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Yonni Meyer: Denn ich weiss nicht, was ich denke...

Denn ich weiss nicht, was ich denke ...

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In den Fängen des Patriarchats oder endlich frei?
14.03.2018, 10:5714.03.2018, 11:48

Vor ein paar Tagen hatte ich auf Facebook eine kurze Diskussion mit einer von mir für ihre Inputs sehr geschätzten Bekannten. Thema war die Tatsache, dass sieben von zehn Frauen in der Schweiz bei der Heirat nach wie vor den Namen ihres Partners annehmen.  

Ich las mir die spannenden Kommentare durch, die von «Auch wenn Frauen ihren Mädchennamen behalten, so ist dies in den allermeisten Fällen der Name des Vaters, eine patriarchale Färbung hat das Ganze also eh», über «Es geht um die Bildung einer Einheit mit der Familie» zu «Es ist halt einfach viel mühsamer, wenn beide beim Ledignamen bleiben» reichten.  

Ich persönlich kenne mittlerweile zwar einige Frauen, die ihren Namen behalten haben – und auch sehr viele, die gar nicht erst heiraten – die Mehrzahl aber nimmt noch immer den Namen des Partners an.  

So auch ich. Ja, ich habe vor, bei einer eventuellen Heirat den Namen meines Partners anzunehmen. In meinen Augen aus zwei pragmatischen Gründen: Ich finde den Nachnamen meines Partners schöner als meinen. Und ich möchte gerne, dass die ganze Familie gleich heisst. Ich denke, wenn Kinder kein Thema wären, würde ich meinen Namen behalten – bzw. würde ich dann wohl gar nicht erst heiraten wollen.  

Da sass ich nun, ich armer Tor ... Bzw. ich arme Törin.  

Ich würde mich als durchaus emanzipiert betrachten – wer mich kennt, der weiss, dass Gleichstellung der Geschlechter (wichtig: in beide Richtungen) mir ein grosses Anliegen ist. Ich finde es wichtig, althergebrachte Muster zu hinterfragen und bei Bedarf zu durchbrechen.  

Was ist nun, wenn meine Wünsche diesen althergebrachten Mustern entsprechen?  

Ich habe das riesige Glück, dass ich vor allem am Wochenende arbeite und so problemlos meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Sollte ich also Kinder bekommen, könnte ich unter der Woche mit ihnen zuhause sein. Aber auch wenn meine berufliche Situation anders wäre und ich einen Nine-to-Five-Job hätte – ich glaube, ich würde mir ein «Zuhausebleiben» wünschen. Bzw. einen Grossteil davon, also eine aufgeteilte Sorge ums Kind, wenn das denn, auch für meinen Partner, irgendwie machbar wäre.      

Voilà: Ein weiteres «altes» Muster. Gewisse Leute würden sagen: Vom Patriarchat geprägt.

Aber: Woher wollen die wissen, was Muster ist und was freier Wunsch? Und: Woher soll ich das wissen?  

Genau aus diesen Gründen sind solche Diskussionen ja oft so schwierig: Überzeugungen, egal, wo sie ihren Ursprung haben, fühlen sich an wie freier Wille. Wünsche ich mir eine harmonische Familieneinheit, weil mir das vom Patriarchat eingetrichtert wurde (obwohl ich betonen will, dass ich ausserordentlich aufgeschlossene Eltern habe) oder ist das einfach mein freier Wunsch?  

Tatsache ist, dass es sich wie zweites anfühlt. Ich nehme bei diesen Aussagen auf niemanden Rücksicht, sondern äussere offen und ehrlich das, was ich am schönsten fände. Ist es, wenn es sich für mich richtig und frei anfühlt, wichtig, wo die Ursprünge sind?  

Ganz ehrlich: Ich weiss es nicht.  

Bei diesen ganzen Überlegungen ist (einmal mehr) eine wichtige, persönliche Erkenntnis erinnernswert: Meine Verwirklichung als Frau ist nicht, immer alles zu tun, was ich früher nicht hätte tun können/dürfen, sondern die Freiheit, auszuwählen. Sie bedeutet nicht, dass ich in meiner Beziehungs-/Familienplanung einen Egolauf hinlege, sondern dass ich mit meinem Partner zusammen gleichberechtigt Kompromisse finde, die für beide in Ordnung sind.  

Sie bedeutet nicht, dass ich meinen Namen behalten muss, sondern dass ich wählen kann, ob ich ihn behalten will. Sie bedeutet nicht, dass ich mir die Sorgepflicht ums Kind zu genau 50% teilen muss (schön wär’s auch, wenn das tatsächlich so einfach möglich wäre, das würden sich wohl auch viele Männer sehnlichst wünschen), sondern dass dies eine von vielen Optionen ist, aus der ich mir – wieder in Absprache mit meinem Partner – diejenige aussuchen kann, die für beide denk- und machbar ist.  

Was mich stört, ist wenn genau die Menschen, die den Zwang zum konservativen Rollenbild harsch kritisieren, nun diejenigen sind, die anderen einen Zwang zu einem neuen – nämlich ihrem – Rollenbild auferlegen wollen. Emanzipation ist in meinen Augen eben genau Freiheit von Zwang, in welche Richtung auch immer.

Denn es gibt so viele Lösungsansätze für diese Themen, wie es eben Menschen, bzw. Paare gibt. Zu verallgemeinern wäre hier meiner Ansicht nach tödlich. 

Weiss ich, was ich will? Ja. Weiss ich, warum genau ich es will? Nein.

Wie wohl auch sonst niemand.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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FRAGFRAUFREITAG
Vor zwei Jahren ist mein Vater gestorben. Es waren über 100 Menschen an seiner Beerdigung und viele haben geweint. Aber heute spricht fast keiner mehr von ihm. Das macht mich traurig bis wütend. Warum? Kerstin, 39
Liebe Kerstin 

Was Sie mir da schreiben ist furchtbar traurig. Aber leider wahr. Ich habe das grosse Glück, dass ich noch niemanden aus meiner Familie oder meinem Freundeskreis verabschieden musste, aber aus Gesprächen mit Bekannten weiss ich, dass es genau so ist.

Ich bin mit Ihrer Frage ein paar Tage schwanger gegangen und habe ein paar Einsichten gewonnen. Vielleicht tröstet es Sie etwas, wenn ich Ihnen sage, dass es mit grosser Sicherheit oft einfach Unsicherheit ist, die dahintersteckt.

Ich kenne das ja selber. Vor ein paar Jahren haben entfernte Bekannte von mir ein wenige Monate altes Kind verloren, ich hatte aus der Zeitung davon erfahren und es hat mich schrecklich traurig gemacht. Ich habe mich darum hingesetzt und diese meine Gefühle niedergeschrieben und dem Paar meine Beileids-Karte geschickt. Daraufhin habe ich nichts mehr gehört. Kein Dank für das Schreiben und auch kein anderes Zeichen. Ich weiss noch, dass es mich damals unglaublich verunsichert hat. Selbstverständlich ging es mir nicht um den Dank, denn ich kann ja sehr wohl nachvollziehen, dass ein Verlust dieser Art einem dermassen übermannen muss, dass darob andere Gesetze gelten. Aber es hat mich tage-, wenn nicht wochenlang nicht mehr losgelassen. Ich hatte grosse Angst, nicht die richtigen Worte gefunden zu haben, zu persönlich geworden zu sein. Oder zu wenig persönlich. War mein Schreiben vielleicht zu oberflächlich gewesen, oder das Kartensujet (ein Baum) unpassend? Hatte ich mit meiner Karte zu lange zugewartet (etwa 2 Wochen) oder hat man mir verübelt, dass ich bei der Trauerfeier nicht dabei war?

Das klingt jetzt alles sehr dramatisch und übertrieben. Aber genau so ist es mir ergangen. Ich habe mich nur noch hintersinnt. Dennoch habe ich es wieder genau so gemacht, als ein Freund seinen Vater verloren hat. Ich habe mich hingesetzt und einen Brief geschrieben. Aber es hätte genau so gut sein können, dass ich es dieses Mal gelassen hätte. Aus der nackten Angst, etwas falsch zu machen. Nicht die richtigen Worte zu finden. Nicht den richtigen Rahmen, den richtigen Zeitpunkt.

Der Tod ist eine beklemmende Angelegenheit. Wir alle wissen, dass er uns früher oder später ereilen wird. Doch solange es geht, wollen wir ihn ignorieren. Wenn er uns dann doch streift, indem er jemanden aus dem erweiterten Kreise stiehlt, dann sind wir haltlos überfordert. Unsere Kultur hat keinen gesunden Umgang mit dem Tod gelernt. Während wir darauf getrimmt sind, ihn so schnell als möglich ad acta zu legen und die Toten alsbald zu vergessen, beweinen andere Völker ihre Toten tagelang und lautstark.

So kann es schon mal geschehen, dass Eltern, die ihr Kind verloren haben, nach ein paar Jahren zu hören bekommen, sie sollen doch endlich mal damit aufhören, immer noch zu trauern. Man solle die Erinnerungsstücke doch bitte weglegen und Gras darüber wachsen lassen. Als würde die Zeit solche Wunden heilen können! Als könnte die reine Ignoranz den Verlust ungeschehen machen!

Dabei würden Menschen, die eine geliebte Person gehen lassen mussten, sehr gerne über diese reden. Sich erinnern. Bilder wieder bunter werden lassen, Rückschau halten. Die Hinterbliebenen möchten das Gefühl haben, dass auch andere Leute sich an den verstorbenen Menschen erinnern und dass dieser in dieser Reminiszenz weiter existiert. Sie möchten nicht zur Tagesordnung übergehen, kaum ist der Leichnam beerdigt. Vermutlich haben viele Menschen Angst, man würde traurige Erinnerungen wecken, wenn man über die verstorbene Person spricht. Aber Menschen, die ein geliebtes Geschöpf verloren haben, denken sowieso tagtäglich an dieses. Man muss keine Angst haben, dass man ruhende Geister weckt. Der Verlust ist da. Tag für Tag. Er wird nicht grösser, indem man ihn anspricht. Er verteilt sich, indem er von mehreren Herzen mitgetragen wird.

Sie können das Andenken an Ihren Vater nicht einfordern. Aber Sie können weiterhin über ihn sprechen, sich erinnern. Und wir alle können noch heute damit anfangen, unsere Komfortzone zu erweitern und Gefühle zu riskieren, wo diese dringend gebraucht werden. Im Wissen darum, dass wir auch nicht totgeschwiegen werden möchten.

Alles Liebe und Gute Ihnen. Ihre Kafi.
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