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Per Autostopp um die Welt

In Juchitan soll es Menschen geben, die weder Mann noch Frau sind. Wir haben sie gefunden

04.02.2017, 11:3905.02.2017, 05:51
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler
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In Juchitan gibt es nichts, was Touristen anzieht. Auch meine Freundin Lea, mein Kumpel Tschügge und ich reisen nur deshalb in die südmexikanische Kleinstadt, weil wir auf dem Weg Richtung Osten irgendwo schlafen müssen.

Als wir «Juchitan» googeln, stossen wir jedoch unverhofft auf ein aussergewöhnliches Phänomen: In der 75'000-Einwohner-Stadt soll es ein drittes Geschlecht geben, das in der Gesellschaft vollständig akzeptiert sei. Bei den sogenannten Muxes (ausgesprochen: Musches) handelt es sich biologisch gesehen um Männer, die sich aber als Frauen fühlen und sich auch dementsprechend kleiden.

Eine Gesellschaft, die kein Problem damit hat, dass es neben Mann und Frau noch etwas anderes gibt? Und das ausgerechnet im streng katholischen Mexiko? Unser Fahrer Eder, der uns nach Juchitan bringt, bestätigt uns, was wir gelesen haben: «In Juchitan leben mehrheitlich Zapoteken. Und bei diesen mexikanischen Ureinwohnern sind Muxes seit je ein fester Bestandteil der Kultur. Ihr werdet sie sehen, wenn ihr in Juchitan durch die Strassen läuft.»

Nach dem ersten Spaziergang durch die Stadt sind wir dann aber etwas enttäuscht. Wir begegnen bei weitem nicht an jeder Strassenecke einem Muxe. Nur einmal glauben wir einen Mann in Frauenkleidern zu erkennen. Wir fragen deshalb im Hotel, wie wir einen Muxe kennenlernen können. Die Rezeptionistin verweist uns an Herrn Ramirez, den Direktor des Hauses der Kulturen.

Der freundliche ältere Mann nimmt sich gerne Zeit für uns und erklärt: «Nicht alle Muxes tragen Frauenkleider – oder zumindest nicht immer.» Vor ein paar Jahren sei zum Beispiel ein Bankangestellter zur schönsten Muxe gekürt worden. «Das hat in der Stadt zu reden gegeben», sagt Ramirez mit einem Grinsen. Denn die meisten Leute hätten diesen Mann nur in Anzug und Krawatte gekannt und nicht gewusst, dass er ein Muxe ist. «Probleme hatte er deswegen aber nicht.»

Herr Ramirez ist Zapoteke und sichtlich stolz darauf, dass es in seiner Kultur Platz hat für ein drittes Geschlecht. Er verschweigt aber nicht, dass auch hier in Juchitan nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist: «Es gibt auch bei uns Leute, die ein Problem haben mit dem dritten Geschlecht – vor allem Religiöse. Es ist aber eine Minderheit.» Die offizielle katholische Kirche in Juchitan sei relativ tolerant: «Beim alljährlichen Muxe-Fest findet immer auch ein Gottesdienst für die Muxes statt.»

Eine Etappe verpasst? Hier gehts lang:

Am Ende des Gesprächs greift Herr Ramirez zum Telefon, um Biniza anzurufen, eine Muxe. Er kritzelt eine Adresse auf ein Blatt Papier und streckt es uns nach dem Telefonat entgegen: «Sie wartet hier auf euch. Aber ihr werdet ihr etwas bezahlen müssen. Muxes reden nicht umsonst mit Journalisten.»

Ein Moto-Taxi bringt uns für 15 Pesos (75 Rappen) in ein wenige Minuten entferntes Wohnquartier. Als der Taxifahrer eine ältere Frau fragt, ob sie eine Binizia kenne, läuft eine grossgewachsene, stark geschminkte Dame in einem bunten Sommerkleid auf die Strasse. «Ich bin hier!», ruft Binizia. Wir folgen ihr in ein unscheinbares Gebäude, das sich als Bar entpuppt.

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Bevor sie sich mit einer grossen Flasche Corona zu uns setzt, fragt sie uns mit einem selbstbewussten, verführerischem Blick: «Wie viel seid ihr bereit, für mich zu bezahlen?» 100 Pesos sind ihr zu wenig. Auch bei 150 Pesos macht sie eine Handbewegung nach oben. Schliesslich einigen wir uns auf 200 Pesos (10 Franken).

Das ist viel Geld in Mexiko. Unsere erste Frage an Binizia lautet deshalb: «Bist du berühmt?» «Natürlich», sagt sie etwas divenhaft. Sie wirkt dabei aber nicht unsympathisch oder arrogant. Wir haben jedoch das Gefühl, dass sie ein bisschen mit uns spielt. Sie geniesst die Aufmerksamkeit und kokettiert mit dem, was sie ist. Zudem besteht sie darauf, dass wir sie «una muxe» nennen und nicht «un muxa». «Un muxa ist jemand, der sich als Frau fühlt, aber keine Frauenkleider trägt», erklärt sie uns.

Interview mit einer Muxe: Binizia trägt bereits Frauenkleider, seit sie 13 Jahre alt ist.
Interview mit einer Muxe: Binizia trägt bereits Frauenkleider, seit sie 13 Jahre alt ist.bild: thomas schlittler

Es sind Aussagen wie diese, die uns im Verlaufe des Gesprächs immer verwirrter machen. Unsere beschränkten Spanischkenntnisse tragen das ihre dazu bei. Zumindest wird uns aber klar, dass es offensichtlich keine abschliessende Definition gibt für Muxas. Einige stehen auf Männer, andere auf Frauen. Einige leben in festen Beziehungen, andere wechseln ständig die Partner. Einige haben ganz normale Jobs auf dem Markt oder in einem Büro, andere verdienen ihr Geld mit Prostitution.

Bei Binizia ist es ein Mix aus allem: Sie arbeitet für eine Organisation, die sich für die Rechte von Transgender einsetzt. Sie kellnert hier in der Bar. Und manchmal lässt sie sich für Sex bezahlen. Als Prostituierte sieht sie sich aber nicht: «Ich gehe nur mit jemandem ins Bett, wenn ich Lust habe. Ich kann immer frei entscheiden und den Preis selbst festlegen.»

Die Diva will 200 Pesos für das Gespräch. Es lohnt sich – auch wenn wir teilweise ziemlich verwirrt sind.
Die Diva will 200 Pesos für das Gespräch. Es lohnt sich – auch wenn wir teilweise ziemlich verwirrt sind.bild: thomas schlittler

Binizia trägt bereits Frauenkleider, seit sie 13 Jahre alt ist. Sie muss ihre Identität nicht verstecken. Ein völlig normales Leben kann sie aber offenbar trotzdem nicht führen. Als wir sie fragen, was ihr grösster Traum ist, antwortet sie nämlich: «Ich würde gerne einen festen Freund haben, der sich in der Öffentlichkeit mit mir zeigt.» Das sei nicht einfach, weil die meisten Männer ihre Vorliebe für Muxes nur im Verborgenen ausleben würden. Hinter verschlossenen Türen.

«In Juchitan lebt es sich für Transgender wie mich zwar deutlich besser als in anderen Regionen Mexikos. Ein Paradies ist es aber auch hier nicht.»
Binizia

Abschliessend meint Binizia deshalb: «In Juchitan lebt es sich für Transgender wie mich zwar deutlich besser als in anderen Regionen Mexikos. Ein Paradies ist es aber auch hier nicht.»

«Ich hätte gerne einen festen Freund»: Binizia.
«Ich hätte gerne einen festen Freund»: Binizia.bild: thomas schlittler
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39 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tilman Fliegel
04.02.2017 11:59registriert Februar 2014
Eigentlich ziemlich ähnlich, wie ich es auf den Philippinen kennen gelernt habe. Die Transgender werden dort einfach gay genannt, in eindeutiger Abwandlung wie der Begriff im englischsprachigen Raum sonst verwendet wird. Im Dorf meiner Frau war der/die bekannteste Gay Fleischverkäufer auf dem Markt. Die Jungen wissen häufig schon vor der Pubertät, dass sie Gay sind und die Toleranz in der Gesellschaft dafür ist ziemlich hoch.
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lilie ❤ Bambusbjörn
04.02.2017 12:29registriert Juli 2016
Wieder ein superspannender Artikel! Danke dafür!

Von den Muxe habe ich auch schon gehört. Es ist sehr interessant, dass ihr sogar mit einer sprechen konntet! Das Konzept scheint recht kompliziert zu sein, aber es ist doch schön zu sehen, dass Menschen mit abweichendem Geschlechtsempfinden/sexuellen Präferenzen einen Platz in der Gesellschaft finden.

Ich finde, Binizia sieht selbstbewusst aus und wie jemand, der sich wohl in seinem Körper fühlt. :)

Was mich noch interessiert: Wie habt ihr euer Angebot an Binizia festgelegt? Ich wär komplett überfordert. Habt ihr vorher jemanden gefragt?
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Pasionaria
05.02.2017 07:35registriert Februar 2016
Zu erwaehnen waere noch, dass sich Juchitán nicht nur wegen seines toleranten Verhaltens gegenueber Muxes auszeichnet, sondern es gilt schlechthin als Stadt des Matriarchats.
Hier sind die Frauen Stammhalterinnen und Oberhaeupter der Familie. Es sind die Toechter, die beim Tod der Eltern, den Familienbesitz erben.
Das Wirtschats- und Handelsleben wird von den Frauen bestimmt. Die Maenner kuemmern sich vorwiegend um Haus und Feld.
Interessanterweise ist Juchitán weitgehend von der wirtschaftl. Krise, die in Mexico herrscht, verschont geblieben!
Hat das eine Bedeutung....?
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In einem Interview bekennt Pfarrer Christoph Sigrist vom Grossmünster in Zürich, dass die Kirchen die Frauen unterdrückt haben und es teilweise heute noch tun.

Wenn Christoph Sigrist, der reformierte Pfarrer des ehrwürdigen Grossmünsters in Zürich, im Talar vor seiner Gemeinde steht, wirkt er so, wie halt Pfarrer in der Regel wirken. Etwas bieder und traditionell.

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