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Elon Musk mit dem neuen Tesla-Roadster.
Elon Musk mit dem neuen Tesla-Roadster.Bild: EPA/TESLA
Kommentar

Liebe Tesla-Fans, wir müssen reden

Die Probleme, die sich wegen Teslas «Autopilot» stellen, sind gravierend und betreffen uns alle. Eine kritische Einordnung.
24.04.2018, 14:5425.04.2018, 06:48

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Und jetzt kritisiert ausgerechnet der Schurter die Tesla-Fans. Dabei ist er doch selbst der grösste Apple-Fanboy ...

Fürs Protokoll: Wer Diskussionspartner als «Fanboy» verunglimpft, ist nicht am echten Austausch von Argumenten interessiert. Der Begriff steht bei mir auf dem Index. Ich verwende ihn hier ausnahmsweise zu satirischen Zwecken.

Beleidigende Kommentare und unbegründete Angriffe werden kommentarlos gelöscht. Hingegen freue ich mich auf eine angeregte und tiefgründige Diskussion.

Aber der Reihe nach ...

Der perfekte Shitstorm

Wer in den letzten Wochen die Berichterstattung über Tesla verfolgte, musste sich verwundert die Augen reiben. Was ist nur aus dem Medienliebling Elon Musk geworden?

Eine negative Schlagzeile jagte die nächste. Fast täglich gab es neue Hiobsbotschaften aus Kalifornien.

Tesla im perfekten Shitstorm.

Dabei hatte 2018 gut angefangen für Musk. Der Multimilliardär nutzte im Februar einen Raketenstart für kostspielige, aber unbezahlbare Werbung aus dem Weltraum.

Ein kirschroter Elektroflitzer, der schwerelos durchs All gleitet. Was sollte dieses Unternehmen aufhalten?

Musk wurde als Visionär gefeiert, der dereinst mit einer Kolonie auf dem Mars die Menschheit retten könnte.

Darob gingen die massiven Produktionsprobleme auf dem Heimatplaneten zumindest vorübergehend vergessen ...

Völlig schwerelos: Tesla-Roadster mit Fahrerpuppe.
Völlig schwerelos: Tesla-Roadster mit Fahrerpuppe.Bild: EPA/SPACEX

Der Wendepunkt

Keine zwei Monate später landet der 48-Jährige auf dem harten Boden der Tatsachen. Ein tragischer Wendepunkt ist der tödliche Unfall auf einer kalifornischen Autobahn, bei dem ein Familienvater und Apple-Ingenieur das Leben verliert. Tesla versagt bei der Krisenkommunikation und verspielt viel Goodwill.

Noch sind die Umstände nicht geklärt und es läuft die offizielle Untersuchung. Sie soll klären, ob der «Autopilot» versagte, der Mensch, der hinter dem Lenkrad sass, oder beide.

Doch gab es vorschnelle Schuldzuweisungen, die nicht zielführend waren, sondern unangebracht, ja pietätlos:

  • Das Opfer sei selbst schuld, weil es nicht richtig reagiert habe, teilte Tesla in einer Stellungnahme mit.
  • Der «Autopilot» funktioniere gut und habe sich in brenzligen Verkehrssituationen bewährt, heisst es in Tesla-Foren.
  • Die mediale Aufmerksamkeit wegen eines Unfalls sei völlig übertrieben, dahinter stecke die Automobilindustrie, die die neue Konkurrenz mit allen Mitteln bekämpfe.

Halten wir fest:

  • Es gibt keine mediale Verschwörung gegen Tesla.
  • Wenn Tesla-Fahrer die Hände nicht am Lenkrad ihres Fahrzeugs haben, kann dies lebensgefährlich sein. Ganz egal, ob der «Autopilot» aktiviert ist, oder nicht.
Diverse bei YouTube veröffentlichte Videos zeigen, wie der Tesla-Autopilot ohne Strassenmarkierungen problemlos navigiert. Allerdings filmt in diesem Fall der «Lenker» das Geschehen, statt die Hände frei zu haben, um notfalls einzugreifen und das Steuer übernehmen zu können.Video: YouTube/Autopilot Perfect

Was Tesla mit Apple verbindet

Um zu verstehen, warum kritische Berichte über den Elektroauto-Pionier dermassen heftige Reaktionen auslösen, lohnt es sich, die Gemeinsamkeiten mit Apple zu betrachten.

  • Apple und Tesla haben, bzw. hatten, einen charismatischen Anführer.
  • Beide Unternehmen wollen die Welt verbessern.
  • Beide pflegen einen Kult ums Design und die eigenen Produkte.
  • Beide sind Marketing-Weltmeister und geben ganzen Industrien die Trends vor.

Und beide Unternehmen schaffen es, bei Fans und Kunden eine Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Stimmung zu erzeugen.

Daraus folgt:

Apple und Tesla wecken extrem starke Emotionen.

Wenn Fans (zu sehr) lieben

Es spricht an sich nichts dagegen, dass sich Menschen mit einer Marke oder einem Unternehmen identifizieren. Wir sind keine Maschinen, sondern emotionale Wesen.

Während Christentum, Islam und Co. in aufgeklärten, demokratischen Staaten Gott sei Dank (Tschuldigung!) an Relevanz verlieren, rücken die Ersatzreligionen nach.

Das erkennt man daran, dass umgehend von medialen Verschwörungen und «Bashing» die Rede ist, wenn Berichte erscheinen, die das vergötterte Unternehmen und seine Produkte infrage stellen oder in schlechtem Licht erscheinen lassen.

Ja, auch ein glänzendes Smartphone kann starke Gefühle auslösen. Und wer in einem «Model X» den Neuwagenduft einatmet, dürfte sich der Lichtgestalt Elon Musk ganz nah fühlen.

Wenn aber jede Kritik an einem Unternehmen als persönlicher Angriff empfunden und kategorisch abgelehnt wird, ist das verheerend. Denn es geht um sehr viel mehr ...

Mensch und Maschine

Es gibt leider eine weitere tragische Parallele, was Apple und Tesla betrifft. Die Produkte beider Unternehmen können verheerende Auswirkungen haben im Strassenverkehr.

Das iPhone hat am Steuer nichts verloren, wie auch die «Autopilot»-Funktion nicht für das autonome Fahren taugt.

Dass sich Tesla-Fahrer dazu hinreissen lassen, die Hände nicht in Nähe des Steuers zu belassen, weil die «Autopilot»-Software schon dermassen gut funktioniert, ist menschlich nachvollziehbar – und brandgefährlich.

Ja, ich halte es für egoistisch und dumm, so das eigene Leben und das von unbeteiligten Dritten aufs Spiel zu setzen.

Das Problem: Tesla trägt wegen missverständlicher Kommunikation eine Mitverantwortung beim verantwortungslosen Verhalten einzelner Kundinnen und Kunden.

Mit solchen Videos wirbt Tesla für das «Autopilot»-Feature.
Mit solchen Videos wirbt Tesla für das «Autopilot»-Feature.screenshot: tesla.com

Auf dem Prüfstand steht das Versprechen von Tesla, wonach sich die Fahrzeuge in näherer Zukunft per Software-Update in autonom fahrende Autos verwandeln liessen.

Der US-Journalist Timothy Lee beschreibt in einem lesenswerten Beitrag bei Ars Technica, warum Teslas Versprechungen hinsichtlich selbstfahrender Autos problematisch sind.

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Tesla hat die Technologie, die es fürs 100 Prozent autonome Fahren braucht, noch gar nicht entwickelt.
  • Tesla-Kunden, die ein Fahrzeug vorbestellen, wird aber genau diese Technologie in Aussicht gestellt.
  • Tesla verwische (in Mitteilungen und Marketing) die Grenze zwischen Fahrassistenz-Systemen und vollständig selbstfahrenden Autos. Dies führe zu Missverständnissen.
  • Laut unabhängigen Experten ist es fraglich, ob das autonome Fahren mit der in die heutigen Tesla-Fahrzeuge verbauten Hardware überhaupt möglich ist.
  • Die Tesla-Autos haben diverse Kameras und Radar an Bord. Unabhängige Experten stellen in Frage, ob dies reicht, um sicheres autonomes Fahren zu gewährleisten.
  • Im Gegensatz zu selbstfahrenden Autos von Waymo (Google) und Cruise (GM) fehle den Teslas ein LIDAR-System. Das ist eine dem Radar verwandte Methode zur Abstands- und Geschwindigkeitsmessung, die mit Laserstrahlen funktioniert und besseren Schutz vor Kollisionen bieten soll.
  • Was noch schwerer wiege, sei das Fehlen redundanter, also mehrfach vorkommender Systeme, die den Ausfall zentraler Komponenten absichern: Autos von Waymo und Cruise verfügten über redundante Hauptrechner, redundante Brems- und Lenksysteme und redundante Netzteile.
  • Sollte Tesla feststellen, dass die aktuelle Hardware nicht ausreiche, um das autonome Fahren zu gewährleisten, werde das Unternehmen eine unangenehme Entscheidung treffen müssen: Nämlich, ob die Kunden für ein Technik-Upgrade erneut zur Kasse gebeten werden (nachdem ihnen zuvor versprochen worden war, dass die alte Hardware ausreiche) oder ob das Unternehmen die Mehrkosten selbst trage.
«Full Self-Driving Hardware», verspricht Tesla. Noch sind die Autos aber nicht so weit.
«Full Self-Driving Hardware», verspricht Tesla. Noch sind die Autos aber nicht so weit.screenshot: tesla.com

Fazit: Wir werden in nicht allzu ferner Zukunft erleben, wie der Strassenverkehr dank selbstfahrenden Autos um Welten sicherer und entspannter abläuft. Und wir werden uns verwundert an die Zeit zurückerinnern, in der abgelenkte und betrunkene Lenker unsägliches Leid verursachten.

Noch sind wir aber nicht dort, und müssen genau hinschauen, wenn Leben durch nicht ausgereifte Features oder die missbräuchliche Bedienung derselben gefährdet ist.

Es braucht die öffentliche Diskussion und es braucht strenge rechtliche Leitplanken, um alle Verkehrsteilnehmer zu schützen.

Das weiss niemand besser als der Tesla-Chef selbst. Nur öffentlich sagen kann er dies nicht. Das müssen andere.

Und jetzt du!

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Wie Elon Musk mit Tesla durchstartete

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Wie Elon Musk mit Tesla durchstartete
quelle: getty images north america / joe raedle
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