immer noch ein Tabu sind und dringend mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden muss! Traurig wie man so etwas denken kann!!!😞 Gute Antwort Frau Freitag👍
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Wegen dieser Schweizer Strassen dreht Instagram in diesen Tagen (zu Recht) durch
Die Kirschblüte in Japan ist weltweit bekannt. Aber nein, du musst nicht ins Flugzeug steigen, um dies selbst zu erleben. Das geht nämlich auch in der Schweiz. Allerdings nur während weniger Tage. Und in diesem Jahr ist der Zauber an einigen Hotspots auch schon wieder vorbei. An anderen fängt es erst an.

Der Frühling hat mit grossen Schritten Einzug gehalten. Überall blühen schon die Kirschbäume und Magnolien. Damit du die Blütenpracht erleben kannst, musst du aber weder ins ferne Japan noch irgendwo weit aufs Land hinaus. Wir reden hier auch nicht vom wunderschönen Thurgau während der Bluescht oder den betörenden Chriesiwanderungen im Baselland. Nein, in der Schweiz kannst du mitten in verschiedenen Städten den Blütenzauber bewundern.

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