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Yonnihof

«Geliebter 31er ...»

Bild: shutterstock
Ein Liebesbrief an den schlimmsten Bus der Stadt.
05.08.2017, 18:3906.08.2017, 10:31

Ein Bekannter sagte kürzlich: «Ich stiege NÖD in 31er!» Er tat dies aus tiefster Überzeugung und das will was heissen, denn der Mann fährt regelmässig S12.

Ich liebe den 31er-Bus, meine Damen und Herren. Ja, es ist wahr.  

Und ich hasse den 31er-Bus, meine Damen und Herren. Und ja, auch das ist wahr.  

Wie es halt so ist in der Liebe: Ambivalenz ist das Salz in der Suppe. Man verliebt sich in die Stärken des Gegenübers, wirklich lieben tut man dann aber seine Schwächen. In all ihrer Pracht.  

Dieses Ding zwischen dem 31er und mir, das läuft nun seit fünf Jahren, off and on. Im Sommer bin ich jeweils recht untreu und betrüge ihn regelmässig mit meinem Fahrrad, das passenderweise Lolita heisst. Werden die Tage kürzer und das Wetter garstiger, kehre ich immer wieder zurück in die Arme meines geduldigen Geliebten und er nimmt mich ohne Widerworte auf. Aso ja, für 2.20 pro Churzstrecki.  

Und gemeinsam haben wir alles gesehen, er und ich. Für diejenigen, die das öffentliche Verkehrsnetz der Stadt Zürich jetzt nicht grade auswendig kennen: Der 31er fährt vom Hegibachplatz (wo?) nach Schlieren (ja, dort, wo nur Kinder wohnen dürfen, die singen können). Das wäre an sich nichts Besonderes, läge innerhalb dieser Strecke nicht auch die Verbindung zwischen HB und Langstrasse.  

Die Bedienung ebendieses Abschnittes brachte unserem 31er-Bus denn auch liebliche Kosenamen wie «Drogätram» und «Lumpesammler» ein und selbst wenn man sich gegen jegliche Form der Stigmata zu wehren versucht – man kommt nicht umhin, zu verstehen, woher diese Namen kommen. Denn obwohl das Partyleben an der Langstrasse vor allem freitags und samstags in voller Blüte steht; im 31er ist auch am Dienstagmorgen um 10 High Life.  

Kein Tag, keine Uhrzeit zu unschuldig, um nicht von lustigen Gestalten die Weltgeschichte erklärt zu bekommen. Geschrien, geflüstert – anything goes. Kürzlich lernte ich Ruedi kennen. Ruedi kenne ich vom Sehen im Quartier und Ruedi sagt immer ganz nett Grüezi. Im Bus dann betrachtete er ausgiebig meinen Poschtisack und hielt mir im Anschluss einen Vortrag über die unterschiedlichen Qualitäten von Salat in den Supermärkten unserer Patria. Manches davon machte durchaus Sinn, manches weniger. Also für mich. Ruedi hingegen war voll in seinem Element und monologisierte sich innert nur drei Stationen ins Feuer. Ich lauschte gebannt. Am Ende betrachteten wir gemeinsam leise kopfschüttelnd und mit Verachtung im Blick das Grün in meiner Tasche. Nüsslisalat wird nie wieder dasselbe für mich sein. Thanks Ruedi!  

Bricht die Nacht über die Stadt herein, tun es auch die Partygänger über den 31er. Und sie brechen nicht nur herein, sondern auch hinein. In den Bus. Da erkennt man dann zum Beispiel an der roten Kotze, dass ein Grüppchen junger Landmädchen zum ersten Mal an die Langstrasse in den Ausgang durfte. Roter Wodka – REPRESENT! Und das soll nicht abschätzig sein, denn ich beschreibe damit meine Wenigkeit, als ich 17 war. Also vor fünf Jahren. Ähem.  

Am Wochenende mutiert der 31er nach Mitternacht zu einer dieser Grossraumdiscos aus der Jahrtausendwende, die in jedem Raum wieder eine andere Musikrichtung bot. Nur ohne Wände. Danke, liebe Boombox-Hersteller, nei würkli, super gmacht. Es entsteht eine wilde Mischung aus David Guetta, Elektro, Hiphop und Balkan-Sounds.

Wilder ist nur noch der Mix, der die geneigte Nase penetriert, sobald man das schwerfällige Gefährt betritt. Grad im Sommer überrascht einen der Innenraum gerne mit einem blumigen Bouquet aus Axe, Blüemliparfum, Schweiss, Sexualhormonen und Kebab. So schön.  

Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wie die VBZ die Busfahrer für den 31er auswählen. Ich nehme an, ihre CVs müssen eine Mischung aus Kindergartenausbildung und militärischer Spezialeinheit vereinen. Und optimalerweise einen stark eingeschränkten Geruchssinn.     

Sie sind die wahren Helden dieser Geschichte. Sie und ihr stoisches «Bitte vo de Tür zruggträtte», das man in 31er-Kontext immer siebenmal wiederholen muss, weil's nicht nur durch den Gehörgang, sondern auch durch die fünf verschiedenen Substanzen hindurch muss, die der/die Angesprochene intus hat. Sie und ihr Schmunzeln ob den kuriosen Debatten, die sich um sie herum entfalten. Sie und ihr «En schöne Abig» beim Aussteigen.  

Dieser Text ist für sie.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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