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Apple und Google sperren die Schnüffler aus – doch nun ermitteln die Behörden

Apple und Google gehen gegen Tracking vor. Eigentlich eine gute Nachricht, doch an den hehren Absichten bestehen Zweifel. Jetzt ermitteln die Wettbewerbshüter.
14.12.2021, 20:53

Apple steht neues Ungemach ins Haus: Die polnische Kartellbehörde UOKiK prüft, ob die Kalifornier mit iOS gegen Wettbewerbsrecht verstossen. Im April führte Apple eine neue Datenschutzmassnahme ein, die das Tracking von iPhone-Nutzern durch digitale Werber einschränken soll. Dies ruft in mehreren Ländern die Wettbewerbsbehörden auf den Plan, da Apple selbst im Werbegeschäft tätig ist.

«Wir wollen untersuchen, ob Apples Massnahmen möglicherweise darauf abzielen, Konkurrenten auf dem personalisierten Werbemarkt auszuschalten», sagte UOKiK-Chef Tomas Chrostny. Die Kartellbehörde prüft also nicht, ob Tracking und personalisierte Werbung rechtens ist, sondern ob Apple seine Marktmacht missbraucht. Die Behörde könnte zu diesem Schluss kommen, wenn sich Apple als Anbieter des Betriebssystems sowie eines eigenen Werbenetzwerks einen Vorteil gegenüber anderen Anbietern von Werbenetzwerken verschafft.

Fast zeitgleich mit der Einführung der Datenschutz-Massnahme «App Tracking Transparency» (ATT) begann Apple damit, das eigene Werbegeschäft im App Store auszubauen. App-Entwickler schalten dort Werbung, um auf ihre Apps aufmerksam zu machen. Laut «Financial Times» hat sich der Marktanteil von Apple bei Werbeanzeigen, die zu App-Installationen auf iOS führen, nach Einführung der Funktion App Tracking Transparency von 17 auf 58 Prozent verdreifacht – und dies in nur einem halben Jahr.

Apples Datenschutz-Offensive hat die Konkurrenz ausgeschaltet und das eigene Werbenetzwerk zum Florieren gebracht

Apples Werbegeschäft boomt, während Facebook, Google, Snap und Co. verlieren.
Apples Werbegeschäft boomt, während Facebook, Google, Snap und Co. verlieren.grafik: financial times

Werbetreibende setzen für App-Werbung im App Store vermehrt auf Apples Werbenetzwerk, da Apple nun die besseren Daten als die Werbenetzwerke von Google, Facebook und Co. liefert.

Der Grund für diese Entwicklung sei klar, schreibt «Der Standard»:

«Bekamen Google, Facebook, Twitter oder auch Snap zuvor praktisch in Echtzeit Informationen darüber, ob eine ihrer Werbungen zu einer App-Installation geführt hat, so gibt es diese Details nun nur mehr mit bis zu 72 Stunden Verspätung. Gleichzeitig gibt es diese Beschränkung für Apples eigenes Werbenetzwerk nicht, hier erhalten die Werbenden erheblich detailliertere Informationen – insofern haben viele ihre Werbeetats in den vergangenen Monaten auf das Apple-Angebot verschoben.»
Der Standard

Apples App Tracking Transparency (ATT) habe den Rest der Werbeindustrie im iOS-Universum «blind» gemacht, berichtete die «Financial Times» im Oktober. Apple habe den Markt für App-Werbung so in kürzester Zeit komplett umgekrempelt. Analyst Ben Thompson von Stratechery sprach von einem der «atemberaubendsten wettbewerbsfeindlichen Schachzüge in der Tech-Geschichte».

Die Analysten von Evercore ISI gehen davon aus, «dass Apple im laufenden Jahr bereits fünf Milliarden Dollar mit Werbung einnehmen wird und dass dieser Wert in den kommenden drei Jahren auf 20 Milliarden anwachsen wird», schreibt «Der Standard».

«Die Illusion von Privatsphäre»

Wie das Techportal TechCrunch berichtet, folgt die Untersuchung der polnischen Kartellbehörde auf eine aktuelle Studie von Lockdown Privacy, die die Wirksamkeit der App Tracking Transparency (ATT) infrage stellt. Die Studie behauptet, die Funktion erzeuge nur «die Illusion von Privatsphäre». Während die überwiegende Mehrheit der iPhone-Besitzer die Funktion genutzt habe, um sich gegen App-Tracking zu entscheiden, fanden die IT-Experten (ehemalige Apple-Ingenieure) heraus, dass die neue Funktion «keinen Unterschied» in der Gesamtzahl der aktiven Drittanbieter-Tracker gemacht habe. Es würden weiter persönliche Daten abgegriffen, nur könnten diese nicht mehr so einfach einer Person zugeordnet werden.

Kritiker sprechen davon, dass Apples Anti-Tracking-Massnahmen darauf abzielten, die Konkurrenz auf iOS zu benachteiligen. Denn ATT würde nur «Third Party Tracking» betreffen, also wenn eine App direkt anderen Firmen Zugriff auf die Aktivitäten der Nutzer gibt. «Das Einsammeln von umfassenden Daten durch den App-Betreiber selbst – und auch deren Verknüpfung über mehrere Apps hinweg – ist hingegen nicht verboten», schreibt «Der Standard».

Das sei auch der Grund dafür, warum sich Google bei der Einführung der App Tracking Transparency mit Kritik zurückgehalten habe. ATT begünstige grosse Unternehmen, da diese über ihre eigenen Apps sehr viel direkt über die Nutzer erfahren, während kleinere Werbeanbieter kaum mehr Daten erhalten würden. Im Endeffekt würde niemand so sehr davon profitieren «wie der Betreiber des Betriebssystems selbst, zumal wenn er auch noch den App Store betreibe».

Die EU-Kommissarin für Technologie, Margrethe Vestager, warnte Apple bereits im Juli davor, unter Vorwand des Schutzes der Privatsphäre den Wettbewerb im App Store bei der Werbung für App-Installationen zu beschränken.

Vergangene Woche deutete ein weiterer Bericht der «Financial Times» an, dass Apple mit den Werbetreibenden einen «stillen Waffenstillstand» erreicht haben könnte. Laut Bericht legt Apple die ATT-Richtlinie lockerer aus, um Dritten weiterhin das Sammeln von Unmengen persönlicher Daten zu erlauben, solange die Daten anonymisiert werden und nicht an spezifische Nutzerprofile gebunden sind.

Google killt die Cookies, aber ...

Zuletzt wurde auch Kritik an Google laut, die geplanten Anti-Tracking-Massnahmen im Chrome-Browser würden andere Anbieter von Werbenetzwerken diskriminieren. Zur Erinnerung: Im März 2021 kündigte Google das Ende der personalisierten Werbung an. Man wolle ab 2022 Drittanbieter-Cookies blockieren, da man «ein gesundes und florierendes Web mit umfassendem Datenschutz» wolle, hiess es damals. Das klingt ähnlich wie Apples Privatsphäre-Versprechen, aber auch hier geht es nicht nur um Privatsphäre, sondern um viel Geld. Konkret darum, wer wie viel vom Werbekuchen abbekommt.

Statt Tracking und personalisierter Werbung setzt Google künftig auf eine eigene Technologie (FLoC) für kohortenbasierte Werbung. Künftig sollen nur noch die Seitenbetreiber erfahren, wer ihr Angebot aufruft. «Die Daten landen nicht bei Werbenetzwerken, sondern werden lokal im Browser gespeichert. Chrome fasst Menschen mit ähnlichen Interessen dann in Gruppen (Kohorten) zusammen, auf deren Grundlage Werbung ausgespielt werden kann», erklärt die «Süddeutsche Zeitung» die neue Werbetechnologie.

Konkurrenten vermuten, dass Google kohortenbasierte Werbung einführen wolle, weil es – anders als andere Unternehmen – gar nicht mehr auf Drittanbieter-Cookies angewiesen sei. Auch Google gehe es im Kern darum, die Konkurrenz mit der neuen Technik zurückzubinden, monieren Kritiker. Die US-Bürgerrechtsorganisation EFF sprach gar von einer «schrecklichen Idee».

In den USA und Grossbritannien ermitteln deshalb die Kartellbehörden. Google hat das Aus für Drittanbieter-Cookies nach heftiger Kritik auf 2023 verschoben. Wie Apple beteuert auch Google, es gehe bei den Anti-Tracking-Massnahmen nicht um den eigenen Vorteil, sondern darum, den Wunsch nach Privatsphäre zu erfüllen.

«Unabhängig von Googles Motivation wäre ein Netz ohne Drittanbieter-Cookies für die meisten Menschen eine gute Nachricht», resümiert die «Süddeutsche Zeitung», an einem der Grundübel des Überwachungskapitalismus ändere dies allerdings nichts:

«Dem Irrglauben, dass personalisierte Anzeigen der heilige Gral der Online-Werbung sind. Es gibt mittlerweile zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass kontextbasierte Werbung besser funktionieren kann als verhaltensbasierte. Die Anzeigen werden dann nicht auf die vermuteten Interessen der Besucher und Besucherinnen zugeschnitten, sondern orientieren sich am Inhalt der Webseite.»
süddeutsche zeitung

Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA, AWP und Reuters.

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