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Sektenblog

Wenn sich Religionen in den Intimbereich einmischen

Sekten und dogmatische Glaubensgemeinschaften regeln oft den Alltag der Gläubigen, um Einfluss und Macht über sie zu erlangen.
04.09.2021, 08:05

Die Trennung von Kirche und Staat ist ein Postulat, das wohl eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung befürwortet. Dahinter steckt die Überzeugung, dass spirituelle und alltägliche (säkulare) Bereiche zwei verschiedene Sphären oder Welten sind, die sich nicht allzu stark überschneiden sollten.

Bei der Alltagsrealität geht es darum, das Leben zu meistern und die Existenz zu sichern. Die Spiritualität betrifft religiöse, geistige und übersinnliche Phänomene. Deshalb ist es nur konsequent, dass sich der Staat nicht in unproblematische religiöse Belange einmischt. Im Gegenzug sollten sich Sekten und Glaubensgemeinschaften zurückhalten, was das säkulare Leben ihrer Anhänger und Mitglieder betrifft.

Aussteigerin Sophie Jones über die Sexualität bei den Zeugen JehovasVideo: YouTube/Sophie Jones

Doch hier hapert es bei vielen religiösen Gruppen, die dogmatisch unterwegs sind. Ein paar Beispiele, die zeigen, dass sie sich tief in den Alltag und in die individuellen Freiheiten der Gläubigen einmischen.

Die katholische Kirche mischt sich massiv in die säkularen Bereiche der Gläubigen ein. Pille, Kondome, Abtreibung und Sterilisation sind quasi verboten. Ausserdem leben Geschiedene und Widerverheiratete in einer «irregulären Situation».

In Freikirchen mussten Frauen bis in die Neuzeit hinein in «Sack und Asche» durchs Leben gehen und dunkle, lange Kleider und hochgesteckte Haare tragen. Alles, was nach Lebensfreude oder weiblicher Ausstrahlung roch, wurde abgewürgt. Zucht und Ordnung war das Lebensmotto. In abgeschwächter Form ist dies heute noch so.

Auch die orthodoxen Juden kennen strenge Dresscodes. Die Männer gehen auch bei 35 Grad mit schwarzen Hüten und langen schwarzen Mänteln auf die Strasse. Die Frauen werden vom Glauben her gezwungen, eine Perücke zu tragen. Die Männer «schmücken» sich, die Frauen müssen sich hinter künstlichen Haaren verstecken.

Kleiderzwänge in islamistischen Milieus

In islamistischen Milieus werden Kleiderzwänge heute noch in extremer Weise praktiziert. Stichworte: Burka und Niqab.

Die sexuelle Unterdrückung ist ein beliebtes Mittel, um Gläubige zu disziplinieren und indoktrinieren, obwohl die Sexualität nur am Rand mit dem Glauben zu tun hat.

Vielmehr greifen dogmatische Religionsgemeinschaften im intimsten Lebensbereich in die persönlichen Freiheiten ein. Die Integrität wird massiv tangiert. Die Religionsführer ertragen es schlecht, dass die Sexualität oft eine stärkere Kraft ist als der Glaube.

In Freikirchen ist zum Beispiel Sex vor der Ehe eine Sünde, Homosexuelle werden oft als Menschen zweiter Klasse angesehen, die man «umpolen» will.

Sex nur zum zur Weitergabe des Lebens

Auch die katholische Kirche mischt sich massiv in die säkularen Bereiche der Gläubigen ein. Pille, Kondome, Abtreibung und Sterilisation sind quasi verboten. Ausserdem leben Geschiedene und Widerverheiratete in einer «irregulären Situation» (Bischof Vitus Huonder). Sie dürfen nicht mehr an der Kommunion teilnehmen und werden für ihre säkularen Entscheide mit religiösen Sanktionen belegt.

Die katholische Kirche versucht sogar, das Sexualleben der Gläubigen zu reglementieren und einzuschränken. In der Enzyklika «Humanae vitae» heisst es, «dass jeder einzelne eheliche Akt nur dann sittlich gut ist, wenn er für die Weitergabe des Lebens offen bleibt».

Gläubige sollen nur bekehrte Partner heiraten

In Freikirchen wird sogar erwartet, dass junge Gläubige ebenfalls bekehrte Partner heiraten. Damit soll verhindert werden, dass die Gläubigen in den Einflussbereich von Ungläubigen kommen und allenfalls vom Glauben abfallen. Ausserdem soll sichergestellt werden, dass die Eltern ihre Kinder im «richtigen Glauben» erziehen.

Noch radikaler sind Sekten, die den Kontaktabbruch mit Angehörigen verlangen. Scientology macht Druck auf ihre Mitglieder, wenn die Eltern oder Partner sich gegen die amerikanische Pseudokirche wehren und sie als Sekte bezeichnen. Die Zeugen Jehovas verlangen sogar, Abtrünnige zu meiden, selbst wenn es sich um einen Partner oder um die eigenen Kinder handelt.

Der Grund, weshalb sich Sekten und radikale Glaubensgemeinschaften in den säkularen Alltag der Anhänger und Gläubigen einmischen ist einfach: Es geht um Macht und Kontrolle in allen Lebensbereichen. Um die Abhängigkeit zu verstärken, wird die Indoktrination auf das säkulare Leben ausgeweitet.

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Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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490 Kommentare
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Lienat
04.09.2021 09:01registriert November 2017
"Die Trennung von Kirche und Staat ist ein Postulat, das wohl eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung befürwortet."

Wenn die Mehrheit das beführwortet, warum beginnt unsere Bundesverfassung dann immer noch mit den Worten "Im Namen Gottes des Allmächtigen!"?

Wird wohl mal Zeit für eine Volksinitiative. Wer macht mit?
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Don't look up!
04.09.2021 09:46registriert Juni 2021
Ein sehr gutes und topaktuelles Beispiel fehlt leider: das "Herzschlag-Gesetz" aus Texas. Frauen müssten in den ersten 6 Wochen der Schwangerschaft entscheiden, ob sie abtreiben wollen - so früh wissen die meisten Frauen noch nicht mal, ob sie schwanger sind. Und bei Vergewaltigungen gibt es keine Ausnahme.

Ob man die GOP als Sekte bezeichnen will, darf man sich fragen, grosse Teile der Evangelikalen und Katholiken sind aber völlig durchgeknallt.
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Denkblase
04.09.2021 09:33registriert Juli 2020
Eine gefährliche grosse Bewegung finde ich die Evangelikale in den USA. Gewisse radikale Gruppierungen sind extremst gläubig und leben nur nach der Bibel. Gibt mehrere Dokumentationen im Web davon. Da fühle ich mich gerade ins 17. Jahrhundert zurückversetzt.
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