Warum der Rauswurf aus der katholischen Kirche die Piusbrüder wenig kümmert
In der katholischen Kirche tobte in den letzten Tagen ein Machtkampf. David kämpfte gegen Goliath. Der Riese siegte zwar, doch der Zwerg stellte ihm ein Bein und trollte sich unbekümmert davon. Soll mich der Vatikan verdammen, sagte er sich, ich mache mein Ding auch ohne den Segen des Papstes.
Die Rede ist von der Piusbruderschaft, die trotz Warnungen des Pontifex vier Bischöfe im Schweizer Zentrum von Écône weihte. Der französische Erzbischof Marcel Lefebvre hatte nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) aus Protest die katholische Bewegung 1970 gegründet. Er versammelte die erzkonservativen Katholiken um sich, die die kleinen Reformen als gefährliche Irrlehre empfanden. Ein Dorn im Auge waren den oppositionellen Gläubigen vor allem die beschlossenen ökumenischen Bemühungen, die Lehre über die Religionsfreiheit und die faktische Abschaffung der lateinischen Messe. Ausserdem war der interreligiöse Dialog für die Piusbrüder ein Verrat an der wahren Lehre.
Piusbruderschaft weiht neue Bischöfe – Trotz päpstlichem Verbot
Lefebvre weihte 1988 trotz Warnungen von Papst Johannes Paul II. vier Priester zu Bischöfen, weshalb die fünf Geistlichen exkommuniziert wurden. Papst Benedikt XVI. hob 2009 die Strafe auf. Er hoffte, sein gnädiger Akt würde zu einer Entspannung oder gar Versöhnung führen. Aufgeschlossene Katholiken protestierten dagegen, weil ihnen die Piusbrüder zu konservativ und rechtsradikal waren. Es hatte auch damit zu tun, dass zu den geweihten Bischöfen der britische Holocaust-Leugner Richard Williamson gehörte.
600‘000 Gläubige aus rund 60 Ländern
Trotzdem wuchs die konservative katholische Bewegung stetig an und zählt heute nach eigenen Angaben rund 700 Priester und 600‘000 Gläubige aus rund 60 Ländern. Also mussten neue Bischöfe her. Alle Appelle aus dem Vatikan, die Zeremonie werde automatisch zur Exkommunikation führen, prallten an den Brüdern ab. 17‘000 Gläubige wohnten dem Weiheakt bei, der von den beiden bisherigen Bischöfen geleitet wurde. Wie angekündigt wurden die sechs abtrünnigen Bischöfe danach aus der katholischen Kirche geworfen.
Der Rauswurf kümmert sie keinen Deut. Sie sind in ihrem fundamentalistischen Glauben überzeugt, im Namen und im Auftrag Gottes zu handeln. Deshalb sehen sie sich als die einzig wahre katholische Kirche, auch wenn die «Mutterkirche» eine lange Geschichte hat und 2000-mal grösser ist. Ganz im Sinn von: Wir können Kirche auch ohne den Vatikan, denn Gott ist mit uns.
Viele Junge
Zum Aufstand ermuntert haben dürfte die Piusbrüder der stetige Zulauf von jungen Gläubigen. Ausserdem spielt ihnen der dogmatische und autoritäre Trend in religiösen, weltanschaulichen und politischen Fragen in die Hände, der in den letzten Jahren zu beobachten ist. Dass sich das Rad der Zeit rückwärts dreht, ist für die Piusbrüder ein Hoffnungsschimmer.
Die reaktionäre Haltung und die Doktrin der Piusbrüder hat der 1991 verstorbene Gründer Lefebvre geprägt. Für ihn waren die Menschenrechte Teufelszeug, die aus dem Atheismus entstanden. Sie anzuwenden sei eine Todsünde, behauptete der Erzbischof. Dazu gehörte für ihn auch die Trennung von Kirche und Staat.
Ultrakonservativ
An diesem Weltbild hat sich bis heute wenig geändert. Selbstredend ist das Frauenbild der Piusbrüder antiquiert. Empfängnisverhütung ist ebenso tabu wie Sex vor der Ehe. Onanieren und Homosexualität sind eine Sünde. Scheidungen werden aus religiöser Sicht nicht erlaubt. Wer gegen die rigiden Regeln verstösst, muss mit Ächtung oder Ausschluss rechnen.
Es überrascht deshalb nicht, dass die Brüder mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert sind wie der «grosse Bruder» im Vatikan auch. Die Sektenberatungsstelle relinfo.ch schreibt: «Eine weitere Kontroverse bilden die gehäuften Berichte über sexuellen Missbrauch durch Priester. Im Jahr 2020 veröffentlichte die Bruderschaft das Portal Plan to Protect, um sexuellem Missbrauch vorzubeugen. In der Schweizer Zeitung «Le Temps» meldete sich im Januar 2024 eine Betroffeneninitiative zu Wort, die 60 von 600 Priestern als straffällig beschreibt.»
Die Piusbrüder marschierten immer schon stramm rechts. Wie der Opus-Dei-Gründer Josemaria Escriva sympathisierte auch Lefebvre mit dem faschistischen spanischen Diktator Franco. Auch heute noch werden manchen Brüdern eine rechtsradikale Gesinnung und antisemitische Einstellung vorgeworfen.
Da der Vatikan nicht ganze Organisationen oder Bewegungen exkommunizieren kann, zählt er die gläubigen Piusbrüder wohl noch zu seinen Schafen. Doch diese wollen nicht mehr zur katholischen Herde gehören. Sie demonstrieren, dass ihnen der Papst und die aktuelle katholische Lehre so was von egal sind. Dieser Aderlass und Machtverlust dürften die Kurie nachhaltig kränken.
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