bedeckt
DE | FR
194
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Blogs
Sektenblog

Wie die Scientology-Sekte auf Datingplattformen neue Anhänger ködert

Werbung für Scientology auf der Datingplattform, die von Scientologen betrieben wird.
Werbung für Scientology auf der Datingplattform, die von Scientologen betrieben wird. bild: pd
Sektenblog

Wie Mitglieder der Scientology-Sekte auf Datingplattformen neue Anhänger ködern

Die Pseudokirche nutzt das Internet als günstiges Instrument für ihre fragwürdigen Zwecke.
13.11.2021, 07:5413.11.2021, 10:17
Hugo Stamm
Folge mir

«Was ist eigentlich mit Scientology los, gibt es die Sekte überhaupt noch?» Solche und ähnlich Fragen höre ich immer wieder. Sie machen klar, dass die Pseudokirche weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist.

Diesen Umstand kann Scientology als Erfolg verbuchen. War die Sekte früher Dauerthema in den Medien, sorgt sie seit ein paar Jahren nur noch selten für Schlagzeilen. Deshalb kann sie ungestört auf Seelenfang gehen, was ihr natürlich behagt.

Die früheren kritischen Berichte haben Scientology geschadet. Seither versucht sie alles, die Angriffsfläche zu verkleinern. Statt tollpatschig und auffällig zu agieren, gibt sie sich nach aussen lammfromm und schleicht auf Samtpfoten umher. Was sie nicht ungefährlicher macht. Im Gegenteil. Die missionierenden Mitglieder stülpen sich quasi Tarnkappen über und geben die Gutmenschen.

Werbung für den Scientology-Persönlichkeitstest auf der Datingplattform.
Werbung für den Scientology-Persönlichkeitstest auf der Datingplattform. bild pd

Die einfachste, billigste und wirkungsvollste Möglichkeit, potentielle Opfer zu umgarnen, bietet das Internet. Die jüngste Aktion von Scientologen findet sich unter der Zungenbrecher-URL deine-lebensveraenderungs-loesung.ch. Beworben wird der Scientology-Persönlichkeitstest «Oxford Capacity-Analysis», der satte 200 Fragen enthält.

«Blättern Sie zum Vergnügen in Telefonbüchern»

Was hochtrabend daherkommt und wissenschaftliche Analysen verspricht, ist letztlich ein billiger und stümperhafter Schlangenfänger. Da finden sich Fragen wie «Blättern Sie einfach zum Vergnügen in Eisenbahnfahrplänen, Telefonbüchern oder Wörterbüchern?» Erstens ist die Frage sinnlos und zweitens im Internet-Zeitalter kurios.

Oder: «Bekommen Sie manchmal ein Zucken in Ihren Muskeln, auch wenn es keinen ersichtlichen Grund dafür gibt?»

Einen Hinweis auf Scientology sucht man auf der Plattform vergeblich. Erwähnt wird einzig «Dianetik», eine krude Lehre und «Therapie», die auf den Scientology-Gründer Ron Hubbard zurückgeht.

So simpel ist die Auswertung des Persönlichkeitstests, der meist Defizite aufweist. Nach dem Kurs steigt die Kurve, was den Erfolg markieren soll.
So simpel ist die Auswertung des Persönlichkeitstests, der meist Defizite aufweist. Nach dem Kurs steigt die Kurve, was den Erfolg markieren soll. bild: pd

Beworben wird die Plattform auch auf Facebook. Solche Tests sind ein effizienter Köder, gerade weil sie bei jungen Leuten beliebt sind, die sich auf der Identitätssuche befinden. Wer den Test ausfüllt, muss Name, Alter, E-Mail-Adresse und Telefonnummer angeben, landet in der Kartei der Sekte und wird sie nie mehr los.

Die Testteilnehmer erhalten folgende Antwort: «Wir werden das Resultat auswerten und uns anschliessend mit Ihnen in Verbindung setzen. In einem persönlichen Gespräch wird Ihnen eine Testspezialistin oder ein Testspezialist das Testresultat genau erklären.» Auch hier kein Wort von Scientology.

Die Scientologen servieren den erschrockenen Personen eine angeblich massgeschneiderte Lösung: den Kommunikationskurs. Dieser ist die Einstiegsdroge für den scientologischen Kosmos.

Was dann passiert, weiss ich von unzähligen Personen, die den Test gemacht haben. Sie werden zu einem Beratungsgespräch in ein Scientology-Zentrum eingeladen, wo ihnen oft die Hölle heissgemacht wird. Denn die Auswertungen fördern praktisch ausnahmslos massive Defizite zutage. Diese müssten dringend aufgearbeitet werden, raten die Scientologen mit Nachdruck, sonst drohe eine Persönlichkeitsblockade mit fatalen Folgen. Angst erzeugt bekanntlich Druck.

Dokumentation über Scientology.Video: YouTube/Bayerischer Rundfunk

Die Scientologen servieren den erschrockenen Personen sofort eine angeblich massgeschneiderte Lösung: den Kommunikationskurs. Dieser ist die Einstiegsdroge für den scientologischen Kosmos, denn eine Scientology-Karrieren ist gepflastert mit unzähligen Kursen, die Unsterblichkeit und Genialität versprechen.

Was die Geköderten nicht wissen: Um «clear», also gereinigt zu werden, müssen ganze Kaskaden von teils absurden Kursen durchlaufen werden. Ein Prozess, der Jahre dauert. Und je höher man steigt, umso teurer werden die Module. So fallen gern 100'000 und mehr Franken an.

Sektenblog
AbonnierenAbonnieren

Warum lassen Scientologen diese nutzlose Ausbeutung zu? Weil die Kurse der Indoktrination dienen, die Abhängigkeit fördern und sie sich immer tiefer in den Fängen der Sekte verstricken.

Ködern auf Tinder

Ein weiteres Missionsfeld der Scientologen sind Datingplattformen wie Parship oder Tinder. Schon manches Date endete bei einem Persönlichkeitstest in einem Scientology-Zentrum, wie Betroffene berichten.

Scientologen setzen bei ihren Missionsbestrebungen auch auf die eigene Datingplattform Freespiritsingles.com. Auf ihrer Homepage bewerben sie die Scientology-Broschüre «Der Weg zum Glücklichsein». Ein Scientology-Sprecher behauptet zwar, seine Organisation habe nichts mit der Plattform zu tun, vermutlich habe ein Single-Scientologe diese aufgeschaltet.

So viel Ahnungslosigkeit macht stutzig, denn kein Scientologe wagt es, ohne Einwilligung der Sektenbosse eine Aktion zu starten, bei der eine Scientology-Schrift verwendet wird.

Es lohnt sich vor allem für die jüngeren Generationen, auf der Hut zu sein, denn die Aufklärung über Scientology ist bei vielen jungen Leuten noch nicht angekommen.

Sektenblog

Alle Storys anzeigen
Hugo Stamm, Sektenblog
Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Wie bitte? Es gibt auch GUTE TikTok-Rezepte??

Video: watson

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

194 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Chancho
13.11.2021 08:59registriert Februar 2020
Die Gehirnwäsche für psychisch labile.
Wie die Scientology-Sekte auf Datingplattformen neue Anhänger ködert\nDie Gehirnwäsche für psychisch labile.
1812
Melden
Zum Kommentar
avatar
PsychoP
13.11.2021 12:08registriert April 2020
Wie Mitglieder der Scientology-Sekte auf Datingplattformen neue Anhänger ködern\n
1634
Melden
Zum Kommentar
avatar
Skuld
13.11.2021 11:31registriert Mai 2016
In den 80ern verteilten sie diese Fragen an den Rolltreppen vom Züri HB. Ich stellte mich ans andere Ende und gab jedem, der damit runterkam, kritische Zeitungsausschnitte zum Thema. Mit erhobenen Fäusten drohten sie mir Gewalt an. Mehrere gewaltbereite Männer gegen eine junge Frau. Tolle Helden. Ich musste öfter die Position wechseln.
Verbrachte so jeweils die Wartezeiten auf meinen Zug.

Ürigens blättere ich gerne in z.B. isländischen Telefonbüchern um als SL nach Namen für Nordlandkrieger im D&D zu suchen. Und ich blättere auch gerne in Wörterbüchern. Vor allem weil ich Etymologie liebe.
580
Melden
Zum Kommentar
194
Von Vorheizen und Leerläufen: Es gibt noch viel zu tun in meiner Küche
Der Advent ist die Zeit im Jahr, die mich richtig häuslich werden lässt. Während ich sonst eher die Alltags-Köchin bin – am liebsten einfach und schnell – stehe ich um Weihnachten herum auch gern mal etwas länger in der Küche. Übers Energiesparen mache ich mir dabei, ehrlich gesagt, nicht wirklich Gedanken.

Eine Frage stelle ich mir allerdings tatsächlich immer, und zwar beim Einräumen des Kühlschrankes: Ist es jetzt gescheiter, die Tür offenzulassen, bis alles eingeräumt ist, oder mache ich sie zwischendurch zu und wieder auf? Ich mache es einfach mal so, mal so. Überhaupt befasse ich mich, rein energietechnisch gesehen, viel zu wenig mit Kühlschrank und Gefrierer. Ich weiss, dass das Gemüse ins Gemüsefach kommt, sonst würds nicht so heissen, und dass es hinten kühler ist als vorne. Dabei überlege ich mir ehrlicherweise nicht besonders viel, wenn ich die Einkäufe da ablade. Und die Sachen, die ich ganz hinten platziere, kommen nicht zwingend dahin, weil sie am kühlsten gelagert werden müssen, sondern weil ich sie vor den Teenagern verstecke, die üblicherweise innerhalb von maximal drei Tagen den Kühlschrank leerfressen, und zwar von vorne nach hinten.

Zur Story