Gläubige aus Freikirchen wählen soziale Berufe, um Seelen zu fischen
Für Gläubige aus evangelikalen und charismatischen Freikirchen ist Jesus der Superstar und Heilsbringer. Sie verehren ihn als Erlöser, der ihnen das ewige Leben verspricht. Sie ordnen ihm und ihrem strengen christlichen Glauben alles unter. Eine Trennung zwischen der säkularen und religiösen Welt kennen sie nicht.
Zuerst kommt ihr Jesus und dann lange nichts. Viele Gläubige geben sogar zu, dass ihre erste Liebe dem Sohn Gottes gehört. Ehepartner und Kinder kommen an zweiter Stelle. Sie verkehren mit Jesus wie mit einem realen Lebewesen.
Die Bibel dient als Richtschnur
Diese religiöse Prämisse hat fundamentale Auswirkungen auf das Leben der Gläubigen. Die Bibel dient ihnen als Richtschnur, ihre Freikirche ist für sie die religiöse Heimat. Dort fühlen sie sich geborgen, dort sind sie ihrem Jesus am nächsten, dort können sie ihren religiösen Rausch ausleben und in euphorischen Gefühlen baden.
Dieser strenge Glaube ist aber nicht gratis. Jesus gibt – vermeintlich – alles, er verlangt aber auch viel. Nämlich den vollen Einsatz für ihren Glauben. Das oberste Gebot: Überall Zeugnis für ihn abzulegen.
Was nobel klingt, ist aber knallharte Arbeit: Missionsarbeit. Frei nach dem biblischen Gebot: Gehet hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium. Deshalb suchen viele Gläubige ein berufliches Betätigungsfeld, in dem sie eine optimale Wirkung entfalten und als religiöse Multiplikatoren dienen können.
Das gelingt in sozialen Berufen am besten und nachhaltigsten. Als Lehrerin, Sozialarbeiter, Pflegeeltern, Therapeutinnen, Pädagogen, Beistände usw. können sie viel Einfluss auf Kinder, psychisch Kranke und Ratsuchende ausüben. Und dies in einem geschützten Rahmen. Mehr Dienst an Jesus geht nicht.
Die religiöse Beeinflussung
Die religiöse Beeinflussung ist aber konfliktträchtig. Sie geschieht oft in einem öffentlichen Bereich, in dem die Einflussnahme nicht erlaubt ist: in staatlichen Schulen und Heimen. Und bei Pflegefamilien.
Viele Gläubige widmen ihren Job Jesus, ihrem Herrn und Meister. Zu seinen Gunsten fischen sie Seelen, wie sie es nennen. In der Überzeugung, den Menschen Gutes zu tun und ihnen den Weg ins Heil zu weisen. Dass sie damit auch viel Leid bewirken, übersteigt in ihrem fundamentalistischen Glauben ihr Fassungsvermögen.
Einen klassischen Fall dokumentierte diese Woche die NZZ. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das bei Pflegeltern aufwuchs und Opfer einer religiösen Erziehung wurde. Der Grund: Die Eltern hatten sich bei der Trennung in einen langen, konfliktträchtigen Rechtsstreit um das Sorgerecht und die Obhut ihrer Tochter verwickelt.
Langer Leidensweg
Damit begann für die leibliche Mutter ein zehnjähriger Leidensweg, der wohl noch lang andauern wird. Der Konflikt zwischen den Eltern spitzte sich 2015 so weit zu, dass sich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb einschaltete und eine Beiständin für die Tochter einsetzte.
Vater und Mutter versuchten danach, mit gerichtlichen Verfahren die Tochter zurückzugewinnen. Doch das Gericht entzog ihnen 2019 mit einer superprovisorischen Verfügung das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Schliesslich wurde die Tochter einer Pflegefamilie zugewiesen. In dieser Zeit durfte sie die Eltern besuchen.
Die Mutter wehrte sich gegen die Entscheide der Kesb auf gerichtlichem Weg. Ein Gutachten war nämlich zum Schluss gekommen, dass sie durchaus fähig sei, für ihre Tochter zu sorgen.
Eigenartiges Verhalten
Mit der Zeit realisierte die Mutter, dass sich ihre Tochter eigenartig verhielt und sich allmählich von ihr entfremdete. Sie sprach häufig von Jesus und benutzte ein christliches Vokabular. Ihre Mutter fand heraus, dass sich die Pflegeeltern im Umfeld der grossen charismatischen Freikirche International Christian Fellowship ICF bewegten.
Als sie das Video eines ICF-Musicals entdeckte, in dem ihre Tochter eine Rolle spielte, konnte sie sich einen Reim auf das merkwürdige Verhalten ihrer Tochter machen. Nun einigten sich die Eltern, fortan wieder selber abwechselnd für ihre Tochter zu sorgen.
Das Gericht stützte den Plan, und sie hofften, ihre Tochter bald aus dem toxischen religiösen Umfeld lösen zu können. Sie wussten, dass das Recht auf ihrer Seite stand, denn Pflegeeltern oder christliche Heime dürfen sich nicht gegen den Willen der leiblichen Eltern in die religiöse Erziehung einmischen.
Loyalitätskonflikt
Doch die Kesb entschied kurzerhand, dass die Tochter wegen des Streits weiterhin unter einem Loyalitätskonflikt leide, weshalb sie bei der Pflegefamilie bleiben müsse.
Für die Mutter war dies ein Schlag ins Gesicht. Sie lief aber mit ihren Beschwerden bei der Beiständin und der Kesb auf. Diese spielten die religiöse Beeinflussung ihrer Tochter bei der Pflegefamilie herunter. Dabei war offensichtlich, dass sie inzwischen tief in den radikalen freikirchlichen Glauben verstrickt und intensiv im ICF engagiert und verankert war.
Die ausführliche Geschichte in der NZZ macht klar, dass die Tochter durch die Pflegefamilie und die Freikirche systematisch indoktriniert wurde. Da die Eltern sich gegen die religiöse Beeinflussung wehrten, hat die Tochter in ihrer religiösen Verblendung Vater und Mutter als Ungläubige taxiert.
Misstrauen den leiblichen Eltern gegenüber
Damit erklärt sich ihr Misstrauen den leiblichen Eltern gegenüber. Die Pflegeeltern standen ihr nun näher. Kesb und Beiständin scheinen dies nicht wahrhaben zu wollen. Somit machen sie sich mitschuldig an der Entfremdung der Tochter.
Ich habe in meiner langjährigen journalistischen Arbeit und bei vielen Beratungen unzählige ähnliche Geschichten mitbekommen. Strenggläubige Christen in sozialen Berufen beeinflussen meist systematisch Personen, die sie betreuen. Dies passiert oft sehr subtil, weshalb es schwer nachzuweisen ist.
Trotzdem ist es ein handfester religiöser Missbrauch, zumal die Betreuer eine Machtstellung innehaben. Es ist in der Schweiz fast unmöglich, erfolgreich gegen diese Form der religiösen Beeinflussung zu klagen, denn die «Bekehrten» sehen in den Tätern ihre Erlöser und decken sie.
Die Frommen nehmen bewusst in Kauf, dass dadurch Familien viel Leid erfahren und die Beziehung zu den leiblichen Eltern zerbricht. Für sie ist es wichtiger, dass ihre Opfer eine Beziehung zu Jesus finden.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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